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Itching my Scratches

Hilmar Schmundt

Verdammt, nun bin ich links unten überholt worden. Plötzlich fühle ich mich reaktionär. Schuld ist die Ausstellung „Scratches“ in der ehemaligen Bötzow-Brauerei. Seit Jahren bilde ich mir etwas darauf ein, so etwas wie ein Straßenkunstfreund zu sein, ein Connoisseur von Graffiti, Pochoirs, Sgraffito, Kinderkritzelen an Hauswänden. Ich genieße es, am Tresen auf der Seite der künstlerischen Subversion einzunehmen. Wenn jemand über die Schmierereien klagt, verteidige ich Graffiti als antikommerzielle Wiedereroberung des Stadtraums. Und ich weiß, dass ich damit auf der Seite richtigen Seite der Kunstgeschichte stehe, zusammen mit Norman Mailer, Banksy und der Gang aus den Höhlen von Chauvet.

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Lebensraum verlegt

Hilmar Schmundt

Hier und dort: Nicht irgendeine Ausstellung wurde verlegt an einen neuen Ort, sondern ausgerechnet eine Ausstellung mit dem Titel „Lebensraum“.

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Das klingt existentiell. Zumal „verlegt“ auch bedeuten könnte: Der Lebensraum ist nicht auffindbar.

Oben und unten im Reich der Affen

Hilmar Schmundt

Oben oder unten, Aufsteiger oder Absteiger? Oft müssen küchendarwinistische Anekdoten aus dem Tierreich herhalten, um das Schema von Erfolg und Misserfolg in menschlichen Gesellschaften zu illustrieren. Besonders beliebt waren dabei traditionell Paviane, denn sie gelten als eine der gewalttätigsten Tierarten, deren Männchen ständig in blutige Machtkämpfe verwickelt sind. „Aber wer genauer hinschaut, der sieht ein differenzierteres Bild“, sagt Robert Sapolsky von der Stanford University, ein vielfach ausgezeichneter Biologe und Pavianforscher.

„Vielleicht hat mich genau dies gewalttätige Image ursprünglich angezogen, als ich mit Anfang zwanzig die Beobachtung einer Paviangruppe aufnahm“, sagt Sapolsky, „ich war bis dahin eher ein Bücherwurm, und wollte wissen, wie der brutale Überlebenskampf und das Gesetz des Stärkeren in der Wildbahn wirklich aussieht.“ Also ging er nach Kenia, und beobachtete über viele Monate hinweg eine Gruppe von Anubispavianen.

Anfänglich schien alles so zu sein, wie er es in der Standardliteratur gelesen hatte: In rücksichtslosen Beißereien machten die Männchen unter sich aus, wer das Leittier ist, und dieses Alphamännchen terrorisierte dann ungestraft rangniedrigereTiere, bekam als erster zu fressen, und konnte sich nach Belieben fortpflanzen.

Doch je länger Sapolsky das brutale Treiben beobachtete, desto offensichtlicher wurde, was die herkömmliche Literatur verschwieg: Es gibt auch eine zweite Strategie der Fortpflanzung. Ein Affe, den Sapolsky Aaron taufte, setzte eher auf Kommunikation als auf Prügeln. Mit Erfolg. Er schmiedete nicht nur kurzfristige Kampfbündnisse, sondern pflegte Kontakte, lauste anderen das Fell, spielte mit dem Nachwuchs. Sapolskys Fazit: „Diese Peacenik-Väter kümmern sich meist besser um ihren Nachwuchs, werden deutlich älter und haben dadurch viel mehr Sexualkontakte als die Gladiatoren, die ihre Energie in mörderische Kämpfe verschwenden.“ Ist unten das neue oben?

Nachfolgend ein paar Auszüge aus dem Gespräch mit Robert Sapolsky.

DAS SCHEMA: In der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift „Science“ haben Sie einmal geschrieben, dass arme Mitbürger ein größeres Risiko haben, zu erkranken. Könnte es nicht auch genau anders herum sein, dass nämlich Krankheit zur Verarmung führt?

Sapolsky: Armut und Krankheit hängen zusammen, das ist vielfach belegt. Unklar war bislang, warum das so ist. Ich komme zu dem Ergebnis, dass sozialer Stress der entscheidende Faktor ist. Sozial schwächere Mitglieder einer Gruppe leiden oft mehr unter Unsicherheit und Stress, was sie anfällig macht für Herzkrankheiten, Lungenleiden und sogar Rheuma.

DAS SCHEMA: Man könnte sich auch vorstellen, dass Leute, die oft krank sind, Ausbildung und Beruf vernachlässigen, weil sie ständig beim Arzt herumsitzen.

Sapolsky: Nein, es ist genau anders herum. Erst kommt die Armut, und die macht anscheinend krank, das belegt die überwiegende Mehrheit der Studien.

DAS SCHEMA: Vielleicht können arme Menschen einfach keine gute medizinische Behandlung bezahlen?

Sapolsky: Nein, denn wir finden dasselbe Phänomen in Ländern, die im Gegensatz zu den USA ein engmaschigeres Gesundheitssystem haben, aus dem man durch Armut nicht so einfach herausfallen kann.

DAS SCHEMA: Dann liegt es vielleicht am Lebensstil: Bei armen Leuten ist Nikotin, Alkohol und Junkfood verbreiteter.

Sapolsky: Diese Risikofaktoren spielen eine Rolle, das stimmt. Aber das erklärt nur etwa ein Drittel der Beziehung zwischen Gesundheit und dem sozioökonomischen Status, in der Fachliteratur „SES“ genannt. Also haben wir weiter gesucht, wie genau Armut unter die Haut geht. Und kamen zu dem überraschenden Resultat: Wer sich in der sozialen Hierarchie weit unten befindet, leidet darunter psychologisch, und das bekommt seinem Körper nicht gut.

DAS SCHEMA: Wie macht Stress krank?

Sapolsky: Eigentlich ist die Stressreaktion sinnvoll, denn sie bereitet ein Lebewesen auf eine Gefahr vor: Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck geht hoch, Schmerz wird unterdrückt, die Verdauung wird gedrosselt. In der Tierwelt dauert diese akute Stressreaktion meist nur wenige Minuten an. Bei uns Menschen dagegen ist sie oft chronisch, und das überlastet den Körper und macht langfristig krank.

DAS SCHEMA: Wieso lassen Menschen sich so sehr stressen? Während eine Gazelle wirklich um ihr Leben fürchten muss, wenn sie einen Löwen sieht, droht dem Menschen im Alltag allenfalls eine Standpauke vom Chef …

Sapolsky: Klar, früher hat der Mensch viel gefährlicher gelebt, da ging es oft um Leben und Tod. Heute ärgert man sich eher über den Stau. Stress-Krankheiten sind ein Luxusphänomen. Heutzutage leben wir so lange, dass wir die Langzeiteffekte des Stresses noch erleben. Hinzu kommt, dass wir Menschen im Gegensatz zu Gazellen sehr phantasiebegabt sind. Wir können nächtelang wachliegen und über Gefahren nachgrübeln, die es real vielleicht nicht gibt. Diese Form von Stress kennen andere Tiere nicht.

DAS SCHEMA: Wie sind Sie bei Ihrer Forschung vorgegangen?

Sapolsky: Natürlich können wir keine Menschenversuche machen, das ginge weder ethisch noch logistisch. Daher baut meine Hypothese auf der Beobachtung von Pavianen auf. Als Primaten gehören sie zu den engen Verwandten des Menschen, sie sind quasi unsere Cousins. Seit über dreißig Jahren beobachte ich eine Gruppe von rund 60 Anubispavianen in der Serengeti in Kenia. Ich habe monatelang jeden Tag mit denen verbracht und genau studiert, wie die Machtkämpfe abliefen, wer aufstieg, wer herabgestuft wurde. Und wenn ich mitbekam, dass ein Pavian zum Beispiel gerade einen wichtigen Machtkampf verloren hatte oder bei einem Weibchen abgeblitzt war, nahm ich sofort eine Blutprobe, um die Menge der Stresshormone zu messen. So habe ich genaueste Einblicke, wie sich Sozialstress auf den Körper auswirkt.

DAS SCHEMA: Aber allein das Blutabnehmen erzeugt doch schon Stress beim Probanden.

Sapolsky: Das haben die gar nicht mitbekommen, weil ich sie vorher betäubt habe, indem ich aus meinem Blasrohr einen Betäubungspfeil auf sie abschoss.

DAS SCHEMA: Träumen Sie manchmal heimlich davon, so etwas auch bei Menschen machen zu können?

Sapolsky: Das brauche ich gar nicht, denn das Sozialverhalten der Paviane ähnelt dem des Menschen in verblüffender Weise. Wenn es Ärger gibt, richtet sich zum Beispiel die Hälfte der Aggressionen gegen Dritte, meist, weil der Unterlegene seinen Ärger an einem schwächeren Weibchen oder einem rangniedrigeren Männchen abreagiert. Kommt Ihnen das bekannt vor?

DAS SCHEMA: Aber taugen Anubispaviane wirklich als Modell für den Menschen? Schließlich gelten sie als Inbegriff der Aggressivität, und die meisten Männchen sterben als Folge von Gewalttätigkeiten.

Sapolsky: Vielleicht hat mich genau dies gewalttätige Image ursprünglich angezogen, als ich mit Anfang zwanzig die Beobachtung der Paviangruppe aufnahm. Eigentlich war ich bis dahin eher ein Bücherwurm. Also wollte ich wissen, wie der brutale Überlebenskampf und das Gesetz des Stärkeren in der Wildbahn wirklich aussieht.

DAS SCHEMA: Und, kamen Sie auf Ihre Kosten?

Sapolsky: Ja, am Anfang schien alles genau so, wie ich es bei dem Anthropologen Irven DeVore von der Harvard-Universität gelesen hatte: Alles drehte sich um brutale Machtkämpfe, oft sehr impulsiv und absolut rücksichtslos. Nebukadnezar zum Beispiel war damals das dominante Männchen, ein dummes, unbegabtes Scheusal. Aber je besser ich die Paviane kennenlernte, desto mehr fiel mir auf, wie vielseitig ihr Verhalten ist. Klar, Paviane sind auf jeden Fall aggressiver als Gorillas oder Bonobos. Aber nach und nach merkte ich, dass es große individuelle Verhaltensunterschiede gibt. Und dass sich nicht nur die Grobiane fortpflanzen. Aaron zum Beispiel war ein anständiger Kerl, der mehr auf Kommunikation als auf Kampf setzte – und das mit Erfolg. Diese Peacenik-Väter kümmern sich meist besser um ihren Nachwuchs, werden deutlich älter und haben dadurch viel mehr Sexualkontakte als die Gladiatoren, die ihre Energie in mörderische Kämpfe verschwenden.

DAS SCHEMA: Es geht also nicht nur darum, sich auf der Statusleiter ganz nach oben zu boxen?

Sapolsky: Ja, manche Paviane sind gut darin, Alternativstrategien zu entwickeln. In Zeiten der Stabilität mag das Leben als Alpha-Männchen stressfrei sein. Aber in Zeiten des Umbruchs, wenn die Jungen nachdrängen, gibt es kaum etwas Stressigeres, als die permanenten Kämpfe an der Spitze der Machtpyramide. Im Winter 1917 zum Beispiel war es nicht so angenehm, der Zar von Russland zu sein. In den heutigen Industrienationen dagegen ist die Situation stabil, und daher lebt es sich an der Spitze der Statuspyramide deutlich gesünder als an der Basis.

DAS SCHEMA: Bei der von Ihnen beobachteten Paviangruppe setzte sich schließlich sogar eine Kultur der Kooperation durch, wie sie, für einen Biologen eher ungewöhnlich, in der Politik-Zeitschrift „Foreign Affairs“ berichten.

Sapolsky: Ja, das Ereignis, das ich beschreibe, beobachtete ich im Jahr 1983. Es war ein Disaster. Die aggressivsten Männchen starben an Tuberkulose, weil sie sich bei der Futtersuche auf einer Müllkippe infiziert hatten. In der verbleibenden Kolonie herrscht seitdem eine sehr kooperative Stimmung. Das widerlegt all die Lehrbücher, die ich in den Sechzigern las, in denen stand: Der Mensch ist zum friedlichen Miteinander aus genetischen Gründen nicht in der Lage, genau wie der Anubispavian. Soziobiologen, die so etwas behaupten, haben einfach keine Ahnung von Primaten – egal ob es um Affen oder Menschen geht.

DAS SCHEMA: Einige Kollegen werfen Ihnen vor, dass Sie in Büchern wie „Mein Leben als Pavian“ die Tiere zu sehr anthropomorphisieren, indem Sie ihnen Namen wie Daniel oder Salomon geben und ihnen fast menschliche Charakterzüge zuweisen. Teilweise liest sich das Buch wie eine Soap-Opera.

Sapolsky: Ich liebe die biblischen Namen einfach. Deshalb fand ich es unwiderstehlich, die für Paviane zu verwenden. Zumal ich meine Kindheit in einem streng religiösen jüdischen Umfeld verbracht habe. Meine Schullehrer mochten die Evolutionslehre überhaupt nicht und behaupteten, dass Gott Dinosaurierfossile in den Boden gelegt hat, um unseren Glauben zu prüfen.

DAS SCHEMA: Sie kämpfen mit Ihrer Forschung also gegen den Kreationismus?

Sapolsky: Nein, ich versuche nur, das, was ich beobachte, auch für Laien verständlich zu machen. Und meine Forschung ergibt eindeutig, dass sich Menschen und Paviane in vielen Verhaltensweisen ähneln. Das ist kein Vermenschlichen, sondern eher ein „Primatisieren“: Menschen und Paviane sind beide Primaten, und ähneln sich in vielerlei Hinsicht, nicht nur im Stressverhalten.

DAS SCHEMA: Angenommen, dass gestresste Menschen ein größeres Krankheitsrisiko tragen als gelassene – dann müsste sich evolutionär irgendwann eine stressresistente Menschheit entwickeln?

Sapolsky: Schwer zu sagen. Einerseits führen teilweise genetisch beeinflusste Störungen wie Depressionen oder krankhafte Aggressivität zu Herzkrankheiten und weniger Nachkommen. Das würde dafür sprechen, dass Menschen langfristig von der Evolution ausselektiert werden, die nicht in der Lage sind, zwischen einer echten und einer scheinbaren Bedrohung zu unterscheiden. Andererseits kann in Krisenzeiten Nervösität und Angst auch das Leben retten. Es gibt immer wieder evolutionäre Flaschenhälse, in denen nur die Ängstlichsten und Vorsichtigsten überleben.

DAS SCHEMA: Während Ihrer Zeit in Afrika hatten Sie teilweise nicht einmal mehr genug Geld zum Essen. Das zählte aber sicher nicht als Armut?

Sapolsky: Nein, es gibt einen Unterschied dazwischen, wenig Geld zu haben oder sich arm zu fühlen. Ich komme aus einer Mittelschicht-Familie und wusste immer, wofür ich Schwierigkeiten auf mich nehme. Ich habe mich nie hilflos ausgeliefert gefühlt – erst dieses Gefühl verursacht Stress und macht krank.

DAS SCHEMA: Sozialstress macht krank – hat diese Einsicht auch politische Konsequenzen?

Sapolsky: In den USA läuft eine Menge schief. Das soziale Netz wurde vernachlässigt, was wiederum eine Spirale aus Stress, Armut und Krankheit antreibt. Wir müssen uns klar sein, dass die krassen sozialen Gegensätze hierzulande viele Menschen krank machen.

DAS SCHEMA: Und persönlich? Hat Ihre Arbeit als Verhaltensforscher Ihnen zum Beispiel bei der stressfreien Erziehung Ihrer beiden Kinder geholfen?

Sapolsky: In den ersten drei oder vier Monaten als Vater dachte ich: Klar, ich bin Primatologe, ich weiß genau, wie das alles geht. Aber sobald ein Kind das erste Mal etwas sagt, oder auch nur lächelt, wird alles viel komplizierter, als alles, was ich aus der Verhaltensforschung kenne. Die wichtigste Einsicht war vielleicht, wie nutzlos mein Job als Primatologe ist für meinen Job als Vater.

Interview: Hilmar Schmundt

Panthéon, Paris – Zentralheiligtum und Zankapfel

Hilmar Schmund

Foucaultsches Pendel

Hin und her, hin und her. Fast unmerklich voran und immer im Kreis. Träge schwingt das Pendel, ein stummer Beweis: Und sie bewegt sich doch. Die Besucher verstummen und lassen sich von dem Foucaultschen Pendel hypnotisieren, 28 Kilo schwer, hängend an einem über 70 Meter langen Draht, der sich in der Höhe fast verliert, aufgehängt mitten im »Auge Gottes«, dem Scheitelpunkt der Kuppel im Panthéon von Paris, einem Tempel, geweiht dem Fortschritt und der Aufklärung.

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Kraftwerk Autobahn

Hilmar Schmundt

Auf der Autobahn nachts um halb eins, ob du’n Auto hast oder Karl-Heinz. Ohne Warnblinklicht, alle Scheiben dicht. Auf der Autobahn nachts um halb eins.« Soweit Mike Krüger.

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Die Autobahn gehört zu den Fazilitäten, die man mehr zu frequentieren pflegt als die Institution der Beichte und deren Gehäuse. Sie gehört zu den heiligen Stätten, die der gläubig Ungläubige mindestens einmal im Leben im Geiste, spirituell erfahren haben muss.

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Wittenberg

Hilmar Schmudt

Wiege und Themenpark der protestantischen Ethik

Ja, es war Sommer. Schön lagerte die Hitze auf den Grünanlagen, die den ehemaligen Wall bedecken und die man durchquert, wenn man an der Halleschen Straße geparkt hat und zum Schloss und zur Schlosskirche emporsteigt. »Empor ist schon mal gut.« Sie sollen imponieren, die Kirche und das Schloss. Und es steht außer Zweifel, dass es sich dabei nicht um das Imponiergehabe der Lutherzeit handelt. In dem Schloss erkennen wir eine preußische Zitadelle, die ab 1819 entstand und deren Bau die historischen Reste des alten Schlosses zum Verschwinden brachte. Wer die Aura Friedrichs des Weisen, des Kurfürsten, welcher Luther protegierte, zu atmen wünscht, bliebe also ohne Stoff.

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Das Imponiergehabe des Schlosskirchenturms erkennt man auf Anhieb als wilhelminisch. 1892 wurde der Neubau fertig. »Ein feste Burg ist unser Gott, / Ein gute Wehr und Waffen«, die ersten Zeilen von Luthers bekanntestem Kirchenlied, laufen als Inschrift auf Zweidrittelhöhe um den Turm herum und machen eher an Krieg als an Gott denken – Luther schrieb das Lied, wie K. nachlas, als die Türken Mitteleuropa berannten. Den Turm mit seiner ornamentalen Metallbekrönung bewundert man als Musterexemplar des Traum- kitsches, wie ihn der Wilhelminismus kultivierte. Leroi, Philosophieprofessor in Chicago, erinnerte der Schlosskirchenturm an die Fantasy-Architektur von »Star Wars«, »der phallische Kampfkreuzer des Imperators oder so.« Man sieht, das wird kein Aufenthalt bei irgendwelchen Ursprüngen in ihrer Reinheit.

Thesentür

Weiter zu dem, was der Reiseführer als die »Thesentür« bezeichnet. Eine Gruppe sommerlich entblößter Menschen lauscht einer Frau, die große Geschichte erzählt: der 31. Dezember 1517, die 95 Thesen wider den Ablasshandel. Die Touristen müssten eigentlich eine Epiphanie erleben: hier fing alles an. Aber sie stehen ein wenig ratlos herum. Gleich erzählte die Stadtführerin, dass der Anschlag womöglich als dies Drama nie stattfand, dass es sich vielleicht um eine Legende handelt. Das Bogenfeld ober- halb der Thesentür füllt eine Malerei, die Luther und Melanchthon rechts und links neben dem Kruzifix kniend zeigt, Luther hält die von ihm ins Deutsche übersetzte Bibel, Melanchthon die für den Protestantismus kanonische Augsburger Konfession, im Hintergrund Wittenberg. Der Himmel über der Szene erstrahlt in Gold, traditionell das Paradieslicht, was aber dem Protestanten nichts sagt. Das Innere der Kirche, noch einmal ein Festspiel des wilhelminischen Traumkitsches, brachte sich an diesem Tag vor allem durch die Kühle zur Geltung, die gegen die Sommerhitze draußen wie eine andere Welt abstach. Dass hier Luther und Melanchthon leibhaftig begraben liegen, liest man im Reiseführer. Was aber den Theaterraum nicht heiligt.

Zur Anschauung kommen sie hier nicht, die Grundgedanken, aus denen eine neue Welt hervorging. Später kauften wir in der Collegienstraße ein diesbezügliches Werk, und der Buchhändler begleitete den Erwerb mit einer zustimmenden Freundlichkeit, als hätten wir etwas lobenswert Rechtschaffenes vollbracht.

Wir blättern durch das neu erworbene Buch, in dem der Autor Horst Herrmann deutliche Worte findet: »Der wachsende Geld- bedarf der sich mehr und mehr in irdische Händel verstrickenden Päpste machte es nötig, immer neue Finanzquellen zu erschließen, in den Massen der Gläubigen das Bedürfnis nach diesem neuen Gnadenmittel zu erwecken und wachzuhalten, spezielle Formen der Ablasspropaganda zu erfinden und den Gewinn des einzelnen Ablasses stetig zu erhöhen.« Die protestantische Frömmigkeit ist grundsätzlich anders als dies Geschäftemachen mit Gott, das über die Institution der römischen Kirche läuft, weil sie die Gnadenmittel besitzt. Dagegen begann mit Luther, so unser amerikanischer Freund Leroi, die moderne Geschichte der Individualisierung, die auf die Selbstorganisation der Person statt auf ein institutionelles Programm ihrer Steuerung und Kontrolle setzt. Wer bin ich? Diese Frage entwickelte sich, wie der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann demonstriert, zum zentralen Sozialisationsmechanismus der modernen Welt; jedes Individuum muss sie selber beantworten, immer wie- der, immer wieder neu, immer wieder unbefriedigend. Das zeitigt eine gewisse Überanstrengung, so Alain Ehrenberg in seinem Buch »Das erschöpfte Selbst – Depression und Gesellschaft«. Doch führt kein Weg zurück zu den institutionellen Programmen, nach Rom. Denn wer den Weg zurück zu einem institutionellen Programm wählt, heiße es nun Rom oder Lenin oder Mohammed, hätte immer auch ein anderes wählen können. Er bekräftigt also die Individualisierung und relativiert die Sicherheit, die ihm die Flucht zurück, nach Rom oder sonst wohin, hätte gewähren sollen. Deshalb tendieren die Fundamentalisten so entschieden zur Gewalt, schloss unser Freund Leroi triumphierend: Blutvergießen als praktischer Wahrheitsbeweis, der das Kontingenzbewusstsein – die einen sagen so, die anderen sagen so – zu beseitigen scheint. Scheint.

Wir saßen unterdessen in einer Pizzeria hinter der Stadtkirche, die als ein weiteres Monument der Reformation sich präsentiert, der berühmte Cranach-Altar, die Predella mit Luther als Prediger. An der Außenmauer die notorische Judensau, der religiöse Antisemitismus bestimmte auch Luther tiefgreifend – unterhalb des Schandmals wurde 1988 eine Gedenktafel für die »Reichskristall- nacht« vor 50 Jahren angebracht. Historischer Gegenzauber, murmelte Leroi.

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Wir aßen Pizza in der Pizzeria, an den Tischen draußen in der Sommerhitze, unter orangefarbenen Schirmen, die ein eigenes Licht gaben. Kein Gedanke, dass man in Wittenberg einen altdeutschen Lunch zu verzehren habe, um dem Genius loci nahe zu kommen, nein, anders: Gewiss hätten wir ein Lokal mit altdeutschem Speisenangebot gefunden; doch schreibt keine Regel ihren Verzehr vor, er steht in deinem Belieben. Ein Besuch in Wittenberg, am Quellort der Reformation, des Protestantismus stellt keine Wallfahrt dar, keinen Besuch heiliger Stätten, die rituell abzuwan- dern sind, was die Seele erhebt und läutert.

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Nein, Wittenberg ist kein Wallfahrtsort für fromme Protestanten. Wittenberg ist ein theme park für Touristen. Ein reiches Veranstaltungsprogramm umspült die historischen Bauten und Monumente: Uraufführung im Rahmen der Lutherdekade. Weltzeit Wittenberg … Eine Theatertournee in die Zeit des Umbruchs an sieben Schauplätzen der historischen Lutherstadt Wittenberg. Buchen Sie einen Platz für eine Reise durch die Zeit der Reformation! – Melanchthongarten. Mit freundlicher Unterstützung der WIWOG mbH. Thilo Martinho. Eine leidenschaftliche Verbindung von Bossa-, Standards-, Salsa-Grooves bis zu lyrischer Latino-Musik (Horben- Schwarzwald). Alaris Schmetterlingspark. Unter Palmen, Bananen- stauden, Kaffeesträuchern, Bromelien, Orchideen und vielen anderen Pflanzen umgaukeln Sie hunderte farbenprächtiger Schmetterlinge aus aller Welt. Und das Beste daran ist: Dieser paradiesische Tagestrip in die Tropen kostet Sie nicht mehr als eine Kinokarte. 20 Jahre friedliche Revolution in Wittenberg. »Gebet und Erneuerung 1989 – 2009«. Beginn an der Luthereiche. Stationenweg mit Friedrich Schorlemmer zum Platz am ehemaligen Panzerdenkmal. Luthers Hochzeit. Das Wittenberger Fest. Eines der schönsten Feste Deutschlands an den Originalschauplätzen der Reformation. –> www.lutherhochzeit.de

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Eine schwarze Tafel, auf der in Kreideschrift ein Geschäft in der Collegienstraße sein Angebot anzeigt: laktosefreie Schokolade, grüne Heilerde, »Lutherbrodt«, Martins Verführungstropfen (Schlehenlikör), Katharinas Hochzeitslikör. Ein Schaufenster mit feinen Weißwaren, für die ein Plakat mit »aus Luther’s Wäsche-Truhe« wirbt. Ein Karton mit der Aufschrift »Luther-Bier«; dazu das dicke, traurige Gesicht unter dem Barett, das oft als eine Art Logo der Warenwelt in der Stadt begegnet, darunter der Spruch »ein kännlein bir gegen den teufel / ihn damit zu verachten«.

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Vor grünem Buschwerk sitzen auf Holzbänken sechs Jungs in T-Shirts, Polohemden, kurzen Hosen, die Backpacks ordent- lich zu ihren Füßen abgestellt, und hören artig, aber gelangweilt einem Mann zu, der rechts von ihnen Vortrag hält. Der Mann ist in historischem Kostüm, dem schwarz- en Talar der Gelehrten, das Barett auf dem Kopf, wie es das Luther- Logo der Stadt zeigt, dazu rote Strümpfe und Bundschuhe. Zwei der Jungs stützen den Kopf auf die Hände, als wollten sie der kanonischen Darstellung der Melancholie entsprechen. Dabei befinden sie sich im idealen Lebensalter für Luthers Pupswitze, flüsterte K., aus einem traurigen Arsch kommt niemals ein fröhlicher Furz und so.

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Wir saßen im Hof des Lutherhauses, das passend das andere Ende des Straßenzuges besetzt, der mit Schloss und Schlosskirche beginnt. Hier auf diesem Hof kann man das Schwarze Kloster der Augustiner imaginieren, worin der Mönch Martinus und dann der Reformator lebte. Und den Gemüsegarten, den Frau Käthe später anlegte und der gut gedieh; überhaupt war sie eine tüchtige Haus- und Geschäftsfrau. Dort drüben kann man in das Museum ein- treten, das sich Luther und seinem Leben und seinem Hausstand in Wittenberg und der Reformation widmet. Nicht nur die Stadtführer mit ihren Talaren sind verkleidet, auch die Gebäude sind Maskerade: Friedrich August Stüler, Schüler des preußischen Meisterarchitekten Schinkel, hat sie Mitte des 19. Jahrhunderts in diese Form einer imaginären Renaissance gebracht.

Was man hier zu sehen bekommt, versuchte Leroi zu erklären, das ist also die Hauptstadt der Lutherschen Reformation, wie sie Preußen im 19. Jahrhundert sich dachte.

Aber Leroi, der Philosophieprofessor aus Chicago, hing hartnäckig seinen Gedanken über die Reformation als Ursprung der modernen Individualisierung nach: ihr wahrer Motor und Kraft- quell ist das Schuldgefühl. Der Ablasshandel versprach, dass man sich freikaufen könne. Luther dagegen arbeitete immer wieder heraus, dass das Verhältnis zu Gott unauflöslich durch die Sündhaftigkeit des Menschen geprägt ist. Luther schreibt in einem Sendbrief: »So beweist das Gebot: ›Du sollst nicht böse Begierde haben‹, dass wir allesamt Sünder sind und kein Mensch vermag zu sein ohne böse Begierde, er tue, was er will. Daraus lernt er an sich selbst verzagen und anderswo Hilfe zu suchen, dass er ohne böse Begierde sei und so das Gebot erfülle durch einen anderen, was er aus sich selbst nicht vermag. So sind auch alle anderen Gebote uns unmöglich.«

Das Schuldgefühl setzt eine ungeheure Dynamik frei, die auf die unablässige Verbesserung des Selbst und der Welt ziele, wobei das Schuldgefühl die Kriterien und die Leistungen dieser Verbesserung wiederum unablässig in Frage stelle. Das Bessere gerät immer wieder als das Schlechtere in Verdacht – eine Dynamik, die, als Gott und seine Gnade als absolute Referenz verschwand, die moderne Welt schuf.

Klar, sagt Leroi, er wisse, dass man die Geschichte in der Regel ein wenig anders erzähle. Die protestantische Ethik bringe über Calvin und seine Prädestinationslehre den Geist des Kapitalismus hervor. Gott hat längst entschieden, wer durch seine Gnade erlöst wird, wer der Verdammnis verfällt. Der innerweltliche Lebenserfolg sendet aber Zeichen, wie der Gnadenstand eines Individuums beschaffen sei, laut Max Weber. Womöglich, sagt Leroi, könne man diese Erzählung aber einarbeiten in die seine vom Schuldgefühl als dem Kraftquell der modernen Individualisierung. Wenn er bloß die Zeit fände, diese Ideen auszuschreiben in seinem Buch?

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Wir wanderten dann in der Sommerhitze zurück durch unsere kleine Stadt. Das Melanchthonhaus; der Komplex der Universität. Auf die Rückseite des schönen Eingangstors haben Sünder zwei Schablonen-Grafitti platziert, die womöglich darauf vorausdeuten, welche weiteren Maskeraden hier anstehen. »Homo homini lupus« steht da rechts zu lesen, neben lupus die Umrisszeichnung eines Wolfs, der jeder Mensch sei, im Profil und heulend. An der Collegienstraße liegen auch die Cranachhöfe und das Cranachhaus und ein »Haus der Geschichte«, das vor allem von der DDR handelt, eine eigene Quelle des Schuldgefühls.

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Dann schleckten wir auf dem Trottoir vor einem Eiscafé drei Eisbecher und träumten weiter von den Maskeraden, die der Protestantismus hier an seinem Ursprung generieren könnte. Auf dem Markt, rechts neben den Statuen von Luther und Melanchthon, fand eine kleine Kundgebung statt, Protest gegen die Pläne der Obrigkeit, politische Flüchtlinge vom Balkan in Lagern zusammenzufassen (wenn ich richtig verstanden habe). Eine Mädchenstimme las im Lautsprecher die Resolution vor, mit einer kalten Wut (und Verzweiflung), die restlos aus der inneren Überzeugung floss, an die sich unbedingt zu halten der Protestantismus lehrt.

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Wir schlendern vorbei am Schaufenster eines aufgelassenen Geschäftslokals. Verbotenerweise ist es mit verschiedenen Plakaten beklebt. Eines davon zeigt in Schwarzweiß und kunstlos montiert eine Fratze mit gefletschten Zähnen und der Aufschrift:

»Die Zähne zeigt, / wer das Maul aufmacht / lebt und lest / radikal«.

Radikal, eine ehrwürdige Anarcho-Zeitschrift, klärte Leroi auf. Eben war sie wegen gewisser Attentate in Verdacht. So ähnlich muss wohl der Thesenanschlag funktioniert haben vor 500 Jahren. Falls er stattgefunden hat.

Aus: Hilmar Schmundt, Milos Vec, Hildegard Westphal (Hg.):
“Mekkas der Moderne“
Pilgerstätten der Wissensgesellschaft.
Böhlau-Verlag; 422 Seiten; 24,90 Euro
www.mekkasdermoderne.de

Mekkas der Moderne