Schlagwort-Archive: Steffen Brück

Erst später, dann früher

Steffen Brück

Früher als die Luft noch rein war und die Flüsse krumm,
blies der liebe Gott die Wolken, blieb ansonsten stumm.

Früher als die Zeit noch echt war und die Liebe wahr,
folgte höchstens sehr allmählich Jahr auf Jahr auf Jahr.

Früher als ich nie von früher, nur von später sprach
und mir Onkel Paul beim Fußball meine Schulter brach.

Früher als der Schnee noch weiß war und der Russe rot,
lag der Wald im Sterben, Elvis Presley war schon tot.

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Gedicht für Kurt Scheel

Steffen Brück

Es war ein kalter Abend im November.
Ich lief leicht fröstelnd durch Charlottenburg
und mußte eine Stunde überbrücken.

So suchte ich das Warme und ich fand es
in einem angesagten Restaurant.
Bestellte Hühnersuppe,
bestellte Ingwertee
bei einer furchteinflößend schönen Kellnerin.

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Vom Haus zum See und zurück

Steffen Brück

Die Sonne ging mal wieder über Leichen
wie eine Leiche lag ich vor dem Haus
und vor dem Haus, da gabst du mir ein Zeichen
das Zeichen wies zum Mittelpunkt des Blaus

Das Blaue log auf ziemlich kurzen Beinen
die kurzen Beine trugen mich zum See
den See zu sehn verursachte fast Weinen
fast weinen mußte ich, denn schön tat weh

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Kranker Tag

Steffen Brück

Der Himmel hatte Mundgeruch,
und ich roch auch nicht besser.
Ein Tag wie ein verdammter Fluch,
ich stumpf wie stumpfes Messer.

Wie Falschgeld lief ich durch die Stadt,
ganz ohne Ziel und Pläne,
erreichte den Kanal sehr matt.
Und auf dem Wasser: Schwäne.

Ich setzte mich vors Krankenhaus
und sah ein paar Patienten.
Sie rauchten volle Kraft voraus,
ihr Rauch zog zu den Enten.

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Von der Haßliebe

Steffen Brück

Du schmerzt mich wie der Gallenstein der Weisen.
Du bist der Arsch und Nabel meiner Welt,
und aus dem Glashaus wirfst du heiße Eisen
nach mir, der dich für Pech und Frevel hält.

Du rufst mich nachts im Wald vor lauter Bäumen,
bis Marmor, Stein und jedes Bild zerbricht.
In meinen Träumen sehe ich dich schäumen,
seh deinen Mund, der Blaues mir verspricht

vom Himmel hoch, der hängt mal voller Geigen,
dann bist du wieder Taube auf dem Dach.
Den Spatz in meiner Hand bringst du zum Schweigen.
Auf unsre Liebe reimt sich Ach und Krach.

Du liegst mir wie ein Klotz am Bein im Magen.
Du bist nicht Fisch, nicht Cholera, bist Pest.
Ich muß dir klippundkloßbrühklar mal sagen:
Du gibst mir schwer zu denken und den Rest.

Du tust nicht gut, du fügst mir Wunden, Schrammen.
Du fährst mir übern Mund mit einem Kuß.
Mein Herz schlägt laut und schlägt dich gleich zusammen:
Du bist für mich der Bosheit letzter Schluß.

Kleines Gedankenspiel in der Großbuchhandlung

Steffen Brück

Also, wenn ich das machte wie der kleine Junge da,
der sich niedergelassen hat
gleich an Ort,
gleich an Stelle,
mitten im Gang,
neben dem Tisch mit den Büchern für Kinder,
der da sitzt wie ein Schneider,
hingepflanzt auf den Boden,
wie selbstverständlich,
selbstvergessen,
versunken in Bilder und Buchstaben
und nicht achtend der Großen, die ihn umkurven,
gleichgültig, amüsiert oder auch neidvoll
angesichts dieser hemmungslosen Versenkung
– also, wenn ich das machte:
Wie säh das wohl aus?