Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

um 4.08 Uhr verließ ich die Xantener Straße auf dem braven Raleigh, sechs Wochen hatte es unbenutzt im Kellerverlies gestanden, nach dem verhängnisvollen Unfall bzw. Umfall, bei dem ich mir die Schulter prellte, oh, wie schmerzhaft das gewesen war, und wie unheroisch, geradezu lächerlich ich es erlebt hatte, ein weiterer Tief- bzw. Höhepunkt in meinem an Tief- und Höhepunkten reichen Leben, aber das weißt Du ja alles bereits, ich habe es Dir zierlich erzählt und dann hier im Blog einer praktisch unbegrenzten Leserschaft kundgetan (Brief an Kohlhammer, 14. Juni 2018), aber das ist eine andere, abgetane Geschichte, nun also on the road again, hinter dem Jagdschloss in den Grunewald hinein, es ist noch dunkel, und so soll es auch sein, denn der Grundgedanke dieser Ausfahrt ist es, den Sonnenaufgang tatsächlich live an der Havel zu erleben, kurz vor halb sechs soll das sein, es müsste also klappen.

Es ist still, kein Vögelgezwitscher oder gar -getobe. Still. Was machen die gefiederten Freunde, frage ich mich, und füge vogelkritisch hinzu: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr … Wasn Quatsch! Aber andererseits hat im Radio in letzter Zeit das verschärfte Moderatorengefasel wieder sein gräulich Haupt erhoben mit der sich „immer weiter öffnenden Schere“ (zwischen dit un dat, arm und reich, beispielsweise), und ich jaule dann auf wie ein Pawlowscher Hund (aber hat der nicht gespeichelt beim Glockenton?) und versuche den Moderatorinnen und Moderatoren zu erklären, dass die Schere kein gutes Gerät und somit Beispiel für schrankenloses Öffnen ist, on the contrary! – jedes Scherenöffnen ist mit einem naturnotwendigen Scherenschließen verknüpft, ja schlechthinnig verbunden und vernietet, die Schere ALS SOLCHE will ja, soll sie scheren und schneiden, was unbestritten ihr tiefster Daseinsgrund ist, im Schließen erst zu sich kommen und sozusagen ihre Erlösung finden, das Öffnen ist nur Mittel zum Zweck und schon deshalb keine gute Metapher für den sich immer mehr vergrößernden Abstand zwischen gut und böse, also lasst das, Moderatorinnen und Moderatoren des Deutschlandfunks, in Zukunft bleiben!, möchte ich ihnen zurufen, aber da bin ich schon in der Nähe der Havelchaussee, und links huscht im Zwielicht ein wahrscheinlich bereits Morgenluft witternder Frischling parallel zu mir durchs Gebüsch. Die gefiederten Freunde aber schweigen obstinat im Walde.

Als ich am geheimen Badeort anlange, Weide Nr. 2336, ist es aber schon 5.38 Uhr, ich habe tatsächlich anderthalb Stunden gebraucht! Das ist Negativrekord! Und ich kann es nicht einmal dem Wetter oder gar dem Klimawandel (denn jetzt ist es noch nicht heiß, so um die 20 Grad) oder dem Ausländer- bzw. Flüchtlingsproblem anlasten, geschweige dem DFB in die Schuhe schieben! Es wird wohl daran liegen, dass ich immer älter und schlapper und nichtswürdiger werde, Sauerei. Verdrossen lege ich die Badekleidung an, die schmucke grün-grün karierte Hose, die lieben fashy-Schwimmschuhe und schließlich, als Höhepunkt und (leichte) Perversion, den wasserdichten Brustbeutel, gefüllt mit dem Führerschein und einer Zwanzig-Euro-Note (ich hätte auch „einem Zwanzig-Euro-Schein“ schreiben können, aber das doppelte „Schein“ wäre unschön gewesen, und ich versuche ja, in fast altmodischer Weise, anmutig zu schreiben) und schreite majestätisch in die Havel. Warm. Jedenfalls nicht kalt. Bisschen viel Algen und so grünes Zeug schwimmt auf dem Wasser, die Schwäne, es sind Stücker sechs, gründeln da herum, ich aber stapfe weiter, dann kann ich endlich schwimmen, kein Wind, glattes Wasser, nur als von rechts nach links ein Binnenschiff sich ins Bild schiebt, kommen einige Wellen angerollt.

Da bin ich schon an der Wasserskiboje und könnte wie gewöhnlich umkehren, aber es ist so ruhig, so beschaulich, selbst die gefiederten – es ist still, keine Menschenseele außer meiner armen, und die Sonne ist hübsch hinter dem Grunewald aufgegangen, vielleicht sollte ich heute die zweite Boje anpeilen? Alt und verbraucht? Wer sagt das? Und schon spaddle ich weiter, eine halbe Stunde später (gefühlte Bauch-Zeit) habe ich sie glücklich erreicht! So weit draußen war ich noch nie, die Havel ist hier ja beinahe stromartig breit, und eine Sekunde lang überlege ich sogar, ob ich nach Gatow hinüber schwimmen sollte, aber was will ich in Gatow, am frühen Morgen? Was soll man überhaupt in Gatow, zu jeder beliebigen Tageszeit? Also mache ich mich auf den Rückweg und erreiche auch glücklich das rettende Ufer.

Das war eigentlich ganz schön. Nach Hause? Oder vielleicht, „damit es sich auch lohnt“, noch einen zweiten Tauch- bzw. Schwimmgang wagen? Gesagt, getan, und um neun stürze ich mich wieder in die, tja, Fluten, und wieder will ich die zweite Boje erreichen und bezwingen, wie Scott und Amundsen auf ihrer Eroberung des Süd- oder Nordpols, was weiß ich. Gute Rätselfrage für Kindergeburtstage (6 bis 14 Jahre): Und er zeigte erschöpft auf die Sonne, die um Mitternacht genau im Süden aufging – richtig oder falsch? RICHTIG! Denn wenn Du auf dem Nordpol stehst, zeigst Du in jeder Himmelsrichtung NACH SÜDEN! Und dass die Sonne da irgendwann um Nulluhr aufgeht, in diesem arktischen Winter, ist doch ziemlich wahrscheinlich, sonst lässt Du das mit der Mitternacht einfach weg. Man könnte auch unangenehme Väter, die ihre unangenehmen Kinder auf die Kindergeburtstagsfeier begleiten, zu einer kleinen Wette herausfordern, sechs Flaschen Champagner oder so, und wenn sie dann verloren haben und sich drücken wollen, ein wenig vor ihrem (unter uns: abscheulichen) Sprössling demütigen – eigentlich schade, dass ich keine Kinder habe, nicht einmal ein ganz kleines, und kaum noch zu Kindergeburtstagen eingeladen werde.

Und ich erreichte mit letzter Kraft und geradezu übermenschlicher Anstrengung die zweite Boje und wollte gerade meine Entdeckerfahne aufpflanzen, als ein Motorboot angerauscht kam und das Wasserskiareal in Besitz nahm. Da wurde mir ungemütlich zumute, und ich sputete mich, das gefährliche Quadrat zu verlassen. Man war aber milde mit mir, beschimpfte mich nit („Wat machstn hia int Wassaskiareal, Oppa? Kannze nich lesn?!“), umfuhr mich geradezu weiträumig, ich hätte nie gedacht, dass Berliner Wasserskiläufer so liberal, ja gentlemanlike sind, so kann man sich täuschen.

Um zehn bin ich wieder an Land, erschöpft, bisschen kodderig, war wohl doch etwas viel, Allda, oda?! Ab nach Hause! Aber als ich das Fahrrad besteige, wird mir blümerant. Mein Gesicht glüht. Drei Stunden bin ich insgesamt im Wasser gewesen, bei sengender Sonne, ich habe offenbar, uneingecremt, einen veritablen Sonnenbrand. Ich Idiot! Ich fahre ein Stückchen, aber als ich in den Wald abbiege, muss ich absteigen, schon die kleinste Steigung ist mir zuviel. Um eine lange, traurige Geschichte kurz zu machen: Ich habe dann das Rad die ganze Zeit geschoben, fast fünf Stunden lang, bis ich in der Xantener war. Als ich aber mein Gesicht im Spiegel sah, rot und aufgequollen, die Äuglein wären nicht einmal mehr als „Schlitzaugen“ zu bezeichnen gewesen, selbst wenn das Wort nicht (aus guten Gründen und erfreulicher Weise) mittlerweile verpönt wäre – die Augen waren so groß wie ein Hemdenknopf, und die teufelsrote Gesichtshaut spannte, ich hätte mich als Kinderschreck für Kindergeburtstage bewerben und eine Menge Kohle machen können! Der kundige Igor aber meinte, dass ich, vom selbstverschuldeten Sonnenbrand abgesehen, auch einer Blaualgenallergie zum Opfer gefallen sein könnte. Was der alles so weiß! Aber wenn es im Preis inbegriffen ist, habe ich nichts dagegen, denn sonst wäre dieses Desaster noch peinlicher. Lass Dir das eine Lehre sein, lieber Siegfried, alter Mann, pflegte man in meiner Kindheit zu sagen, ist kein D-Zug, oder auch: immer hübsch langsam mit die jungen und vor allem die alten Pferde bzw., und das ist die ultimative plattdeutsche Lebensweisheit: Slopen, freten, supen, / langsam gohn un pupen.

Dein Kurt

Auf Hochdeutsch: Schlafen, fressen, saufen, / langsam gehen und paufen.

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