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Alles muss sich wandeln

nach einer Idee zum Karneval von Kurt Scheel

Alles muss sich wandeln
nur das Klima nicht,
denn sonst ist bald im Schacht
für immer Schicht.

Die Ente, klein und hässlich,
wird ein schöner Schwan.
Die Raupe zieht sich später
hübsche Kleider an.

Wirfst Du den Frosch
mit Wucht gegen die harte Wand,
dann wird daraus ein Prinz,
vielleicht sogar ein Mann.

Ein schöner junger Mensch
wird älter mit der Zeit.
Das Einzige was hilft,
ist die Gelassenheit.

Aus einem kleinen Bach
wird mal ein großer Fluss.
Aus einem zarten Blick
vielleicht einmal ein Kuss.

Die Brise wird zum Sturm,
der Sturm ein Hurricane.
Nasses Haar wird trocken,
nimmst Du einen Föhn.

Eisbären können nicht mehr
auf der Scholle gehen.
Es ist schon viel zu warm.
Wann wird man je verstehen?

1 Grad Komma 5,
mehr ist für uns nicht drin.
Wird es etwas wärmer,
wird es richtig schlimm.

Die volle Flasche ist
in ein paar Zügen leer.
Ich war auch schon mal nüchtern,
doch lang ist es her.

Wasser wird zu Wein,
schenk mir den Wodka ein.
Lass uns auch beim Untergang
noch lustig sein.

Früher hieß es noch:
Die Zukunft liegt vor Dir.
Heute ist Dir klar,
bald gibt es sie nicht mehr.

Es geht jetzt um die Wurst,
nicht um den heißen Brei.
Wir müssen schleunigst handeln,
sonst heißt es good-bye.

Alles hat ein Ende,
nur die Wurst hat zwei.
Machen wir so weiter,
dann ist es vorbei.

Alles muss sich wandeln,
nur das Klima nicht,
denn sonst ist bald im Schacht
für immer Schicht.

Pängpäng

Lang Lang lang vorbei,
genau wie Ai Weiwei.
Heute heißt es Pängpäng!
Meine Kunst ist ein Geschenk.
Ich schieß’ auf meine Art
ein Loch in eure Tickets
für die letzte Fahrt.

Ich sage: Hoch die Hände,
stell’ euch an die Wände,
besiegel’ euer Ende.
Jetzt wird es für euch eng.
Das Letzte, was ihr hört, ist Pängpäng.

Was nützen euch jetzt die Millionen?
Bushido leidet an Depressionen.
Besteht schon Suizidgefahr?
Was ist los mit Capital Bra?
Fentanyl und Tilidin –
bestimmt nimmt er schon Heroin.

Ich sage: Hoch die Hände,
stell’ euch an die Wände,
besiegel’ euer Ende.
Jetzt wird es für euch eng.
Das Letzte, was ihr hört, ist Pängpäng.

Was ist passiert mit Schwester Ewa?
Früher war sie richtig clever.
Doch nach ihrem Strafprozess
Hört sie einfach nur noch Jazz.
Wer ist heute noch stabil?
Vielleicht Bausa, Haftbefehl?

Ich sage: Hoch die Hände,
stell’ euch an die Wände,
besiegel’ euer Ende.
Jetzt wird es für euch eng.
Das Letzte, was ihr hört, ist Pängpäng.

afder dem war

Das Gaulland öd.
Ein Pferd steht sich die Beine krumm:
Cowboystyle.
Rechtsaußen ist noch einer.
Er schießt die Böcke.
Und die da mit dem Feudel
in dem ganzen Staub!
Versteht das wer?
Die Anderen sind schon lange tot,
die Ahnen.
Sie hatten bereits alles.
Deutschland, Macht, Krieg.
Den Auf- und Untergang.
Den Weltenbrand.
Und heute?
Die Besten:
Die Lügenblonde,
die Lobby-Lady mit dem mousy handicap
und er –
der mit den Leichenaugen,
schon selbst darin ertrunken.
Beim Lächeln hängt der Mund
ihm winkelig nach unten.
Und der Dackelopa
mit dem Hausmeistergesicht,
immer angewidert.
Warum das Ganze überhaupt
afder dem war?
Es ist doch alles schon verbrannt.
In welcher Erde
sollen die bösen Blumen wachsen?
Vielleicht in Thüringen
oder Sachsen.
Vielleicht.

Hinweis

Im Juliheft des Merkur (Nr. 830) widmen die Herausgeber Christian Demand und Ekkehard Knörer ihr Editorial Michael Rutschky: „Rutschky hat den Merkur mit mehr als hundert Texten über vier Jahrzehnte und alle vier Herausgeberschaften hinweg als eine seiner wichtigsten Stimmen geprägt“.

Zum Tod von Michael Rutschky Beiträge von Kathrin Passig, Dirk Knipphals, Brigitte Landes, David Wagner, Kurt Scheel, Jörg Lau im MERKUR, Heft 830.

Immer wieder Halloween

Sandra Kellein

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Die zunehmend sexualisierten Aliens im Zuge der allgemeinen Retro-Moden begann manche bereits vor Halloween 2014 und seinen üblichen Kürbissen, mitsamt all ihren vielfältigen und manchmal wunderbar vulgären Rundungen, zu irritieren. Schließlich hatte schon 1975 mit der Verfilmung der Rocky Horror Picture-Show von Richard O´Brian ein Höhepunkt stattgefunden, der im Glam-Rock fast wieder im Sande zu verlaufen drohte und als Zitat und mehr und mehr zerfasert, später weiter den Pop bereicherte.

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Itching my Scratches

Hilmar Schmundt

Verdammt, nun bin ich links unten überholt worden. Plötzlich fühle ich mich reaktionär. Schuld ist die Ausstellung „Scratches“ in der ehemaligen Bötzow-Brauerei. Seit Jahren bilde ich mir etwas darauf ein, so etwas wie ein Straßenkunstfreund zu sein, ein Connoisseur von Graffiti, Pochoirs, Sgraffito, Kinderkritzelen an Hauswänden. Ich genieße es, am Tresen auf der Seite der künstlerischen Subversion einzunehmen. Wenn jemand über die Schmierereien klagt, verteidige ich Graffiti als antikommerzielle Wiedereroberung des Stadtraums. Und ich weiß, dass ich damit auf der Seite richtigen Seite der Kunstgeschichte stehe, zusammen mit Norman Mailer, Banksy und der Gang aus den Höhlen von Chauvet.

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nature fast morte

Sandra Kellein

DSCI0008 - Arbeitskopie 2

Im Schöneberger Ententeich trotzt seit ungefähr sechs Monaten ein mittelgroßer Goldfisch mit erheblichen Verletzungen dem Hecht, Reihern, unlängst auch dem Eis. Seine Artgenossen, darunter ein Koi-großes Exemplar, das ein Vater mit seiner Tochter `Dickie´ taufte, scheinen inzwischen auf Abstand zu gehen. Gestern schwebte der Fisch mit kaum wahrnehmbarer Bewegung der Flossen über einer Zeitung, heute neben einem Lieferschein. Zentimeter weiter, reglos, ein Junghecht. Derzeit wartet Autorin K. auf die ersten Sportangler, mit oder ohne EasyJet. Die Hechte waren auch hierher gelangt, als Fischlaich an Vogelkrallen.

Kunststoff im November

Sandra Kellein

Manche trägt man mit den Füßen vielleicht hinaus, andere schiebt man hier einfach so hinein. Heute zum Glück aber nur Puppenjungs, fand Autorin K. zunächst, um dann aber wunderweise an jedem der Beine belebende Eigenheiten zu entdecken. Das, während eine Asiatin Meter weiter in der Halle vor einem improvisierten Altar ihre Andacht verrichtete und ein Hund trotz der schlechten Luft und den speziellen Ausdünstungen der textilen Ware in Berlin-Lichtenberg gut bellen konnte.

Kunststoff im November