Schlagwort-Archive: Harry Nutt

Einst

Harry Nutt

1972 war ein Jahr mit enormer Prägekraft. Das mag eine Frage des Alters sein, ich war damals 13 und sportinteressiert. Viele erinnern sich an das Jahr, als Deutschland im eigenen Land zum zweiten Mal nach 1954 Fußball-Weltmeister wurde. Das war 1974. Zwei Jahre zuvor aber fand so etwas wie die mythische Geburt dieser Mannschaft statt. Beckenbauer, Maier, Hoeneß, Breitner, Netzer und Co. wurden Europameister. Der Sieg von 1974 war der größere Triumph, aber der von 1972 war das reinere Ereignis. 1974 wurde mit einiger Mühe vollzogen, was 1972 in großer Eleganz und Leichtigkeit zelebriert worden war. 1974 war Arbeit, 1972 Kunst. Oder Pop. Es ist kein Zufall, dass Netzer, Breitner und sogar Beckenbauer sich zu dieser Zeit wie Popstars kleideten und sich gern vor und in ihren schnellen Autos fotografieren ließen.

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Einst

Harry Nutt

Über einige Fotos des Berliner Stadtfotografen Fritz Eschen

Die Haltung des Mannes strahlt bürokratische Gewissenhaftigkeit aus. Mit strengem Ernst scheint er das Papier zu prüfen, das die elegant gekleidete Dame mit Hut ihm vorgelegt hat. Sie hat ein erwartungsvolles, aber zurückhaltendes Lächeln auf den Lippen, als gäbe es noch einen letzten Vorbehalt abzuwarten. Das Foto ist aus dem Innenraum eines Pavillons heraus aufgenommen, die hell reflektierenden Blätter der Bäume im Hintergrund deuten auf einen sonnigen Tag hin.

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Einst und jetzt

Harry Nutt

Meinem Gedächtnis zufolge war es irgendwann Anfang der 80er-Jahre. Aber schon eine kurze Recherche im Internet korrigiert die Erinnerung. Es war der 14. Mai 1987, an dem ich mich mit zwei Freunden entschloss, nach dem Sport noch auf ein Bier in den Berliner Kellerclub Quasimodo zu gehen. Wir kamen gerade noch zu den letzten Stücken einer Live-Band, die dort öfter auftrat. Ich glaube mich zu erinnern, dass die Sängerin der Band Joy Rider hieß. Vielleicht war es auch der Name der Band. Das Internet weiß aber nichts davon. Wir waren etwas müde vom Sport, wehrten uns aber nicht lange, als die Bedienung uns nach einer weiteren Bestellung fragte.

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Mixed Tape

Harry Nutt

Dylan

Wenn es Nacht wird, zündet Dylan eine kleine Leselampe an. Man kann ihn sich über einen Stapel Platten und Papier gebeugt vorstellen, aus dem er dies oder das herauszieht, um es wie ein ihm zugefallenes Fundstück in seine Radiostunde einzubauen. „It’s night time in the big city“ lautet stereotyp die Eröffnung von Bob Dylans „Theme Time Radio Hour„, jenes inzwischen legendäre Programm des Satellitensenders XM Radio, in dem er seine Archäologie des amerikanischen Liedguts betreibt. Als Musiker und Performer ist Dylan immer mehr zum Grabungsbeauftragten seines eigenen Werks geworden. Von Konzert zu Konzert navigiert er durch seinen Fundus und stößt dabei auf fast schon Vergessenes, das genau jetzt passt. Bob Dylan bewegt sich in seinem Werk wie ein aufmerksamer Wanderer, dem kaum etwas am Wegesrand entgeht. Ein Passant, der weiß, dass alles auch ganz anders gewesen sein könnte.

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Unten und oben

Harry Nutt

Trinken

Wenn man seinen Blick erst einmal dafür geschärft hat, wie Menschen Flüssiges zu sich nehmen, dann gerät das Beobachten der Getränkeaufnahme im öffentlichen Raum bald zu einem Feldversuch über unbekannte Kulturtechniken. Plastikflasche, Thermo-Becher, Pappbehältnis mit Überschwappdeckel – auf die Möglichkeiten der Getränkaufbewahrung scheinen in den letzten Jahren beträchtliche industrielle Energien verwandt worden zu sein. Für die Kinder werden eigens stoßfeste, wieder verschließbare Saftflaschen mitgeführt, deren Verschlusstechniken dem Radrennsport entlehnt sind. Manche Kinder verstehen es, beim Nuckeln an den Pfropfen derart sportiv professionell dreinzuschauen, dass man nach den ersten Schlucken umgehend eine frivole Siegesgeste erwartet. Galt es früher mindestens als unschicklich, öffentlich zu trinken, so erscheint die Getränkeaufnahme inzwischen als ein weites Feld sozialer Distinktion. An der Art des Trinkens wird sichtbar, wo einer steht.

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