Archiv der Kategorie: hier/dort

… Erscheinung einer Ferne, so nahe sie sein mag.

Hier und dort

Michael Rutschky

Dienstag, 17. Oktober 17
Am 4. August diesen Jahres erklärte Elke Twesten, berichtet Lars Langenau in der SZ, ihren Übertritt von den Grünen zur CDU und brachte damit die Landesregierung von Niedersachsen um ihre Mehrheit im Landtag. Bei den Wahlen letzten Sonntag gewann aber nicht – wie erwartet – die CDU, und Elke Twesten blieb ohne ein neues Landtagsmandat. Der Übertritt von dort nach hier hat sich also nicht gelohnt. Elke Twesten ließ per Internet wissen, sie werde demnächst das Studium an einer Fachhochschule in Buxtehude beginnen. „Ich freue mich auf diese neue Herausforderung. Der MBA gibt mir die Möglichkeit, auf meinen bisher erlernten Kompetenzen im Bereich Verwaltung und Finanzen aufzubauen und mich beruflich weiterzuentwickeln.“
Hat der erste Übertritt nichts gebracht, spottet der Onkel, versucht man gleich einen zweiten.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Und da stand er vor mir, genau wie im Haiku von Issa: Da steht der Pilz, / Mit leuchtend roter Kappe. / Gut schmeckt der Herbst.

Um 6.50 Uhr war ich losgefahren, lieber Siegfried, am Tag der Deutschen Einheit, und diese Radtour hatte ich meiner Mutter gewidmet, die am 3. Oktober 1913 geboren ward und als Kreszentia Scheel, geborene Stangl, in meiner Lebensgeschichte eine prominente Rolle spielen sollte. Mit einer bayrischen Schwäbin als Mutter, geboren in Augsburg, und einem pommerschen Vater, geboren in Stettin (quasi Polacke), aufgewachsen in Hamburg, war ich ja gleichsam die ideale Vermischelung von Ost und West, Nord und Süd, Oben und Unten, Rechts und Links, Mittler zwischen Gott und der Welt: der Superbastard, sozusagen. Aber das war Vergangenheit, Schnee von gestern, heute sollte es um die Gegenwart und gen Spandau gehen, eine Friedensfahrt der Versöhnung hatte ich geplant, also an der Spree entlang und dann auf die Freiheit, links abgebogen in die Pichelswerder Straße, dann weiter auf der Havelchaussee. Kaum Verkehr, bedeckt, aber trocken, keine Sonne. Kurz hinter der Bushaltestelle Havelweg bog ich links ab in den Grunewald, mit dem sicheren Gefühl, dass ich mich verfahren würde, und ich hatte mich wieder einmal nicht getäuscht! Schlecht gelaunt stieg ich von meinem Raleigh urban ab, Pinkelpause. Und da stand er vor mir, genau wie im Haiku von Issa!

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

heute bin ich wieder um 7 Uhr losgefahren, kurz vor Sonnenaufgang, die Leibniz hoch, überquere den Landwehrkanal und dann rechts in das Salzufer; kaum Verkehr am Sonntag; bei der Straße des 17. Juni auf die andere Seite des Kanals gewechselt und auf dem schönen Radweg direkt am Wasser zurück, bis zum Charlottenburger Schloss: Endlich ist die Sperrung an der Caprivibrücke aufgehoben, der Spreeweg renoviert, fast ein ganzes Jahr hat das gedauert. Um diese Zeit, beinahe 8 Uhr, ist kein Getier zu sehen, die paar Enten gelten nicht, aber Bruder Mensch beginnt sich zu regen, zumeist Obdachlose und Alkoholiker: Die Männer sind ohne Ausnahme sehr dünn, diese Säufer-Hagerkeit, ausgemergelt, haben einen Bart, tragen meistens grellfarbige Anoraks, Basecaps; zwei Frauen, die jüngere guckt wütend auf die ältere, die einen abgewetzten Persianermantel trägt und gerade, als ich sie passiere, in einen Papierkorb kotzt. Wenige Jogger im Schlosspark, kein einziger Angler. In der Kleingartenkolonie Spreewiesen dominiert heute die Aster, ich beschließe, Dir unter keinen Umständen Benns Gedicht zu zitieren. Komischerweise habe ich Dahlien, die heute in den Schrebergärten auch prunken, nie gemocht, schon als Kind nicht, die sahen mir immer zu künstlich aus, wie aus Papier gebastelt; aber die kleine Aster, in diesen merkwürdigen, grenzwertigen Farben, so klein und doch so eindringlich, durch die große Zahl der Blüten, hat mir damals schon gefallen, und heute um so mehr. Am Wiesendamm verlasse ich die Spree, biege nach links ab und fahre über die Reichsstraße zurück, zum Theodor-Heuss-Platz, und bald schon bin ich wieder im sicheren Wilmersdorf. Es ist diesig, aber trocken. Die rosenfingrige Sonne, die so ein überirdisches Rosa auf die Häuser malte, ist längst hinter Wolken verschwunden, es ist nicht kalt, vielleicht so 15 Grad? Um 8.30 Uhr bin ich in der Xantener, nun ein heißes Bad und danach der dritte Band der Churchill-Biographie.

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Grüne Insel mit Goldrand

Kurt Scheel

Eine Kindheit auf Altenwerder

Das Besondere an einer Insel ist ihre Inselhaftigkeit, alles so schön übersichtlich. Da ist die Insel, nennen wir sie Altenwerder, und drumherum ist DAS ANDERE, aber dazu kommen wir später. Wir sind in der Kindheit und müssen erst einmal die Insel kapieren, selbst wenn sie so winzig ist wie Altenwerder: ein an den Ecken abgerundetes Rechteck von zwei Kilometern Länge und einem Kilometer Breite, ringsherum brav von einem Deich geschützt, in der Mitte vom Querweg durchzogen. Obstplantagen, Gemüsegärten und Weiden mit Kühen in Halbtrauer. Viele kleinere und größere Gräben, deren Schlick bei Ebbe betörend und auch ein bisschen unheimlich dünstet, bei Flut führen sie das klarste Wasser, leicht gekräuselt, man möchte sofort ein Fisch sein.
Und statt eines langweiligen Meeres, womit „richtige“ Inseln sich dicke tun, gibt es im Osten den Köhlbrand, im Süden die Süderelbe, im Norden die Dove Elbe; drumherum feindliches Ausland, ich sage nur Finkenwerder, Moorburg, Waltershof; zweitausend Einwohner, eine kleine Festung in Indianerland, Fort Apache bei Hamburg, sozusagen.
Für einen kleinen Buttje ist das in den fünfziger Jahren ein Paradies, Altenwerder ist ein Traum, und ich kann, was wahrscheinlich ein Glück ist, dorthin nie zurückkehren, selbst wenn ich wollte. Es gibt nur die Erinnerung, denn der Fortschritt und das Kapital in Gestalt der Hamburger Hafenerweiterung haben meine Insel zerstört, heute ist das ein Containerterminal, und wenn quartalsmäßig die neuesten Exportdaten in der Tagesschau verkündet werden, können Sie in den illustrierenden TV-Bildern den Namen „Altenwerder“ auf den Kränen erkennen, und jedes Mal gibt es mir einen Stich ins Herz.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Dies, lieber Siegfried, ist ein Herbsttag, wie ich schon viele sah; vor allem Ende September, während der Oktoberfestzeit, gibt es sie, da steht die Luft still, als atmete man kaum, und dennoch fallen raschelnd, hier und da, die Früchte ab vom Rosskastanienbaum.
Um 6.15 Uhr bin ich losgefahren, die Straßenbeleuchtung war noch nicht abgeschaltet, und als ich nun um halb acht die geheime Badestelle an der Havel erreicht habe, scheint die Sonne hinter mir gerade so eben über die Grunewald-Bäume aufs gegenüberliegende Gatow, milde und auroren-rötlich, dass auch gleich die niedrig stehenden Wölkchen vor Vergnügen im Pink eines vorschriftsmäßigen Mädchenzimmers aufleuchten, fast glaubt man, eine Wolke müsse jetzt aus Gründen der Bildharmonie die Form eines Einhorns annehmen, aber das bleibt dann doch, zum Glück, eine (mädchenzimmerfeindliche?) Männerphantasie.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Um 7 Uhr, lieber Siegfried, erreiche ich die geheime Badestelle, der Fluss liegt glatt und ungekräuselt vor mir, nur in der Mitte spielen einige Wellen. Ich lehne das Rad an die angestammte Weide Nummer 2336, will mich zum Baden bereit machen, plötzlich bemerke ich, dass ich beobachtet werde! Es ist, zehn Meter vom Ufer entfernt: Bibermann! Er liegt ruhig im Wasser, blickt in meine Richtung, und ich beginne sofort, ihn mit milder, gutturaler Stimme zu umschmeicheln: „Na, wie geht’s, wie steht’s, olle Bibermann? Alles fit im Schritt?“ Wobei ich, ohne einen richtigen Grund dafür angeben zu können, seinen Namen englisch ausspreche, also „Bibermänn“, aber es fühlt sich richtig an, so vom Bauchgefühl her, Du verstehst? Da taucht er weg, dann wieder auf, und blickt weiter in meine Richtung. Ich quatsche auf ihn ein, Liebesgflüster, zärtliche Dummheiten, nach einer Minute wird es ihm zu blöd, längerer Tauchgang und Abschwimmen Richtung Lindwerder. Ich aber fühle mich gebenedeit und schwimme ohne Widerworte, obwohl es ein bisschen kühl ist, die Runde um die Wasserskiboje.

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