Archiv der Kategorie: oben/unten

top oder bottom?

Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,
gestern war ich mit Herrn Rutschky und Herrn Brück im Kino, auf der Fahrt dorthin in der U-Bahn saßen mir zwei junge amerikanische Männer gegenüber, ein Schwarzer von etwa 150 Kilo, ein Weißer von 120 Kilo, im Touristenlook mit kurzen Hosen, T-Shirt und Sportschuhen, sie nahmen nicht vier, aber doch gut dreieinhalb Sitze auf der Bank ein; ich schlug den Blick nieder, weil der Schwatte wirklich einen ungustiösen Anblick bot. Aber ihrer Unterhaltung, durchaus zivilisiert und halblaut, konnte ich nicht ganz entgehen, so hörte ich, in einer englischen Suada, immer wieder kuriose Namen wie „Siegfried“ und „Siegmund“, und dann begannen die beiden, sich etwas vorzusingen, vorzusummen, Motive aus „Der Ring des Nibelungen“, auf deutsch, und das war eindeutig keine Show für das U-Bahn-Publikum, sondern kam von Herzen. Ich hatte die beiden, nicht ohne Grund, flugs als Abschaum abgebucht, und nun das! Ich schämte mich ein bisschen und dachte, dass der Herr mir eine Lektion hatte erteilen wollen, mit meinem gut gefüllten Verachtungsreservoir ein wenig sorgsamer umzugehen, nicht immer gleich und sofort und fast übereilig die Schleusen des Abscheus zu öffnen. Du erinnerst Dich an die Szene im Grunewald am Montag, auf meiner Radtour zur Havel, als ich die alte Frau wegen ihres mich ankläffenden Hundes anschnauzte und sie mich dann mit einem ehrlichen „Es tut mir sehr leid“ beschämte? Wenn mein Leben ein Gleichnis wäre, müsste eigentlich bald „Die dritte Versuchung des Knut Scheer“ stattfinden, ich halte Dich auf dem Laufenden.

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Oben und unten

Henry Klee

Die Eltern, bitterarme Farmer im US-Staat Missouri, wollten ihrem Sohn William den Weg nach oben eröffnen (in John Williams’ Roman „Stoner“). Er darf sich an der Universität für Agrarwissenschaft einschreiben, und er macht sich schüchtern und fleißig ans Studieren, das ihm die Farm seiner Eltern auf einem höheren Niveau zu betreiben erlauben würde. Zu diesem Studium der Agrarwissenschaft gehört aber auch ein Grundkurs in englischer Literatur. Der ironisch-asketische Professor Archer Sloane hält ihn. Einmal ist ein Sonett von William Shakespeare dran, das Archer Sloane mit erhellendem Charisma vorträgt – um im Anschluss William Stoner direkt zu fragen: „Was bedeutet dieses Sonett?“ Stoner setzt zu einer Antwort an, bleibt aber stumm, und Professor Sloane beendet die Seminarsitzung.
Damit erkennt er an, dass William Stoner gerade durch sein Verstummen angesichts von Shakespeares Sonett den Durchbruch nach oben, nach weiter oben geschafft hat. Er gibt die Agrarwissenschaft auf und studiert englische Literatur. Irgendwann übergibt ihm Professor Sloane den Einführungskurs, in dem er seinerzeit sein stummes Erweckungserlebnis hatte.

Obenuntentagebuch

Yvonne Zeich

Ein Leserbrief aus Schriesheim: „Es ist dringend an der Zeit, die Stimme zu erheben gegen diesen Raubtierkapitalismus, der nur dem Profit der Banken und Konzerne verpflichtet ist, weite Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge kommerzialisiert und sich in menschenverachtender Weise gegen die Bürger richtet. Doch hier beginnt das Problem: Während in südlichen Ländern mehrere hunderttausend Menschen auf die Straße gehen, kann man hierzulande froh sein, wenn sich gerade mal 25 000 Menschen engagieren, während ein einziges Fußballspiel 50 000 Leute mobilisiert und der doppelte Titelgewinn eines Bundesligavereins von 260 000 Menschen bejubelt wird. Als Teilnehmer der genehmigten Blockupy-Demonstration am 19. Mai in Frankfurt habe ich erlebt, wie schwierig es ist, ein paar Leute zum Mitmachen zu motivieren.
Das Motto seit Urzeiten: Gib dem Volk Brot und Spiele. Mit dem Brot könnte es zwar in absehbarer Zeit kritisch werden, aber Spiele gibt es immer. Schuhmacher, Vettel & Co starten im repressiven Bahrain, zahlen ihre Steuern im günstigeren Ausland, und unsere völlig entpolitisierte Fußballnationalmannschaft wird nun in einer Diktatur unter der Regie eines korrupten Fußballweltverbandes dem Ball nachjagen. Der deutsche Michel aber sitzt im Garten vor dem Fernseher, den Grill neben sich und ruft wieder bierselig >Dschland<. Es gäbe noch viel zu sagen."

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Lalülala

Sandra Kellein

baummitschuhen

Ob über den Wipfeln wirklich Ruhe herrscht?, fragte sich Autorin K. an einem Donnerstagvormittag im Mai, bei geöffnetem Fenster. Das, nachdem Detonationen und wohl auch Schüsse zu hören gewesen waren, die durch das Lalülala eines Streifenwagens ein Ende fanden. In der Kindertagesstätte, Häuser weiter, kurz darauf: Ein von Kindern innen und außen vollständig okkupierter Polizeiwagen mit flackerndem Blaulicht, ringsherum zerfetzte Luftballons. Der Kontaktbereichsbeamte stand daneben und aß ein Brot.

Vielleicht würden aber oben, in den Wipfeln, gerade niedliche Eichhörnchen Jungvögel aus den Nestern reißen.

IMMERGRÜN

Sandra Kellein

papagei

Merkwürdig unspektakulär, fast ereignislos scheinen dieser Herbst und milde Winter bisher, dachte Autorin K. am Dienstag. So dass die Leute dieser bisher wenig verspielten Nation schon anfangen, Spielzeug ins Immergrün zu hängen oder auf kalten Vorgärtenbänken zu platzieren. Und wie schön dieses gekenterte Kreuzfahrtschiff vor der toskanischen Küste aus der Ferne eigentlich aussieht, so auf der Seite liegend, als ob es schliefe.

loewe

Kunst oder Leben II

Sandra Kellein

pradesert

Dieses hübsche Gebäude steht in der Wüste, genauer gesagt bei Marfa, Texas. Bis auf seltene Angriffe durch Vandalismus genießt es eine beschauliche Existenz. Gern übernachten und verenden Fliegen darin, die aus konservatorischen Gründen von Zeit zu Zeit weggesaugt werden. Ob es sich eher um Eintags- oder gewöhnliche Stubenfliegen handelt, überlegte Autorin K., als sie davon erfuhr. Ihre Kenntnisse erschöpften sich zunächst bei der gemeinen Fruchtfliege. Doch angesichts der Einteilung in Spalt- und Deckelschlüpfer und der Vielfalt von weltweit circa viertausend Fliegen-Arten und an die zehntausend verschiedenen Sorten von Stelzmücken schien das egal – was sind da schon ein paar tote Fliegen.

Kunst oder Leben I

Sandra Kellein

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Dieses Objekt, ein Urinal mit einer akkurat darüber geklebten Spitzendecke, fällt in einer italienischen Bar an der Riviera in gewillte Augen. In einem Hinterzimmer – oder vielmehr im Vorzimmer, sonst nach herkömmlichen Geschlechtern voneinander getrennten Toiletten.
Ob es sich wohl um eine ungenutzte Vorrichtung für Priester handelt? Laut katholischer Kirche neigen einige ihrer Körpersäfte zur Verflüchtigung. Und auch der allererste Eindruck von Autorin K., in der Provinz auf eine Arbeit von David Lynchs Szenebildnern gestoßen zu sein, soll erwähnt werden. Oder handelt es sich um einen skurril verpackten Hinterschinken? Da in dieser Bar, außer Getränken, nur noch Anchovispizza serviert wird, verbietet sich so ein fleischhaltiger Gedanke eher. Irritierend bleibt die Existenz zweier verwaister Spielautomaten neben der auf dem Foto abgebildeten Monstrosität und ein mitten im Weg stehender, im übrigen arg schiefer Campingtisch. Der ganze Raum, einem typischen Berliner Zimmer der Neunziger Jahre mit entsprechend mieser Beleuchtung und fehlender Besonnung nicht unähnlich, drängt sich als frisch vorgefundenes Ready-made auf. Was zu dem dringenden Wunsch verleitet, das Leben draußen zu suchen und weitere Rätsel im Licht und am Meer bei aufschäumenden Wolken besser sein zu lassen.

Die Maulwürfe unten

Michael Rutschky

Stapelei

Igor Arslan

Ein Atelierbesuch bei der Malerin Rita Sedat.

ritasedat.de