Archiv des Autors: Igor Arslan

Brief an Kurt Scheel

Lieber Kurt,

alles Gute zum Geburtstag (72)! Auf dem Tisch im Flur steht ein üppiger Strauß Pfingstrosen. Sicher stehen hinten auf der weißen Tischdecke Schachbrettblumen, Kindheitserinnerungen, Altenwerder. Wir nehmen erstmal einen Crémant in der Küche. Oder doch gleich den Veuve Clicquot? Dazu reichst Du Steinpilze aus dem Ofen, nur mit Olivenöl und etwas Salz, serviert auf kleinen Schiffchen (die hat jetzt Brigitte). Gibt es Steinpilze überhaupt schon auf dem Markt? Sowas weiß ich gar nicht mehr, seitdem ich nicht mehr von Dir zum Essen eingeladen werde. Sicher hätte es Spargel gegeben. Beelitzer ist gut, Schwetzinger ist besser oder sind die inzwischen gleichauf? Am meisten hätte ich mich aber auf die Kartoffeln mit Butter gefreut. Mann, wie gut das geschmeckt hat! Wie mag es Dir gehen? Wo magst Du sein? Ob Du Ruhe und Frieden gefunden hast? Ich habe aber den Verdacht, dass Epikur Recht hat und Du vermutlich gar nichts fühlst, zum Glück auch keinen Schmerz. Aber das ist wohl Ansichtssache, also der Lebenden, denn was wir über den Tod denken, hat wohl im Wesentlichen mit dem Leben zu tun und wie wir darin mit dem Tod, der nun einmal unvermeidlich ist, umgehen. Also, mir scheint, man braucht dazu gar keine echte Antwort. Wenn wir tot sind, kann es uns schließlich egal sein und ist es Dir vermutlich auch, oder nicht? Dass man nie genug weiß, wusste man sofort, wenn man sich mit Dir unterhalten hat. Der Intellektuelle bleibt ein Suchender. Ich stelle mir vor, das Festessen zu Deinem Geburtstag fällt nicht aus, weil Du nicht mehr da bist, sondern wegen Covid-19. Ich fahre dann heute zur Havelchaussee. Stell Dir vor, wie oft ich schon dort war. Die Weide konnte ich aber nicht finden, obwohl das Areal doch recht überschaubar ist. Es muss wohl wirklich eine sehr geheime Badestelle sein. Den Biber habe ich dort auch noch nie gesehen, nur seine Spuren. Überhaupt fühlen sich Biber hier wieder pudelwohl. Um einen zu sehen, muss man nur in den Schlossgarten fahren. Meistens schwimmt er abends auf dem Karpfenteich umher. Sicher wärst Du deswegen ab und zu mal dorthin gefahren. Und was gucken wir heute? Ich schlage vor, „The Searchers“. Ist ja schließlich Dein Geburtstag.

Dein Igor

Rutschky/Scheel-Träume

13. November 2019
Kathrin Passig

Der untote Herr Rutschky

Marc Degens, der im Traum Chris heißt, will Herrn Rutschky interviewen. Wir gehen also zu Rutschkys Wohnung (einer anderen als der echten), wo er tot im Bett liegt. Wir holen ihn aus dem Bett und setzen ihn aufs Sofa. Etwas zusammengesackt sitzt er da. Marc-Chris stelllt ihm viele Fragen, gibt sich selbst die Antworten, sagt “aha aha” und schreibt alles auf. Dann bringen wir Rutschky zurück ins Bett und gehen. Später fallen Marc Degens noch mehr Fragen ein, die er per Mail stellt und die ich beantworte. Rutschky hat sich ja oft genug zum Schreiben geäußert, jeder weiß, was er über alles dachte.

In der dritten oder vierten Mail kommt eine Frage über das Sterben oder die Zukunft, die mich irritiert. Weiß Marc Degens nicht, dass Rutschky tot ist? Ich mische mich in den Mailwechsel ein. Marc will es tatsächlich nicht glauben, und jetzt werde ich auch unsicher: Hat Rutschky bei unserem Besuch nicht doch auf eine Frage selbst geantwortet, eine einfache?

Wir gehen noch mal hin und setzen Rutschky wieder aufs Sofa. Tatsächlich will er reden und verlangt Kaffee. Ich erzähle ihm die Geschichte, um vorsichtig herauszufinden, wie er selbst über sein Totsein denkt. Er findet alles ein bisschen empörend, hat in so ein Interview eigentlich nicht eingewilligt und fühlt sich keineswegs tot. Unaufgefordert signiert er eine Zeitung von heute, es ist die “Deggendorfer Zeitung”. Da werden sich, so meint er, diejenigen wundern, die ihn für tot halten. Aber die Signatur ist ein unleserliches Gekrakel mit Glitzerstift und könnte von jedem sein. Ich weiß jetzt auch nicht, was ich noch sagen soll. Lieber wäre es mir, er würde sich wieder hinlegen. Seine Hände sind inzwischen braun wie die einer Mumie und er riecht wirklich nicht mehr gut.

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Der Witz vom Eigentum

Hommage an Liesl Karlstadt

Monika Rinck

Liesl, die in die Fugen der Fragen hineingesäten Brecher,
die aufkeimenden Kerne, Liesl, das grünblättrige Ächzen,
die luftwurzelnden Erläuterungen, die unnützen Stützen,
der auf reiche Weise in die Ratio, Liesl, reinerklärte Irrsinn,
die späten Mulis, „das musst du wissen, Kellnerjunge Liesl“,
ganz nah an den fremden Mann heran, ist sie ihr eigener,
ihr eigener Mann, ist das für zwei, und alle Kraft Parterre,
Abtiefen der Punschtorte, Gerüste, Schwäne auf der Höh,
innige Stabilisierung, Liesl, die Arbeit, die Liebe, das Saugen,
Liesl, da wär doch noch was, das sich aufbrauchen ließe,
und etwas, das zurückwächst, oder Dir wieder zu. Was ist,
nach Marx, der Witz vom Eigentum? Nein sagen können, Liesl.
Ein zaundürrer Zitherspieler in Oberländertracht und die Kur,
die der Schatten dem Nervenarzt nach Belieben ans Herz legt.
Aufgesprengte Struktur, Liesl, der Hieb der aufgehenden Sonne.

Erst später, dann früher

Steffen Brück

Früher als die Luft noch rein war und die Flüsse krumm,
blies der liebe Gott die Wolken, blieb ansonsten stumm.

Früher als die Zeit noch echt war und die Liebe wahr,
folgte höchstens sehr allmählich Jahr auf Jahr auf Jahr.

Früher als ich nie von früher, nur von später sprach
und mir Onkel Paul beim Fußball meine Schulter brach.

Früher als der Schnee noch weiß war und der Russe rot,
lag der Wald im Sterben, Elvis Presley war schon tot.

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