Schlagwort-Archive: Sandra Kellein

Erste Zeichen?

Sandra Kellein

Merkwürdig, dachte Autorin K. an einem Montagmittag im Vorbeigehen, angesichts der sogenannten Flüchtlingskrise und manchen Rufen nach ungebremstem Bauboom, sind das nun erste Zeichen. Vielleicht war alles auch anders.

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Frühling im November

Sandra Kellein

Wär doch einmal Frühling in Kyoto und jetzt in Berlin. Kirschblüten satt, dachte Autorin K., sentimental und an einem Dienstagnachmittag gen Ende November, während Enten scharfe Linien über einen Schöneberger Kleinteich zogen. Ein nettes Kitschprogramm für Europa, während ein türkisches Hochzeitspaar in Blau und Weiß etwas Neues versuchte.

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KUNST ODER LEBEN V.

Sandra Kellein

Kondens-, Regen- oder Hang- und Sickerwasser, das einen Weg ins Mauerwerk findet und feuchte Wände und ungewollte Flecken verursacht, gilt als ein arger Katalysator für Groß- und Kleinkatastrophen, nach schlichtem Pfusch am Bau. Gern eskaliert dergleichen zu Konflikten, die vor Gericht enden, finanziell und sozial oft nicht folgenlos. Dabei findet sich im kältesten und unbespieltesten Marmorpalais dank kleiner Schimmelsporen neues Leben mit artifizieller Schönheit, freute sich Autorin K., vom sonnigen Altweibersommer-Sonntag berauscht, während sie gut gelaunt in einen Keller blickte.

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Organisch oder anorganisch VII

Sandra Kellein

Ein kleines Raumschiff oder eine neue Plage, ein mutiertes Gurkengewächs oder ein echter Body-Snatcher? Etwas, das die heile Welt vorm Schöneberger Standesamt aus einem der dreihundert Meter weiter angrenzenden Schrebergärten entwichen, als neue Art überfluten will. Man wird doch ständig gewarnt, was einen alles aus dem Gleichgewicht zu bringen droht, fand Autorin K. alltags, für all den verordneten Frohsinn und die viele Hoffnung wären solche Stacheln jedoch ein guter Transmitter. Gegen die viel zu vielen hohen, oft zu engen Schuhe und den gesellschaftlichen Druck, gegen den Männer früher mit stützenden Bauchbinden und Frack mehr Haltung ertrotzen konnten. Der Lächelzwang beim normalen Hochzeits-Ritual ist dagegen unvermindert weiter gefragt, auch der eine, gut gebuchte und mit dem Hochzeitsmarsch beschäftigte Akkordeonist. Interessant und liebenswert wird es vielleicht erst, wenn etwas schief geht. Die von einer Event-Agentur gebuchten weißen Tauben nicht synchron starten wollen, ein Brautschleier ganz altmodisch reißt. Oder diese Verlegenheit, diese Verlegenheit, die einfach nicht weicht. An den Rest erinnern wir uns später weniger. Da ist alles schon verdaut.

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Organisch oder anorganisch VI

Sandra Kellein

Während ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes einen Radfahrer nach dem anderen verwarnte, wippten dazu weiße Luftballons in der Luft und die fünfzehnte Braut des Tages in rosa. Reizvoll, am Hochzeitsgewoge in Schritttempo auf dem breiten Gehweg mit dem Fahrrad vorbei zu fahren. Das kostete allerdings zehn Euro. Die Gebühren der Standesamtlichen Trauung, Anmeldung und Beurkundung variieren nach Bundesland und Ort dagegen leicht, über das Zehnfache des in den nächsten Tagen folgenden Bescheids des Berliner Ordnungsamtes an Autorin K.. Was sind schon zehn Euro für ein Schauspiel, was einem der Staat fast täglich bietet, dachte sie und versuchte Leichtigkeit zu bewahren. Etwas niedergedrückt von den saisonal allmählich als eintönig wahrgenommenen und in rot ausgestanzten, angeknüllten und vielleicht nachts von Wildtieren benagten, unverdaulichen Aluherzen.

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Organisch oder anorganisch V

Sandra Kellein

Die erste Gruppe schien zunächst pan-asiatisch daher zu kommen. Die Frauen lachsfarben verschleiert, elfenbeinfarbig, die zarte Robe der Braut. Die dazugehörigen, zierlichen Männer wirkten in ihren Anzügen zunächst steif, eher deutschen Krähen ähnelnd und nur wegen der Hochzeitsfotos weniger beweglich. Eine Heirat weiter folgten zwei Schornsteinfeger, die für den Fotografen das deutsch-afrikanische Brautpaar einrahmten. Der Bräutigam: ein nordischer oder deutscher Europäer, die Braut optisch aus Afrika stammend. Eine der Brautjungfern war ganz in schwarz und mit ihrem Blumenkorb sehr gewichtig, fast wie die drei anderen Männer zusammen. Vielleicht eine der heimlichen Mütter von allem. Rundherum aufgemischt von buntbedruckten afrikanischen Stoffen, auch einige bunte Turbane darunter. Also einmal wieder schönstes Gewoge von Ethnien, die derzeitige Herkunft aller völlig unbestimmt, ein friedliches High Noon von Kulturen, samstags vorm Standesamt Schöneberg.
Und schön, dass Bräute nicht mehr blond sein müssen, dachte sich Autorin K., oder etwa Hochzeits-Torten weiter aus Marzipan. Und grübelte dann weiter, ob der Efeu auf der Grünfläche nebenan vielleicht echt wäre. Einen Schattenwurf entfernt hatte die Hochzeits-Dekorationsware des Monats ihr Dasein fast schon wieder beendet. Nur ein massentauglich und millionenfach ausgestanzter Schmetterling mehr. Ein Fleck, unter dem vielen rund herum. Der würde bald neben dem Stein und einer typischen Friedhofspflanze verrotten, sofern der Wind nicht wieder drehte.

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Organisch oder anorganisch IV

Sandra Kellein

Heute Nachmittag einmal ein Ausreißer, mitten im schönen und angestrengten Gewoge vorm Hochzeitsfotografen ein weiblicher Feuervogel. Wohl versucht, eine der Bräute zu übertrumpfen, dachte Autorin K. an einem heißen Wochenende im Juli. Ein lachsfarbenenes, eher grelles Gewand, geliehen oder nicht, überstrahlte das andere, ein gedecktes Weiß an der Braut in Seide, geliehen oder nicht. Drei Hochzeitsgesellschaften gleichzeitig diesmal, nahezu synchron in der Gastronomie vorm Standesamt am Rathaus Schöneberg bewirtet, kleine, zartrosa gekleidete und unartige Prinzen als eine Art Höhepunkt in der einen, die Blumenkinder. Fair-Trade-und recycelbare Baumwolle wahrscheinlich auch vereinzelt unter den Gästen und zwei Fotografen anbei, offensichtlich einer mit einem Doppelauftrag. Auf der vermeintlichen Gewinnerinnenseite jedoch zwei schwarz-weiß gewandete Brautjungfern: Kraft ihrer Jugend im Altersdurchschnitt etwas abseits und scheinbar in einem asexuellen Separée, dank Glasbausteinen und gebürstetem Stahls – in einem elegant und kühl wirkendem Vorraum der anliegenden sanitären Einrichtung. Zwei, die die die allgemeine Kleiderordnung und Konkurrenz bewerteten und Noten verteilten.
Was für ein Theater, dachte sich Autorin K. und wusch sich die Hände als lauschende Beobachterin, sozusagen in Unschuld.
Spät nachts fegte dann ein Gewitter einige der Hinterlassenschaften auf dem Gelände draußen durcheinander und ordnete alles neu.

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