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Einst und jetzt und

Ulrike Schlue

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Einst war dies das Tor zur Zeche Zollverein in Essen, hier wurde 140 Jahre lang Kohle gefördert.
Die Schlange der Kumpel vor der Schicht, unter ihnen mein Großvater: grau, schweigsam.
„Arbeiter der Faust“, wie mein Volksschullehrer sagte, er war als Hitlerjunge im letzten Aufgebot und immer noch begeistert, sich selbst sah er als „Arbeiter der Stirn“.

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Einst und jetzt

Ulrike Schlue

Einst war hier ein sowjetischer Militärflughafen. Flugplatz Lärz in Meck.Pomm. Landebahn, Hangars und das Gelände drumherum werden nun genutzt als Orte alternativen Feierns:
at.tension“ ist ein Internationales Theater-Festival, bei dem sich alle 2 Jahre die Örtlichkeit für ein Wochenende in eine Art Woodstock verwandelt: Tausende campen in Zelten und Wohnmobilen (sehr gerne VW-T3, wie der Ingenieur anmerkt), und besuchen von morgens bis nachts Aufführungen in den Hangars, in Zirkus-Zelten und Open air. Friedlich-ausgelassenes Miteinander. Die rote Fahne ist Deko.

Köttelbecke

Ulrike Schlue

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Dies ist die Köttelbecke in Gelsenkirchen, genauer: Gelsenkirchen-Bulmke. So sah diese Stelle schon vor 50 Jahren aus, daran erinnere ich mich genau. Nur das Schild gab es noch nicht. Es warnt davor, was passiert, wenn man von oben nach unten fällt: Scharfkantige Wellen werden dich aufspießen! Wir hatten eher Respekt vor den weichen Rückständen in dem Rinnsal mit dem vielsagenden Namen, und wären nie auf die Idee gekommen, da reinzufallen.

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Wo wir schon dabei sind:

Vor 50 Jahren bestaunte ich als Kind das Glas-Mosaik im Gelsenkirchener Hauptbahnhof – ich schaute von unten nach oben, das Licht fiel hindurch, und ich buchstabierte die Quellen des bescheidenen Wohlstands: Chemie – Glas – Kohle – Stahl – Bekleidung.

Irgendwie machte mich das stolz. Der Gründerzeit-Bahnhof hat einem Einkaufs-Center mit zwei Bahngleisen Platz gemacht; immerhin spiegelt sich in seinen Fenstern die Alte Post, die von traditionsbewussten Bürgern vor dem Abriss bewahrt wurde und heute als Verwaltungsgericht fungiert. Das Glas-Mosaik wurde auch gerettet; aber es fällt kein Licht mehr hindurch, weil es die Fassade eines alten Kaufhauses verblendet; hier erhält man heute die Produkte einer Backwaren-Kette.

Einst regte ich mich darüber auf. Heute denke ich: Macht doch, was ihr wollt. Die Welt ist groß, und Gelsenkirchen nicht ihr Nabel.

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Kraft durch Bosheit

Ulrike Schlue

Oben und unten, Weißclown und August, Schäuble und Offer

Über das tagespolitische Interesse hinaus, regt die bei „youtube“ dokumentierte Bosheit des Ministers Schäuble seinem Untergebenen Offer gegenüber die Assoziations-Lust des Beobachters auf angenehmste Weise an –

ich erinnere mich an einen kürzlich wiedergesehenen Film von Fellini: „I Clowns“, ein Dokumentarfilm, der anknüpft an Fellinis Kindheits-Sehnsüchte, die sich mit dem Zirkus und seinen Clowns verbanden, und einen Bogen schlägt zu den wirklich Großen ihrer Zunft – und, das ist eine der interessantesten Passagen des Films, darüber nachdenkt, woher die großen Clowns ihre Inspiration nahmen: Nicht vom technisch-akrobatischen Training, von der Beherrschung der Instrumente, vom gekonnten Umgang mit den Reaktionen des Publikums – nein, das alles waren selbstverständliche Voraussetzungen. Die wahre Inspiration kam von der Straße, und Fellini zeigt uns die Typen – hier ein unbedingt sehenswerter Ausschnitt aus dem Film:

Der Vagabund, die Betschwester, die Eckensteher, der übrig gebliebene Partisan, der aufgeblasene Bahnhofsvorsteher, der Schöne und auch der Böse in Gestalt des örtlichen Faschistenführers – jeder einzelne verdichtet sich in einem Clowns-Typus. Die klassische Paarung ist: Weißclown und August, und da haben wir sie: Der vornehme Weißclown, humorlos und arrogant, Ohrfeigen verteilend und sich mit dem Publikum in schadenfrohem Gelächter verbündend – und der immer neu abgewatschte Dumme August, der nach jeder Ohrfeige, nach jedem Fußtritt, aufsteht, tief Luft holt, sich wehren will, es aber nicht schafft und wieder in die Fresse kriegt –

Ja, da sehen wir sie, Weißclown Schäuble und August Offer, und natürlich ist das zum Brüllen komisch.

Man braucht sich seines Gelächters nicht zu schämen, so funktioniert Komik, so funktioniert die Arena – „Kraft durch Bosheit“ (Leo Bassi, italienischer Komiker).

Der Clown ist nicht tot, wie es der Schluss des Films fellinimäßiger Sentimentalität nahe legt (er war ein Genie, er darf sentimental sein) – nein, der Clown lebt, nur nicht in seiner verkitschten ewigen Seifenblasen-Nummer im Weihnachts-Zirkus, sondern in der rauen Realität. Man muss nur genau hinsehen.