Schlagwort-Archive: Kurt Scheel

Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,
gestern war ich mit Herrn Rutschky und Herrn Brück im Kino, auf der Fahrt dorthin in der U-Bahn saßen mir zwei junge amerikanische Männer gegenüber, ein Schwarzer von etwa 150 Kilo, ein Weißer von 120 Kilo, im Touristenlook mit kurzen Hosen, T-Shirt und Sportschuhen, sie nahmen nicht vier, aber doch gut dreieinhalb Sitze auf der Bank ein; ich schlug den Blick nieder, weil der Schwatte wirklich einen ungustiösen Anblick bot. Aber ihrer Unterhaltung, durchaus zivilisiert und halblaut, konnte ich nicht ganz entgehen, so hörte ich, in einer englischen Suada, immer wieder kuriose Namen wie „Siegfried“ und „Siegmund“, und dann begannen die beiden, sich etwas vorzusingen, vorzusummen, Motive aus „Der Ring des Nibelungen“, auf deutsch, und das war eindeutig keine Show für das U-Bahn-Publikum, sondern kam von Herzen. Ich hatte die beiden, nicht ohne Grund, flugs als Abschaum abgebucht, und nun das! Ich schämte mich ein bisschen und dachte, dass der Herr mir eine Lektion hatte erteilen wollen, mit meinem gut gefüllten Verachtungsreservoir ein wenig sorgsamer umzugehen, nicht immer gleich und sofort und fast übereilig die Schleusen des Abscheus zu öffnen. Du erinnerst Dich an die Szene im Grunewald am Montag, auf meiner Radtour zur Havel, als ich die alte Frau wegen ihres mich ankläffenden Hundes anschnauzte und sie mich dann mit einem ehrlichen „Es tut mir sehr leid“ beschämte? Wenn mein Leben ein Gleichnis wäre, müsste eigentlich bald „Die dritte Versuchung des Knut Scheer“ stattfinden, ich halte Dich auf dem Laufenden.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried

um 5.13 Uhr Abfahrt, um 6.12 Uhr Ankunft an der geheimen Badestelle, fünf Minuten später stapfte ich, in der kleidsamen grüngelb-karierten Badehose und zusätzlich mit „fashy“-Badeschuhen und dem bewährten Brustbeutel versehen, in die Havel, die fast spiegelglatt vor mir lag; und schon hob der Gatower Kuckuck an, fast schon einfallslos sein ewiggleiches, doch erstaunlicherweise immer wieder schönes Lied zu singen. Ich aber spaddelte in meiner eigenwilligen Interpretation des Brustschwimmens, gelegentlich unterbrochen vom vorschriftsmäßigen Ausruhen als „Toter Mann“ auf die Wasserskiboje zu, umrundete sie in respektvollem Abstand und begab mich wieder zum Ausgangspunkt. Eine gute halbe Stunde hatte ich gebraucht, das sollte als ordentliche Normerfüllung gelten, und so begann ich mich wieder anzukleiden. Doch wer trat, wie aus dem Nichts, plötzlich auf den Strand, geschäftig mit dem Kopfe wackelnd? Bruder Erpel! DER Erpel oder EIN Erpel? Egal! Erfreut holte ich die Madeleine aus dem Rucksack, das Tier kam nun bis auf einen halben Meter an mich heran, wenn es ein Nordafrikaner gewesen wäre und ich eine junge Frau, hätte ich mich bedrängt gefühlt, aber so war alles in Ordnung, und ich warf ein Bröckchen Proustgebäck ins Wasser, das der Erpel geschwind aufschnappte und dann, mit Wasser vermischelnd, hinunterschnoddelte. Das ließ sich die Gemahlin nicht zweimal sagen, und schon rauschte sie mit großer Bugwelle heran. Ich musste lachen, wie dieses sicherlich IM PRINZIP liebevolle Entenpaar futterneidisch nach den Bröckchen sprang, fast wie wir Menschen, warf dann aber, wie ein gerechter Gott, das Futter mal diesem, mal jener zu, so geht es doch auch! Praktisch das Konzept des Sozialstaats schon dem dummen Getier predigend, nämlich Ausgleich und Schutz des Schwachen, gegen Ellbogenmentalität und Raubtierkapitalismus.

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Brief an Siegfried Kohlhammer

Kurt Scheel

Anbaden! Kaum hatte ich dieses Wort gedacht, noch nicht einmal ausgesprochen, ertönte das wehe Jaulen des inneren Schweinehunds, aber ich ließ mich nicht beirren und stieg um 5.22 Uhr auf mein treues Raleigh urban – gute Autos kann der Brit’ seit Jahrzehnten nicht mehr bauen, aber in der Fahrradfertigung ist er immer noch spitze, vielleicht sollte er es einmal mit der Faustkeilproduktion versuchen? Wenn das jetzt, lieber Siegfried, ein bisschen englandfeindlich rüberkommt, dann liegt es daran, dass mich der Brexit immer noch kränkt, es ist doch das Sehnsuchtsland von Kindheit an, und nun das! Boris Johnson, der mich nicht nur haarfarbenmäßig an Trömp erinnert, ist genau so ein charakterloser Spieler, und dass er nicht so dumm und ungebildet ist wie der Amerikaner, macht die Sache nur noch gemeiner.

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Brief an Siegfried Kohlhammer

Kurt Scheel

B4 6 lautet die alte Radlerweisheit, aber was das nun wieder bedeuten mag, wirst Du, lieber Siegfried, Dich höchstwahrscheinlich fragen, etwas missmutig; kann er denn seine kindlichen, ja kindischen Blödeleien nicht mal auslassen? Ja, das kann er – aber will er es auch? In Seniorensprache bedeutet es: Before 6, und es will uns sagen: VOR 6 Uhr morgens solltest Du Deine Ausfahrt beginnen, am besten am Sonntag, dann ist die Stadt öd und leer, von Menschen („Berlinern“) jedenfalls – so begann das heutige Abenteuer, 6.02 Uhr war es gerade geworden, also schon unter einem bösen Omen bestieg ich olle Raleigh. Das sich aber, das Omen, zum Glück nicht weiter mausig machte: Charlottenburger Park, spiegelglatte Spree (Spannenlanger Hansel, spiegelglatte Spree: Kennst Du das alte Kinderlied?), die letzten Schutthaufen der aufgelassenen Spreewiesenlauben waren entfernt und auf einer Schute abgeladen worden, was mich sogleich an meinen ersten Venedigbesuch erinnerte, als ich früh morgens aus dem Fenster Deiner Wohnung auf den Kanal sah und die Müllkähne erblickte, wie da das große Glücksgefühl mich ergriff und ich wusste: Ich bin in der Lagunenstadt!

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Einst und jetzt

Kurt Scheel

Im FAZ-Magazin war gestern ein interessanter Artikel, der den 75. Geburtstag Paul McCartneys zum Anlass nimmt, an die Berichterstattung der Zeitung über die Beatles zu erinnern – ich stelle mir das so vor, dass der Autor Jörg Thomann (sagt mir nichts), als er am Gedenkartikel saß, das Archiv zum Thema konsultiert hat und in eine tiefe Krise geriet. Denn es ist kaum zu glauben, wie uninformiert, herablassend, dümmlich diese Beiträge sind. Im ersten FAZ-Artikel von 1963 ist die Rede von „kreischenden Teenagern“, die „Eintrittskarten für ein Jazzkonzert der ‚4 Beetles’ (Käfer) zu ergattern“ versuchen. 1964 schreibt die FAZ den Namen „Beatles“ immerhin richtig, muss aber kritisch anmerken: „Selbst die fanatischsten Anhänger der Beatmusik bestreiten nicht, dass ihre Texte und Melodien ziemlich minderwertig sind.“

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Gesund oder Krank

Kurt Scheel

Warum ist Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“ so ein widerwärtiges Buch? Weil es eine Art von Kinderpornographie ist, die vor Päderasten zu warnen vorgibt. Die Autorin hat erklärt, dass sie sich über das Thema Missbrauch nicht ernsthaft kundig gemacht, es ist in diesem Roman so etwas wie eine Metapher, die allgemein für das Böse steht, und das ist insofern geschickt, weil Kindesmissbrauch in unseren Zeiten das ultimative Böse ist; was der Holocaust für die Vergangenheit, ist Kindesmissbrauch für die Gegenwart: nicht zu überbieten. Und so wird uns also die Geschichte eines bei der Geburt ausgesetzten und in einem Kloster aufgezogenen Babys erzählt, das von Kindesbeinen an von den Klosterbrüdern vergewaltigt und gefoltert wird (Höhepunkt ist die Schilderung einer mit Olivenöl eingeschmierten Hand des Kindes, die dann in Flammen gesetzt wird; die Vergewaltigungen werden nur konstatiert, nicht ausgemalt). Als Achtjähriger wird unser Hiobsheld Jude St. Francis (!) dann von einem Päderasten, der im Kloster als „Bruder Luke“ Unterschlupf gefunden hat, entführt und auf einer monatelangen Reise durch die USA als Stricher vermietet, mehrfach täglich, gerne auch Gruppenvergewaltigung (wir befinden uns NICHT im 19. Jahrhundert, sondern Mitte der 1970er Jahre).

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