Archiv der Kategorie: hier/dort

… Erscheinung einer Ferne, so nahe sie sein mag.

Vom Haus zum See und zurück

Steffen Brück

Die Sonne ging mal wieder über Leichen
wie eine Leiche lag ich vor dem Haus
und vor dem Haus, da gabst du mir ein Zeichen
das Zeichen wies zum Mittelpunkt des Blaus

Das Blaue log auf ziemlich kurzen Beinen
die kurzen Beine trugen mich zum See
den See zu sehn verursachte fast Weinen
fast weinen mußte ich, denn schön tat weh

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Ein Besuch bei Herrn Henschel (Fortsetzung)

Kurt Scheel

Die Markise sollte nun zum Dingsymbol des weiteren Abends werden, insofern Herr Henschel mit ruhiger Selbstverständlichkeit die Fernbedienung ergriff und auch nicht mehr aus der Hand gab; als idealer Gastgeber dominierte er keineswegs das Gespräch, sondern lächelte nur fein, wenn von „Machinationen“ und dem „Normativen“ die Rede war, würzte die Debatten und Diskurse statt mit Besserwisserei mit Anekdoten und Fotoalben – Gott, wie jung Frau Passig damals war, als sie noch semiprofessionell Monopoly spielte und, ich hoffe nicht gar zu indiskret zu sein, sich mit 1000-Teile-Puzzles statt mit diesem Internetzeug beschäftigte. Und Max Goldt, so schlank! Und Herr Droste, so dünn! Und diese hübsche Braut mit dem Kirschenmund, ich komme jetzt nicht auf den Namen. Jedenfalls die ganze Truppe der klugen und, wie auf den Fotos gut zu erkennen ist, zumeist angeduhnten Boheme – Deutschland, ein Fest fürs Leben; die neunziger Jahre eben, als alles möglich schien, der Sozialismus zernichtet war, die bürgerliche Gesellschaft freiwillig den Löffel abgab und eine junge und trinkfeste Corona hochbegabter Kulturarbeiter kurz davor stand, die Herrschaft zu übernehmen, und Herr Henschel als Jungspund immer mittenmang! (Für Kenner: Es gibt da frühe Fotos, die dokumentieren, dass Herr Henschel ein genuiner und frühvollendeter Köpfchenanlehner ist.) Dass alles dann ganz anders kam, war, mit Luhmann zu sprechen, kontingent, aber umso bitterer.

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Ein Besuch bei Herrn Henschel

Kurt Scheel

Von Berlin nach Bad Bevensen? Das ist ganz einfach: Man fährt auf die Autobahn nach Hamburg, und da stock ich schon bzw. das Auto, denn wir geraten in einen Stau. Wir schreiben Samstag, den 18. Juli 2015, 10.25 Uhr, Herr Rutschky, ein Hund namens Quattro oder Quarto und meine Wenigkeit, Kurt Scheel, im folgenden „der Verfasser“ genannt. Ein aufgegebener Kleinwagen auf dem Standstreifen, dessen Besitzer gestikulierend auf uns zukommt. Erschrocken blicke ich in die andere Richtung, aber der unglückliche Adidas-Träger ruft mit hartem Ostakzent „Chönnen chelfen, chönnen chelfen?“. Dass diese Russen kein H sprechen können, zu komisch! Sie haben ja auch „Gitler“ statt „Hitler“ gesagt, wie es eigentlich richtig gewesen wäre. Schwamm drüber, das sind olle Kamellen. Bedauernd schütteln wir den Kopf, aber als wir dann mitkriegen, dass es ein armer Ungar ist, der um Hilfe heischt, denken wir an Piroschka, Marika Rökk und die alte deutsch-ungarische Waffenbrüderschaft, und Herr Rutschky schaut im Atlas nach, um dem Ungarn die richtige Feldpostnummer bzw. den genauen Streckenabschnitt zu nennen, auf dass er den ADAC, die gelben Engel der Land- und auch Schnellstraße, alarmiere; denn ein Handy hat er selbstredend, der depravierte Exinsasse der lustigsten Baracke des Sozialismus – ein Hirten- und Räubervolk eben, aber sehr musikalisch und gastfreundlich. Wir tauschen die Telefonnummern, und dann heißt es Abschied nehmen: So long, alter Madjare, fahre wohl (wie Thomas Mann, siehe „Joseph und seine Brüder“, zweifellos schmunzelnd hinzugefügt hätte).

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

um 6.16 Uhr ging es los, in schwärzester Dunkelheit. Aber ich hatte meine Hausaufgaben gemacht, wie die aktuelle Phrase lautet, und den Wetterbericht studiert: Um die 5 Grad, Sprühregen erst ab 10 Uhr, kaum Wind – eigentlich gutes Radelwetter! Und so ergriff ich die Gelegenheit, am letzten Tag des Jahres, so unglaublich es klingt, die Große, ja die GROSSE Wannseetour zu wagen. Es war eine glückhafte, eine geniale Entscheidung, das merkte ich schon in Halensee: Praktisch kein Verkehr, keine Menschen, nicht einmal Tiere! Nur das warme, gelbe Licht der Leuchtelampen, die so nett die Straßen erhellen. Ich bog aber am Brücke-Museum nicht in den Grunewald ab, sondern weiter, immer weiter die Clay- Allee runter, dann in die Argentinische, schließlich, wieder rechts, in die Matterhornstraße, gegen halb acht war ich an der Spinnerbrücke angelangt. Du aber fragst Dich, wieso ich durch die garstige Stadt, nicht durch den traulichen Wald gefahren war. Gute Frage! Aber die Antwort liegt auf der Hand! Es war ja, wie ich schon im ersten Satz betone, stockdunkel, als ich losfuhr, und im Wald, auf den schmalen, schlängeligen Wegen mit den vielen Pfützen und sonstigen Hindernissen – da war es klüger und sicherer, die beleuchteten Radwege zu nutzen. (Meinen überdeutlichen, eigentlich verwunderlichen Hinweis auf die Straßenbeleuchtung hast Du auch nicht verstanden! Du musst aufmerksamer lesen, lieber Siegfried, auch ein bisschen zwischen den Zeilen, und immer auf die Metaphorik achten! Denk an Tschechow: Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, geht es im dritten Akt los.)

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Brief an Kohlhammer: Grünkohl und Lesen

Kurt Scheel

Der Grünkohl, lieber Siegfried, schmeckte dann erstaunlich gut, sagten jedenfalls die Gäste, full house, wir waren zu acht: Ulrike, Igor, Michael, außerdem vier befreundete Kultur- und Medienschaffende; doch Gäste, Du weißt es eh, machen viel Arbeit, und sie lügen oft, höflichkeitshalber; aber zu demselben positiven Urteil kam auch mein untrügliches Sprach- bzw. Geschmacksempfinden. Die Pampe war schön mürbe, insgesamt hatte sie vier Stunden geschmurgelt, war aber kein breiiger Matsch, sondern hatte Textur, wenn Du verstehst, was ich meine. Doch wie viel Arbeit selbstbereiteter Grünkohl macht! Drei Kilo bei Jury-Dietmar Iwanow (er heißt wirklich so, sein Vater war noch Bulgare), dem Gemüsemann meines Vertrauens, in der Nestorstraße kaufen, dann vom Wochenmarkt nach Hause schleppen (zum Radeln ist es mir zu kalt); putzen, zweimal waschen, blanchieren, ausdrücken, kleinschneiden, und dann erst, mit Zwiebeln usw., beginnt die Kocherei! Und trotz dieses Aufwandes schmeckt das mit Piment und Senf und Zucker und Balsamico und was weiß ich fein gewürzte Zeug dann in der Regel enttäuschend, mit viel Bier und Linie-Aquavit muss man es sich geradezu schöntrinken! Aber diesmal machte der halbe Liter Hühnerfond aus eigener Produktion, den ich am Schluss in die grau-grüne Masse kippte, den Unterschied ums Ganze. Und die mitgeschmorten Kohl- und Bregenwürste, das Kassler nicht zu vergessen, sind natürlich auch ein aromatisierender Bringer!

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

A la recherche d’altstadt du Wolfsburg (Fortsetzung)

Ich stehe also, lieber Siegfried, um die Mittagszeit etwas unschlüssig auf dem Wolfsburger Bahnhofsvorplatz, vor mir das riesenhaft wirkende, da mehr als drei Stockwerke hohe „Cinemaxx“, und steige in ein Taxi (fast alle Taxen hier sind schwarz, merkwürdig), schwungvoll, als sei ich unterwegs zu einem Meeting (übrigens habe ich mein sog. Schwulentäschchen dabei, seit mehr als zehn Jahren versauert es im Wandschrank, und nun, ausgerechnet in Wolfsburg, darf es wieder das Licht der Welt erblicken), begrüße den Chauffeur freundlich, aber nicht überfreundlich und sage: Ich möchte zum Schloss Fallersleben. Er guckt mich an, sehr ernst, nickt nur, fast unmerklich, mit dem Kopf. Ich habe gleich ein ungutes Gefühl, sage aber nichts, sondern krame geschäftig in meinem Täschchen herum; zwei Stadtpläne Wolfsburgs befinden sich darin – wahrscheinlich bin ich der einzige Mensch in Wolfsburg, vielleicht sogar auf der ganzen Welt, der zwei Pläne dieser „Stadt“ besitzt; ich meine jetzt Privatpersonen, nicht Institutionen! Außerdem zwei Stofftaschentücher (ungebügelt), Papiertaschentücher, Notizpapier, Tictac, ein Kuli, ein Bleistiftstummel, Schokolade (75 % Kakaoanteil), ein Taschenmesser (Schweizer), „Die Tante Jolesch“, Geldbörse, Wohnungsschlüssel; kein Kondom!, das letzte habe ich vor drei, vier Jahren weggeschmissen, was soll ich mich unnötig damit abschleppen?

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