Archiv des Autors: Igor Arslan

Rutschky/Scheel-Träume

07. September 2019
Kathrin Passig

Scheel war, wie sich herausstellte, ermordet worden, und jetzt fand ich es sehr ärgerlich, dass die ganze Welt das Falsche glaubte. Der arme Mann! Erst ermordet werden und dann glauben auch noch alle so einen rufschädigenden Blödsinn über einen!

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Der Witz vom Eigentum

Hommage an Liesl Karlstadt

Monika Rinck

Liesl, die in die Fugen der Fragen hineingesäten Brecher,
die aufkeimenden Kerne, Liesl, das grünblättrige Ächzen,
die luftwurzelnden Erläuterungen, die unnützen Stützen,
der auf reiche Weise in die Ratio, Liesl, reinerklärte Irrsinn,
die späten Mulis, „das musst du wissen, Kellnerjunge Liesl“,
ganz nah an den fremden Mann heran, ist sie ihr eigener,
ihr eigener Mann, ist das für zwei, und alle Kraft Parterre,
Abtiefen der Punschtorte, Gerüste, Schwäne auf der Höh,
innige Stabilisierung, Liesl, die Arbeit, die Liebe, das Saugen,
Liesl, da wär doch noch was, das sich aufbrauchen ließe,
und etwas, das zurückwächst, oder Dir wieder zu. Was ist,
nach Marx, der Witz vom Eigentum? Nein sagen können, Liesl.
Ein zaundürrer Zitherspieler in Oberländertracht und die Kur,
die der Schatten dem Nervenarzt nach Belieben ans Herz legt.
Aufgesprengte Struktur, Liesl, der Hieb der aufgehenden Sonne.

Erst später, dann früher

Steffen Brück

Früher als die Luft noch rein war und die Flüsse krumm,
blies der liebe Gott die Wolken, blieb ansonsten stumm.

Früher als die Zeit noch echt war und die Liebe wahr,
folgte höchstens sehr allmählich Jahr auf Jahr auf Jahr.

Früher als ich nie von früher, nur von später sprach
und mir Onkel Paul beim Fußball meine Schulter brach.

Früher als der Schnee noch weiß war und der Russe rot,
lag der Wald im Sterben, Elvis Presley war schon tot.

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Schein und Wirklichkeit

Igor Arslan

In der Süddeutschen Zeitung vom 23. Juli 2019* schreibt Willi Winkler auf Seite 3 über die Tagebücher von Michael Rutschky, dass „ein Requiem für das letzte Fin de siècle“ entstanden sei. Der Selbstmord des Herausgebers des letzten Bandes und Freundes, Kurt Scheel, lässt sich darin einfügen. „Schlichten Gemütern“ könne einfallen, er habe sich aus Gram über das, was er über sich lesen musste, das Leben genommen.  Oder: „Kurt Scheel, ‚mutterseelenallein‘ ohne ihn (Michael Rutschky), wie Ina Hartwig meint, seine ‚Witwe‘, wie andere sagen, er starb ihm bald nach. Ein qualvoll langer Suizid.“

So wird der selbstbestimmte Tod Kurt Scheels, der die Kränkungen des Freundes melancholisch-ironisch hinnahm, allmählich zur Legende, er habe den Verrat nicht ertragen oder ohne den Freund nicht leben können und post mortem zum düsteren Triumph Michael Rutschkys über den Freund. Die Erzählung ist stärker als der Bericht, hätte Michael Rutschky wohl kommentiert und ein Schema ausgemacht.

*Online-Artikel vom 22.07.2019 hinter der Pay-Wall