Archiv der Kategorie: oben/unten

top oder bottom?

Bitte eines SPD-Wählers an Martin Schulz

Kurt Scheel

Meine erste Präsidentschaftswahl war die zwischen Nixon und Kennedy, und sie war im Herbst 1960 ein großes Ereignis an meiner Schule, dem Gymnasium für Jungen Harburg. Ich war zwölf Jahre alt und fast der einzige in meiner Klasse, der es nicht mit Kennedy hielt, sondern mit Nixon: Man solle sich durch das blendende Aussehen Kennedys, seinen Charme usw. nicht verführen lassen, darauf komme es doch gar nicht an, jedenfalls sei Nixon als langjähriger Vizepräsident und gelernter Politiker viel besser auf das Amt vorbereitet als der Schönling und Millionärssohn aus Boston.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,
die ersten Male, wenn ich vom Kedi-Sitting zurückkam, war ich immer ziemlich erschöpft: die Aufregung! Ob ich alles richtig mache, ob ich ihr ein guter Betreuer, gar Gefährte bin? Und überhaupt, nach zweieinhalb Stunden wieder wegzugehen und das arme Wesen seinem ungewissen Schicksal zu überlassen! Sicher, ihr Haus ist schön und groß, vier Ebenen, drei Küchen, fünf Bäder, alles mit indirekter Beleuchtung, quasi laktosefrei – aber spürt in solcher Fülle des Wohlwohnens ein sensibles Wesen nicht doppelt den Schmerz des Alleinseins?

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

vor einigen Wochen habe ich angefangen, die Churchill-Biographie „The Last Lion“ von William Manchester zu lesen, Ulrike hatte sie mitgebracht vom Büchertisch im Flur ihres Hauses; ich gucke mal rein, dachte ich gutmütig, aber es wird mir ja sowieso zu anstrengend sein im Original, also was soll’s. Und nun hat sich herausgestellt, dass es sich sehr einfach und flott liest, und da ich ja sowieso ein Churchill-Verehrer bin („My Early Life“ ist eine brillante Autobiographie!), könnte es sein, dass ich diese 1400 sehr engbedruckten Seiten auch noch wegschnabulieren muss, wie und wann soll das alles bloß enden?! Zum Beginn des großen Unterfangens aber habe ich mir eine kleine, humoristische Geschichte ausgedacht, die in der Tiefenstruktur eine Liebeserklärung an England ist (UND gleichzeitig eine Reflexion über Pleonasmus und Tautologie!), vielleicht wird sie Dich erheitern. –

Wie pervers und ungebildet ist die englische Oberklasse wirklich?! Ein Nachtrag zum Brexit

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Oben und unten

Michael Rutschky

Montag, 23. Oktober 17
Männer der Oberklasse trinken regelmäßig mehr Alkohol als Männer in der Mitte und unten, referiert dpa eine Untersuchung des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg: Oben 70 Prozent, in der Mitte 58 Prozent, unten 49 Prozent. Der Konsum von Wein und Cognac verleiht Sozialprestige, an dem der Oberklasse mehr liegt als den Leuten weiter unten.
Dass sich die Unterklassen um den Verstand saufen, um sich über ihre Lage zu betäuben, zweifelt der Soziologe, diese Erkenntnis gehört al

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

um 7 Uhr fuhr ich los, zur geheimen Badestelle an der Havel. Da ich bei dieser Tour zumeist Waldwege befahre, störten die vielen Autos nicht so sehr, bin auch nur dreimal von Radlern überholt worden. Natürlich ist um diese späte Stunde die Ausbeute an interessantem Getier gering: zwei Spechte hörte ich pocheln, sah sie aber nicht; zwei Fischreiher strichen kiräend über den Fluß, in der Ferne dann der obligatorische Schwan; keine einzige Ente, natürlich kein Bibermänn – doch halt! Als ich nämlich um MEINE Weide Nummer 2336 herumging, auf die Wasserseite, sah ich, dass einer der Stämme: angenagt war! Triumph! Denn einige meiner (falschen) Freunde hatten meine Bibergeschichten mit einem mitleidig-erklärenden Hinweis abschmettern wollen, ob ich denn nicht wisse, dass das „meistens“ (so wörtlich!) Fischotter und keine Biber seien, die man hier in Berliner Gewässern erspähe? Als hätte ich behauptet, mich mit Marilyn Monroe getroffen zu haben, und dann war es doch nur Sonja Ziemann! Aber die Nagespuren waren nun der endgültige Beweis! Meine Rache würde fürchterlich ausfallen, vor versammelter Mannschaft würde ich die Fischotter-Fraktion demütigen – aber anstatt sie dann zu vernichten, würde ich ihr lächelnd verzeihen, was, unter Gentlemen, als NOCH demütigender gilt! Das Leben kann schön sein!

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Det hamse nu davon!

Kurt Scheel

Kritische Anmerkungen zur britischen Außenpolitik 1939, auch ein Beitrag zur Namenswitzforschung

Zu den abschließenden Gesprächen über ein Dreierbündnis gegen Nazideutschland schickten Frankreich und die Sowjetunion im Juli 1939 ihre ranghöchsten und kompetentesten Militärs, die Briten aber einen fast schon außer Dienst gestellten unbekannten Admiral; als die Delegierten nun erfuhren, dass sein Name Sir Reginald A. R. Plunkett-Ernle-Erle-Drax war, verstanden dies die Bolschewisten, die immer großen Wert auf das Protokoll legten, als Affront, ja als „Verarsche“ (so wörtlich), und erwartungsgemäß scheiterten die Gespräche. Damit war der Weg frei für den Hitler-Stalin-Pakt, die letzte Chance, den Zweiten Weltkrieg zu verhindern, war wegen eines Namenswitzes in der Tradition von P. G. Wodehouse vertan worden … (W. Manchester, The Caged Lion, S. 478)

Lokkige jierdei!

Kurt Scheel

Die acht besten Friede-Springer-Anekdoten – ein Geburtstagsgruß

Wie Friede Springer zu ihren Vornamen kam
Anfang August 1942 besuchte Adolf Hitler die Nordseeinsel Föhr, um dort einmal nach dem Rechten zu sehen und vielleicht auch einige Drückeberger und Wehrverweigerer auszuheben. Als ihm der Gärtnermeister Riewerts aus Oldsum vorgestellt wurde, wollte ihn der Führer versuchen, und er fragte ihn, ob er sich eher als Deutscher oder als Friese fühle. Der brave Gärtner, nicht faul, bemerkte die Falle und antwortete geistesgegenwärtig: „Als Föhrer!“ Da aber erboste sich Hitler, der gänzlich humorlos war, und sprach: „Schweigen Se! Öch bünn der einzigste (sic!) Föhrer!“ Erst dachte der wackere Gärtnersmann, der Führer mache einen Witz, als er aber bemerkte, dass dem nicht so war, beschloss der aufrechte Friese im Geheimen, sollte ihm seine Frau, die war schwanger, eine Tochter gebären, so würde er sie „Friede“ nennen, dem alten Kriegstreiber Hitler zum Trotze. Und so kam es dann auch.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Um 5.52 Uhr, lieber Siegfried, machte ich mich frohgemut auf den Weg zur Havel, aber circa zwanzig Minuten später war der Traum eines sommerlichen Badevergnügens ausgeträumt, ins Wasser gefallen bzw. eben gerade nicht: Meinem Hinterrad war die Puste ausgegangen, vulgo: Platter. Ich pumpte noch einmal auf, mit dem Mute der Verzweiflung, aber der Schlauch sah nicht gut aus, schlaff und zuwiderig, ich erspare Dir einen derben Vergleich. So schob ich denn, von der Clayallee bis nach Hause, mein „braves“ Raleigh, ein britisches Produkt, zuverlässig wie Boris Johnson, ich konnte nur „perfides Albion unseligen Angedenkens“ vor mich hin murmeln. Eine Stunde Spießrutenlaufen durchs liebliche Wilmersdorf, immerhin rief mir keiner „Wer sein Rad liebt, / schiebt“ zu, man muss ja dankbar sein heutzutage im rauen Berlin („Trinkgeld oder Fresse!“). Aber das Herz war mir doch schwer, denn nun müsste ich, sinnierte ich gramvoll, den schweren Gang zur Fahrrad-Box in der Konstanzer Straße antreten und um Reparatur flehen. „Det Rad ham Se aba nich bei unz jekooft!“, würde man mich anherrschen, und ob das Vorzeigen meiner Quittung fürs nachweisbar hier erstandene Billigrad die strengen, ganzkörpertätowierten Herren milde stimmen könnte?

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