Schlagwort-Archive: Stephan Wackwitz

Einst und Jetzt mit Ian Jeffrey

Stephan Wackwitz

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Es muß 2000 gewesen sein. Wieder ein Krakauer Frühling. Wieder hatte Adam Budak – heute ein international vielbeschäftigter Exponent der zeitgenössischen Kunstszene, damals ein sehr untergeordneter Angestellter der städtischen Kunsthalle „Bunker Sztuki“ (wörtlich: „Kunstbunker“) – einen Sponsor aufgetan für eine seiner zu Beginn des Jahrhunderts legendären Konferenzen. Sie führten damals fast jährlich internationale Koryphäen verschiedener kunsthistorischer Sachgebiete oder kuratorischer Moderichtungen in die polnische Renaissance- und Art-Deco-Stadt und deren ehemaligen sozialistischen Kunstverein, dessen massives Betongebäude tatsächlich ein bißchen an einen oberirdischen Luftschutzbunker erinnert. Es ging diesmal um „Why pictures now?“ – die Funktion der Fotografie in der zeitgenössischen Kunst. Neben Ulf Erdmann Ziegler und Michael Rutschky aus Deutschland waren aus Amerika Douglas Crimp und Alan Sekula angereist, dazu John Berger als Stargast – und ein mittelgroßer englischer Herr mit provokatorisch unauffälligen Manieren, einer genau kalkulierten Pomposität und formvollendeter – wie sich herausstellen sollte, komplett ironischer – Oxford-Don-Attitüde, der sich allerdings vorderhand unauffällig verhielt. Es handle sich um den berühmten Fotografiehistoriker Ian Jeffrey, gab mir Adam in den Konferenzpausen zu verstehen, seinen Lehrer an der Soros-Universität Prag in den neunziger Jahren. Na gut, dachte ich. Von mir aus.

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Die Stadt im Weinberg

Stephan Wackwitz

Zum ersten Mal habe ich diese Stadtlandschaft als drei- oder vierjähriges Kind gesehen, auf dem Stuttgarter Killesberg, an der Hand meiner Mutter, wenn sie mit mir zur Haltestelle am Platz vor der Bundesgartenschau ging. In einer gelben Straßenbahn fuhren wir auf den gewundenen Straßen in die Stadt im Tal. Ein halbes Jahrhundert später kann ich von meinem Schreib- und Lesesessel aus die von Villen dicht bestandenen Hügel der gutbürgerlichen Pressburger Wohnviertel der Zwanziger und Dreißiger Jahre im Wechsel der Wetterlagen, Tages- und Jahreszeiten betrachten. Sie ziehen sich von der Burg am Donauhochufer, den Rand einer halbrunden Talsenke bildend, als Höhenzug dahin und verlieren sich außerhalb meines Blickfelds in den Buchen- und Eichenwäldern der Karpaten. Es ist Samstagmorgen. Dort drüben auf den Hügeln werde ich heute Nachmittag wieder spazierengehen. Ich werde Villen, Straßen, Treppen, Denkmäler und Gärten sehen, von denen sich Ausblicke in die Donauebene eröffnen, immer wieder neue.

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Ein neuer Untergang des Amerikanischen Imperiums

Stephan Wackwitz

Seit es Imperien gibt, freuen wir uns an ihrem Untergang. Mein Lieblingsimperium im Untergang ist das Römische. Es muss irgendwann in den achtziger Jahren gewesen sein, dass Enzensbergers „Andere Bibliothek“ einen Band aus Gibbons „Verfall und Untergang des Römischen Reiches“ zusammenstellte, den ich, vollkommen hingerissen, ein Wochenende lang auf meinen diversen Fahrradtouren dabei hatte. Ein paar Jahre später dann schenkte mir mein Vater, der sich eine bessere Ausgabe angeschafft hatte, die vollständige „Everymans“-Edition des „Decline and Fall“. Und für ein halbes Jahr, bis zum Einsetzen irgend einer anderen Obsession, bildete der amazonasbreite, mit der Autorität eines Naturereignisses dahinrollende Prosastrom des großen Whig-Historikers die Beschäftigung meiner morgendlichen Frühstückslektüresitzungen. Ich habe mich nie von der Vorstellung freimachen können, dass nicht nur Churchills Prosa (von der man es weiß) von Gibbon beeinflusst ist, sondern auch die Bücher W.G. Sebalds, der Gibbon aus irgendeinem Grunde nie erwähnt – wobei doch dieser Einfluss auf mein großes stilistisches Vorbild eigentlich viel deutlicher ist als derjenige Sir Thomas Brownes, den Sebald als Muster seines Schreibens enthusiastisch beschrieben hat. Wozu passen würde, dass Sebald ja eh alles Vorhandene und auch nur Denkbare als in unaufhörlichem Niedergang begriffen sieht.

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Autumn in New York

Stephan Wackwitz

Unterdessen ist es Herbst geworden in der Hauptstadt der Moderne. Durch ihre unabsehbaren Avenuen entladen sich Stürme, aufs Land geworfen aus den endlosen Weiten des Atlantiks. Der rasende Wind reißt rote, gelbe, kürbisfarbene Blätter von den Bäumen des Central Parks und wirbelt sie bis hoch über die granitenen Fassaden, Mansarden, Türme und Söller in einen düsteren Regenhimmel hinauf, dem man die Nähe des Ozeans noch aus den Fenstern eines Coffeeshops oder meines Büros ansieht.

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Große Kunst

Stephan Wackwitz

Damals, mit 27, zwischen Weihnachten und Silvester 1979, hielt ich mich schon seit Jahren für einen „Marxisten-Leninisten“. Und war demzufolge, was immer sonst ich mir unter meinem Glaubensbekenntnis im einzelnen vorgestellt haben mag, Anhänger der verschwiegen-größenwahnsinnigen Idee von der „Aufhebung“ des reinen Geistes. In gewissen, spukhaft abgelegenen Kammern und Oberstübchen meines juvenilen Gehirnkastens hegte ich (wie alle meine Vorgänger und Genossen) die oft unbewußte Ansicht und selten ausgesprochene Erwartung, die philosophischen Gebäude und künstlerischen Gebilde des Deutschen Idealismus würden in einer zukünftigen Gesellschaftsordnung irgendwie „wahr werden“ und allgemeine Geltung annehmen. Im übrigen waren die Russen gerade in Afghanistan einmarschiert. Und mein Onkel, der mich in seinem leisen, weichen und überhaupt sehr luxuriösen Mittelklassewagen vom Flughafen JFK abholte, knurrte darüber auf dem Weg nach Garden City ein paar Bemerkungen in meine Richtung, die so klangen, als stecke ich persönlich hinter dieser Schweinerei und hätte das nur angezettelt, um ihm die Feiertage zu vergällen (mein Marxismus-Leninismus, merkte ich, funktionierte also auch im großfamiliären, gar transatlantischen, Rahmen als eine prompt wirksame Skandalmasche und intellektuelle Distinktionsstrategie; so etwas gibt man in meinem damaligen Alter nicht so ohne weiteres auf).

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Eine höhere Form des Landlebens

Stephan Wackwitz

Eine Art Checkpoint-Charlie-Gefühl ist an der Nordostecke des Central Parks (wo auf der Höhe der 110. Straße die Fifth Avenue Harlem verläßt) plötzlich unabweisbar – die Anmutungen und Dämonen eines mühsam geordneten und gleichsam nur gerade noch einmal im Zaum gehaltenen Zwischenreichs. Die Stadtlandschaft ist hier einen kleinen Spaziergang lang weniger dicht als noch hundert Meter nördlich oder südlich. Sie scheint weniger lückenlos zusammenzuhängen mit sich selbst. Nur eine dünne Membran, so kommt es dem Spaziergänger vor, trennt sie von den Erinnerungen, Ängsten, Verwirrungen und Träumen, die aus dem Wachbewußtsein zu verbannen unser Verfahren ist, um so etwas wie Die Wirklichkeit in uns herzustellen. Zwei Welten grenzen sich voneinander ab und gehen zugleich ineinander über. Ein terrain vague ist entstanden, in den Straßen und in unserem Kopf. Und jedesmal, wenn ich die 110th Street von Harlem her auf meinem Fahrrad überquere, spielt in meinem Kopf Bobby Womack den Titelsong von Barry Shears Film „Across 110th Street“. Oder: Pam Grier zieht im Vorspann von Quentin Tarrantinos „Jackie Brown“ in unbewegter Haltung und mit unbeweglicher Miene zu dieser gefährlich züngelnden Musik auf dem Laufband eines Flughafens an uns vorüber.

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Fifth Avenue unten

Stephan Wackwitz

Die Fifth Avenue entspringt (denn wir erzählen stadteinwärts) am nordöstlichen Stadtrand von Harlem. An einem strahlenden Samstagnachmittag im März 2008 habe ich mich in die unansehnliche, vage verschmutzte Stadtlandschaft verirrt, wo der weltberühmte Boulevard seinen Ausgang nimmt. Das Ufer des Harlem River verbreitet einen Meeresgeruch nach Wind, Wasser und Verwesung. Eine Brücke aus gigantischen Stahlträgern führt in die Bronx hinüber. Lagerhäuser und braunsteinerne Blocks von Sozialwohnungen nehmen quadratkilometerweit kein Ende. Der Highway, der die ganze Insel einfaßt und hinter einer Absperrung rücksichtslos vorüberwütet, folgt dem Verlauf des Flusses von Nord nach Südost zum East River. Eigentlich ist es also der Strom gewesen, der das rechtwinklige Straßengitter hier diagonal halbiert und die Andeutung eines Platzes hervorgebracht hat. Eine halbherzige, ihrer selbst nicht ganz gewisse Stadtplanung ist sich dieser Landschaftsform irgendwie bewußt gewesen und hat das entstandene Dreieck auf der Mitte der Kreuzung in einer kleinen Verkehrsinsel wiederholt (eine Störung im Verkehrsverlauf eher als ein Höhepunkt städtebaulicher Argumentation). Drei kleine Bäume. Zwei unbequeme Bänke. Pflegeleicht-liebloses Bodengehölz. Vom unablässig wehenden Wind der Flußlandschaft hergetragene Plastiktüten, die sich hier verfangen haben. Zigarettenkippen. Vergilbte, im Regen wellig und undeutlich gewordene Werbeprospekte, wie man sie in Hauseingängen findet. Und mitten in all dieser Nachlässigkeit steht und glänzt im kalten Frühlingssonnenlicht ein 3 Meter hoher Obelisk aus dunkelgrauem Granit.

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