Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Christopher-Street-Day! Wie schade, lieber Siegfried, dass Du heute nicht dabei sein kannst! Ich hätte Dich beschwatzt bzw. in herrschaftsfreier Kommunikation zu überzeugen gewusst, dass wir als Duo, nämlich „Havelmann und Häwelmann“, mitgehen: Ich, einen Kinderwagen schiebend, als so eine Art Neptun verkleidet, mit Dreizack, starker Brustbehaarung, wasserdichtem Brustbeutel, grüngestreifter Badebüx und fashy-Schwimmschuhen, dass die Umstehenden neidisch auf mich gezeigt hätten: „Kiek ma, der Oppa da, jeil, watt?!“ oder „Der Olle traut sich watt!“ oder „Der Insulaner verliert die Ruhe nich!“ – zu Dir in der Babykarre mit dem Schild „Der kleine Häwelmann“ hätten sie wohl „Häh?!“ oder „Wattdenn, wattdenn?!“ oder „Mönsch, iss der kleen!“ gesagt, jedenfalls wären wir „The Talk of the Town“ gewesen, wie es im „New Yorker“ so schön heißt.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Um 6.35 Uhr, lieber Siegfried, war ich an der Havel, und fünf Minuten später drin. Von links kam eine Entenmutter mit vier, nein fünf Welpen bzw. Küken aus dem Schilf angeschwommen, rechts in der Ferne ein Schwanenpaar. Apropos: Wusstest Du, dass Schwanenwerder eigentlich ganz anders hieß? Sandwerder nämlich, und erst der Kaiser hat’s 1901 dann gestattet, dass daraus das pompöse Schwanenwerder wurde, usw.: Das kann sich ja heute jeder selber auf Wikipedia ansehen, und ich liebe das Netz dafür, so ein wunderbarer Ort des Nachschlagens und der Recherche! Wenn man aber wie ich mit Büchern und Lexika und ohne das Internet vierzig geworden ist und einen riesigen Vorrat an unnützem Wissen angehäuft hatte, der dann, durch die neue Technologie, schlagartig entwertet bzw. seiner Exklusivität beraubt wurde, dann wird man verstehen, dass ich auch manchmal etwas ambivalent auf diesen Fortschritt reagiere. (Jahrzehntelang war ich fast der einige Mensch, der wusste, dass der Förster vom Silberwald den Namen „Hubert Gerold“ trägt, heute genügt ein Click auf Google; praktisch wie Luthers Bibelübersetzung: IM PRINZIP lobenswert, aber für die Priesterschaft doch auch ein schwerer Schlag gegen ihr Herrschaftswissen.)

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Stadt der Katzen

Igor Arslan

Dieses Katzenfoto von 2014 stammt nicht von irgendwo, sondern aus Istanbul, der Stadt der Katzen. Doch leider berichtet die türkische Presse nicht mehr über diese Geschöpfe, sondern schweigt sie tot. Warum? Weil sie nicht die AKP und Erdogan gewählt haben? Werden auch sie verdächtigt, Gülenisten oder sonstige Terroristen zu sein?

Nichts erfährt man darüber, wie es ihnen nach dem großen Regen in Istanbul geht. Der Habertürk-TV-Wetterexperte Hüseyin Öztel hatte gewarnt: „Alle, die kleiner als 1,60m sind, sollten möglichst nicht auf die Straße gehen.“ Das trifft ja wohl auch auf Katzen zu.

Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

gestern holte mich Herr Rutschky um 11.30 Uhr ab, wir fuhren nach Lauchhammer, knapp zwei Stunden dauert’s; viele Wolken, schwül, aber auf der Autobahn (nach Dresden) musste man das Fenster dann schließen, sonst wurde es zu laut für eine Unterhaltung. In meinem nächsten Leben, wenn ich ein Auto habe, muss es eins mit Klimaanlage sein. Wir sprachen noch einmal über den „Förster vom Silberwald“, in enthusiastischem Abscheu sozusagen, auch über Gott und Trömp und die Welt. Wenn wir beide alleine sind und ich keine Sorge haben muss, dass er einen dritten, vorzugsweise Fräulein Richter, anschnauzt, ist es eigentlich sehr entspannt, wir können mittlerweile sogar ganz gut miteinander schweigen, was ich immer als ein Zeichen von Nähe angesehen habe, und es gelang mir eigentlich auch nur mit meinen Geliebten, wenn wir verliebt waren (wenn wir nicht verliebt waren, war mein Schweigen bedrohlich), und mit meinen besten Freunden.

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