Über Pilze und Liebe

Kurt Scheel

Durch schöne Natur zu streifen ist für sich schon eine Art Schöpfungslob, die edelste Form jedoch, sich spazierender Weise in Wald und Flur zu ergetzen, ist das Pilzesammeln. Womit nicht erfolgsorientiertes Raffen und Rupfen gemeint ist, sondern das meditative, in sich und dem Sein ruhende, entspannt im Hier und Jetzt wesende Umherpirschen, das auf den ersten Blick fast zufällig-unschlüssig wirkt, als ginge jemand im Walde so für sich hin, und nichts zu suchen, das sei sein Sinn … Doch das Körbchen und das rote Taschenmesserchen sprechen eine andere Sprache: Hier beschreitet jemand den Weg des Pilzes, „kinoko do“, wie der Japanerer sagt, und dazu bedarf es einer bestimmten Haltung, braucht es Gnade und Grazie. Der Gentleman-Sammler mag sogar, ohne das Gesicht zu verlieren, einen großen Steinpilz übersehen, denn ihm ist der Weg das Ziel, er ist ein Liebhaber im Sinne Goethes: „Der Dilettant verhält sich zur Kunst, wie der Pfuscher zum Handwerk.“

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

als ich Dir sagte, ich müsste am Tag nach Siebenschläfer (da spielte die deutsche Mannschaft gegen Südkorea, den Tagesnamen fast zu wörtlich nehmend) zu einer LESUNG, lachtest Du, es war ein höhnisches, fast schon hämisches Lachen, und Du riefest aufgekratzt „Viel Spaß auch!“ und „Herzlichen Glückwunsch!“ und „Wohl bekommps!“, es war alles aber gelogen und blanker Sarkasmus, was ich flugs bemerkte, Du machtest ja auch kein Hehl aus Deiner beinahe schon kulturaversen Attitüde – durch Deine Ignoranz jedoch hast Du, ich sage es mit Trauer, mit „compassion“ (Willy Brandt), eine denkwürdige Lesung verpasst, wie es sie auch in diesem größeren Berlin so bald wohl kaum wieder geben wird.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

als ich letztens Fräulein Richter und Herrn Igor zu Gast hatte, das Essen (ECHTE Ochsenschwanzsuppe, Lammlachse mit grünen Bohnen und Kartoffelgratin, Birnen-Orangen-Kompott mit Vanillesahne) vertilgt und eine Folge der TV-Serie „Waco“ weggesehen war, saßen wir noch traulich beieinander, den Abend mit einem Gläschen Crémant de Loire sanft ausklingen lassend, da ritt mich der Teufel und ich brabbelte plötzlich halblaut „Juneau, Pierre, Monpelier“ vor mich hin. Die beiden „Kleinen“, wie ich sie für mich und nicht unzärtlich nenne, zogen ein Gesicht, das zwischen Schmunzeln und Kannitverstan oszillierte, und nun wieder ich: „Helena, Montgomery, Dover“. Herr Igor bequemte sich schließlich festzustellen, dass dies wohl Namen seien, und obwohl ich seinen Einfall gerne, fast enthusiastisch bestätigte, ermutigte es ihn keineswegs zu weiterführenden Thesen. Ich also wieder: „Frankfort, Bismarck, Columbus, Concord“, es dauerte jedoch noch eine ganze Weile (ich will Dich nicht mit Details langweilen), bis die Kleinen (ich nannte sie für mich mittlerweile „die Flinken“, was aber ironisch gemeint war) herausbekamen, dass dies „Orte“ (so wörtlich Frl. Richter) bzw. „Städte“ (Herr Igor) seien. Was für welche, wie hängen sie zusammen?, fragte ich in komisch-verzweifeltem Tone, Hände und Augen ringend bzw. rollend, und wieder: gähnendes Schweigen.

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Hinweis

Im Juliheft des Merkur (Nr. 830) widmen die Herausgeber Christian Demand und Ekkehard Knörer ihr Editorial Michael Rutschky: „Rutschky hat den Merkur mit mehr als hundert Texten über vier Jahrzehnte und alle vier Herausgeberschaften hinweg als eine seiner wichtigsten Stimmen geprägt“.

Zum Tod von Michael Rutschky Beiträge von Kathrin Passig, Dirk Knipphals, Brigitte Landes, David Wagner, Kurt Scheel, Jörg Lau im MERKUR, Heft 830.

Theckeliade (V)

Urs Theckel über: Unverhofftes Wiedersehen (und alte Fotos)

Aufgezeichnet von Kurt Scheel

Sie sind ein junger Mensch, und deshalb glauben Sie, dass wir Alten nicht nur alt sind (wer wollte das bestreiten?), sondern irgendwie immer alt waren, aber genau das ist falsch! (Als wir jung waren, haben wir es auch geglaubt, das ist ganz normal.) Auch wir rüstigen Rentner waren einmal jung und yang, hinter den Weibern, wie man im letzten Jahrhundert ganz unverblümt sagte, „her“, kussfest und gefühlsecht, empfindsame Empatiker und krasse Krokodile. Ich erzähle Ihnen eine kleine Geschichte, aus der man fast eine klassische Novelle, unerhörtes Ereignis usw., machen könnte, zu Ihrem Nutz und Frommen!

Es war auf der Gedenkfeier für Michael Rutschky, ausgerechnet am letzten Samstag vor Trinitatis, ich machte die Honneurs als ältester (und, wenn Sie mich fragen, bester) Freund des Verblichenen, da kommt eine mir unbekannte Dame auf mich zu, ich nenne verbindlich lächelnd meinen Namen: Urs Theckel, sie sagt: Ich bin Petra Köhler – und in dieser Sekunde erkenne ich sie, hinter dem von Falten interessant gezeichneten und immer noch hübschen Gesicht erkenne ich meine erste Geliebte, mit der ich sieben Jahre zusammen war, die allererste Liebe meines Lebens. Mitte der Siebziger haben wir uns getrennt, es war keine richtig üble Trennung, aber eine, wie es sich gehört, sehr schmerzhafte, für mich jedenfalls, denn die Frau wollte sie, nicht der Mann, so ist das ja wohl häufig. – Die Trennung von meiner zweiten Liebsten, nach zwanzig Jahren, war auch kein Honigschlecken, aber doch nicht so schmerzhaft, nicht solch eine Lebenskatastrophe wie die erste, und mehr Frauen habe ich, genau betrachtet, eigentlich nicht mit ganzer Seele, ganzem Leib geliebt. (Die vielen, vielleicht allzu vielen Frauen, die dem widersprechen könnten, sollen hier unberücksichtigt bleiben.)

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

am Dienstag war’s, Markttag, und ich auf dem Weg in die Nestorstraße, nicht mit dem braven Raleigh unterwegs, sondern mit dem Schnurzelrad, das nicht des Nachts im Kellerverlies geborgen wird, sondern als Alltags- und Gang-und-Gäbe-Rad auf der Straße angepflockt ist des Glaubens, dass es seiner Gewöhnlichkeit wegen schon kein Diebsgesindel anlocken wird – ich biege also in die Nestorstraße ein, und da verheddere ich mich, verheddert es sich, ich weiß nicht wie, und ganz, ganz langsam kippe ich um, legt sich das Rad auf die Seite, die rechte, und ich mich mit ihm, und die rechte Hand will sich abstützen, und ich sehe, wie an der Ampel ein Schüler, vierzehnjährig etwa, kein Biodeutscher, sondern so eine aparte berlinisch-nordafrikanische Mischung und recht hübsch, losläuft auf mich zu, um zu helfen, als ich vom Boden mich aufrapple, mühsam, aber eilig, als könnte ich, wieder stehend, den Umfall gleichsam ungeschehen machen, da ist er schon angelangt, ich aber sage fast überhastet „Danke“ und lächle ein Nichts-passiert-Lächeln und winke huldreich ab, er schaut erleichtert und geht auch weiter. Ich aber bin gerührt ob solcher Hilfsbereitschaft und beschließe, fürderhin jeglichem, auch dem allerkleinsten Rassismus abzuschwören.

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Vom Haus zum See und zurück

Steffen Brück

Die Sonne ging mal wieder über Leichen
wie eine Leiche lag ich vor dem Haus
und vor dem Haus, da gabst du mir ein Zeichen
das Zeichen wies zum Mittelpunkt des Blaus

Das Blaue log auf ziemlich kurzen Beinen
die kurzen Beine trugen mich zum See
den See zu sehn verursachte fast Weinen
fast weinen mußte ich, denn schön tat weh

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