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Lalülala

Sandra Kellein

baummitschuhen

Ob über den Wipfeln wirklich Ruhe herrscht?, fragte sich Autorin K. an einem Donnerstagvormittag im Mai, bei geöffnetem Fenster. Das, nachdem Detonationen und wohl auch Schüsse zu hören gewesen waren, die durch das Lalülala eines Streifenwagens ein Ende fanden. In der Kindertagesstätte, Häuser weiter, kurz darauf: Ein von Kindern innen und außen vollständig okkupierter Polizeiwagen mit flackerndem Blaulicht, ringsherum zerfetzte Luftballons. Der Kontaktbereichsbeamte stand daneben und aß ein Brot.

Vielleicht würden aber oben, in den Wipfeln, gerade niedliche Eichhörnchen Jungvögel aus den Nestern reißen.

So was wie Synapsensekt

Sandra Kellein

stmichel

An einem Mittwochabend dachte Autorin K. so herum: Wie denkwürdig Hell und Dunkel doch wären und alles, was einen zur Heiligtümelei führen, einem den Körper, die Hand und selbst einen eher verdunkelnd wirkenden Zeigefinger entfremden kann.

Dann kratzte sie sich mit dem Finger verlegen am Arm und hatte, schwupps, eine persönliche Erinnerung und fast so was wie Synapsensekt.

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Recycling?

Sandra Kellein

Merkwürdig, dachte Autorin K., war sie in einem Alter angekommen, wo man beim Anblick von zurückgelassenem Spielzeug, Hunden, Katzen und Blumen schon rührselig wird? Manchmal kann Hässlichkeit einen ja vor einem willkürlichen Zugriff schützen, diese ausrangierte Puppe hing bereits seit einem halben Jahr in greifbarer Nähe über Mülltonnen im Baum. Das nenne ich wirklich konsequent, dachte sie dann und auch an den ehemaligen Präsidenten, der seine Wunden zunächst im Kloster heilen wollte und ging wie ein alter Knacker fröhlich pfeifend weiter.

hexe

IMMERGRÜN

Sandra Kellein

papagei

Merkwürdig unspektakulär, fast ereignislos scheinen dieser Herbst und milde Winter bisher, dachte Autorin K. am Dienstag. So dass die Leute dieser bisher wenig verspielten Nation schon anfangen, Spielzeug ins Immergrün zu hängen oder auf kalten Vorgärtenbänken zu platzieren. Und wie schön dieses gekenterte Kreuzfahrtschiff vor der toskanischen Küste aus der Ferne eigentlich aussieht, so auf der Seite liegend, als ob es schliefe.

loewe

Kunst oder Leben III

Sandra Kellein

kleingott

Aus Mangel an anderen Ideen oder sogar aus Liebe erwog der Mann von Frau K. ihr die Beseitigung eines Graffito zum Geburtstag und zu Weihnachten zugleich in Aussicht zu stellen. Gelegentlich war er Klagen über einfallslose Pieces und die einem so verschandelte Aussicht ausgesetzt. Eine entsprechende Genehmigung vom Bezirksamt und ein erfahrener Sandstrahler oder effektiver Gebäudereiniger hätten ihn sicher Lauferei, Geduld und Geld gekostet, aber vorübergehend Abhilfe bis zum nächsten Graffito und von weiterem Genöle geschaffen. Doch in der Nacht vor Sylvester 2012 zeigte ein offensichtlich höheres Wesen mit dem Paar Erbarmen: Ein Teichgott wuchs inmitten der schönen Aussicht heraus. Seitdem schwärmt Autorin K. von Wasserspiegelungen und übersieht tolerant die vielen anderen Zeichen. Und der Mann hat Geld, Zeit und Geduld gespart – oder auch einfach Glück gehabt.

Kunst oder Leben II

Sandra Kellein

pradesert

Dieses hübsche Gebäude steht in der Wüste, genauer gesagt bei Marfa, Texas. Bis auf seltene Angriffe durch Vandalismus genießt es eine beschauliche Existenz. Gern übernachten und verenden Fliegen darin, die aus konservatorischen Gründen von Zeit zu Zeit weggesaugt werden. Ob es sich eher um Eintags- oder gewöhnliche Stubenfliegen handelt, überlegte Autorin K., als sie davon erfuhr. Ihre Kenntnisse erschöpften sich zunächst bei der gemeinen Fruchtfliege. Doch angesichts der Einteilung in Spalt- und Deckelschlüpfer und der Vielfalt von weltweit circa viertausend Fliegen-Arten und an die zehntausend verschiedenen Sorten von Stelzmücken schien das egal – was sind da schon ein paar tote Fliegen.

Kunst oder Leben I

Sandra Kellein

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Dieses Objekt, ein Urinal mit einer akkurat darüber geklebten Spitzendecke, fällt in einer italienischen Bar an der Riviera in gewillte Augen. In einem Hinterzimmer – oder vielmehr im Vorzimmer, sonst nach herkömmlichen Geschlechtern voneinander getrennten Toiletten.
Ob es sich wohl um eine ungenutzte Vorrichtung für Priester handelt? Laut katholischer Kirche neigen einige ihrer Körpersäfte zur Verflüchtigung. Und auch der allererste Eindruck von Autorin K., in der Provinz auf eine Arbeit von David Lynchs Szenebildnern gestoßen zu sein, soll erwähnt werden. Oder handelt es sich um einen skurril verpackten Hinterschinken? Da in dieser Bar, außer Getränken, nur noch Anchovispizza serviert wird, verbietet sich so ein fleischhaltiger Gedanke eher. Irritierend bleibt die Existenz zweier verwaister Spielautomaten neben der auf dem Foto abgebildeten Monstrosität und ein mitten im Weg stehender, im übrigen arg schiefer Campingtisch. Der ganze Raum, einem typischen Berliner Zimmer der Neunziger Jahre mit entsprechend mieser Beleuchtung und fehlender Besonnung nicht unähnlich, drängt sich als frisch vorgefundenes Ready-made auf. Was zu dem dringenden Wunsch verleitet, das Leben draußen zu suchen und weitere Rätsel im Licht und am Meer bei aufschäumenden Wolken besser sein zu lassen.

Herbstbeginn

Sandra Kellein

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Ihr erstes frisch abgefackeltes Auto entdeckte Autorin K. unlängst nebenan, fünf Meter weiter stand gleich noch eins. Das Gute liegt so nah, dachte sie jedoch, als sie den kleinen Bovist entdeckte, der neben den beiden Autowracks das Pflaster durchbrochen hatte. Und schon war die herbstliche Pilzsaison für sie eröffnet.

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Gekühlte Dolci

Sandra Kellein

Aus Übersättigung an Geschichten über den italienischen Operetten-Diktator B. beschloss Autorin K. in Imperia/Ligurien sich den Genuss von gekühlten Dolci in Brüstchenform nicht hinzugeben und der Ehrlichkeit halber vielleicht anstatt nach Italien demnächst gleich an den Wolfgangssee zu fahren. Doch würde in der Nebensaison die Küche am 10.10. (ö.ä.) wahrscheinlich ebenso kalt bleiben, Montags herrscht in den meisten Gasthäusern Ruhetag.

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