Brief an Kurt Scheel

Lieber Kurt,

alles Gute zum Geburtstag. Das letzte Mal habe ich Dir vor zwei Jahren geschrieben, also zum 72. Streng genommen alterst Du aber gar nicht mehr. Bei 70 bist Du stehen geblieben oder ausgestiegen. Siegfried, unser Freund und Haberer, hat endlich das Piratenbuch fertig bekommen. Es ist nicht einmal ein Totenkopf drauf! Wie soll sich das verkaufen? In dem kleinen Büchlein wird gründlich aufgeräumt mit den ganzen Piratenmärchen und der Freibeuterromantik. In einer insgesamt sehr positiven Rezension (die Einzige?)* wurde bemängelt, dass der angeblich größte Piratenexperte unerwähnt bleibt (ausgerechnet!). Hätte der Rezensent das Literaturverzeichnis studiert, wäre ihm aufgefallen, dass dieser Name dort auftaucht. Die Passagen müssen also vom Verlag gestrichen worden sein. Aber der Autor muss sich ausbuhen lassen. Typisch! Gelobt wird, dass Siegfried zum Schluss nicht die Spaßbremse gibt und Kindern Piratenspiele verbieten möchte oder dazu aufruft, die Störtebeker-Festspiele zu boykottieren. Sie dürfen auch weiterhin Johnny Depp in „Fluch der Karibik“ toll finden und auch wir müssen uns nicht im Nachhinein für unsere kindliche Begeisterung für Tyron Power, Errol Flynn oder Randolph Scott schämen. Man muss nur Realität und Fiktion unterscheiden können, Freund und Feind erkennen und den Schurken auch einen Schurken nennen (heute wichtiger denn je!). Für einen Bestseller reicht das aber nicht. Was soll’s! Dein Filmbuch war auch kein großer Erfolg. Vermutlich hast Du mehr Exemplare verschenkt als verkauft. An den Tagebüchern von Michael Rutschky, die Du redigiert und herausgegeben hast, hattest Du sicher auch nicht viel verdient. Man hat Dich später zwar seine Witwe genannt. Das, was einer Witwe zusteht, hast Du aber auch nicht erhalten. Des Unangenehmen und Unschönen gab es dagegen reichlich. Du hast es erduldet, Dein Versprechen eingelöst und Dich als wahrer Freund erwiesen, nicht nur Michael gegenüber. Man konnte sich wegen vieler seiner Tagebucheinträge schämen. Du hattest versucht, das Schlimmste zu verhindern und andere zu schützen. Es blieb dennoch viel Kränkendes und genug vom unwohlwollenden Grundton übrig. Michael rechtfertigte sich Dir gegenüber einmal damit, dass er mit sich selbst ebenso schonungslos umgegangen sei. Das war natürlich gelogen, denn so uneitel war er nicht. Situationen, in denen er sich nachgerade widerwärtig benommen hat, hat er weggelassen. Dass Du häufig so schlecht weggekommen bist, war besonders ungerecht und beschämend. Als K. verstorben war, hatte sich Michael über Wochen täglich betrunken. Er war völlig abgetaucht. Weil Du besorgt warst, hast Du ihn zu Deinen Koch- und Filmabenden in kleiner Runde eingeladen. Fortan war Michael – nicht immer, aber regelmäßig – an Geburtstagen, Ostern, Weihnachten, Silvester, zum Fußballgucken oder was es sonst noch alles für Anlässe gab mit von der Partie. Leider benahm er sich häufig wie das unangenehmste Alphatier. Der große Herr Rutschky, der allem seinen Stempel aufdrücken musste, polterte rum, wurde unfreundlich oder herrisch, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Besonders verhasst war ihm „Hunde-Hermeneutik“. Darüber konnte er richtig böse werden. Sein Hund, meistens schmutzig, meistens stinkend, befreit von jeder Form der Hundeerziehung außer der Rutschkyschen, war immer mit dabei. Die besonders unangenehmen Abende besprachen wir unter uns und überlegten, ob es nicht besser wäre, Michael nicht mehr einzuladen. Wir haben das aber nie durchgezogen; anfangs aus Mitgefühl, später war der Zug irgendwie abgefahren, nach der Krebsdiagnose dann endgültig. Sein Gebaren ist leider nie deutlich besser geworden. Wir hatten uns arrangiert, daran gewöhnt oder gelernt, es zu ertragen. Erinnerst Du Dich noch an den Tag, als Michaels Hund Deine Wohnung vollgeschissen hatte? Die Scheißerei ging genau in dem Moment los, als Du das Essen servieren wolltest. Was für ein Gestank! Fenster wurden aufgerissen. Du ranntest sofort in die Küche und holtest eine Rolle mit Küchenpapier, aber der Hund hörte gar nicht mehr auf, zu scheißen. Und weil Rutschky einfach sitzen blieb und keine Anstalten unternahm, mit dem offenkundig kranken Hund nach Hause zu gehen, ging es den ganzen Abend so weiter und eine Woche später dann zu unserem großen Schrecken gleich noch mal in abgeschwächter Form. Da warst Du aber schon besser vorbereitet und hattest einen Dampfreiniger gekauft. Davon habe ich in seinen Aufzeichnungen nichts gelesen. Bei einem der letzten Treffen war ein Schriftsteller zu Gast. Sein Buch nahm Michael an sich. Du als Gastgeber bist leer ausgegangen. Das hatte Dich doch sehr verwundert. Verärgert warst Du nicht, fandest aber, dass sich das eigentlich nicht gehört. Woanders benahm er sich auch nicht viel besser. Ich wohnte einmal einem Abendessen bei, bei dem er die Gastgeberin wie eine dumme Gans behandelt hat, während er das Essen in sich reinschaufelte und sich betrank. Als Michael uns zur Marina Wolfsbruch fuhr, wo wir mit Siegfried in See stechen wollten (Three Men in a Boat!), hattest Du ihm, wie immer eine Spur zu großzügig, zum Dank zwei Kisten Wein (nicht Supermarkt wie Michael, sondern vom Hamburger Lieferanten!) geschenkt. Im Tagebuch schreibt er, er habe sich gewundert, dass Du ihm nicht angeboten hattest, Dich an den Fahrtkosten zu beteiligen. Intellekt bis zum Abwinken, eine wandelnde Enzyklopädie, klug, unterhaltsam und anregend, aber Charme und Großzügigkeit eher Fehlanzeige. Umso besser konnte er nehmen. Du hast stets die Zeche gezahlt: Kino, Koks (Spaß!) und Kaltgetränke. Er war schließlich auch beleidigt darüber, dass der Ruhm und die Anerkennung in der Größenordnung, die ihm seiner Meinung nach zugestanden hätte, ausgeblieben sind. Immerhin waren wir da. Wir gaben und halfen auch gerne, vor allem Du und vor allem gegen Ende. Er gehörte eben zu uns; aus unserer Sicht. Aus seiner? Vermutlich nicht.

Mach’s gut, alter Freund!

*Anmerkung: Ganz so sang- und klanglos ist das Buch von Siegfried Kohlhammer nicht über die Bühne gestolpert.

Deutschlandfunk Kultur (“Lesart”), Thomas Groß
Interview ORF, Ö1 “Kontext”
der Freitag (Eberhard Schütz)
NZZ, Thomas Wagner
Weltexpress, Dr. Peer Schmidt-Walther
Berliner Zeitung(+), Thomas Groß
Kultur-Blog von Michaela Schabel
Die Presse (+), Karl Gauhofer
– Das Magazin (März 2022), Eberhard Schütz
– an Bord, Roland Mischka
– Interview, bremen Zwei

Piraten: Vom Seeräuber zum Sozialrevolutionär, von Siegfried Kohlhammer, 168 Seiten, ‎ zu Klampen Verlag