Archiv der Kategorie: einst/jetzt

Zeitgeschichten

Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

heute, am 18. April 2018, fand die erste offizielle Radtour des Jahres statt! Gewidmet aber hatte ich sie meinen Eltern Kurt August Hermann Scheel und Kreszentia Scheel, geborene Stangl, Du wirst schon noch sehen warum. Um 5.25 Uhr bestieg ich also mein braves Raleigh, und, hastdunichtgesehen, wutschte ich die Paulsborner hoch, die bekannte Strecke zum Grunewald, am Jagdschloss in denselben hinein, und eine Stunde später stund ich, dicht bei Lindwerder, an meiner „geheimen Badesstelle“, das Rad vorschriftsmäßig geparkt an der Weide 2336. S-piegel-glatt lag der Fluss da, windstill war’s, fast schon stromförmig breit ist hier die Havel, und die aufgehende Sonne beleuchtete die Häuser am gegenüberliegenden Gatower Ufer, die vor Freude geradezu butterüberglänzt (hätte Herr Rutschky gesagt) gülden zurückschienen; milchigblau der Himmel, im linken Drittel von poetisch verwehten Kondensstreifen zart aquarelliert.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Heute, lieber Siegfried, habe ich einen treuen Kameraden verloren: Mein Ergometer ward in den Keller verbannt, zum alten Eisen geworfen, wie eine ausgepresste Zitrone, die man auspresst und dann fortwirft … Und das kam so. Schon seit Wochen ruckelte und rackelte die Kette immer mal wieder, und bald war auch dem Laien klar: Die ist wohl etwas ausgeleiert, die wird man wohl, wie einen geschwätzigen Essay, etwas kürzen müssen. Gesagt, getan! Um eine lange und auch gewissermaßen langweilige Geschichte kurz zu machen: Mit klebrig verschmierten Händen, einer heftig blutende Schnittwunde und einer Kette, die nun traurig und zerbrochen Trübsal blies, sprach ich, schwitzend, wütend, deprimiert, dem Ergometer das Urteil: Ab in den Keller! Und so geschah es auch. Doch vorher bestellte ich beim Lidl-Onlineshop ein neues Gerät (gegen Vorauskasse), denn ohne meinen zweitbesten Freund „Dr. Ergo“, wie ich ihn respektvoll nenne, mag ich nimmer sein; hier eine Erinnerung an dreißig Jahre gute Kameradschaft, ein Epitaph, quasi eine Remembrance.

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„Dichten“ mit Rutschkys

Michael Schröter

Um 1970 bildeten „Arbeitskreise“ ein Zentrum unseres Lebens. Wir trafen uns ‒ zuerst als Studenten, dann im mehr oder weniger holprigen Übergang zur Geldverdien-Existenz ‒ mit anderen einmal die Woche, um Freud und in der Folge weitere Autoren des sozialwissenschaftlichen Kanons zu lesen, zum Beispiel Claude Levi-Strauss. Und wir trafen uns, um zu „dichten“. Wir: das waren Katharina und Michael Rutschky, denen ich mich in enger Freundschaft angeschlossen hatte. Unsere Freud-Lektüre hat mein berufliches Leben bis heute bestimmt. Aber auch unser „Dichten“ zu dritt hat mich verändert.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

am 20. Januar hatte ich meine Lieben – Ulrike, Igor, Michael, als Ehrengast Frau Passig – zum Essen und Gucken eingeladen: Es gab Kürbiscremesuppe, Kalbsragout mit Mangold und Kartoffeln, Obstkompott mit Vanillesahne, und zum Gucken „Liane, das Mädchen aus dem Urwald“, eine Fortsetzung meines kleinen Bildungsprogramms „Zur Frühgeschichte der Bundesrepublik“, das mit „Der Förster vom Silberwald“ begonnen hatte. In gewisser Weise ist „Liane“ heutzutage noch ekliger als der „Förster“, aber wir hatten uns doch gut amüsiert (Lianes erstes richtiges, also deutsches Wort, nicht dieses Negerkauderwelsch, ist „Seife“! Und fällt Dir auf, dass hier die deutsche Obsession mit dem Wald sich sogar im Titel austobt, „Silberwald“ und „Urwald“!?). Nur Herr Rutschky wirkte etwas mitgenommen, was er aber nicht nur dem Film anlastete, er habe Rückenschmerzen, und deshalb beendeten wir schon gegen Mitternacht diesen wieder einmal wunderbaren Abend.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Ich und Günter Grass

Kürzlich, lieber Siegfried, in einer Ratesendung im Fernsehen, wurde ein „schnauzbärtiger deutscher Schriftsteller“ gesucht, und als Antwort kam: Adolf Hitler! Da kann ich nur den Kopf schütteln, mit solch einem ungebildeten Volk ließe sich nicht einmal mehr ein Nobelpreis für Physik oder Chemie oder meinetwegen Medizin ergattern, geschweige könnte man mit solchem Menschenmaterial den kleinsten Angriffskrieg durchführen! Gefragt war natürlich nach dem allzu früh verstorbenen Günter Grass: „Die Vorzüge der Windhühner“, vor allem aber „Die Blechtrommel“ sind lebendiger Bestandteil unserer Volkskultur geworden. Kennst Du übrigens seine drei Wappentiere?

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

heute will ich Dir von meinem Ausflug nach Hermsdorf berichten. Die Anfahrt bis Bahnhof Friedrichstraße lasse ich aus, Du als alter Berliner, dieser großen Stadt zwischen Tradition und Moderne in einer Art Hassliebe verbunden, über Meere und Kontinente hinweg, kennst Dich aus, für Dich ist das doch, auf gut Berlinerisch, kalter Kaffee, praktisch Muckefuck. Friedrichstraße also, Bahnsteig 12 – ich folge der Masse der sich mechanisch, bewusstlos fast vorwärts drängenden Menschen, stumpfe, sinnlose Gesichter, sie erinnern mich an die Schreckensbilder aus „Metropolis“, und dann bin ich auch schon im Zug nach Oranienburg. Hui, wie die S-Bahn durch die Tunnels erst, dann durch eine sich nach dem Frühling sehnende Landschaft saust, der Himmel ist zartblau, und erst die Stationsnamen! Es ist zum Piepen: Humboldthain, Gesundbrunnen, Wilhelmsruh, Waidmannslust, als sei man hier zur Kur!

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Zur Wiederkehr der politischen Lyrik

Auch ein Beitrag zur Schüttelreim-Forschung

Kurt Scheel

Das Allerletzte, schimpfen die einen, ein Gottesgeschenk, freuen sich die anderen. Worum geht es? Die politische Lyrik, und zwar in GEREIMTER Form, feiert ihr Comeback, um nicht zu sagen: fröhliche Urständ. So gab es denn auch erregte Diskussionen um folgenden Vierzeiler, der am 14. März 2017 ausgerechnet die „taz“ zierte : „Der Führer hat der Nieren zwei, / doch leider hat er nur ein Ei. // Nur eine Niere hat Steinmeier, / jedoch, zum Glück, zwei dicke Eier!“ Im Unterschied zu vielen kritischen Leserkommentaren („geschmacksfern, blöde, niveaulos“, „grobe Unverschämtheit“, „unzulässiger Steinmeier-Hitler-Vergleich“) war Steinmeiers Reaktion übrigens positiv: Der Unterschied zwischen der Hitler-Barbarei und einem neuen, einem wirklich demokratischen, aber wehrhaften Deutschland, einem „Deutschland mit Eiern“, so der kunstsinnige Niedersachse wörtlich, sei nie schlichter und schöner formuliert worden.

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