Archiv der Kategorie: oben/unten

top oder bottom?

Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

um 7 Uhr fuhr ich los, zur geheimen Badestelle an der Havel. Da ich bei dieser Tour zumeist Waldwege befahre, störten die vielen Autos nicht so sehr, bin auch nur dreimal von Radlern überholt worden. Natürlich ist um diese späte Stunde die Ausbeute an interessantem Getier gering: zwei Spechte hörte ich pocheln, sah sie aber nicht; zwei Fischreiher strichen kiräend über den Fluß, in der Ferne dann der obligatorische Schwan; keine einzige Ente, natürlich kein Bibermänn – doch halt! Als ich nämlich um MEINE Weide Nummer 2336 herumging, auf die Wasserseite, sah ich, dass einer der Stämme: angenagt war! Triumph! Denn einige meiner (falschen) Freunde hatten meine Bibergeschichten mit einem mitleidig-erklärenden Hinweis abschmettern wollen, ob ich denn nicht wisse, dass das „meistens“ (so wörtlich!) Fischotter und keine Biber seien, die man hier in Berliner Gewässern erspähe? Als hätte ich behauptet, mich mit Marilyn Monroe getroffen zu haben, und dann war es doch nur Sonja Ziemann! Aber die Nagespuren waren nun der endgültige Beweis! Meine Rache würde fürchterlich ausfallen, vor versammelter Mannschaft würde ich die Fischotter-Fraktion demütigen – aber anstatt sie dann zu vernichten, würde ich ihr lächelnd verzeihen, was, unter Gentlemen, als NOCH demütigender gilt! Das Leben kann schön sein!

Weiterlesen

Werbeanzeigen

Oben und unten

Caspar Müntzer

Das erfreut den Künstler, resümiert William Iser, wie sicher und geschwind heutzutage die Writer allüberall ihre Tags auftragen!

Weiterlesen

Det hamse nu davon!

Kurt Scheel

Kritische Anmerkungen zur britischen Außenpolitik 1939, auch ein Beitrag zur Namenswitzforschung

Zu den abschließenden Gesprächen über ein Dreierbündnis gegen Nazideutschland schickten Frankreich und die Sowjetunion im Juli 1939 ihre ranghöchsten und kompetentesten Militärs, die Briten aber einen fast schon außer Dienst gestellten unbekannten Admiral; als die Delegierten nun erfuhren, dass sein Name Sir Reginald A. R. Plunkett-Ernle-Erle-Drax war, verstanden dies die Bolschewisten, die immer großen Wert auf das Protokoll legten, als Affront, ja als „Verarsche“ (so wörtlich), und erwartungsgemäß scheiterten die Gespräche. Damit war der Weg frei für den Hitler-Stalin-Pakt, die letzte Chance, den Zweiten Weltkrieg zu verhindern, war wegen eines Namenswitzes in der Tradition von P. G. Wodehouse vertan worden … (W. Manchester, The Caged Lion, S. 478)

Lokkige jierdei!

Kurt Scheel

Die acht besten Friede-Springer-Anekdoten – ein Geburtstagsgruß

Wie Friede Springer zu ihren Vornamen kam
Anfang August 1942 besuchte Adolf Hitler die Nordseeinsel Föhr, um dort einmal nach dem Rechten zu sehen und vielleicht auch einige Drückeberger und Wehrverweigerer auszuheben. Als ihm der Gärtnermeister Riewerts aus Oldsum vorgestellt wurde, wollte ihn der Führer versuchen, und er fragte ihn, ob er sich eher als Deutscher oder als Friese fühle. Der brave Gärtner, nicht faul, bemerkte die Falle und antwortete geistesgegenwärtig: „Als Föhrer!“ Da aber erboste sich Hitler, der gänzlich humorlos war, und sprach: „Schweigen Se! Öch bünn der einzigste (sic!) Föhrer!“ Erst dachte der wackere Gärtnersmann, der Führer mache einen Witz, als er aber bemerkte, dass dem nicht so war, beschloss der aufrechte Friese im Geheimen, sollte ihm seine Frau, die war schwanger, eine Tochter gebären, so würde er sie „Friede“ nennen, dem alten Kriegstreiber Hitler zum Trotze. Und so kam es dann auch.

Weiterlesen

Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Um 5.52 Uhr, lieber Siegfried, machte ich mich frohgemut auf den Weg zur Havel, aber circa zwanzig Minuten später war der Traum eines sommerlichen Badevergnügens ausgeträumt, ins Wasser gefallen bzw. eben gerade nicht: Meinem Hinterrad war die Puste ausgegangen, vulgo: Platter. Ich pumpte noch einmal auf, mit dem Mute der Verzweiflung, aber der Schlauch sah nicht gut aus, schlaff und zuwiderig, ich erspare Dir einen derben Vergleich. So schob ich denn, von der Clayallee bis nach Hause, mein „braves“ Raleigh, ein britisches Produkt, zuverlässig wie Boris Johnson, ich konnte nur „perfides Albion unseligen Angedenkens“ vor mich hin murmeln. Eine Stunde Spießrutenlaufen durchs liebliche Wilmersdorf, immerhin rief mir keiner „Wer sein Rad liebt, / schiebt“ zu, man muss ja dankbar sein heutzutage im rauen Berlin („Trinkgeld oder Fresse!“). Aber das Herz war mir doch schwer, denn nun müsste ich, sinnierte ich gramvoll, den schweren Gang zur Fahrrad-Box in der Konstanzer Straße antreten und um Reparatur flehen. „Det Rad ham Se aba nich bei unz jekooft!“, würde man mich anherrschen, und ob das Vorzeigen meiner Quittung fürs nachweisbar hier erstandene Billigrad die strengen, ganzkörpertätowierten Herren milde stimmen könnte?

Weiterlesen

Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,
gestern war ich mit Herrn Rutschky und Herrn Brück im Kino, auf der Fahrt dorthin in der U-Bahn saßen mir zwei junge amerikanische Männer gegenüber, ein Schwarzer von etwa 150 Kilo, ein Weißer von 120 Kilo, im Touristenlook mit kurzen Hosen, T-Shirt und Sportschuhen, sie nahmen nicht vier, aber doch gut dreieinhalb Sitze auf der Bank ein; ich schlug den Blick nieder, weil der Schwatte wirklich einen ungustiösen Anblick bot. Aber ihrer Unterhaltung, durchaus zivilisiert und halblaut, konnte ich nicht ganz entgehen, so hörte ich, in einer englischen Suada, immer wieder kuriose Namen wie „Siegfried“ und „Siegmund“, und dann begannen die beiden, sich etwas vorzusingen, vorzusummen, Motive aus „Der Ring des Nibelungen“, auf deutsch, und das war eindeutig keine Show für das U-Bahn-Publikum, sondern kam von Herzen. Ich hatte die beiden, nicht ohne Grund, flugs als Abschaum abgebucht, und nun das! Ich schämte mich ein bisschen und dachte, dass der Herr mir eine Lektion hatte erteilen wollen, mit meinem gut gefüllten Verachtungsreservoir ein wenig sorgsamer umzugehen, nicht immer gleich und sofort und fast übereilig die Schleusen des Abscheus zu öffnen. Du erinnerst Dich an die Szene im Grunewald am Montag, auf meiner Radtour zur Havel, als ich die alte Frau wegen ihres mich ankläffenden Hundes anschnauzte und sie mich dann mit einem ehrlichen „Es tut mir sehr leid“ beschämte? Wenn mein Leben ein Gleichnis wäre, müsste eigentlich bald „Die dritte Versuchung des Knut Scheer“ stattfinden, ich halte Dich auf dem Laufenden.

Weiterlesen