Archiv der Kategorie: hier/dort

… Erscheinung einer Ferne, so nahe sie sein mag.

Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

A la recherche d’altstadt du Wolfsburg

Ich komme pünktlich um 10.15 Uhr in Wolfsburg an, lieber Siegfried, und sofort fällt mir auf, wie klein der Bahnhof ist! Ich erinnere mich, als ich das erste Mal in Bonn ausstieg, zweite Hälfte der siebziger Jahre, da war das noch die Bundeshauptstadt, dasselbe Staunen: Wie winzig!, fast wie ein Fallermodell. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn eine, zugegeben, sehr große Hand das Dach des Bahnhofsgebäudes gelupft und mich mit so einer tiefen Riesenstimme freundlich begrüßt hätte – das geschah dann nicht und wäre auch eine andere Geschichte, also zurück zum Hier und Jetzt. Ich war ja am Berliner Hauptbahnhof eingestiegen, dieser Sinfonie aus Glas und Stahl, um den uns die ganze Welt beneidet, und nun das! Ein winziger, verpisster (im übertragenen Sinne) Provinzbahnhof, schlimmer als Bielefeld! Das fängt ja gut an, dachte ich sarkastisch, aber ohne zu überlegen tat ich das einzig Richtige: Ich ging in die falsche Richtung, also nicht zum Bahnhofsvorplatz, zum „Centrum“ (!), sondern eben in die andere Richtung – und schon stand ich, keine zehn Schritte, vom Mittellandkanal entfernt. Nun behaupten einige Tolkien-Fans, der Mittellandkanal sei der Eingang zu Mittelerde, aber das ist Quatsch; der Mittellandkanal ist eine Art Wasserstraße, auf der Schuten und Prahme, Schoner und Galeeren, Binnenschiffe und riesige Oceanliner – nein, riesige Oceanliner eben nicht, ich wollte Dich nur testen, ob Du auch aufpasst und wirklich konzentriert liest. Jedenfalls musst Du Dir vorstellen: Es ist diesig, ja neblig, ein kalter Hauch lässt mich frösteln, und leise gluckernd ertönt der Mittellandkanalwellen ewiges „rolling home“ – es war verwunschen, geheimnisvoll, und um diese Zeit kein Mensch weit und breit.

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Bief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Wir schreiben das Jahr 2015, es ist Montag, der 23. November, da machte sich auf gen Worms, die alte Kaiserstadt, Kurt „der Laudator“. Vorsichtshalber, lieber Siegfried, ging ich etwas früher los, als Lobredner hat man die heilige Pflicht, pünktlich zu sein, denn praktisch-faktisch ist man die wichtigste Person. Der Preisträger steht nur herum, brummig (so war es früher, in den ehrlichen, den politisierten Zeiten) oder gerührt (so ist es heute, wo der Preisträger die Hand, die austeilt, nicht mehr beißt, sondern abschleckt, unkritisch, ja affirmativ: widerlich!), aber gekommen sind die Massen, um den Laudator zu feiern, sich an seinen geschliffenen Formulierungen, trefflichen Sottisen, kühnen Analogien zu ergetzen – ich war also eine gute Stunde vor Abfahrt im Hauptbahnhof, unten, Bahnsteig 5. Wieder und wieder hatte ich die Daten kontrolliert, erste Klasse im Abschnitt C und D, Wagen 9, Platz 32, und nun saß ich auf der Bank, zog ein blasiertes Gesicht, ließ den Weltmann und Globetrotter heraushängen: Kalt war’s! Ich stand auf, ging ein wenig umher, unbedingt den Eindruck vermeidend, ich sei nervös. Nein, ganz offensichtlich schlenderte ich entspannt diesen erstaunlich leeren Bahnsteig entlang. Spielerisch schaute ich noch einmal auf den Abfahrtszeitenanzeiger, den gelben; der weiße Anschlag ist der für Ankunftszeiten, das weiß der geübte Reisende. Aber eigentlich, grübelte ich so vor mich hin, braucht man den Ankunftszeitenanzeiger – was für ein dummes, dummes Wort! Dass man da noch nichts anderes erfunden hat! Auf den Mond können sie fliegen (naja, eigentlich nicht), aber ein modernes, vielleicht sogar pseudoenglisches Wort für Abfahrtszeitenanzeiger (Departure-Pointer?) kriegen sie nicht hin! – überhaupt nicht, ich nutze immer nur sein Pendant (das ist mal ein gutes Wort!). Noch zehn Minuten bis zur Abfahrt, mir ist saukalt, kein Mensch will nach Worms bzw. Mannhein, da muss man umsteigen. Mannheim – klingelt’s? Wanderer, kommst du nach Mannheim, dann ist Ludwigshafen nicht fern! Kohl! Der Oggersheimer! Da sitzt er in seinem Rollstuhl, und Helmut Schmidt ist nun doch vor ihm abberufen worden. Heute ist Staatsakt in Hamburg! Ich als gebürtiger (der Hanseat sagt: geborener) Hamburger bin ein wenig Nebenwitwe, obwohl: mein Lebensmensch ist Schmidtel mir nicht gewesen. Sein Haifischlachen und Zähneblecken, das Superschneidige konnte einem schon sehr auf den Senkel gehen. Und dann die Wichtigtuerei! Acht Jahre Kanzler, achtzig Jahre Klugschnacker, das ist quasi eine Verzehnfachung des in der Politik angesammelten Sabbelkapitals, eine Rendite von sagenhaften tausend Prozent! Und er wohnte in Langenhorn, und sein Boot auf dem Brahmsee war so groß wie ein Katzenklo, und zu Hause lauerte Loki, auch kein Zuckerschlecken.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Und gelegentlich, lieber Siegfried, erlebt man etwas, was für manche Enttäuschung entschädigt! Heute war so ein Tag: In den Zwölf-Uhr-Nachrichten des Deutschlandfunks wurde verkündet, dass große Kreuzfahrtschiffe bald nicht mehr direkt in die, und ich hörte es deutlich, „Lagunenstadt“ einfahren dürfen. Es war kein Traum: Das Weltkulturerbe der, sie taten es wieder!, „Lagunenstadt“ sei nämlich bedroht. Nach so vielen Wochen, Monaten, Jahren der Abstinenz – kein Leimener, kein Erdtrabant, recht selten nur der brave Urnengang – endlich wieder die Mutter aller Synonyme: die gute, alte Lagunenstadt (genau genommen ist das eine Antonomasie, aber egal). In der abendlichen Tagesschau brachen dann die letzten Dämme! Drei-, viermal jaulten die Moderatoren, wie entfesselt, „Lagunenstadt“, mit einer Begeisterung, die an Bern 1954 erinnerte bzw. an den 30. Januar 1933, als enthemmte Horden über die Boulevards und Avenuen der „Reichshauptstadt“ zogen und „Lagunenstadt“, Quatsch: „Spree-Athen“ bzw. „Heil Hitler“ grölten, als hätten sie ihren tiefsten, perversesten Wunsch jahrzehntelang unterdrücken müssen – nie davon sprechen, immer daran denken –, und nun diese Ekstase, eine diabolische Orgie, schmutziger Sex auf dem nassen Asphalt von „Babylon Berlin“, wie Goebbels die Weltmetropole in seinem Tagebuch schmähte, „why don’t we do it in the road?“, unvorstellbar eigentlich, aber hier, vor meinen Augen, im November 2017, ereignete sich im Tagesschaustudio erneut solch ein Hexensabbat!

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheeel

Lieber Siegfried,
habe ich Dir eigentlich schon erzählt, dass mich die (sehr renommierte) englische Tageszeitung „The Guardian“ vor kurzem (wenn Du es unbedingt genau wissen willst: es war wohl der 29. Oktober 2017) namentlich erwähnt hat, und zwar völlig korrekt? Also nicht „Martin Scheel“, wie es kürzlich in der „Zeit“ hieß oder, noch schlimmer, „Knut Schiel“, wie mein Name so häufig durch meine Albträume geistert. (Die allerschlimmste Namenverhunzungsgeschichte stammt von Carl Barks, in ihr wird aus „Donald Duck“ in einem Zeitungsartikel, mit dem Donald die Neffen beeindrucken will, „Ronald Dunk“.) Nein, mit typischem Understatement und dem schwarzen Humor, der dem Engländer eigen ist, schrieben sie „Kurt Scheel“, so der britischen Fairness ein schönes Denkmal setzend gegen die deutsche Neidkultur unseligen Angedenkens, bravo! Und ich wurde auch nicht als ausgebrannter Medienmogul oder (ehemaliger) Mitherausgeber eines „(very) little magazine“ gedemütigt, sondern als, aufgepasst!, „veteran cultural observer“ gewürdigt.

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Hier und dort

Michael Rutschky

Dienstag, 17. Oktober 17
Am 4. August diesen Jahres erklärte Elke Twesten, berichtet Lars Langenau in der SZ, ihren Übertritt von den Grünen zur CDU und brachte damit die Landesregierung von Niedersachsen um ihre Mehrheit im Landtag. Bei den Wahlen letzten Sonntag gewann aber nicht – wie erwartet – die CDU, und Elke Twesten blieb ohne ein neues Landtagsmandat. Der Übertritt von dort nach hier hat sich also nicht gelohnt. Elke Twesten ließ per Internet wissen, sie werde demnächst das Studium an einer Fachhochschule in Buxtehude beginnen. „Ich freue mich auf diese neue Herausforderung. Der MBA gibt mir die Möglichkeit, auf meinen bisher erlernten Kompetenzen im Bereich Verwaltung und Finanzen aufzubauen und mich beruflich weiterzuentwickeln.“
Hat der erste Übertritt nichts gebracht, spottet der Onkel, versucht man gleich einen zweiten.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Und da stand er vor mir, genau wie im Haiku von Issa: Da steht der Pilz, / Mit leuchtend roter Kappe. / Gut schmeckt der Herbst.

Um 6.50 Uhr war ich losgefahren, lieber Siegfried, am Tag der Deutschen Einheit, und diese Radtour hatte ich meiner Mutter gewidmet, die am 3. Oktober 1913 geboren ward und als Kreszentia Scheel, geborene Stangl, in meiner Lebensgeschichte eine prominente Rolle spielen sollte. Mit einer bayrischen Schwäbin als Mutter, geboren in Augsburg, und einem pommerschen Vater, geboren in Stettin (quasi Polacke), aufgewachsen in Hamburg, war ich ja gleichsam die ideale Vermischelung von Ost und West, Nord und Süd, Oben und Unten, Rechts und Links, Mittler zwischen Gott und der Welt: der Superbastard, sozusagen. Aber das war Vergangenheit, Schnee von gestern, heute sollte es um die Gegenwart und gen Spandau gehen, eine Friedensfahrt der Versöhnung hatte ich geplant, also an der Spree entlang und dann auf die Freiheit, links abgebogen in die Pichelswerder Straße, dann weiter auf der Havelchaussee. Kaum Verkehr, bedeckt, aber trocken, keine Sonne. Kurz hinter der Bushaltestelle Havelweg bog ich links ab in den Grunewald, mit dem sicheren Gefühl, dass ich mich verfahren würde, und ich hatte mich wieder einmal nicht getäuscht! Schlecht gelaunt stieg ich von meinem Raleigh urban ab, Pinkelpause. Und da stand er vor mir, genau wie im Haiku von Issa!

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

heute bin ich wieder um 7 Uhr losgefahren, kurz vor Sonnenaufgang, die Leibniz hoch, überquere den Landwehrkanal und dann rechts in das Salzufer; kaum Verkehr am Sonntag; bei der Straße des 17. Juni auf die andere Seite des Kanals gewechselt und auf dem schönen Radweg direkt am Wasser zurück, bis zum Charlottenburger Schloss: Endlich ist die Sperrung an der Caprivibrücke aufgehoben, der Spreeweg renoviert, fast ein ganzes Jahr hat das gedauert. Um diese Zeit, beinahe 8 Uhr, ist kein Getier zu sehen, die paar Enten gelten nicht, aber Bruder Mensch beginnt sich zu regen, zumeist Obdachlose und Alkoholiker: Die Männer sind ohne Ausnahme sehr dünn, diese Säufer-Hagerkeit, ausgemergelt, haben einen Bart, tragen meistens grellfarbige Anoraks, Basecaps; zwei Frauen, die jüngere guckt wütend auf die ältere, die einen abgewetzten Persianermantel trägt und gerade, als ich sie passiere, in einen Papierkorb kotzt. Wenige Jogger im Schlosspark, kein einziger Angler. In der Kleingartenkolonie Spreewiesen dominiert heute die Aster, ich beschließe, Dir unter keinen Umständen Benns Gedicht zu zitieren. Komischerweise habe ich Dahlien, die heute in den Schrebergärten auch prunken, nie gemocht, schon als Kind nicht, die sahen mir immer zu künstlich aus, wie aus Papier gebastelt; aber die kleine Aster, in diesen merkwürdigen, grenzwertigen Farben, so klein und doch so eindringlich, durch die große Zahl der Blüten, hat mir damals schon gefallen, und heute um so mehr. Am Wiesendamm verlasse ich die Spree, biege nach links ab und fahre über die Reichsstraße zurück, zum Theodor-Heuss-Platz, und bald schon bin ich wieder im sicheren Wilmersdorf. Es ist diesig, aber trocken. Die rosenfingrige Sonne, die so ein überirdisches Rosa auf die Häuser malte, ist längst hinter Wolken verschwunden, es ist nicht kalt, vielleicht so 15 Grad? Um 8.30 Uhr bin ich in der Xantener, nun ein heißes Bad und danach der dritte Band der Churchill-Biographie.

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