Archiv der Kategorie: einst/jetzt

Zeitgeschichten

Zur Wiederkehr der politischen Lyrik

Auch ein Beitrag zur Schüttelreim-Forschung

Kurt Scheel

Das Allerletzte, schimpfen die einen, ein Gottesgeschenk, freuen sich die anderen. Worum geht es? Die politische Lyrik, und zwar in GEREIMTER Form, feiert ihr Comeback, um nicht zu sagen: fröhliche Urständ. So gab es denn auch erregte Diskussionen um folgenden Vierzeiler, der am 14. März 2017 ausgerechnet die „taz“ zierte : „Der Führer hat der Nieren zwei, / doch leider hat er nur ein Ei. // Nur eine Niere hat Steinmeier, / jedoch, zum Glück, zwei dicke Eier!“ Im Unterschied zu vielen kritischen Leserkommentaren („geschmacksfern, blöde, niveaulos“, „grobe Unverschämtheit“, „unzulässiger Steinmeier-Hitler-Vergleich“) war Steinmeiers Reaktion übrigens positiv: Der Unterschied zwischen der Hitler-Barbarei und einem neuen, einem wirklich demokratischen, aber wehrhaften Deutschland, einem „Deutschland mit Eiern“, so der kunstsinnige Niedersachse wörtlich, sei nie schlichter und schöner formuliert worden.

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Alles muss sich wandeln!

Überlegungen zu einem alternativen Karnevalsschlager

Kuratiert von Kurt Scheel

Der herkömmliche Karnevalsschlager ist ein Trink-, ja Sauflied, in dem in kitschiger, oft auch latent frauenfeindlicher Weise das Rheinland („Kölle“, „Määnz“, „Vadder Rhein“) und Alkoholabusus gefeiert wird, nicht selten findet man dort auch die Verharmlosung übergriffigen Verhaltens („Meechens“, „Bützchen“, „Funkenmariechen“ mit finalem Spagat!). Aus diesen Gründen hat die Arbeitsgruppe „Für einen klimaneutralen Karneval“ (FKK) einen alternativen Karnevalsschlager entwickelt, der in mehrfacher Hinsicht innovativ und nahezu schadstofffrei ist. Dabei trägt er durchaus der traditionellen Feierlust Rechnung (vor allem Strophe 1), er ist kritisch („stinkt“) und dezidiert klimafreundlich (Strophe 2), schließlich schlägt er eine solidarische Brücke zwischen Norden und Süden, zwischen „Deutschen“ und „Migranten“ (Strophe 3).

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Theckeliade (I)

Urs Theckel über: Lektor als Beruf (und Berufung)

Aufgezeichnet von Kurt Scheel

Ich habe ja noch den alten Riemenschneider gekannt, er war mein Mentor, mein Vor-Bild, hat mir quasi alles beigebracht. Ein homme de lettres, eine Persönlichkeit, ein HERR. Ein Gentleman, dessen Sottisen bei Autoren und Verlegern gefürchtet waren. Dass Sie mich nicht missverstehen, ich will hier nicht in Kulturpessimismus machen à la „Früher war alles besser“, durchaus nicht. Trotzdem: Selbst wenn es heute Lektoren vom Format eines Riemenschneiders gäbe, mit seinem Charisma, wäre es doch sehr fraglich, ob sie solch eine Rolle spielen könnten wie dieser große Causeur unter den Lektoren der Weimarer Republik und den ersten „guten“ Jahren der Nazidiktatur. Das mag man füglich bezweifeln. Machen wir uns nichts vor: Lektor zu sein, literarischer Lektor, das ist heute nichts Besonderes mehr; die Faszination, die einmal von diesem Beruf ausging, ist lange dahin. Heute ist das ein „Job“ im „Kulturbetrieb“, keine Berufung.

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Einst und jetzt

Michael Rutschky

Donnerstag, 19. Oktober 17
Stanislaw Tillich, berichtet Jens Schneider in der SZ, wird am 9. Dezember als Landesvorsitzender der CDU und Ministerpräsident von Sachsen zurücktreten. Bei der Bundestagswahl am 21. September überholte die AfD die CDU. Einst, unter dem Ministerpräsidenten Biedenkopf, erreichte die CDU auf Landesebene wie bei Kommunalwahlen absolute Mehrheiten. „Wir dürfen nicht im Gestern und Heute gefangen sein“, erklärte Tillich kryptisch. „Nach 27 Jahren in aktiver Verantwortung fällt mir das sehr schwer. Ich weiß , dafür braucht es neue und frische Kräfte.“
Aber die AfD, spottet Onkel, ist doch bloß die alte CDU im Exil. Wenn sie sich mit der neuen CDU zusammentut, haben sie wieder die satte Mehrheit.

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Stadt der Katzen

Igor Arslan

Dieses Katzenfoto von 2014 stammt nicht von irgendwo, sondern aus Istanbul, der Stadt der Katzen. Doch leider berichtet die türkische Presse nicht mehr über diese Geschöpfe, sondern schweigt sie tot. Warum? Weil sie nicht die AKP und Erdogan gewählt haben? Werden auch sie verdächtigt, Gülenisten oder sonstige Terroristen zu sein?

Nichts erfährt man darüber, wie es ihnen nach dem großen Regen in Istanbul geht. Der Habertürk-TV-Wetterexperte Hüseyin Öztel hatte gewarnt: „Alle, die kleiner als 1,60m sind, sollten möglichst nicht auf die Straße gehen.“ Das trifft ja wohl auch auf Katzen zu.