Archiv des Autors: Igor Arslan

Rutschky/Scheel-Träume

13. November 2019
Kathrin Passig

Der untote Herr Rutschky

Marc Degens, der im Traum Chris heißt, will Herrn Rutschky interviewen. Wir gehen also zu Rutschkys Wohnung (einer anderen als der echten), wo er tot im Bett liegt. Wir holen ihn aus dem Bett und setzen ihn aufs Sofa. Etwas zusammengesackt sitzt er da. Marc-Chris stelllt ihm viele Fragen, gibt sich selbst die Antworten, sagt “aha aha” und schreibt alles auf. Dann bringen wir Rutschky zurück ins Bett und gehen. Später fallen Marc Degens noch mehr Fragen ein, die er per Mail stellt und die ich beantworte. Rutschky hat sich ja oft genug zum Schreiben geäußert, jeder weiß, was er über alles dachte.

In der dritten oder vierten Mail kommt eine Frage über das Sterben oder die Zukunft, die mich irritiert. Weiß Marc Degens nicht, dass Rutschky tot ist? Ich mische mich in den Mailwechsel ein. Marc will es tatsächlich nicht glauben, und jetzt werde ich auch unsicher: Hat Rutschky bei unserem Besuch nicht doch auf eine Frage selbst geantwortet, eine einfache?

Wir gehen noch mal hin und setzen Rutschky wieder aufs Sofa. Tatsächlich will er reden und verlangt Kaffee. Ich erzähle ihm die Geschichte, um vorsichtig herauszufinden, wie er selbst über sein Totsein denkt. Er findet alles ein bisschen empörend, hat in so ein Interview eigentlich nicht eingewilligt und fühlt sich keineswegs tot. Unaufgefordert signiert er eine Zeitung von heute, es ist die “Deggendorfer Zeitung”. Da werden sich, so meint er, diejenigen wundern, die ihn für tot halten. Aber die Signatur ist ein unleserliches Gekrakel mit Glitzerstift und könnte von jedem sein. Ich weiß jetzt auch nicht, was ich noch sagen soll. Lieber wäre es mir, er würde sich wieder hinlegen. Seine Hände sind inzwischen braun wie die einer Mumie und er riecht wirklich nicht mehr gut.

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Der Witz vom Eigentum

Hommage an Liesl Karlstadt

Monika Rinck

Liesl, die in die Fugen der Fragen hineingesäten Brecher,
die aufkeimenden Kerne, Liesl, das grünblättrige Ächzen,
die luftwurzelnden Erläuterungen, die unnützen Stützen,
der auf reiche Weise in die Ratio, Liesl, reinerklärte Irrsinn,
die späten Mulis, „das musst du wissen, Kellnerjunge Liesl“,
ganz nah an den fremden Mann heran, ist sie ihr eigener,
ihr eigener Mann, ist das für zwei, und alle Kraft Parterre,
Abtiefen der Punschtorte, Gerüste, Schwäne auf der Höh,
innige Stabilisierung, Liesl, die Arbeit, die Liebe, das Saugen,
Liesl, da wär doch noch was, das sich aufbrauchen ließe,
und etwas, das zurückwächst, oder Dir wieder zu. Was ist,
nach Marx, der Witz vom Eigentum? Nein sagen können, Liesl.
Ein zaundürrer Zitherspieler in Oberländertracht und die Kur,
die der Schatten dem Nervenarzt nach Belieben ans Herz legt.
Aufgesprengte Struktur, Liesl, der Hieb der aufgehenden Sonne.

Erst später, dann früher

Steffen Brück

Früher als die Luft noch rein war und die Flüsse krumm,
blies der liebe Gott die Wolken, blieb ansonsten stumm.

Früher als die Zeit noch echt war und die Liebe wahr,
folgte höchstens sehr allmählich Jahr auf Jahr auf Jahr.

Früher als ich nie von früher, nur von später sprach
und mir Onkel Paul beim Fußball meine Schulter brach.

Früher als der Schnee noch weiß war und der Russe rot,
lag der Wald im Sterben, Elvis Presley war schon tot.

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