Archiv des Autors: Igor Arslan

Obenuntentagebuch

Yvonne Zeich

Ein Leserbrief aus Essen: „Es ist eine Riesensauerei, dass wir Verbraucher jetzt über höhere Wasserpreise die Nitrat-Belastung des Grundwassers zahlen sollen. Hier gehört konsequent das Verursacher-Prinzip angewendet! Und nicht erneut, wie bei Banken- und Dieselkrise, die Sozialisierung der Verluste. Die Gesetze sind so zu verschärfen, dass alle, die wissentlich (!) gesundheitliche Risiken durch Überdüngung in Kauf genommen haben, in den Knast wandern, ebenso die Behördenmitarbeiter, die das gedeckt haben. Alle Übrigen müssen durch strengere Gesetze, Hilfe bei der Umstellung des Düngeregimes und Aufklärung auf den korrekten Weg gebracht werden. Vor allem aber muss die völlig korrupte und unter ökologischen, Gesundheits-, Kulturlandschafts- und Bauernhofgesichtspunkten völlig verfehlte rein quantitative Subventionspolitik gestoppt werden und auf den Müllhaufen der Geschichte. Dass ich mit meinen Steuern eine völlig verfehlte Agrarpolitik mitfinanzieren muss, die mich tendenziell vergiftet, und jetzt auch noch die Folgen in Form eines erhöhten Wasserpreises zahlen soll, ist ein Skandal, Deshalb hiermit: Aufruf zum Volksaufstand und Steuerstreik!“

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Um 5.50 Uhr geht es los, lieber Siegfried, Richtung Spandau, und wenn ich nicht innerhalb von sechzig Minuten die Havel gequert habe, gar noch auf der Wasserstadtbrücke und derjenige bin, dem die Stunde schlägt, wird sie unter mir zusammenbrechen, ich habe da ein sicheres Gefühl! Also nicht gesäumt und das brave Fahrrad ordentlich gepeddet! Doch gemach, schon um 6.43 Uhr habe ich die Brücke hinter mir gelassen und Hakenfelde erreicht, jetzt kann mir nichts mehr passieren, und so radle ich im Sonnenschein, von einem angenehm kühlem Lüftchen umfächelt, havelaufwärts, von der Elkartstraße an immer direkt am Fluss entlang, die Fußgängerbrücken über den Aalemann- und den Teufelsseekanal nehme ich im ersten Gang (vor einem Jahr musste ich noch absteigen, so schlapp war ich da!), dann den Mauerweg hoch, an diesem unglaublich tristen Campingplatz vorbei, es sieht aus wie eine aufgelassene Hühnerlegebatterie, da bin ich doch sehr froh, dass ich seit Jahrzehnten keinen Urlaub mehr machen und irgendwo hinfahren und mich vergnügen muss.

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Gesund oder krank

Yvonne Zeich

Ein Leserbrief aus Eggenfelden: „Wenn man im fortgeschrittenen Alter einige Kilo zu viel auf die Waage bringt, braucht man gar nicht mehr zum Arzt zu gehen, Aufgrund seines Gewichtes ist man an jeglichem Leiden selbst schuld. Es gibt Personen, die in ihrem Leben Wichtigeres zu tun hatten, als ihren Body zu stylen. Selbst wenn bei Vorsorgeuntersuchungen das Blutbild in Ordnung und man leistungsfähig ist, wird man auf seinen BMI reduziert. Von seiner Größe hängen die infrage kommenden Krankheiten ab. Sollten die Humanmediziner heute besser mit Maßband und Waage statt mit Stethoskop dargestellt werden? Gehe ich mit meinem Kater zum Tierarzt, untersucht er, ob das Tier vital ist, ob Fell und Schleimhaut in Ordnung sind. Immer fragt er, ob das Tier frisst. Sagt man als Mensch, man esse mit Appetit und Freude, dann ist das gleich schon pathogen. Sind Tierärzte heute besser ausgebildet als Humanmediziner?“

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

Andrei Kontschalowskis „Paradies“ hat mich beeindruckt: Eine russische Gräfin, die zwei jüdische Kinder in Paris versteckt, wird verhaftet, der französische Polizeioffizier verspricht ihr die Entlassung, wenn sie mit ihm schläft, er wird dann, bevor es zum äußersten kommt, von der Résistance liquidiert. Sie landet im KZ in Polen, dort trifft sie ihren ehemaligen Liebhaber, einen schönen deutschen Adligen, der nun ein (idealistischer) SS-Mann ist und sie zu retten verspricht – sie geht schließlich, als die Russen anrücken, freiwillig ins Gas, um ihre Freundin und eben die beiden Kinder (siehe oben) zu retten. Als sollte das nicht genügen, Dir Kotzgeräusche zu entlocken, darf ich noch ein Sahnehäubchen draufsetzen: Die Gräfin, der Polizist und der SS-Mann sprechen zwischendurch immer mal wieder in die Kamera, wie in einem Verhör, aber sie haben keine Angst, tragen eine Art (vornehme) Häftlingskleidung, es kann also nicht bei der Gestapo sein; und es ist dann tatsächlich das Verhör beim Einlass ins Paradies, denn die Gräfin wird mit den Schlussbildern erlöst und hineingelassen, wie uns eine Stimme verkündet, dann wird das Bild heller und schließlich strahlend weiß … Ein großartiger, bewegender Film, und alles was in meiner Nacherzählung krude und gaunerhaft klingen mag, wie Holocaustkitsch, ist eindringlich, mit höchster Genauigkeit im Dekor, einer großartigen Kamera und hervorragenden Schauspielern. Nie wird der Film peinlich, selbst die mysteriösen, traumhaften Szenen, das märchenhafte Ende sind mit großem Feingefühl gemacht; der Regisseur, jetzt achtzig, hat als Jungspund mit Tarkowski zusammengearbeitet, und eine Prise davon ist hier zu schmecken, aber eben nur eine Prise. Ach ja, in in künstlerisch wertvollem Schwarzweiß ist der Film auch noch. Ein bisschen wie ein Pirandello-Theaterstück, und gleichzeitig von einem unheimlichen, überwirklichen Realismus, da stimmt jeder Kragenknopf, hat man das Gefühl.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

es ist ein Unterschied ums Ganze, ob man um 5 Uhr oder um 9 Uhr losfährt! Der frühe Zeitpunkt bedeutet: Natur und Getier und ich in enger Zwiesprache, der späte: Bruder Mensch in all seinen (zumeist unschönen) Ausprägungen macht sich bemerkbar, in der Regel unangenehm. Aber von Anfang an! Ich holte also Frau Landes wie verabredet um 9 Uhr ab, sie klagte noch ein bisschen, ob sie es kräftemäßig wohl schaffen würde, ihr Fahrrad tauge nichts usw., ich begöscherte sie, schmunzelte souverän und abwiegelnd, und dann ging’s los. Zum Glück wenig Verkehr, aber es war doch schwierig, nebeneinander zu fahren, denn nicht der Autofahrer erwies sich an diesem Sonntag als geborener Feind des Radlers, sondern der: Mitradler!

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Und als dann um 8.30 Uhr, lieber Siegfried, ein ordentliches Gewitter losbrach, konnte ich nicht umhin, mir schmunzelnd selber mit der rechten Hand auf die linke Schulter zu klopfen: Gut gemacht, Herr Scheel! Was war geschehen? Die Wettervorhersage hatte ab 8 Uhr eine Regenwahrscheinlichkeit von 80 Prozent angegeben, das hätte für Dich und andere Normalverbraucher bedeutet, dass der sonntägliche Radelausflug („leider, leider“) ausfallen müsse; Du hättest Dich auf die andere Seite gedreht und mit dem besten Gewissen der Welt „weitergeratzt“ (so wörtlich!). Was aber tat Herr Scheel? Fieberhaft ging er alle Alternativen durch, sein Verstand, „a fine tuned machine“ (Trömp), lief auf Hochtouren: Wenn es ab 8 Uhr höchstwahrscheinlich regnen wird, man aber die Radtour nicht einfach (und schmählich) absagen will, was macht man dann? Grübelgrübel, doch dann hatte ich die Lösung, und sie war so einfach! Einfach sehr früh losfahren und vor 8 wieder zu Hause, im sicheren Port, sein. Gedacht, getan!

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