Archiv der Kategorie: oben/unten

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,
gestern war ich mit Herrn Rutschky und Herrn Brück im Kino, auf der Fahrt dorthin in der U-Bahn saßen mir zwei junge amerikanische Männer gegenüber, ein Schwarzer von etwa 150 Kilo, ein Weißer von 120 Kilo, im Touristenlook mit kurzen Hosen, T-Shirt und Sportschuhen, sie nahmen nicht vier, aber doch gut dreieinhalb Sitze auf der Bank ein; ich schlug den Blick nieder, weil der Schwatte wirklich einen ungustiösen Anblick bot. Aber ihrer Unterhaltung, durchaus zivilisiert und halblaut, konnte ich nicht ganz entgehen, so hörte ich, in einer englischen Suada, immer wieder kuriose Namen wie „Siegfried“ und „Siegmund“, und dann begannen die beiden, sich etwas vorzusingen, vorzusummen, Motive aus „Der Ring des Nibelungen“, auf deutsch, und das war eindeutig keine Show für das U-Bahn-Publikum, sondern kam von Herzen. Ich hatte die beiden, nicht ohne Grund, flugs als Abschaum abgebucht, und nun das! Ich schämte mich ein bisschen und dachte, dass der Herr mir eine Lektion hatte erteilen wollen, mit meinem gut gefüllten Verachtungsreservoir ein wenig sorgsamer umzugehen, nicht immer gleich und sofort und fast übereilig die Schleusen des Abscheus zu öffnen. Du erinnerst Dich an die Szene im Grunewald am Montag, auf meiner Radtour zur Havel, als ich die alte Frau wegen ihres mich ankläffenden Hundes anschnauzte und sie mich dann mit einem ehrlichen „Es tut mir sehr leid“ beschämte? Wenn mein Leben ein Gleichnis wäre, müsste eigentlich bald „Die dritte Versuchung des Knut Scheer“ stattfinden, ich halte Dich auf dem Laufenden.

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Obenuntentagebuch

Yvonne Zeich

Ein Leserbrief aus Berg/ Starnberger See: „Seit ca. vier Jahren sind wir unmittelbar dem Einfluss des Internet auf unsere Kinder (14 und 16 Jahre) betroffen. Ich wünschte, sie hätten die Chance gehabt, ohne digitale Medien aufzuwachsen. Sie könnten den Morgen beginnen, ohne die ersten Chateinträge zu lesen und verzweifelt ein Ladegerät zu suchen. Sie würden sich auf dem Weg zur Schule unterhalten, statt mit >KnopfNot< heraus oft besonders gute Ideen entstehen. Ohne ständigen Austausch via Chat würde der Wunsch nach dem Zusammensein mit Familie und anderen Menschen wieder wachsen und die gemeinsamen Treffen würden noch häufiger Aug in Aug stattfinden. Die digitale Welt ist unbestritten ein wissenschaftlicher Geniestreich mit vielen Innovationen, Lösungen und Chancen für Gegenwart und Zukunft, jedoch nur, wenn wir Nutzer nicht zulassen, dass wir ständig fremdbestimmt werden. Wir sollten uns trotz dieser Faszination das lebenswichtige Bewusstsein für unsere Umgebung zurückerobern und bewahren.“

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Oben und unten

Michael Rutschky

Mittwoch, 20. Juli 16
Das Wetter ist oben, die Menschen sind unten. Laut einer Allensbach-Umfrage von 2013, berichtet Andreas Oswald im Tagesspiegel, sind 50 Prozent der Deutschen der Überzeugung, dass das Wetter irgendwie ihre Allgemeinbefinden beeinflusse, vor allem Kopfschmerzen, Müdigkeit, Gelenkschmerzen, Schlafstörungen. Inzwischen gibt es Medizinmeteorologen; sie sprechen von Wetterfühligkeit, die beispielsweise auf den Aufzug/Abzug eines Hochdruck/Tiefdruckgebietes reagiere. Sich selbst positionieren kann man unter www.dwd.de7gesundheit.
Zugleich ein Beitrag zum Kapitel gesund oder krank.

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Oben und unten

Henry Klee

Die Eltern, bitterarme Farmer im US-Staat Missouri, wollten ihrem Sohn William den Weg nach oben eröffnen (in John Williams’ Roman „Stoner“). Er darf sich an der Universität für Agrarwissenschaft einschreiben, und er macht sich schüchtern und fleißig ans Studieren, das ihm die Farm seiner Eltern auf einem höheren Niveau zu betreiben erlauben würde. Zu diesem Studium der Agrarwissenschaft gehört aber auch ein Grundkurs in englischer Literatur. Der ironisch-asketische Professor Archer Sloane hält ihn. Einmal ist ein Sonett von William Shakespeare dran, das Archer Sloane mit erhellendem Charisma vorträgt – um im Anschluss William Stoner direkt zu fragen: „Was bedeutet dieses Sonett?“ Stoner setzt zu einer Antwort an, bleibt aber stumm, und Professor Sloane beendet die Seminarsitzung.
Damit erkennt er an, dass William Stoner gerade durch sein Verstummen angesichts von Shakespeares Sonett den Durchbruch nach oben, nach weiter oben geschafft hat. Er gibt die Agrarwissenschaft auf und studiert englische Literatur. Irgendwann übergibt ihm Professor Sloane den Einführungskurs, in dem er seinerzeit sein stummes Erweckungserlebnis hatte.

Obenuntentagebuch

Yvonne Zeich

Ein Leserbrief aus Schriesheim: „Es ist dringend an der Zeit, die Stimme zu erheben gegen diesen Raubtierkapitalismus, der nur dem Profit der Banken und Konzerne verpflichtet ist, weite Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge kommerzialisiert und sich in menschenverachtender Weise gegen die Bürger richtet. Doch hier beginnt das Problem: Während in südlichen Ländern mehrere hunderttausend Menschen auf die Straße gehen, kann man hierzulande froh sein, wenn sich gerade mal 25 000 Menschen engagieren, während ein einziges Fußballspiel 50 000 Leute mobilisiert und der doppelte Titelgewinn eines Bundesligavereins von 260 000 Menschen bejubelt wird. Als Teilnehmer der genehmigten Blockupy-Demonstration am 19. Mai in Frankfurt habe ich erlebt, wie schwierig es ist, ein paar Leute zum Mitmachen zu motivieren.
Das Motto seit Urzeiten: Gib dem Volk Brot und Spiele. Mit dem Brot könnte es zwar in absehbarer Zeit kritisch werden, aber Spiele gibt es immer. Schuhmacher, Vettel & Co starten im repressiven Bahrain, zahlen ihre Steuern im günstigeren Ausland, und unsere völlig entpolitisierte Fußballnationalmannschaft wird nun in einer Diktatur unter der Regie eines korrupten Fußballweltverbandes dem Ball nachjagen. Der deutsche Michel aber sitzt im Garten vor dem Fernseher, den Grill neben sich und ruft wieder bierselig >Dschland<. Es gäbe noch viel zu sagen."

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