Archiv der Kategorie: Organisch oder anorganisch

Organisch oder anorganisch VII

Sandra Kellein

Ein kleines Raumschiff oder eine neue Plage, ein mutiertes Gurkengewächs oder ein echter Body-Snatcher? Etwas, das die heile Welt vorm Schöneberger Standesamt aus einem der dreihundert Meter weiter angrenzenden Schrebergärten entwichen, als neue Art überfluten will. Man wird doch ständig gewarnt, was einen alles aus dem Gleichgewicht zu bringen droht, fand Autorin K. alltags, für all den verordneten Frohsinn und die viele Hoffnung wären solche Stacheln jedoch ein guter Transmitter. Gegen die viel zu vielen hohen, oft zu engen Schuhe und den gesellschaftlichen Druck, gegen den Männer früher mit stützenden Bauchbinden und Frack mehr Haltung ertrotzen konnten. Der Lächelzwang beim normalen Hochzeits-Ritual ist dagegen unvermindert weiter gefragt, auch der eine, gut gebuchte und mit dem Hochzeitsmarsch beschäftigte Akkordeonist. Interessant und liebenswert wird es vielleicht erst, wenn etwas schief geht. Die von einer Event-Agentur gebuchten weißen Tauben nicht synchron starten wollen, ein Brautschleier ganz altmodisch reißt. Oder diese Verlegenheit, diese Verlegenheit, die einfach nicht weicht. An den Rest erinnern wir uns später weniger. Da ist alles schon verdaut.

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Organisch oder anorganisch VI

Sandra Kellein

Während ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes einen Radfahrer nach dem anderen verwarnte, wippten dazu weiße Luftballons in der Luft und die fünfzehnte Braut des Tages in rosa. Reizvoll, am Hochzeitsgewoge in Schritttempo auf dem breiten Gehweg mit dem Fahrrad vorbei zu fahren. Das kostete allerdings zehn Euro. Die Gebühren der Standesamtlichen Trauung, Anmeldung und Beurkundung variieren nach Bundesland und Ort dagegen leicht, über das Zehnfache des in den nächsten Tagen folgenden Bescheids des Berliner Ordnungsamtes an Autorin K.. Was sind schon zehn Euro für ein Schauspiel, was einem der Staat fast täglich bietet, dachte sie und versuchte Leichtigkeit zu bewahren. Etwas niedergedrückt von den saisonal allmählich als eintönig wahrgenommenen und in rot ausgestanzten, angeknüllten und vielleicht nachts von Wildtieren benagten, unverdaulichen Aluherzen.

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Organisch oder anorganisch V

Sandra Kellein

Die erste Gruppe schien zunächst pan-asiatisch daher zu kommen. Die Frauen lachsfarben verschleiert, elfenbeinfarbig, die zarte Robe der Braut. Die dazugehörigen, zierlichen Männer wirkten in ihren Anzügen zunächst steif, eher deutschen Krähen ähnelnd und nur wegen der Hochzeitsfotos weniger beweglich. Eine Heirat weiter folgten zwei Schornsteinfeger, die für den Fotografen das deutsch-afrikanische Brautpaar einrahmten. Der Bräutigam: ein nordischer oder deutscher Europäer, die Braut optisch aus Afrika stammend. Eine der Brautjungfern war ganz in schwarz und mit ihrem Blumenkorb sehr gewichtig, fast wie die drei anderen Männer zusammen. Vielleicht eine der heimlichen Mütter von allem. Rundherum aufgemischt von buntbedruckten afrikanischen Stoffen, auch einige bunte Turbane darunter. Also einmal wieder schönstes Gewoge von Ethnien, die derzeitige Herkunft aller völlig unbestimmt, ein friedliches High Noon von Kulturen, samstags vorm Standesamt Schöneberg.
Und schön, dass Bräute nicht mehr blond sein müssen, dachte sich Autorin K., oder etwa Hochzeits-Torten weiter aus Marzipan. Und grübelte dann weiter, ob der Efeu auf der Grünfläche nebenan vielleicht echt wäre. Einen Schattenwurf entfernt hatte die Hochzeits-Dekorationsware des Monats ihr Dasein fast schon wieder beendet. Nur ein massentauglich und millionenfach ausgestanzter Schmetterling mehr. Ein Fleck, unter dem vielen rund herum. Der würde bald neben dem Stein und einer typischen Friedhofspflanze verrotten, sofern der Wind nicht wieder drehte.

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Organisch oder anorganisch IV

Sandra Kellein

Heute Nachmittag einmal ein Ausreißer, mitten im schönen und angestrengten Gewoge vorm Hochzeitsfotografen ein weiblicher Feuervogel. Wohl versucht, eine der Bräute zu übertrumpfen, dachte Autorin K. an einem heißen Wochenende im Juli. Ein lachsfarbenenes, eher grelles Gewand, geliehen oder nicht, überstrahlte das andere, ein gedecktes Weiß an der Braut in Seide, geliehen oder nicht. Drei Hochzeitsgesellschaften gleichzeitig diesmal, nahezu synchron in der Gastronomie vorm Standesamt am Rathaus Schöneberg bewirtet, kleine, zartrosa gekleidete und unartige Prinzen als eine Art Höhepunkt in der einen, die Blumenkinder. Fair-Trade-und recycelbare Baumwolle wahrscheinlich auch vereinzelt unter den Gästen und zwei Fotografen anbei, offensichtlich einer mit einem Doppelauftrag. Auf der vermeintlichen Gewinnerinnenseite jedoch zwei schwarz-weiß gewandete Brautjungfern: Kraft ihrer Jugend im Altersdurchschnitt etwas abseits und scheinbar in einem asexuellen Separée, dank Glasbausteinen und gebürstetem Stahls – in einem elegant und kühl wirkendem Vorraum der anliegenden sanitären Einrichtung. Zwei, die die die allgemeine Kleiderordnung und Konkurrenz bewerteten und Noten verteilten.
Was für ein Theater, dachte sich Autorin K. und wusch sich die Hände als lauschende Beobachterin, sozusagen in Unschuld.
Spät nachts fegte dann ein Gewitter einige der Hinterlassenschaften auf dem Gelände draußen durcheinander und ordnete alles neu.

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Organisch oder anorganisch III

Sandra Kellein

Ein mikroskopisch kleiner Auswurf von Insekten – so was scheint neuerdings manche Hochzeitsgesellschaft am Rathaus Schöneberg beim Posieren zu lockern. Freude und Heiterkeit inbegriffen. Statt wie früher das Wort „Spaghetti“ auf Aufforderung auszurufen, was in vielen Gesichtern für einen breiten Mund und ein eher gequältes Lächeln sorgte, verlangen nun einige Fotografinnen und Fotografen „Ameisenscheisse!“. Champagner oder Sekt und Freude dabei oft inklusive. Biologisch fällt beim Abbau von Champagner-Korken später wenig ins Gewicht, bei Flaschenverschlüssen, Altglas und pfandpflichtigen Prosecco-Dosen, die sich semiprofessionel Sammelnde für ihr Zubrot holen, weitaus mehr. Und wie erst würde wohl, fragte sich Autorin K. angesichts eines Samstagnachmittags unterschiedlicher Hochzeitsgruppierungen, so ein Wort wie „Ameisenscheisse“ den weiteren Abend düngen, ihn lebendiger machen. Solange sich keiner dabei wundert, dass Ameisen ihre Nester sauber halten und Ausscheidungen zur Wegmarkierung oder als Baumaterial verwenden. Gut, wenn sich die Forschung darüber nicht einig werden wird.

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Organisch oder anorganisch II

Sandra Kellein

So ein Reichtum, dachte Autorin K., donnerstags an Berlins Schöneberger Standesamt im Vorbeigehen, nachdem eine Stretch-Limo und dann noch eine und auch die uniformierte Jagdgesellschaft hupend und jubelnd das Terrain verlassen hatten. Und all diese Liebe, die aus Aluminium in Herzform gestanzt eher symbolisch liegen blieb und nicht einfach weichen will. Eine Symbolik, die nicht so verrottet, direkt neben den nahrhaften und leicht kompostierbaren Relikten leerer Baumsamen und Fruchthüllen vom letzten Herbst, aus dem Park nebenan, herüber geweht. Das alles auch weiterhin, selbst wenn der Sitz der Seele heutzutage im Gehirn angekommen sein soll. Was ist da die eine Kippe mehr, in all der Euphorie. Vier Meter weiter wartet manchmal schon die nächst terminierte Braut, etwas einer Bonboniere ähnelnd, in anderen oder noch sozusagen normalen Umständen, mit aufsteigenden, rosa Luftballons, einen Moment gegen eventuellen Müll der Zukunft gewappnet.

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Organisch und anorganisch I

Sandra Kellein

Neuerdings Klatschmohn in Massen – Matière plastique, c’est fantastique. Damit heiraten Paare in all ihrer Hoffnung wie am Spieß, samstags besonders gern und direkt im Rathaus Schöneberg. Neben einer halben Nussschale, die vielleicht ein Eichhörnchen oder eine Krähe fallen ließ, neben unterschiedlichem anorganischen und organischen Müll, später an der Haustür des Standesamtes stehend. Mittlerweile wurde Reis-streuen als auch Reis-auf-das-Brautpaar-werfen verboten, Tanzen jedoch nicht. Fast wie im richtigen Leben auch, dachte sich Autorin K. an einem Dienstag, nach einem kalten Mai, da laut letzter Medienberichte Lebensmittel nicht mehr verschwendet werden sollen. Freuen wir uns also auf den Sommer, was ist schon so ein kleiner Vogelschiss auf Kunstmohn.