Schlagwort-Archive: Kathrin Passig

Mittwoch, Warnemünde

Kathrin Passig

Die Urne, erkennt R., steht in einem Kabäuschen auf dem Vorderdeck des hölzernen Schiffs, das – in Größe, Konstruktion und durch das ausgesägte Loch in der offen stehenden Türe – an ein Klosett erinnert. Diesen Gedanken jetzt bloß nicht weiter verfolgen! Bald ist die richtige Stelle des Meeres erreicht, das für den Laien ja überall gleich aussieht. Sich vorsichtig an der Reling anklammernd, denn das Schiff stampft beträchtlich, kommen die Trauergäste aus dem Salon. Es ist sehr kalt. Erst jetzt fällt R. das Dekor der Urne auf, ein Notenschlüssel und mehrere Noten auf dunkelblauem Grund. Na, lange wird man es ja nicht sehen müssen. Schon greift der Bestatter, ein hochgewachsener, grundsolide gekleideter Herr, zur Schiffsglocke und läutet viermal. Vier Glasen habe die Schiffsglocke geschlagen, vermeldet er, und liest dann aus einer Mappe sorgfältig Namen und Geburtsdatum des Verstorbenen vor. Eine Sonne sei untergegangen, bei den Hinterbliebenen jedoch ein Leuchten in den Herzen zurückgeblieben. Man würde gerne einschreiten, aber da ist es – „die s-terblichen Überreste des Vers-torbenen“ – auch schon wieder vorbei. Die Urne schwimmt einen Moment und sinkt dann vorschriftsmäßig. Der Bestatter streut Rosenblätter aus einem Körbchen hinterher. Die Trauergäste sehen noch minutenlang ins Wasser, wohl um sicherzugehen, spottet R. insgeheim, dass das Ding nicht doch noch mal auftaucht. Zum anschließenden Essen ins Restaurant „Kettenkasten“ kommt er aber nicht mehr mit. Was da geredet wird, weiß man ja.

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Dort geträumt, hier aufgeschrieben: Genitalien

Kathrin Passig

4. April 2013
Es ist die erste vom „Merkur“ organisierte Tagung. Große Unruhe – die beiden Vortragsräume sind viel zu klein – bis sich der neue Herausgeber zum ersten Mal blicken lässt. Nein nein nein, so geht das nicht, spricht er, da passen mindestens fünf Reihen Stühle hinein, nicht nur zwei. Sekunden später ist alles geregelt. Er ist ein kleiner Mann in einem hellblauen Anzug, der keinem der beiden echten Herausgeber gleicht. Sascha L. spielt eine wichtige Rolle bei dieser Tagung, er hat wohl gerade in seinem Blog was nicht so Schmeichelhaftes über die Redner geschrieben. Ich lese es schnell nach, indem ich die Adresse seines Blogs mit dem Finger in meine linke Handfläche schreibe und danach einen Punkt mache. Tatsächlich erscheint auf meiner Hand briefmarkengroß die Seite. Das hat bisher im Traum noch nie geklappt.*

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Dort geträumt, hier aufgeschrieben: Unheimliches Wohnen

Kathrin Passig

5. Dezember 2009
Ich betrete meinen Keller mal nicht durch die Tür, sondern durchs Fenster, was überraschend leicht geht, wenn man bedenkt, dass der Keller zwar eine Art Fensterschacht hat, dieser Schacht aber oben mit Glasbausteinen verschlossen ist. Man muss nur einen der Glasbausteine entfernen. Vielleicht liegt es am neuen Blickwinkel, dass der Keller viermal so groß und nicht annähernd so voll wie sonst wirkt. Die Kellertür steht offen, und als ich gerade versuche, sie von innen zu verschließen, kommt ein Umzugsunternehmen. Ein alter, unbekannter Verwandter von mir sei in Karlshorst verstorben, oder nein, noch nicht verstorben, nur ins Pflegeheim gekommen. Jetzt müsse sein Hausrat in meinen Keller. Ob denn wenigstens teure, erbenswerte Sachen dabei seien, frage ich. Nein, nur Sperrmüll, antworten die Umzugshelfer gleichgültig. Dann räumen sie den ganzen schönen neuen Platz wieder voll.

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Dort geträumt, hier aufgeschrieben: Mord und Totschlag

Kathrin Passig

27. August 2012
Ich bin im Gefängnis („JVA Tegel“), weil man versehentlich der Meinung ist, mich schon für meine gewalttätigen Ideen einsperren zu müssen, obwohl ich sie doch gar nicht umgesetzt habe. Das ist sehr langweilig, aber Wolfgang H. ist in einem anderen Gefängnis in der Nähe, oder vielleicht sogar im selben, so fühle ich mich in guter Gesellschaft. Ich rechne immer wieder aus, wie viel Entschädigung und Schmerzensgeld sie mir auszahlen müssen, wenn sich in ein paar Jahren herausstellt, dass ich zu Unrecht hinter Gittern sitze. Meine Berechnungen ergeben angenehm hohe Summen.

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Dort geträumt, hier aufgeschrieben: Über das Internet

Kathrin Passig

10. Januar 2013
Ich soll dem Supatopcheckerbunny das Programmieren erklären. Zwar sind mehrere Männer anwesend, die das auch könnten, aber die haben zu tun. Ich glaube, sie erklären sich erst mal gegenseitig, was sie dem Bunny erklären sollen. Ich fange damit an, dass die verschiedenen Fenster im Editor des Bunnys (der noch am ehesten NoteTab ähnelt) nichts Unterschiedliches bewirken, sondern nur verschiedene Sichtweisen auf den Code darstellen. Das Supatopcheckerbunny sagt, das sei ihm selbstverständlich bewusst. Ich versichere eilig, ich hätte nicht unterstellen wollen, es sei etwa in so elementaren Dingen schlecht informiert, und verhasple mich in Erklärungs-Erklärungen.

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Dort geträumt, hier aufgeschrieben: Über Autorschaft

Kathrin Passig

27. März 2013
Wir sind auf einer Veranstaltung, auf der Autoren um einen ovalen Tisch sitzen und vom Autorensein erzählen. Aleks, Klaus Caesar und Angela sind auch da: es gebe jetzt ja einen neuen Duden, und darin seien neue Schreibungen eingeführt, einfach nur mit der Begründung, so werde es von Journalisten häufig falsch gemacht. Ich sage wie immer: „Mit welcher Begründung denn sonst? Gott hat die Schreibung so gewollt?“ Klaus Caesar sagt: „Jetzt werden ausgerechnet Leute wie ich, die immer alles richtig gemacht haben, dafür bestraft und müssen umlernen.“ Insgeheim weiß ich, dass an meiner Position etwas nicht ganz stimmt. Aber da kommt Angela mit einem großen Paket. Darin ist zufällig der neue Duden. Ich packe alles aus und halte ein buntes, riesiges Loseblattwerk in einem Ordner mit endlosem Zubehör in der Hand, aber die Blätter sind so absurd geformt wie Algen, und es ist unmöglich, darin auch nur ein Beispiel für so eine neue Schreibung zu finden. Beigelegt ist ein dicker Versandhauskatalog, der mir viel besser gefällt. „Ooh!“, sage ich. „Eine begehbare Ritterburg GANZ AUS GOLDBARREN!“ Die findet Angela auch am allerbesten.

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Schwieriges Schreiben

Kathrin Passig

24.7.2002
Ich stehe an der Bushaltestelle. Es ist 7:15 bei Temperaturen unter Null. Ich zetere vor mich hin: „Ich bin 32 Jahre alt, seit verdammt nochmal 22 Jahren muss ich morgens um sieben an dieser Scheißbushaltestelle stehen! Andere haben mit 18 Abitur! Wie machen die das? Hört man dann einfach auf, hinzugehen? Ist es für mich zu spät? Oder kann ich auch morgen einfach zu Hause bleiben?“

Dann versuche ich noch im gleichen Traum, diesen Traum im Internet niederzuschreiben. Als Schreibwerkzeug habe ich ein totes, pelziges Tier, mit dessen Blut ich den Text in ein lehmiges Erdloch schreiben soll.

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