Archiv des Autors: Igor Arslan

Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

am Dienstag war’s, Markttag, und ich auf dem Weg in die Nestorstraße, nicht mit dem braven Raleigh unterwegs, sondern mit dem Schnurzelrad, das nicht des Nachts im Kellerverlies geborgen wird, sondern als Alltags- und Gang-und-Gäbe-Rad auf der Straße angepflockt ist des Glaubens, dass es seiner Gewöhnlichkeit wegen schon kein Diebsgesindel anlocken wird – ich biege also in die Nestorstraße ein, und da verheddere ich mich, verheddert es sich, ich weiß nicht wie, und ganz, ganz langsam kippe ich um, legt sich das Rad auf die Seite, die rechte, und ich mich mit ihm, und die rechte Hand will sich abstützen, und ich sehe, wie an der Ampel ein Schüler, vierzehnjährig etwa, kein Biodeutscher, sondern so eine aparte berlinisch-nordafrikanische Mischung und recht hübsch, losläuft auf mich zu, um zu helfen, als ich vom Boden mich aufrapple, mühsam, aber eilig, als könnte ich, wieder stehend, den Umfall gleichsam ungeschehen machen, da ist er schon angelangt, ich aber sage fast überhastet „Danke“ und lächle ein Nichts-passiert-Lächeln und winke huldreich ab, er schaut erleichtert und geht auch weiter. Ich aber bin gerührt ob solcher Hilfsbereitschaft und beschließe, fürderhin jeglichem, auch dem allerkleinsten Rassismus abzuschwören.

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Vom Haus zum See und zurück

Steffen Brück

Die Sonne ging mal wieder über Leichen
wie eine Leiche lag ich vor dem Haus
und vor dem Haus, da gabst du mir ein Zeichen
das Zeichen wies zum Mittelpunkt des Blaus

Das Blaue log auf ziemlich kurzen Beinen
die kurzen Beine trugen mich zum See
den See zu sehn verursachte fast Weinen
fast weinen mußte ich, denn schön tat weh

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Ein Nachtrag zur „Biber-Kontroverse“ oder Warum der Vorwurf der „Biber-Lüge“ schon aus teleologischen Gründen unhaltbar ist

Kurt Scheel

Mehrfach bin ich in den letzten Monaten bezichtigt worden, in den auf (sehr) große Resonanz stoßenden Berichten über meine Radausflüge wenn nicht schlicht zu lügen, so doch schamlos zu übertreiben. Es wurden in Sonderheit meine Begegnungen mit einem Biber („Bibermänn“) entwertet, indem man mir (sehr herablassend) erklärte, dass es sich dabei „höchstwahrscheinlich“ bzw. „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ (so wörtlich!) um einen Fischotter oder sogar eine (!) Nutria gehandelt habe. Dass meine Beschreibungen hingegen bis in die Details hinein zwingend auf einen Biber verweisen, mag der geneigte Leser, die geneigte Leserin überprüfen, wenn er oder sie die (auch stilistisch) eindrucksvollen und in (zumeist) gendergerechter Sprache formulierten Beiträge im „Schema“ nachliest (Brief an Kohlhammer, 28. Juli 2017; 8. September 2017; 19. Oktober 2017) und sich selber ein Urteil bildet, vor dem mir nicht bange ist! Wer hier über- oder untertreibt bzw. sich ungefragt einmischt und den Brunnen vergiftet, aus dem eine schöne und erbauliche Naturbetrachtung quillt, das wird sich dann erweisen!

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

den Rucksack hatte ich gestern Abend schon gepackt, neben den üblichen Madeleines und dem Mineralwasser waren diesmal außerdem dabei zwei Handtücher, ein Paar Fashy-Badeschuhe, eine Badehose (die grün-grünkarierte) und der wasserdichte Brustbeutel – und wenn Du nun überrascht fragst, wozu das denn?, so lautet die Antwort: um zu baden natürlich! Eigentlich hätte Dich die Erwähnung von BADEschuhen und BADEhose stutzig machen können, spätestens der WASSERDICHTE Brustbeutel, mit ein bisschen detektivischem Geschick und einer vielleicht doch etwas aufmerksameren Lektüre wärst Du dann von alleine darauf gekommen – des Rätsels Lösung lautet also: festliches Anbaden!

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

To Pingsten, ach wie scheun, / wenn de Natur so greun, lieber Siegfried, da macht man einen Ausflug: De Vadder geiht voran, / een witte Maibüx an – ich aber war in meine normalen Radelklamotten gewandet, als ich um 5.17 Uhr aufs Raleigh stieg, und es war auch nicht Pfingsten, sondern Pfingstmontag, doch sonst war es praktisch genau so, wie es im Lied von Hein Köllisch heißt, und das wurde in meiner Kindheit gerne beim Spaziergang im Maien von meinem Vater zitiert (ich nicht in weißer, sondern in blauer Bleyle-Hose, die ich hasste). Jetzt also die Paulsborner hoch und auf dem bekannten Weg gen Lieper Bucht. Obwohl die Sonne schon aufgegangen ist, stört mich kaum Autoverkehr, eine tapfere Joggerin, nur ein Polizist an der israelischen Botschaft, ein unschlüssiger Radler am Jagdschloss Grunewald, aber ungefährdet kann ich die roten Ampeln missachten und komme tatsächlich ohne einen einzigen Stopp nach eineinviertel Stunden an der geheime Badestelle an. Vor drei Jahren schaffte ich diese Strecke unter einer Stunde, letztes Jahr brauchte ich an guten Tagen genau eine Stunde, nun also dies: wenig erbaulich für einen braven Mann, der fast jeden Tag aufs Ergometer steigt – er wird trotzdem älter und schwächer und miserabliger.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

der Besuch von guten Freunden hat auch seine schönen Seiten, man ist dann quasi kameradschaftlich gezwungen, gelegentlich die Wohnung zu verlassen, ja rauszugehen (in einem emphatischen Sinne) und das überwältigende kulturelle Angebot einer Weltmetropole, die Berlin unzweifelhaft geworden ist (was selbst in den tonangebenden Kreisen der New Yorker East Side nicht mehr bestritten wird), zu nutzen – ausschöpfen kann man es (das Angebot) natürlich nicht, dazu ist es einfach zu groß und komplex, egal; das kann einem bekennenden Stubenhocker wie mir ja nur gut tun, und gestern war ich also mit meinem Uralt-Kumpan Esau (ich habe ihn in Japan Ende der Siebziger kennengelernt, er war dort auch DAAD-Lektor), im Ephraim-Palais, er wollte unbedingt die Ausstellung „Die Schönheit der großen Stadt“ anschauen.

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Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

und schon wieder eine Premiere, die erste Radtour des Jahres Richtung Tegel! Um 5.29 Uhr Abfahrt, und diesmal ging’s also gen Norden, die Leibnizstraße hoch bis zur Spree: Da lag sie, sanft beschienen von der, wem sonst?, Sonne, die eben etwas hüftsteif im Osten emporkroch, ruhig und spiegelglatt ruhte die Spree, als könnte sie kein Wässerchen trüben, aber das sagt man heute nicht mehr, vor allem nicht zu Flüssen, das ist fast so schlimm, als wenn sich ein Weißer das Gesicht schwarz anmalt („blackface“), um einen „Schwarzen“ darzustellen; die Spree aber dort, wo der Landwehrkanal und der Verbindungskanal sich in sie ergießen, am Drei-Flüsse-Eck (sozusagen), lag so friedlich da, dass die beiden Schwäne in der Mitte fast schon des Bukolischen zuviel waren – die Natur, tut mir leid, neigt zur Übertreibung, ich bemerke das nicht zum ersten Mal, weniger wäre mehr gewesen ist nun gerade nicht ihre Devise, aber egal!

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