In memoriam Kurt Scheel

Hartmut Eggert

„Nein, und nochmals nein!“ fuhr es mir durch den Kopf, als ich die Nachricht vom Tode Kurt Scheels erhielt. Da hatten wir uns gerade von Michael Rutschky verabschieden müssen und nun das! Beide waren vor über 40 Jahren (genauer 45 Jahren) aus dem gleichen akademischen Ei geschlüpft, und seitdem waren sie miteinander freundschaftlich verbunden. Es war das Schulforschungsprojekt „Bildungsprozesse im Literaturunterricht“, das von dem „Mittelbau“-Team
Eggert/Berg/Rutschky am Fachbereich Germanistik der FU geleitet wurde, in dem sie sich 1972 kennengelernt hatten. Michael Rutschky hatte zwei Jahre zuvor den Magister gemacht, Kurt Scheel sollte 1973 das 1. Staatsexamen für das Amt des Studienrates ablegen (mit meinem Kollegen Horst Denkler als Hauptprüfer).

Ich war damals seit 1968 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut, 6 Jahre älter als Michael und 11 Jahre älter als Kurt. Anläßlich meines 70. Geburtstags 2007 erinnerte sich Kurt Scheel in einem Festschrift-Beitrag*, im ironisch gebrochenen Stil eines deutschen Bildungsromans, an die Bedeutung dieser Zeit für sein weiteres berufliches Leben. Als Mitglied der studentischen Projektgruppe (zu. der u.a. Heinz Bonorden, Werner und Volker Graf, Manuela Reichardt, Gabriele Schmelz und Genia Schulz gehörten) hatte er aktiv an den Schulhospitationen in einem Neuköllner und Charlottenburger Gymnasium 1973/74 teilgenommen – danach wußte er, dass er auf keinen Fall Gymnasiallehrer werden wollte: „Anstatt widerborstigen Blagen fremder Eltern Hebels Kalendergeschichten oder eine kritische Lektüre der Bildzeitung nahe zu bringen, wollte ich mich in Zukunft jungen Studentinnen widmen und sie einfühlsam die Liebe zur Literatur lehren, auf theoretisch sehr hohem Niveau selbstverständlich: Strukturalismus und Adorno, Psychoanalyse und Klassenkampf – alles, was gut und teuer ist.“ Er wollte Professor werden. Den ersten Schritt dazu tat er 1977 – 1980 als DAAD-Lektor in Hiroshima an einer japanischen Universität.

Daß dieser akademische Werdegang nach seiner Rückkehr abrupt endete, hatte mit einer anderen Erfahrung in unserer Projektarbeit zu tun. Zu den Aufgaben der Studenten in diesem Projekt gehörte es, ihre Beobachtungen und Erfahrungen bei den Hospitationen (über ein ganzes Schuljahr!) in Form von „Unterrichtsrezensionen“ schriftlich zu Papier und dem speziellen Projektseminar mündlich zur Kenntnis zu bringen. Kurt Scheel erinnerte sich 30 Jahre später: „Dieses Schulprojekt war jedenfalls ein großartiges Training für die Wahrnehmung – für die Schwierigkeiten bei der pointierten Fixierung dessen, was man wahrgenommen hat. Gleichzeitig war es eine wunderbare Einführung ins Schreiben – eben nicht von Gedichten, sondern von Texten, die sachlich und doch emotional sein mussten, sollten sie der Prüfung im Seminar standhalten. Mit anderen Worten: so eine Art höheres Feuilleton oder, meinetwegen, Einführung in die Essayistik. Und dass Essayistik keine brotlose Kunst sein muss, dass man damit reich und berühmt werden kann, dazu komme ich noch…“

Nach seiner Rückkehr aus Japan fügten sich zwei Dinge: Michael und Katharina Rutschky waren 1979 nach München gezogen, und Kurt Scheel bezog erst einmal deren Moabiter Ladenwohnung in der Kirchstraße; und als Michael nach einem Jahr als Redakteur beim Merkur diese Tätigkeit aufgab (und zu Enzensbergers Transatlantik wechselte, wo er noch mehr litt), da folgte ihm Kurt Scheel in die freigewordene Stelle — der weitere Werdegang bis zum Mitherausgeber des Merkur ist bekannt.- Seine Liebe zur gehobenen Essayistik befähigte ihn dazu, und noch mehr: sein Gespür für gute Texte machte ihn zum besten deutschen Redakteur fremder Texte in dieser Sparte. Wo Michael Rutschky der eigene Schreibehrgeiz quer zur Lektoratstätigkeit stand, da „diente“ Kurt Scheel, zuweilen entsagungsvoll, den Autoren zum Zwecke höherer intellektueller Klarheit.

Nach der Rückkehr der Rutschkys 1985 nach Berlin folgte ihnen Kurt Scheel in gebührendem zeitlichem Abstand und nahm gleich die ganze Zeitschrift mit in die Charlottenburger Mommsenstraße. Aus den gemeinsamen Münchener Jahren konnten sie nun wieder einer gemeinsamen Leidenschaft frönen: dem wöchentlichen Kinobesuch. Denn das ist ja auch bekannt: die andere ästhetische Hälfte des Kurt Scheel gehörte dem Kino. Aber er blieb ein begnadeter Romanleser, auch wenn er seinem früheren Idol Arno Schmidt nun die angelsächsischen Gesellschaftsromane vorzog.

Unsere Beziehung verwandelte sich nach der Projektphase in eine lose Freundschaft. Seit dem Umzug des Merkur nach Berlin trafen wir uns in der Regel ein- bis zweimal im Jahr zu einem langen Abendessen in einem Restaurant. Ich berichtete über meine Erfahrungen mit der .Merkur-Lektüre, die Germanistik – mein Berufsfeld- war für ihn in der Regel kein Thema mehr. Meist erzählte ich über meine Erfahrungen in den achtziger Jahren aus der Partnerschaft der FU mit der Peking-Univerität, in den neunziger Jahren mit polnischen Universitäten und anderen akademischen Bereichen Osteuropas – er verfolgte diese Erzählungen mit durchaus ironischer Skepsis, das waren – trotz seiner Japan-Erfahrungen – Regionen, die ihn nicht sonderlich beschäftigten.- Meine Vorbehalte gegen militärischen Interventionismus des Westens (und generell) sowie mein eher global orientiertes Engagement gegen den Klimawandel – das war und ist meine naturwissenschaftliche Leidenschaft ! – sah er eher spöttisch. Ob er mich deswegen zu den von ihm kritisch gemeinten „Gutmenschen“ rechnete, glaube ich nicht, aber in die Richtung wies das schon. Ich hatte noch auf weitere Gespräche gehofft. Er empfahl mir bis zum nächsten Mal mehr Faulkner und Lawrence Sterne zu lesen.

* Kurt Scheel: Wie Hartmut Eggert mein Leben verändert hat. Eine Danksagung. In: Hans Richard Brittnacher/Matthias Harder/Almut Hille/Ursula Kocher (Hgg.): Horizonte verschmelzen. Zur Hermeneutik der Vermittlung. Hartmut Eggert zum 70.Geburtstag.- Würzburg: Könighausen & Neumann 200 7, S.233 – 236.

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