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Die Maulwürfe unten

Michael Rutschky

Der junge Mann / der alte Mann

Michael Rutschky

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Dies ist der Fall, anhand dessen das Schema einst/jetzt die größte Plausibilität gewinnt, der individuelle Lebenslauf. Der alte Mann, den Sie unten sehen (jetzt), sah einmal so aus, wie der junge Mann oben (einst), und es besteht kein Zweifel, wer besser aussieht, nicht wahr. Einst war man hübsch und cool, jetzt ist man „uffjedunsen“ (Max Goldt) und hat Tränen in den Augen vor Wut (wenn man das Bild des jungen Mannes, der man einst war, betrachtet). Was von einst nach jetzt abrollt, das ist ein Prozess des Verfalls, der im Tod der Person endet, womit der individuelle Lebenslauf abschließt. Wenn der Tod eintritt, wird der individuelle Verfall so weit fortgeschritten sein, dass man das Ende begrüßt.

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Sakralisierung

Michael Rutschky

Die Geschichte tritt in unterschiedlichen Formaten in Erscheinung, mal größer, mal kleiner. Zu keiner weithin strahlenden Geltung brachte es der Weidendamm, wo die Behörde eine Reihe von Bäumen fällen ließ, um für das neue Busterminal Platz zu schaffen. Die Anwohner druckten mittels ihrer Computer eine Serie von Plakaten, auf denen sie die Behörde beschimpften. Der schlimmste Verdacht war merkwürdigerweise: dass die Behörde die Bäume in Vorbereitung der Landesgartenschau fälle, die diesen Sommer ansteht. Man kann voraussagen, dass die Bürger die Schau massenhaft besuchen werden – aber jetzt, wo die Bäume wie gewohnt dastehen in meinem Quartier, erhöht man sie zu einem heiligen Hain, weil sie entfernt werden sollen.

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Endgültig nach unten im Jahre 07

Michael Rutschky

Dies ist die Richtung, in die alle Geschichten verlaufen, nach unten. Die Geschichten jedenfalls, welche erzählt und angehört und weitererzählt zu werden verdienen, aus dem Bildungswesen, vom Wetter, aus dem Wirtschaftsleben, aus der Politik. Man konnte an jeder beliebigen Stelle beginnen.

Einer Studie der Universität Duisburg zufolge blieben im Jahr 2006 etwa 25 000 Lehrer ohne Anstellung. Eine Zahlenangabe, der von seiten der Kultusministerkonferenz nur indirekt widersprochen wurde: Hier gibt man an, daß in den vergangenen vier Jahren insgesamt 16 200 Lehrer weniger in den Schuldienst kamen, als man prognostiziert hatte. Gleichzeitig nahmen die Klagen von Eltern und Schülern zu, daß zu viele Schulstunden ausfallen, daß ein akuter Lehrermangel die Qualität des Unterrichts beeinträchtigt. In Bayern müssen in den nächsten fünf Jahren 28 000 Lehrerstellen neu besetzt werden, aber nur 20 000 Studenten werden bis dahin ihre Ausbildung abschließen. Man plant, Lehrer aus Österreich einzustellen sowie Fachkräfte aus anderen Bereichen, beispielsweise Förster – gleichzeitig sorgen die Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand dafür, daß nur wenige Junglehrer eingestellt werden.

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Absturzpanik

Michael Rutschky

Es ist noch nicht lange her, da erkannte sich die Bundesrepublik als Verlierer. Die Fernsehnachrichten brachten gleich nach den Arbeitslosenzahlen aus Nürnberg Bilder von Bettlern und Obdachlosen, was die Traumlogik entsprechend verknüpfte. Erst wirst du arbeits- dann obdachlos und mußt betteln. Diese Art Panik entwickelt einen eigentümlichen Sog. In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts habe ich mal an einer Umfrage unter Studenten, betreffend Arbeitsstörungen und Prüfungsangst, mitgewirkt. Wer darunter stark litt, sah sich gleich durch alle sozialen Stockwerke hindurch fallen und als Fabrikarbeiter am Fließband enden.

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