Archiv der Kategorie: oben/unten

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Obenuntentagebuch

Yvonne Zeich

Ein Leserbrief aus Essen: „Es ist eine Riesensauerei, dass wir Verbraucher jetzt über höhere Wasserpreise die Nitrat-Belastung des Grundwassers zahlen sollen. Hier gehört konsequent das Verursacher-Prinzip angewendet! Und nicht erneut, wie bei Banken- und Dieselkrise, die Sozialisierung der Verluste. Die Gesetze sind so zu verschärfen, dass alle, die wissentlich (!) gesundheitliche Risiken durch Überdüngung in Kauf genommen haben, in den Knast wandern, ebenso die Behördenmitarbeiter, die das gedeckt haben. Alle Übrigen müssen durch strengere Gesetze, Hilfe bei der Umstellung des Düngeregimes und Aufklärung auf den korrekten Weg gebracht werden. Vor allem aber muss die völlig korrupte und unter ökologischen, Gesundheits-, Kulturlandschafts- und Bauernhofgesichtspunkten völlig verfehlte rein quantitative Subventionspolitik gestoppt werden und auf den Müllhaufen der Geschichte. Dass ich mit meinen Steuern eine völlig verfehlte Agrarpolitik mitfinanzieren muss, die mich tendenziell vergiftet, und jetzt auch noch die Folgen in Form eines erhöhten Wasserpreises zahlen soll, ist ein Skandal, Deshalb hiermit: Aufruf zum Volksaufstand und Steuerstreik!“

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Um 5.52 Uhr, lieber Siegfried, machte ich mich frohgemut auf den Weg zur Havel, aber circa zwanzig Minuten später war der Traum eines sommerlichen Badevergnügens ausgeträumt, ins Wasser gefallen bzw. eben gerade nicht: Meinem Hinterrad war die Puste ausgegangen, vulgo: Platter. Ich pumpte noch einmal auf, mit dem Mute der Verzweiflung, aber der Schlauch sah nicht gut aus, schlaff und zuwiderig, ich erspare Dir einen derben Vergleich. So schob ich denn, von der Clayallee bis nach Hause, mein „braves“ Raleigh, ein britisches Produkt, zuverlässig wie Boris Johnson, ich konnte nur „perfides Albion unseligen Angedenkens“ vor mich hin murmeln. Eine Stunde Spießrutenlaufen durchs liebliche Wilmersdorf, immerhin rief mir keiner „Wer sein Rad liebt, / schiebt“ zu, man muss ja dankbar sein heutzutage im rauen Berlin („Trinkgeld oder Fresse!“). Aber das Herz war mir doch schwer, denn nun müsste ich, sinnierte ich gramvoll, den schweren Gang zur Fahrrad-Box in der Konstanzer Straße antreten und um Reparatur flehen. „Det Rad ham Se aba nich bei unz jekooft!“, würde man mich anherrschen, und ob das Vorzeigen meiner Quittung fürs nachweisbar hier erstandene Billigrad die strengen, ganzkörpertätowierten Herren milde stimmen könnte?

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,
gestern war ich mit Herrn Rutschky und Herrn Brück im Kino, auf der Fahrt dorthin in der U-Bahn saßen mir zwei junge amerikanische Männer gegenüber, ein Schwarzer von etwa 150 Kilo, ein Weißer von 120 Kilo, im Touristenlook mit kurzen Hosen, T-Shirt und Sportschuhen, sie nahmen nicht vier, aber doch gut dreieinhalb Sitze auf der Bank ein; ich schlug den Blick nieder, weil der Schwatte wirklich einen ungustiösen Anblick bot. Aber ihrer Unterhaltung, durchaus zivilisiert und halblaut, konnte ich nicht ganz entgehen, so hörte ich, in einer englischen Suada, immer wieder kuriose Namen wie „Siegfried“ und „Siegmund“, und dann begannen die beiden, sich etwas vorzusingen, vorzusummen, Motive aus „Der Ring des Nibelungen“, auf deutsch, und das war eindeutig keine Show für das U-Bahn-Publikum, sondern kam von Herzen. Ich hatte die beiden, nicht ohne Grund, flugs als Abschaum abgebucht, und nun das! Ich schämte mich ein bisschen und dachte, dass der Herr mir eine Lektion hatte erteilen wollen, mit meinem gut gefüllten Verachtungsreservoir ein wenig sorgsamer umzugehen, nicht immer gleich und sofort und fast übereilig die Schleusen des Abscheus zu öffnen. Du erinnerst Dich an die Szene im Grunewald am Montag, auf meiner Radtour zur Havel, als ich die alte Frau wegen ihres mich ankläffenden Hundes anschnauzte und sie mich dann mit einem ehrlichen „Es tut mir sehr leid“ beschämte? Wenn mein Leben ein Gleichnis wäre, müsste eigentlich bald „Die dritte Versuchung des Knut Scheer“ stattfinden, ich halte Dich auf dem Laufenden.

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Oben und unten

Michael Rutschky

Mittwoch, 20. Juli 16
Das Wetter ist oben, die Menschen sind unten. Laut einer Allensbach-Umfrage von 2013, berichtet Andreas Oswald im Tagesspiegel, sind 50 Prozent der Deutschen der Überzeugung, dass das Wetter irgendwie ihre Allgemeinbefinden beeinflusse, vor allem Kopfschmerzen, Müdigkeit, Gelenkschmerzen, Schlafstörungen. Inzwischen gibt es Medizinmeteorologen; sie sprechen von Wetterfühligkeit, die beispielsweise auf den Aufzug/Abzug eines Hochdruck/Tiefdruckgebietes reagiere. Sich selbst positionieren kann man unter www.dwd.de7gesundheit.
Zugleich ein Beitrag zum Kapitel gesund oder krank.

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Oben und unten

Henry Klee

Die Eltern, bitterarme Farmer im US-Staat Missouri, wollten ihrem Sohn William den Weg nach oben eröffnen (in John Williams’ Roman „Stoner“). Er darf sich an der Universität für Agrarwissenschaft einschreiben, und er macht sich schüchtern und fleißig ans Studieren, das ihm die Farm seiner Eltern auf einem höheren Niveau zu betreiben erlauben würde. Zu diesem Studium der Agrarwissenschaft gehört aber auch ein Grundkurs in englischer Literatur. Der ironisch-asketische Professor Archer Sloane hält ihn. Einmal ist ein Sonett von William Shakespeare dran, das Archer Sloane mit erhellendem Charisma vorträgt – um im Anschluss William Stoner direkt zu fragen: „Was bedeutet dieses Sonett?“ Stoner setzt zu einer Antwort an, bleibt aber stumm, und Professor Sloane beendet die Seminarsitzung.
Damit erkennt er an, dass William Stoner gerade durch sein Verstummen angesichts von Shakespeares Sonett den Durchbruch nach oben, nach weiter oben geschafft hat. Er gibt die Agrarwissenschaft auf und studiert englische Literatur. Irgendwann übergibt ihm Professor Sloane den Einführungskurs, in dem er seinerzeit sein stummes Erweckungserlebnis hatte.