Kleines Gedankenspiel in der Großbuchhandlung

Sankt Neff

Also, wenn ich das machte wie der kleine Junge da,
der sich niedergelassen hat
gleich an Ort,
gleich an Stelle,
mitten im Gang,
neben dem Tisch mit den Büchern für Kinder,
der da sitzt wie ein Schneider,
hingepflanzt auf den Boden,
wie selbstverständlich,
selbstvergessen,
versunken in Bilder und Buchstaben
und nicht achtend der Großen, die ihn umkurven,
gleichgültig, amüsiert oder auch neidvoll
angesichts dieser hemmungslosen Versenkung
– also, wenn ich das machte:
Wie säh das wohl aus?

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

heute bin ich wieder um 7 Uhr losgefahren, kurz vor Sonnenaufgang, die Leibniz hoch, überquere den Landwehrkanal und dann rechts in das Salzufer; kaum Verkehr am Sonntag; bei der Straße des 17. Juni auf die andere Seite des Kanals gewechselt und auf dem schönen Radweg direkt am Wasser zurück, bis zum Charlottenburger Schloss: Endlich ist die Sperrung an der Caprivibrücke aufgehoben, der Spreeweg renoviert, fast ein ganzes Jahr hat das gedauert. Um diese Zeit, beinahe 8 Uhr, ist kein Getier zu sehen, die paar Enten gelten nicht, aber Bruder Mensch beginnt sich zu regen, zumeist Obdachlose und Alkoholiker: Die Männer sind ohne Ausnahme sehr dünn, diese Säufer-Hagerkeit, ausgemergelt, haben einen Bart, tragen meistens grellfarbige Anoraks, Basecaps; zwei Frauen, die jüngere guckt wütend auf die ältere, die einen abgewetzten Persianermantel trägt und gerade, als ich sie passiere, in einen Papierkorb kotzt. Wenige Jogger im Schlosspark, kein einziger Angler. In der Kleingartenkolonie Spreewiesen dominiert heute die Aster, ich beschließe, Dir unter keinen Umständen Benns Gedicht zu zitieren. Komischerweise habe ich Dahlien, die heute in den Schrebergärten auch prunken, nie gemocht, schon als Kind nicht, die sahen mir immer zu künstlich aus, wie aus Papier gebastelt; aber die kleine Aster, in diesen merkwürdigen, grenzwertigen Farben, so klein und doch so eindringlich, durch die große Zahl der Blüten, hat mir damals schon gefallen, und heute um so mehr. Am Wiesendamm verlasse ich die Spree, biege nach links ab und fahre über die Reichsstraße zurück, zum Theodor-Heuss-Platz, und bald schon bin ich wieder im sicheren Wilmersdorf. Es ist diesig, aber trocken. Die rosenfingrige Sonne, die so ein überirdisches Rosa auf die Häuser malte, ist längst hinter Wolken verschwunden, es ist nicht kalt, vielleicht so 15 Grad? Um 8.30 Uhr bin ich in der Xantener, nun ein heißes Bad und danach der dritte Band der Churchill-Biographie.

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Grüne Insel mit Goldrand

Kurt Scheel

Eine Kindheit auf Altenwerder

Das Besondere an einer Insel ist ihre Inselhaftigkeit, alles so schön übersichtlich. Da ist die Insel, nennen wir sie Altenwerder, und drumherum ist DAS ANDERE, aber dazu kommen wir später. Wir sind in der Kindheit und müssen erst einmal die Insel kapieren, selbst wenn sie so winzig ist wie Altenwerder: ein an den Ecken abgerundetes Rechteck von zwei Kilometern Länge und einem Kilometer Breite, ringsherum brav von einem Deich geschützt, in der Mitte vom Querweg durchzogen. Obstplantagen, Gemüsegärten und Weiden mit Kühen in Halbtrauer. Viele kleinere und größere Gräben, deren Schlick bei Ebbe betörend und auch ein bisschen unheimlich dünstet, bei Flut führen sie das klarste Wasser, leicht gekräuselt, man möchte sofort ein Fisch sein.
Und statt eines langweiligen Meeres, womit „richtige“ Inseln sich dicke tun, gibt es im Osten den Köhlbrand, im Süden die Süderelbe, im Norden die Dove Elbe; drumherum feindliches Ausland, ich sage nur Finkenwerder, Moorburg, Waltershof; zweitausend Einwohner, eine kleine Festung in Indianerland, Fort Apache bei Hamburg, sozusagen.
Für einen kleinen Buttje ist das in den fünfziger Jahren ein Paradies, Altenwerder ist ein Traum, und ich kann, was wahrscheinlich ein Glück ist, dorthin nie zurückkehren, selbst wenn ich wollte. Es gibt nur die Erinnerung, denn der Fortschritt und das Kapital in Gestalt der Hamburger Hafenerweiterung haben meine Insel zerstört, heute ist das ein Containerterminal, und wenn quartalsmäßig die neuesten Exportdaten in der Tagesschau verkündet werden, können Sie in den illustrierenden TV-Bildern den Namen „Altenwerder“ auf den Kränen erkennen, und jedes Mal gibt es mir einen Stich ins Herz.

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