Archiv des Autors: Igor Arslan

Krank

Konstantin Quast

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

A la recherche d’altstadt du Wolfsburg

Ich komme pünktlich um 10.15 Uhr in Wolfsburg an, lieber Siegfried, und sofort fällt mir auf, wie klein der Bahnhof ist! Ich erinnere mich, als ich das erste Mal in Bonn ausstieg, zweite Hälfte der siebziger Jahre, da war das noch die Bundeshauptstadt, dasselbe Staunen: Wie winzig!, fast wie ein Fallermodell. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn eine, zugegeben, sehr große Hand das Dach des Bahnhofsgebäudes gelupft und mich mit so einer tiefen Riesenstimme freundlich begrüßt hätte – das geschah dann nicht und wäre auch eine andere Geschichte, also zurück zum Hier und Jetzt. Ich war ja am Berliner Hauptbahnhof eingestiegen, dieser Sinfonie aus Glas und Stahl, um den uns die ganze Welt beneidet, und nun das! Ein winziger, verpisster (im übertragenen Sinne) Provinzbahnhof, schlimmer als Bielefeld! Das fängt ja gut an, dachte ich sarkastisch, aber ohne zu überlegen tat ich das einzig Richtige: Ich ging in die falsche Richtung, also nicht zum Bahnhofsvorplatz, zum „Centrum“ (!), sondern eben in die andere Richtung – und schon stand ich, keine zehn Schritte, vom Mittellandkanal entfernt. Nun behaupten einige Tolkien-Fans, der Mittellandkanal sei der Eingang zu Mittelerde, aber das ist Quatsch; der Mittellandkanal ist eine Art Wasserstraße, auf der Schuten und Prahme, Schoner und Galeeren, Binnenschiffe und riesige Oceanliner – nein, riesige Oceanliner eben nicht, ich wollte Dich nur testen, ob Du auch aufpasst und wirklich konzentriert liest. Jedenfalls musst Du Dir vorstellen: Es ist diesig, ja neblig, ein kalter Hauch lässt mich frösteln, und leise gluckernd ertönt der Mittellandkanalwellen ewiges „rolling home“ – es war verwunschen, geheimnisvoll, und um diese Zeit kein Mensch weit und breit.

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Bitte eines SPD-Wählers an Martin Schulz

Kurt Scheel

Meine erste Präsidentschaftswahl war die zwischen Nixon und Kennedy, und sie war im Herbst 1960 ein großes Ereignis an meiner Schule, dem Gymnasium für Jungen Harburg. Ich war zwölf Jahre alt und fast der einzige in meiner Klasse, der es nicht mit Kennedy hielt, sondern mit Nixon: Man solle sich durch das blendende Aussehen Kennedys, seinen Charme usw. nicht verführen lassen, darauf komme es doch gar nicht an, jedenfalls sei Nixon als langjähriger Vizepräsident und gelernter Politiker viel besser auf das Amt vorbereitet als der Schönling und Millionärssohn aus Boston.

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Bief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Wir schreiben das Jahr 2015, es ist Montag, der 23. November, da machte sich auf gen Worms, die alte Kaiserstadt, Kurt „der Laudator“. Vorsichtshalber, lieber Siegfried, ging ich etwas früher los, als Lobredner hat man die heilige Pflicht, pünktlich zu sein, denn praktisch-faktisch ist man die wichtigste Person. Der Preisträger steht nur herum, brummig (so war es früher, in den ehrlichen, den politisierten Zeiten) oder gerührt (so ist es heute, wo der Preisträger die Hand, die austeilt, nicht mehr beißt, sondern abschleckt, unkritisch, ja affirmativ: widerlich!), aber gekommen sind die Massen, um den Laudator zu feiern, sich an seinen geschliffenen Formulierungen, trefflichen Sottisen, kühnen Analogien zu ergetzen – ich war also eine gute Stunde vor Abfahrt im Hauptbahnhof, unten, Bahnsteig 5. Wieder und wieder hatte ich die Daten kontrolliert, erste Klasse im Abschnitt C und D, Wagen 9, Platz 32, und nun saß ich auf der Bank, zog ein blasiertes Gesicht, ließ den Weltmann und Globetrotter heraushängen: Kalt war’s! Ich stand auf, ging ein wenig umher, unbedingt den Eindruck vermeidend, ich sei nervös. Nein, ganz offensichtlich schlenderte ich entspannt diesen erstaunlich leeren Bahnsteig entlang. Spielerisch schaute ich noch einmal auf den Abfahrtszeitenanzeiger, den gelben; der weiße Anschlag ist der für Ankunftszeiten, das weiß der geübte Reisende. Aber eigentlich, grübelte ich so vor mich hin, braucht man den Ankunftszeitenanzeiger – was für ein dummes, dummes Wort! Dass man da noch nichts anderes erfunden hat! Auf den Mond können sie fliegen (naja, eigentlich nicht), aber ein modernes, vielleicht sogar pseudoenglisches Wort für Abfahrtszeitenanzeiger (Departure-Pointer?) kriegen sie nicht hin! – überhaupt nicht, ich nutze immer nur sein Pendant (das ist mal ein gutes Wort!). Noch zehn Minuten bis zur Abfahrt, mir ist saukalt, kein Mensch will nach Worms bzw. Mannhein, da muss man umsteigen. Mannheim – klingelt’s? Wanderer, kommst du nach Mannheim, dann ist Ludwigshafen nicht fern! Kohl! Der Oggersheimer! Da sitzt er in seinem Rollstuhl, und Helmut Schmidt ist nun doch vor ihm abberufen worden. Heute ist Staatsakt in Hamburg! Ich als gebürtiger (der Hanseat sagt: geborener) Hamburger bin ein wenig Nebenwitwe, obwohl: mein Lebensmensch ist Schmidtel mir nicht gewesen. Sein Haifischlachen und Zähneblecken, das Superschneidige konnte einem schon sehr auf den Senkel gehen. Und dann die Wichtigtuerei! Acht Jahre Kanzler, achtzig Jahre Klugschnacker, das ist quasi eine Verzehnfachung des in der Politik angesammelten Sabbelkapitals, eine Rendite von sagenhaften tausend Prozent! Und er wohnte in Langenhorn, und sein Boot auf dem Brahmsee war so groß wie ein Katzenklo, und zu Hause lauerte Loki, auch kein Zuckerschlecken.

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