Archiv der Kategorie: einst/jetzt

Zeitgeschichten

Stadt der Katzen

Igor Arslan

Dieses Katzenfoto von 2014 stammt nicht von irgendwo, sondern aus Istanbul, der Stadt der Katzen. Doch leider berichtet die türkische Presse nicht mehr über diese Geschöpfe, sondern schweigt sie tot. Warum? Weil sie nicht die AKP und Erdogan gewählt haben? Werden auch sie verdächtigt, Gülenisten oder sonstige Terroristen zu sein?

Nichts erfährt man darüber, wie es ihnen nach dem großen Regen in Istanbul geht. Der Habertürk-TV-Wetterexperte Hüseyin Öztel hatte gewarnt: „Alle, die kleiner als 1,60m sind, sollten möglichst nicht auf die Straße gehen.“ Das trifft ja wohl auch auf Katzen zu.

Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,
als ich heute um 7 Uhr – keine Bange, da hatte ich bereits abgewaschen – die Blumen schnitt und ihnen frisches Wasser gab, da überkam mich wieder so eine physikotheologische Stimmung und ich murmelte bzw. es murmelte „Flieder, Malven – und Pfingstrosen!“ aus mir. Was aber sollte das bedeuten? Nun, mit „Flieder“ (Syringa) ist eine Pflanzengattung aus der Familie der Ölbaumgewächse gemeint, dessen schöne Blüten, sie strömen einen betörenden Duft aus, wir im Frühling gerne in Vasen stellen, wo sie dann, hastdunichtgesehen, allzuschnell verwelken; aber sie sind so schön und riechen so gut, dass wir es im nächsten Jahr genauso halten. „Malven“ (Malva) wiederum sind Pflanzen aus der Familie der Malvengewächse, deren Blüten den Sommer ankündigen, so rot und weiß und zart, so zerrisslich, möchte ich fast sagen, dass schon beim Kaufe das Vergehen zu spüren ist als leiser, schöner Schmerz. Und die „Pfingstrose“ ist eben eine Rose, die man zu Pfingsten – kleiner Scherz: Die Pfingstrose“ (Paeonia) ist eine Pflanze aus der Familie der, Überraschung!, Pfingstrosengewächse, die so wunderschön und prachtvoll ist, dass man es kaum beschreiben kann.

Weiterlesen

Einst und jetzt

Kurt Scheel

Im FAZ-Magazin war gestern ein interessanter Artikel, der den 75. Geburtstag Paul McCartneys zum Anlass nimmt, an die Berichterstattung der Zeitung über die Beatles zu erinnern – ich stelle mir das so vor, dass der Autor Jörg Thomann (sagt mir nichts), als er am Gedenkartikel saß, das Archiv zum Thema konsultiert hat und in eine tiefe Krise geriet. Denn es ist kaum zu glauben, wie uninformiert, herablassend, dümmlich diese Beiträge sind. Im ersten FAZ-Artikel von 1963 ist die Rede von „kreischenden Teenagern“, die „Eintrittskarten für ein Jazzkonzert der ‚4 Beetles’ (Käfer) zu ergattern“ versuchen. 1964 schreibt die FAZ den Namen „Beatles“ immerhin richtig, muss aber kritisch anmerken: „Selbst die fanatischsten Anhänger der Beatmusik bestreiten nicht, dass ihre Texte und Melodien ziemlich minderwertig sind.“

Weiterlesen

Einst und jetzt

Michael Rutschky

Freitag, 23. September 16
Vor zwei Jahren triumphierte der IS, als er das Dorf Dabiq im Norden Syriens erobert hatte, berichtet Moritz Baumstieger in der SZ. Denn unter den Verlautbarungen des Propheten Mohammed findet sich eine, die dieses Dorf zum Austragungsort der Entscheidungsschlacht zwischen den Gläubigen und den Ungläubigen erklärt, eine Schlacht, mit der die Zeit endet. „Sie werden sich gegen euch unter 80 Flaggen vereinen, und unter jeder Flagge sind 12000.“ Zwar werde während des Kampfes ein Drittel der Muslime fliehen, ein zweites Drittel getötet, aber dann erringen die Gläubigen einen strahlenden Sieg, der die Apokalypse einleitet. Eine entsprechend gloriose Bedeutung maß die IS-Propaganda Dabiq zu. Als Jihadi John vor laufender Kamera den Entwicklungshelfer Peter Abdul-Rahman Kassig enthauptete, verkündete er: „Heute beerdigen wir den ersten amerikanischen Kreuzritter in Dabiq. Wir warten sehnsüchtig auf das Eintreffen des Restes eurer Armeen.“
Jetzt stehen in der Tat Armeen vor Dabiq, um das Dorf vom IS zurückzuerobern, muslimische Truppen, türkische und Soldaten der Freien Syrischen Armee.

Weiterlesen

Einst

Harry Nutt

1972 war ein Jahr mit enormer Prägekraft. Das mag eine Frage des Alters sein, ich war damals 13 und sportinteressiert. Viele erinnern sich an das Jahr, als Deutschland im eigenen Land zum zweiten Mal nach 1954 Fußball-Weltmeister wurde. Das war 1974. Zwei Jahre zuvor aber fand so etwas wie die mythische Geburt dieser Mannschaft statt. Beckenbauer, Maier, Hoeneß, Breitner, Netzer und Co. wurden Europameister. Der Sieg von 1974 war der größere Triumph, aber der von 1972 war das reinere Ereignis. 1974 wurde mit einiger Mühe vollzogen, was 1972 in großer Eleganz und Leichtigkeit zelebriert worden war. 1974 war Arbeit, 1972 Kunst. Oder Pop. Es ist kein Zufall, dass Netzer, Breitner und sogar Beckenbauer sich zu dieser Zeit wie Popstars kleideten und sich gern vor und in ihren schnellen Autos fotografieren ließen.

Weiterlesen