Brief an Siegfried Kohlhammer

Kurt Scheel

B4 6 lautet die alte Radlerweisheit, aber was das nun wieder bedeuten mag, wirst Du, lieber Siegfried, Dich höchstwahrscheinlich fragen, etwas missmutig; kann er denn seine kindlichen, ja kindischen Blödeleien nicht mal auslassen? Ja, das kann er – aber will er es auch? In Seniorensprache bedeutet es: Before 6, und es will uns sagen: VOR 6 Uhr morgens solltest Du Deine Ausfahrt beginnen, am besten am Sonntag, dann ist die Stadt öd und leer, von Menschen („Berlinern“) jedenfalls – so begann das heutige Abenteuer, 6.02 Uhr war es gerade geworden, also schon unter einem bösen Omen bestieg ich olle Raleigh. Das sich aber, das Omen, zum Glück nicht weiter mausig machte: Charlottenburger Park, spiegelglatte Spree (Spannenlanger Hansel, spiegelglatte Spree: Kennst Du das alte Kinderlied?), die letzten Schutthaufen der aufgelassenen Spreewiesenlauben waren entfernt und auf einer Schute abgeladen worden, was mich sogleich an meinen ersten Venedigbesuch erinnerte, als ich früh morgens aus dem Fenster Deiner Wohnung auf den Kanal sah und die Müllkähne erblickte, wie da das große Glücksgefühl mich ergriff und ich wusste: Ich bin in der Lagunenstadt!

Weiterlesen

Einst und jetzt

Kurt Scheel

Im FAZ-Magazin war gestern ein interessanter Artikel, der den 75. Geburtstag Paul McCartneys zum Anlass nimmt, an die Berichterstattung der Zeitung über die Beatles zu erinnern – ich stelle mir das so vor, dass der Autor Jörg Thomann (sagt mir nichts), als er am Gedenkartikel saß, das Archiv zum Thema konsultiert hat und in eine tiefe Krise geriet. Denn es ist kaum zu glauben, wie uninformiert, herablassend, dümmlich diese Beiträge sind. Im ersten FAZ-Artikel von 1963 ist die Rede von „kreischenden Teenagern“, die „Eintrittskarten für ein Jazzkonzert der ‚4 Beetles’ (Käfer) zu ergattern“ versuchen. 1964 schreibt die FAZ den Namen „Beatles“ immerhin richtig, muss aber kritisch anmerken: „Selbst die fanatischsten Anhänger der Beatmusik bestreiten nicht, dass ihre Texte und Melodien ziemlich minderwertig sind.“

Weiterlesen

Obenuntentagebuch

Yvonne Zeich

Ein Leserbrief aus Berg/ Starnberger See: „Seit ca. vier Jahren sind wir unmittelbar dem Einfluss des Internet auf unsere Kinder (14 und 16 Jahre) betroffen. Ich wünschte, sie hätten die Chance gehabt, ohne digitale Medien aufzuwachsen. Sie könnten den Morgen beginnen, ohne die ersten Chateinträge zu lesen und verzweifelt ein Ladegerät zu suchen. Sie würden sich auf dem Weg zur Schule unterhalten, statt mit >KnopfNot< heraus oft besonders gute Ideen entstehen. Ohne ständigen Austausch via Chat würde der Wunsch nach dem Zusammensein mit Familie und anderen Menschen wieder wachsen und die gemeinsamen Treffen würden noch häufiger Aug in Aug stattfinden. Die digitale Welt ist unbestritten ein wissenschaftlicher Geniestreich mit vielen Innovationen, Lösungen und Chancen für Gegenwart und Zukunft, jedoch nur, wenn wir Nutzer nicht zulassen, dass wir ständig fremdbestimmt werden. Wir sollten uns trotz dieser Faszination das lebenswichtige Bewusstsein für unsere Umgebung zurückerobern und bewahren.“

Weiterlesen

Gesund oder Krank

Kurt Scheel

Warum ist Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“ so ein widerwärtiges Buch? Weil es eine Art von Kinderpornographie ist, die vor Päderasten zu warnen vorgibt. Die Autorin hat erklärt, dass sie sich über das Thema Missbrauch nicht ernsthaft kundig gemacht, es ist in diesem Roman so etwas wie eine Metapher, die allgemein für das Böse steht, und das ist insofern geschickt, weil Kindesmissbrauch in unseren Zeiten das ultimative Böse ist; was der Holocaust für die Vergangenheit, ist Kindesmissbrauch für die Gegenwart: nicht zu überbieten. Und so wird uns also die Geschichte eines bei der Geburt ausgesetzten und in einem Kloster aufgezogenen Babys erzählt, das von Kindesbeinen an von den Klosterbrüdern vergewaltigt und gefoltert wird (Höhepunkt ist die Schilderung einer mit Olivenöl eingeschmierten Hand des Kindes, die dann in Flammen gesetzt wird; die Vergewaltigungen werden nur konstatiert, nicht ausgemalt). Als Achtjähriger wird unser Hiobsheld Jude St. Francis (!) dann von einem Päderasten, der im Kloster als „Bruder Luke“ Unterschlupf gefunden hat, entführt und auf einer monatelangen Reise durch die USA als Stricher vermietet, mehrfach täglich, gerne auch Gruppenvergewaltigung (wir befinden uns NICHT im 19. Jahrhundert, sondern Mitte der 1970er Jahre).

Weiterlesen