Archiv der Kategorie: oben/unten

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Bitte eines SPD-Wählers an Martin Schulz

Kurt Scheel

Meine erste Präsidentschaftswahl war die zwischen Nixon und Kennedy, und sie war im Herbst 1960 ein großes Ereignis an meiner Schule, dem Gymnasium für Jungen Harburg. Ich war zwölf Jahre alt und fast der einzige in meiner Klasse, der es nicht mit Kennedy hielt, sondern mit Nixon: Man solle sich durch das blendende Aussehen Kennedys, seinen Charme usw. nicht verführen lassen, darauf komme es doch gar nicht an, jedenfalls sei Nixon als langjähriger Vizepräsident und gelernter Politiker viel besser auf das Amt vorbereitet als der Schönling und Millionärssohn aus Boston.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,
die ersten Male, wenn ich vom Kedi-Sitting zurückkam, war ich immer ziemlich erschöpft: die Aufregung! Ob ich alles richtig mache, ob ich ihr ein guter Betreuer, gar Gefährte bin? Und überhaupt, nach zweieinhalb Stunden wieder wegzugehen und das arme Wesen seinem ungewissen Schicksal zu überlassen! Sicher, ihr Haus ist schön und groß, vier Ebenen, drei Küchen, fünf Bäder, alles mit indirekter Beleuchtung, quasi laktosefrei – aber spürt in solcher Fülle des Wohlwohnens ein sensibles Wesen nicht doppelt den Schmerz des Alleinseins?

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Obenuntentagebuch

Yvonne Zeich

Ein Leserbrief aus Bad Herrenalb: „Da die SPD derzeit niemand anderen hat als Martin Schulz, wäre es gut, sich auf diesen zu konzentrieren. Deshalb habe ich, als kleiner Mann, dem SPD-Vorstand folgende Worte geschickt: ‚Als langjähriger SPD-Anhänger kann ich es nicht mehr lesen und hören. Schon wieder Querelen, Reibereien um Führungsanspruch – und diesmal durch Olaf Scholz, der in Hamburg anlässlich des G-20-Gipfels jämmerlich versagte… Da hat er eigentlich noch genug zu tun. Nun will gerade er mit der SPD abrechnen, deren altes Gesicht und Prägung er selber ist Eine äußerst merkwürdige Flucht nach vorn. Motto: Feuer legen und rufen ‚Hilfe es brennt’.
Da wollen welche endlich den Abbruch mit dieser alten Groko-SPD und den Aufbruch zu neuen Ufern wagen. Martin Schulz, Andrea Nahles und andere. Alle diese – und nur diese – stehen für Neuanfang, für Neues. Und die alten Unverbesserlichen aus der zurückliegenden Schröder-Ära wie Olaf Scholz und Thomas Oppermann wollen das, bei all ihren Verdiensten, einfach nicht begreifen.’“

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

vor einigen Wochen habe ich angefangen, die Churchill-Biographie „The Last Lion“ von William Manchester zu lesen, Ulrike hatte sie mitgebracht vom Büchertisch im Flur ihres Hauses; ich gucke mal rein, dachte ich gutmütig, aber es wird mir ja sowieso zu anstrengend sein im Original, also was soll’s. Und nun hat sich herausgestellt, dass es sich sehr einfach und flott liest, und da ich ja sowieso ein Churchill-Verehrer bin („My Early Life“ ist eine brillante Autobiographie!), könnte es sein, dass ich diese 1400 sehr engbedruckten Seiten auch noch wegschnabulieren muss, wie und wann soll das alles bloß enden?! Zum Beginn des großen Unterfangens aber habe ich mir eine kleine, humoristische Geschichte ausgedacht, die in der Tiefenstruktur eine Liebeserklärung an England ist (UND gleichzeitig eine Reflexion über Pleonasmus und Tautologie!), vielleicht wird sie Dich erheitern. –

Wie pervers und ungebildet ist die englische Oberklasse wirklich?! Ein Nachtrag zum Brexit

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Oben und unten

Michael Rutschky

Montag, 23. Oktober 17
Männer der Oberklasse trinken regelmäßig mehr Alkohol als Männer in der Mitte und unten, referiert dpa eine Untersuchung des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg: Oben 70 Prozent, in der Mitte 58 Prozent, unten 49 Prozent. Der Konsum von Wein und Cognac verleiht Sozialprestige, an dem der Oberklasse mehr liegt als den Leuten weiter unten.
Dass sich die Unterklassen um den Verstand saufen, um sich über ihre Lage zu betäuben, zweifelt der Soziologe, diese Erkenntnis gehört al

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

um 7 Uhr fuhr ich los, zur geheimen Badestelle an der Havel. Da ich bei dieser Tour zumeist Waldwege befahre, störten die vielen Autos nicht so sehr, bin auch nur dreimal von Radlern überholt worden. Natürlich ist um diese späte Stunde die Ausbeute an interessantem Getier gering: zwei Spechte hörte ich pocheln, sah sie aber nicht; zwei Fischreiher strichen kiräend über den Fluß, in der Ferne dann der obligatorische Schwan; keine einzige Ente, natürlich kein Bibermänn – doch halt! Als ich nämlich um MEINE Weide Nummer 2336 herumging, auf die Wasserseite, sah ich, dass einer der Stämme: angenagt war! Triumph! Denn einige meiner (falschen) Freunde hatten meine Bibergeschichten mit einem mitleidig-erklärenden Hinweis abschmettern wollen, ob ich denn nicht wisse, dass das „meistens“ (so wörtlich!) Fischotter und keine Biber seien, die man hier in Berliner Gewässern erspähe? Als hätte ich behauptet, mich mit Marilyn Monroe getroffen zu haben, und dann war es doch nur Sonja Ziemann! Aber die Nagespuren waren nun der endgültige Beweis! Meine Rache würde fürchterlich ausfallen, vor versammelter Mannschaft würde ich die Fischotter-Fraktion demütigen – aber anstatt sie dann zu vernichten, würde ich ihr lächelnd verzeihen, was, unter Gentlemen, als NOCH demütigender gilt! Das Leben kann schön sein!

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