Archiv der Kategorie: hier/dort

… Erscheinung einer Ferne, so nahe sie sein mag.

Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Um 5.50 Uhr geht es los, lieber Siegfried, Richtung Spandau, und wenn ich nicht innerhalb von sechzig Minuten die Havel gequert habe, gar noch auf der Wasserstadtbrücke und derjenige bin, dem die Stunde schlägt, wird sie unter mir zusammenbrechen, ich habe da ein sicheres Gefühl! Also nicht gesäumt und das brave Fahrrad ordentlich gepeddet! Doch gemach, schon um 6.43 Uhr habe ich die Brücke hinter mir gelassen und Hakenfelde erreicht, jetzt kann mir nichts mehr passieren, und so radle ich im Sonnenschein, von einem angenehm kühlem Lüftchen umfächelt, havelaufwärts, von der Elkartstraße an immer direkt am Fluss entlang, die Fußgängerbrücken über den Aalemann- und den Teufelsseekanal nehme ich im ersten Gang (vor einem Jahr musste ich noch absteigen, so schlapp war ich da!), dann den Mauerweg hoch, an diesem unglaublich tristen Campingplatz vorbei, es sieht aus wie eine aufgelassene Hühnerlegebatterie, da bin ich doch sehr froh, dass ich seit Jahrzehnten keinen Urlaub mehr machen und irgendwo hinfahren und mich vergnügen muss.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

Andrei Kontschalowskis „Paradies“ hat mich beeindruckt: Eine russische Gräfin, die zwei jüdische Kinder in Paris versteckt, wird verhaftet, der französische Polizeioffizier verspricht ihr die Entlassung, wenn sie mit ihm schläft, er wird dann, bevor es zum äußersten kommt, von der Résistance liquidiert. Sie landet im KZ in Polen, dort trifft sie ihren ehemaligen Liebhaber, einen schönen deutschen Adligen, der nun ein (idealistischer) SS-Mann ist und sie zu retten verspricht – sie geht schließlich, als die Russen anrücken, freiwillig ins Gas, um ihre Freundin und eben die beiden Kinder (siehe oben) zu retten. Als sollte das nicht genügen, Dir Kotzgeräusche zu entlocken, darf ich noch ein Sahnehäubchen draufsetzen: Die Gräfin, der Polizist und der SS-Mann sprechen zwischendurch immer mal wieder in die Kamera, wie in einem Verhör, aber sie haben keine Angst, tragen eine Art (vornehme) Häftlingskleidung, es kann also nicht bei der Gestapo sein; und es ist dann tatsächlich das Verhör beim Einlass ins Paradies, denn die Gräfin wird mit den Schlussbildern erlöst und hineingelassen, wie uns eine Stimme verkündet, dann wird das Bild heller und schließlich strahlend weiß … Ein großartiger, bewegender Film, und alles was in meiner Nacherzählung krude und gaunerhaft klingen mag, wie Holocaustkitsch, ist eindringlich, mit höchster Genauigkeit im Dekor, einer großartigen Kamera und hervorragenden Schauspielern. Nie wird der Film peinlich, selbst die mysteriösen, traumhaften Szenen, das märchenhafte Ende sind mit großem Feingefühl gemacht; der Regisseur, jetzt achtzig, hat als Jungspund mit Tarkowski zusammengearbeitet, und eine Prise davon ist hier zu schmecken, aber eben nur eine Prise. Ach ja, in in künstlerisch wertvollem Schwarzweiß ist der Film auch noch. Ein bisschen wie ein Pirandello-Theaterstück, und gleichzeitig von einem unheimlichen, überwirklichen Realismus, da stimmt jeder Kragenknopf, hat man das Gefühl.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

es ist ein Unterschied ums Ganze, ob man um 5 Uhr oder um 9 Uhr losfährt! Der frühe Zeitpunkt bedeutet: Natur und Getier und ich in enger Zwiesprache, der späte: Bruder Mensch in all seinen (zumeist unschönen) Ausprägungen macht sich bemerkbar, in der Regel unangenehm. Aber von Anfang an! Ich holte also Frau Landes wie verabredet um 9 Uhr ab, sie klagte noch ein bisschen, ob sie es kräftemäßig wohl schaffen würde, ihr Fahrrad tauge nichts usw., ich begöscherte sie, schmunzelte souverän und abwiegelnd, und dann ging’s los. Zum Glück wenig Verkehr, aber es war doch schwierig, nebeneinander zu fahren, denn nicht der Autofahrer erwies sich an diesem Sonntag als geborener Feind des Radlers, sondern der: Mitradler!

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Und als dann um 8.30 Uhr, lieber Siegfried, ein ordentliches Gewitter losbrach, konnte ich nicht umhin, mir schmunzelnd selber mit der rechten Hand auf die linke Schulter zu klopfen: Gut gemacht, Herr Scheel! Was war geschehen? Die Wettervorhersage hatte ab 8 Uhr eine Regenwahrscheinlichkeit von 80 Prozent angegeben, das hätte für Dich und andere Normalverbraucher bedeutet, dass der sonntägliche Radelausflug („leider, leider“) ausfallen müsse; Du hättest Dich auf die andere Seite gedreht und mit dem besten Gewissen der Welt „weitergeratzt“ (so wörtlich!). Was aber tat Herr Scheel? Fieberhaft ging er alle Alternativen durch, sein Verstand, „a fine tuned machine“ (Trömp), lief auf Hochtouren: Wenn es ab 8 Uhr höchstwahrscheinlich regnen wird, man aber die Radtour nicht einfach (und schmählich) absagen will, was macht man dann? Grübelgrübel, doch dann hatte ich die Lösung, und sie war so einfach! Einfach sehr früh losfahren und vor 8 wieder zu Hause, im sicheren Port, sein. Gedacht, getan!

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Christopher-Street-Day! Wie schade, lieber Siegfried, dass Du heute nicht dabei sein kannst! Ich hätte Dich beschwatzt bzw. in herrschaftsfreier Kommunikation zu überzeugen gewusst, dass wir als Duo, nämlich „Havelmann und Häwelmann“, mitgehen: Ich, einen Kinderwagen schiebend, als so eine Art Neptun verkleidet, mit Dreizack, starker Brustbehaarung, wasserdichtem Brustbeutel, grüngestreifter Badebüx und fashy-Schwimmschuhen, dass die Umstehenden neidisch auf mich gezeigt hätten: „Kiek ma, der Oppa da, jeil, watt?!“ oder „Der Olle traut sich watt!“ oder „Der Insulaner verliert die Ruhe nich!“ – zu Dir in der Babykarre mit dem Schild „Der kleine Häwelmann“ hätten sie wohl „Häh?!“ oder „Wattdenn, wattdenn?!“ oder „Mönsch, iss der kleen!“ gesagt, jedenfalls wären wir „The Talk of the Town“ gewesen, wie es im „New Yorker“ so schön heißt.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Um 6.35 Uhr, lieber Siegfried, war ich an der Havel, und fünf Minuten später drin. Von links kam eine Entenmutter mit vier, nein fünf Welpen bzw. Küken aus dem Schilf angeschwommen, rechts in der Ferne ein Schwanenpaar. Apropos: Wusstest Du, dass Schwanenwerder eigentlich ganz anders hieß? Sandwerder nämlich, und erst der Kaiser hat’s 1901 dann gestattet, dass daraus das pompöse Schwanenwerder wurde, usw.: Das kann sich ja heute jeder selber auf Wikipedia ansehen, und ich liebe das Netz dafür, so ein wunderbarer Ort des Nachschlagens und der Recherche! Wenn man aber wie ich mit Büchern und Lexika und ohne das Internet vierzig geworden ist und einen riesigen Vorrat an unnützem Wissen angehäuft hatte, der dann, durch die neue Technologie, schlagartig entwertet bzw. seiner Exklusivität beraubt wurde, dann wird man verstehen, dass ich auch manchmal etwas ambivalent auf diesen Fortschritt reagiere. (Jahrzehntelang war ich fast der einige Mensch, der wusste, dass der Förster vom Silberwald den Namen „Hubert Gerold“ trägt, heute genügt ein Click auf Google; praktisch wie Luthers Bibelübersetzung: IM PRINZIP lobenswert, aber für die Priesterschaft doch auch ein schwerer Schlag gegen ihr Herrschaftswissen.)

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Stadt der Katzen

Igor Arslan

Dieses Katzenfoto von 2014 stammt nicht von irgendwo, sondern aus Istanbul, der Stadt der Katzen. Doch leider berichtet die türkische Presse nicht mehr über diese Geschöpfe, sondern schweigt sie tot. Warum? Weil sie nicht die AKP und Erdogan gewählt haben? Werden auch sie verdächtigt, Gülenisten oder sonstige Terroristen zu sein?

Nichts erfährt man darüber, wie es ihnen nach dem großen Regen in Istanbul geht. Der Habertürk-TV-Wetterexperte Hüseyin Öztel hatte gewarnt: „Alle, die kleiner als 1,60m sind, sollten möglichst nicht auf die Straße gehen.“ Das trifft ja wohl auch auf Katzen zu.