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Röcken bei Leipzig – Nietzsches trautes Dörflein

Holger Dambeck

Zerfallende Knochen überall. Die Gegend südwestlich von Leipzig nahe der Autobahn 9 Berlin-München ist gezeichnet vom Tod, und zwar nicht erst, seit Menschen mit 200 Kilometern pro Stunde in rollenden Geschossen über den Asphalt heizen. Bei der Kleinstadt Lützen ruhen Soldaten des Schwedenkönigs Gustav Adolf – gefallen 1632 im Dreißigjährigen Krieg. Nur wenige Kilometer entfernt in Großgörschen haben im Jahr 1813 tausende Franzosen, Preußen und Russen ihr Leben gelassen. Napoleons Armee kämpfte gegen die Truppen Blüchers und Wittgensteins.

Auch in der Gemeinde Röcken, gerade mal zwei Kilometer von Lützen entfernt, ist Geschichte beerdigt. Neben der Dorfkirche ruht in einer Gruft der Schädel des wohl wortgewaltigsten deutschen Philosophen: Friedrich Nietzsche. Der Verfasser von Werken wie »Also sprach Zarathustra«, »Jenseits von Gut und Böse« und »Der Antichrist« wurde im 20 Meter entfernten Pfarrhaus geboren.

Das Ensemble nimmt Besucher noch heute, mehr als 160 Jahre später, gefangen: der hübsche Garten mit den alten Bäumen, das schlichte Pfarrhaus, in dem Nietzsche am 15. Oktober 1844 zur Welt kam. Über ein Holztor gelangt man zur malerischen, aus alten grauen Steinen erbauten Dorfkirche. Protestantische Romantik pur.

Gerade mal 200 Menschen leben heute in Röcken. Die einst von Helmut Kohl versprochenen blühenden Landschaften hat es hier nie gegeben, das verraten auch die einfachen Häuser. Doch trotzdem ist das Dorf zu einer Art Wallfahrtstätte geworden: Nietzsche-Verehrer aus aller Welt besuchen Röcken und schauen sich in dem kleinen Museum im einstigen Stall der Pfarrei um. Mancher kommt für einen Kurzbesuch vom nahen Leipzig, andere gehen gleich auf Nietzsche-Tour. Für sie ist Röcken nur die erste Station, danach folgen Naumburg, hier lebte der Philosoph die letzten Jahre vor seinem Tod, Schulpforta, wo Nietzsche das damals wie heute renommierte Internat besuchte, und Weimar, wo sich das Nietzsche- Archiv befindet.

Röcken spielt unter all den Orten, an denen der Philosoph lebte und wirkte, eine ganz eigene Rolle – nicht nur wegen des Grabes. »Röcken ist sehr wichtig für die Nietzsche-Rezeption«, sagt Ralf Eichberg, der in einem Dorf auf der anderen Seite der Autobahn wohnt. Eichberg hat in den achtziger Jahren im benachbarten Halle Philosophie studiert. Thema seiner Diplomarbeit: die Nietzsche-Rezeption in der deutschen Sozialdemokratie. Heute ist er Geschäftsführer der Friedrich-Nietzsche-Gesellschaft, die in Naumburg neben dem dortigen Nietzsche-Haus ein Dokumentationszentrum errichtet hat, in dem regelmäßig Tagungen stattfinden sollen.

Röcken ist für das Verständnis von Nietzsche und seiner Philosophie ein bedeutender Ort, sagt Eichberg. Er meint damit nicht nur das christliche Elternhaus, zum dem der Philosoph nach seinem Tod zurückkehrte, obwohl er sich vom Glauben längst abgewandt hatte. Das Grab macht auch die besondere Rolle seiner Schwester Elisabeth deutlich, die Nietzsches Texte auf eine Weise deutete und vermarktete, die dem Philosophen kaum gefallen hätte. Elisabeth ist direkt neben ihrem Bruder beerdigt.

Nietzsches Vater, der protestantische Landpfarrer Carl Ludwig Nietzsche, starb 1849. Ein Jahr später musste die Familie nach Naumburg ziehen – der Abschied von Röcken fiel dem damals sechsjährigen Friedrich Nietzsche schwer. Im Alter von 13 dichtete er: »Trautes Dörflein! Wie oft gedenke ich Dein! Hätte ich Flügel, ich würde mich über Höhen und Thäler schwingen und Dir zueilen. Wenn die rosenfarbene Aurora die Bergspitzen küsst, wenn das Abendrot die düsteren Haine mahlt, in Dir weilt mein Sinn.«

Röcken war für ihn eine Idylle, ein Ort der Geborgenheit. »Wohl kann ich mich noch erinnern, wie ich einstmals mit dem lieben Vater von Lützen nach Röcken ging und wie in der Mitte des Weges die Glocken mit erhebenden Tönen das Osterfest einläuteten«, erinnert er sich später. »Aber wenn kein Bild meiner Seele entweicht, am wenigsten werde ich wohl das traute Pfarrgebäude vergessen. Denn mit mächtigem Griffel ist es in meine Seele eingegraben.«

Das Röckener Pfarrhaus eingegraben in der Seele des Mannes, den viele nur mit dem Satz »Gott ist tot« assoziieren – auch dies macht das Ensemble aus Kirche und Geburtshaus so interessant. Nietzsche war freilich nicht der Totengräber der Religion, für den ihn manche halten. Vielmehr registrierte er als scharfer Beobachter seiner Zeit, wie die Glaub- würdigkeit des christlichen Gottes schwand. Und er provoziert mit Gedanken, wie sie kaum jemand vor ihm gedacht hat, etwa als er den Einsiedler Zarathustra sagen lässt: »Wenn es Götter gäbe, wie hielte ich’s aus, kein Gott zu sein? Also giebt es keine Götter. Wohl zog ich den Schluss; nun aber zieht er mich.«

Nietzsche fand keinen Nachfolger von Rang, seine Ideen beeinflussten aber Denker und Schriftsteller wie Rudolf Steiner, Thomas Mann und Hermann Hesse. Die Nationalsozialisten griffen sich einzelne Bruchstücke aus seinen Werken heraus, als geistiger Vater des »Dritten Reiches«, darüber sind sich Philosophen weitgehend einig, kann der Philosoph jedoch nicht gelten. In den siebziger Jahren holten sich Jacques Derrida und Michel Foucault bei ihm Inspirationen. Peter Sloterdijk nannte Nietzsche in einer Rede zum 100. Todestag einen »Trend-Designer« des Individualismus: »Der Trend, den er verkörperte und formte, war die individualistische Welle.« Seit der Romantik sei diese unaufhaltsam durch die bürgerliche Gesellschaft gegangen und nicht zum Stehen gekommen, sagte Sloterdijk. Nietzsche habe verstanden, dass der Mensch vor allem anders sein wolle als die Masse.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts bedrohten plötzlich Braunkohlebagger das Nietzsche-Grab in Röcken. Die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Mibrag) führte Probebohrungen rund um den Geburtsort des Philosophen durch, um einen neuen Tagebau zu eröffnen. Es hagelte Proteste von Anwohnern und Nietzscheanern. Der große Denker hätte die anrückenden Monstermaschinen womöglich sogar beklatscht. Dies legt zumindest seine philosophische Gedankenwelt nahe. Tabula rasa machen, das Überwinden des Alten, die Entwertung der Werte, damit Neues entstehen kann – war es nicht auch eine Umschreibung dessen, was der Kohlekon- zern Mibrag plante?

»Es gibt bei Nietzsche eine gewisse Skepsis gegenüber dem Antiquarischen«, sagt Nitzsche-Experte Eichberg. Dinge müssten dem Leben nützen. »Das rein Bewahrende, Antiquarische ist tote Materie – so auch sein Grab.« Insofern hätte Nietzsche womöglich nichts dagegen gehabt, wenn sein Grab verschwindet, erklärt Eichberg.

Die Spekulationen um Nietzsches Standpunkt zur Braunkohle fanden jedoch im April 2008 ein überraschendes Ende: Die Mibrag legte ihre Baggerpläne zu den Akten – auf Druck der Landesregierung, die um das Ansehen Sachsen-Anhalts fürchtete.

Leicht gekürzter Auszug aus dem BuchMekkas der Moderne – Pilgerstätten der Wissensgesellschaft„, Böhlau-Verlag; 422 Seiten; 24,90 Euro

Von „Bild der Wissenschaft“ nominiert als „Wissenschaftsbuch des Jahres 2010“.

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