Archiv der Kategorie: oben/unten

top oder bottom?

Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

am Dienstag war’s, Markttag, und ich auf dem Weg in die Nestorstraße, nicht mit dem braven Raleigh unterwegs, sondern mit dem Schnurzelrad, das nicht des Nachts im Kellerverlies geborgen wird, sondern als Alltags- und Gang-und-Gäbe-Rad auf der Straße angepflockt ist des Glaubens, dass es seiner Gewöhnlichkeit wegen schon kein Diebsgesindel anlocken wird – ich biege also in die Nestorstraße ein, und da verheddere ich mich, verheddert es sich, ich weiß nicht wie, und ganz, ganz langsam kippe ich um, legt sich das Rad auf die Seite, die rechte, und ich mich mit ihm, und die rechte Hand will sich abstützen, und ich sehe, wie an der Ampel ein Schüler, vierzehnjährig etwa, kein Biodeutscher, sondern so eine aparte berlinisch-nordafrikanische Mischung und recht hübsch, losläuft auf mich zu, um zu helfen, als ich vom Boden mich aufrapple, mühsam, aber eilig, als könnte ich, wieder stehend, den Umfall gleichsam ungeschehen machen, da ist er schon angelangt, ich aber sage fast überhastet „Danke“ und lächle ein Nichts-passiert-Lächeln und winke huldreich ab, er schaut erleichtert und geht auch weiter. Ich aber bin gerührt ob solcher Hilfsbereitschaft und beschließe, fürderhin jeglichem, auch dem allerkleinsten Rassismus abzuschwören.

Weiterlesen

Advertisements

Mittwoch, Warnemünde

Kathrin Passig

Die Urne, erkennt R., steht in einem Kabäuschen auf dem Vorderdeck des hölzernen Schiffs, das – in Größe, Konstruktion und durch das ausgesägte Loch in der offen stehenden Türe – an ein Klosett erinnert. Diesen Gedanken jetzt bloß nicht weiter verfolgen! Bald ist die richtige Stelle des Meeres erreicht, das für den Laien ja überall gleich aussieht. Sich vorsichtig an der Reling anklammernd, denn das Schiff stampft beträchtlich, kommen die Trauergäste aus dem Salon. Es ist sehr kalt. Erst jetzt fällt R. das Dekor der Urne auf, ein Notenschlüssel und mehrere Noten auf dunkelblauem Grund. Na, lange wird man es ja nicht sehen müssen. Schon greift der Bestatter, ein hochgewachsener, grundsolide gekleideter Herr, zur Schiffsglocke und läutet viermal. Vier Glasen habe die Schiffsglocke geschlagen, vermeldet er, und liest dann aus einer Mappe sorgfältig Namen und Geburtsdatum des Verstorbenen vor. Eine Sonne sei untergegangen, bei den Hinterbliebenen jedoch ein Leuchten in den Herzen zurückgeblieben. Man würde gerne einschreiten, aber da ist es – „die s-terblichen Überreste des Vers-torbenen“ – auch schon wieder vorbei. Die Urne schwimmt einen Moment und sinkt dann vorschriftsmäßig. Der Bestatter streut Rosenblätter aus einem Körbchen hinterher. Die Trauergäste sehen noch minutenlang ins Wasser, wohl um sicherzugehen, spottet R. insgeheim, dass das Ding nicht doch noch mal auftaucht. Zum anschließenden Essen ins Restaurant „Kettenkasten“ kommt er aber nicht mehr mit. Was da geredet wird, weiß man ja.

Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Schade, dass Du das nicht miterleben konntest, lieber Siegfried, es war ein Triumph! Sie fraßen mir geradezu aus der Hand! Fünfzig meist ältere Herrschaften füllten den Großen Lesesaal des Berliner Literaturhauses in der Fasanenstraße fast bis zum letzten Platz, des ältesten und renommiertesten Literaturhauses der (alten) Bundesrepublik, das praktisch unser alter Freund Jörg Drews zusammen mit Herbert Wiesner gegründet hat, damals. Und immer noch strömen die Massen zu den Veranstaltungen, in denen irgendwelche Schriftsteller aus ihren Werken lesen – aber die Kenner wollen natürlich die graue Eminenz sehen, den (unbewegten) Beweger: den Moderator. „Moderation: Kurt Scheel“ verkündete das überlebensgroße Plakat in winziger Schrift, aber die plietschen Berliner ließen sich davon nicht täuschen, und so gab es nach meiner viertelstündigen (manche sagen: zwanzigminütigen, aber egal) Vorstellung des Autors – seriös, auch ein wenig gschpaßig, Du kennst das, kenntnisreiche Information mit kleinen Witzen garniert, gute alte Scheel-Schule – sitting ovations. Ich wehrte erschrocken tuend ab und wies auf den „eigentlichen“ Star des Abends hin, Michael Rutschky, musste mir aber innerlich doch das Lachen verbeißen: Das würde ihm eine Lehre sein, dem Herrn Essayisten, der mich in „Mitgeschrieben“, seinem Tagebuch der Jahre 1981 bis 1984, mehrfach als Trunkenbold und Plaudertasche vorgeführt hatte, in aller Freundschaft und nur der Wahrheit verpflichtet, klaro, aber ein bisschen vielleicht auch aus eigennützigen Motiven: nämlich um den Absatz seines Büchleins zu fördern und ordentlich Schotter einzufahren! Kapitalismus eben, in neoliberaler Ausprägung.

Weiterlesen

Theckeliade (IV)

Urs Theckel über: Urs Theckel (privat)

Aufgezeichnet von Kurt Scheel

Das Lesen von Texten, das Schreiben von Texten, das Bearbeiten von Texten: Dies sind die drei Säulen des Lektorenlebens. Aber ist das alles? Ist dies das ganze Leben? Mitnichten. Und damit sind wir beim Abwasch: Abwaschen ist wunderbar, man kann so schön träumen dabei, und man sieht, was man tut, und dass es sinnvoll ist. Schmierige, ungute Töpfe und Teller und Gläser, ein bisschen mit dem Schwamm gestreichelt, und schon erstrahlen sie in neuem Glanz! Eine nützliche Tätigkeit, unzweifelhaft, und wer kann das heutzutage schon von seiner Arbeit sagen? Oder kennen Sie jemanden, der wirklich etwas herstellt bzw. etwas Wirkliches herstellt? Produktive Arbeit (K. Marx), 20 Ellen Leinwand = 1 Rock … Bäcker beispielsweise, jemand arbeitet, auch mit den Händen, und am Ende gibt es ein Ding (Produkt, Ware), das kann man anfassen und gebrauchen (konsumieren). Oder ein Fahrrad, aber ich kenne keinen Fahrradbauer, nur einen Ingenieur, der statt der Kugellager den Luftdruck beforscht, weil weniger Reibung. Er ist Dozent an der Technischen Hochschule und hat einen Bastelkeller, in dem er alte Motorräder repariert. Und das ist noch der Realste bzw. Reellste unter meinen Bekannten! Die anderen sind Journalisten, Lektoren, Autoren, eine Bibliothekarin, eine Literaturagentin usw.: alles Leute, die Meinungen oder Sätze hin und her schieben, jedenfalls stellen sie nichts wirklich Nützliches her, Geträumtes und Gedachtes eben nur. Verglichen damit ist Abwaschen wunderbar, denn der Abwasch ist konkret (Hegel).

Weiterlesen

Theckeliade (III)

Urs Theckel über: Polizeigewalt (und Empörungsbereitschaft)

Aufgezeichnet von Kurt Scheel

Ich bin Patriot, durchaus. Aber bin ich es immer gewesen? Mitnichten. Als etwas verspäteter Achtundsechziger, 1948 geboren, changierte ich in jenen formativen Jahren politisch zwischen linksradikal und linksliberal, dabei immer brav die SPD wählend. Das Misstrauen gegen den deutschen Staat, die Adenauerrepublik, blieb erhalten, ja verstärkte sich sogar, als Willy Brandt Außenminister und dann, 1969, Kanzler wurde; im Nachhinein bin ich mir unverständlich. So will ich hier im Sinne Max Webers „mit Leidenschaft und Habermas“, wenn mir dieses kleine Wortspiel erlaubt sei, zwei Vorfälle aus meinem an Vorfällen so reichen Leben erzählen, Anekdoten nur, dem Leser aber vielleicht doch zu Nutz und Frommen, der Jugend zur Mahnung und einen Einblick gewährend in jene Zeit, da die Bundesrepublik sich grundlegend zu wandeln begann, zu unserem Projekt wurde.

Weiterlesen

Theckeliade (II)

Urs Theckel über: Geld (und Geist)

Aufgezeichnet von Kurt Scheel

Geld. Ein gutes Thema, durchaus. Indes: ein weites, ein zu weites Feld, mit Fontane zu sprechen. Ich möchte das Thema daher einfrieden auf den Aspekt, dessen ich kundig bin: Geld und Geist. Gegensätze, so scheint es auf den ersten Blick, gibt es größere Gegensätze? Den von Geist und Macht vielleicht? Keineswegs, hat doch schon Machiavell in „Il principe“ gezeigt, dass der geistige Mensch – der Künstler, der Intellektuelle – dem Machtmenschen ein Partner im ursprünglichen, im besten Sinne sein kann, „pars“ eben, Teil von seinem Teil, Blut von seinem Blute. Und war nicht auch, Thomas Mann hat es unvergleichlich erfasst und gestaltet, A. Hitler unser „Bruder“ insofern, als das Unbedingte, das Drängende, das Aufs-Ganze-Gehen seiner Politik – die insgesamt, wie wir alle wissen, verheerend und verhängnisvoll war, daran sollte auch die AfD nicht deuteln! – ein Pendant zum inneren Gesetz wahren Künstlertums darstellte? Eine Frage nur, die freilich in diesem zutiefst gespaltenen Deutschland den Anwürfen politisch korrekter Meinungsmacher kaum wird entgehen können, shitstorm 2.0, wie es in deren deplorablem Jargon heißt.

Weiterlesen

Obenuntentagebuch

Yvonne Zeich

Ein Leserbrief aus Bad Endorf: „Diejenigen, die beim Vaterunser auf einer wörtlichen Übersetzung beharren, müssen eigentlich auch bereits den ersten Satz des Vaterunser, wo es heißt: „… der Du bist im Himmel“, infrage stellen. Laut der Übersetzung aus dem Altgriechischen: „… en tois ouranois“, müsste es heißen: in den Himmeln, in den Lüften. Damit soll vermittelt werden, dass Gott nicht in einem fernen himmlischen Ort thront, sondern überall da ist, was auch dem hebräischen Wort Jahwe für Gott – ich bin das Sein – entspricht. Hier wäre eine getreue Übersetzung höchst notwendig und sinnvoll, wenn auch für eine klerikal bestimmte Kirche äußerst unbequem.
Jesus selbst hatte immer wieder deutlich gemacht, dass das Gottesreich bereits da sei und wir uns als Söhne und Töchter Gottes verstehen sollten. Deswegen hat er auch keine Gottesdienste und Hohe Priester nötig. Im bekannten Weihnachtsevangelium hat der Evangelist Lukas seine Erfahrungen mit Jesus dramatisch dargestellt. Letztlich will er uns damit auch sagen, dass unsere Welt im neuen Licht erscheint, wenn das Göttliche im Menschen wie in der ganzen Schöpfung angenommen wird. Wohl deshalb hat der Autor der frohen Botschaft Engel, Hirten und Schafe eindrucksvoll mit ins Spiel gebracht.
Dass sich in dieser Weltsicht viel verändern kann, haben viele Jesus-Nachfolger wie zum Beispiel der Heilige Franziskus eindrucksvoll bestätigt. In diesem Denken kann Frieden wachsen, und so können auch unnötige Trennwände zwischen profan und sakral wie zwischen Laien und Klerus fallen.“

Weiterlesen