Ich und die Sopranos

Aus der Frühgeschichte des Serienguckens

von Kurt Scheel

Von TV-Serien habe ich mich lange klüglich ferngehalten: Sie waren ja sowieso Mist, allenfalls etwas für die Erniedrigten und Beleidigten („Auf der Flucht“, „Dallas“), für das Premium-Publikum, zu dem ich mich zählen durfte – dem Fernsehgucker mit Großem Latinum sozusagen –, aber vergeudete Zeit. Ich jedenfalls hatte für solchen Quatsch nichts übrig.

Hinzu kam, dass es seinerzeit sowieso schick war, bestimmte Massenvergnügungen zu meiden. So habe ich beispielsweise nie „Wetten dass“ oder andere Sendungen der „großen Wochenendunterhaltung“ gesehen, und bis heute erfüllt es mich mit Befriedigung, dass ich beim Zappen Talkshows nur sekundenlang ertrage; es ergreift mich dann ein geradezu körperlicher Ekel, meine Abstinenz basiert also keineswegs auf moralischer Überlegenheit: Es ist offenbar eine Spontanreaktion, eine Art Allergie, auf die ich demzufolge nicht zu stolz sein darf.

Fernsehgucken hat für meine Generation der um 1948 Geborenen sehr stark mit Distinktion zu tun. Während der Film, der Jazz, Popmusik, Popkultur überhaupt bis hin zu den Comics von den Klügeren unter den Intellektuellen akzeptiert oder gar hofiert wurden, so hat sich gegenüber dem Fernsehen bei vielen eine Art Dünkel erhalten, es ist in Teilen immer noch illegitim, und das nicht ohne Grund.

Meine wohlbedachte Serienabstinenz fand ein plötzliches Ende Anfang des neuen Jahrhunderts. Ich hatte ein monatliches Treffen mit einer Handvoll Freunden und Bekannten eingerichtet, das bei mir zu Hause unter dem Motto „Essen & Gucken“ stattfand. Ursprünglich wollte ich „den Kleinen“, wie ich meine Gäste zärtlich zu nennen pflegte, die besten Filme der Welt nahebringen, also einen Grundkurs in Hollywood-Orthodoxie abhalten (siehe auch Kurt Scheel: „Ich & John Wayne“, Berlin 1998).

Aber eines Tages fielen meine Angebote auf steinigen Boden, und man beschloss mehrheitlich, das von einem Teilnehmer mitgebrachte Video (ja, liebe Kinder, damals guckten Mama und Papa, wenn sie sich ganz, ganz lieb hatten, noch Video!) anzusehen. Er hatte den Pilotfilm der Serie „Die Sopranos“, die ab 2000 mit mäßigem Erfolg im ZDF lief, aufgezeichnet, und dieses Video wurde nun über meinen Beamer auf eine ziemlich große Leinwand projiziert, was naturgemäß der Bildqualität nicht gut tat. Aber egal. Schon die Eröffnungssequenz, so sagt es mir jedenfalls die Erinnerung, schlug mich in Bann: der Song „Woke up this morning“, die Zigarre, Tonys behaarte Hand, die Freiheitsstatue, diese schrecklichen kleinen amerikanischen Billighäuser mit ihrer aufdringlichen Beflaggung, „with a blue moon in your eyes“ röhren „Alabama 3“, das misstrauische, nichts Gutes verheißende Gesicht Tonys: „got yourself a gun“.

In der Erinnerung war es schon nach der Eingangssequenz um mich geschehen. Nein, fällt mir ein, wenn ich heute noch einmal diese allererste Folge ansehe, es waren wohl doch die Enten, die mich verzauberten und zu einem feurigen Adepten der Serie machten. Nun sind Enten sowieso sehr schön, und jeder sensible Mensch liebt sie (vgl. Eckhard Henscheid: „Maria Schnee“, Zürich 1988), aber dass sich ein Mafia-Boss in sie verguckt, kommt sicher nicht alle Tage vor. Doch der Fan einer Serie kann man nicht werden, wenn man nur einzelne Szenen bewundert; man muss ihre Protagonisten lieben, auch wenn sie, wie bei den „Sopranos“, keineswegs liebenswert sind. Es sind Soziopathen, Verbrecher, Mörder, Abschaum – es gibt kaum eine Figur, die letztlich gut ist und sich im altmodischen Sinne zur Identifikation, gar zum Vorbild eignet. Diese Serie wird es schaffen, über fast hundert Stunden, das Interesse an den Figuren wachzuhalten, den Abscheu immer wieder in Mitleid, in Gelächter aufgehen zu lassen. Und sie wird, im Unterschied zu Coppolas „Paten“-Filmen, die die Mafia als große Oper inszenieren, den Mob nicht heroisieren, sondern zur Kenntlichkeit verzerren, als grässlich-komische Geschichte einer Familie, deren Oberhaupt eben einen etwas prekäreren Job hatte als dein Vater.

Schon in der ersten Folge spielt der Schöpfer der Serie mit offenen Karten. Denn David Chase zeigt Tony Soprano nicht nur als überforderten Familienvater und mittelständischen Unternehmer, der einem Wildentenpaar (Kanadier?!) samt Anhang großzügig seinen Swimmingpool zur Verfügung stellt, sondern wir sehen auch, dass er einen säumigen Schuldner gnadenlos verprügelt, zusammentritt, ja wir sehen, dass ihm die Jagd richtig Spaß macht. Der „Vogelmann“, wie ihn seine Frau Carmela liebevoll-spöttisch nennt (vgl. „Birdman of Alcatraz“), ist auch ein Wolf, nein: eine Hyäne.

Nachdem ich mit den „Sopranos“ meine Serien-Unschuld verloren hatte, gab es kein Halten mehr; ob „The Wire“ oder „The West Wing“, ob „Boardwalk Empire“, „Scrubs“, „Breaking Bad“, „Homeland“ oder „Game of Thrones“: Ich bin dabei. Und es ist sicher nicht falsch, wenn gesagt wird, die großen Romane fänden sich heutzutage eher auf DVD als auf Papier, bei HBO statt bei Hanser.

Die erste Liebe wird vergoldet. Aber dennoch behaupte ich, dass es keine Serie von Rang gibt, die in ihrem Pilotfilm ein so großartiges Kunstwerk geschaffen hat und in so unglaublicher Weise die ganze unendliche Geschichte präfiguriert und gleichzeitig die wichtigsten Protagonisten vorstellt – und man hat nicht den Eindruck, ein Inhaltsverzeichnis zu lesen. Wir sehen, wie Christopher, Tonys Neffe, als etwas tumber Jung-Mafioso einen Konkurrenten mit Genickschuss erledigt – die Entsorgung der Leiche wird zu einer grässlichen Komödie des Unvermögens, bis dann schließlich ein Kumpan namens Big Pussy einen Vorschlag zur Güte macht: „Ich zerleg ihn.“ Wir sehen Tonys Mutter, die dem nur leicht verdeckten Vorschlag ihres Schwagers, Tony aus dem Verkehr zu ziehen, nicht widerspricht. Und wir sehen Doktor Melfi, die Psychiaterin, bei der Tony aufgrund seiner Panikattacken in Behandlung ist und die natürlich weiß, mit wem sie es zu tun hat; die aber gleichzeitig in einer Mischung aus Psychosprech und bürgerlicher Ehrpusseligkeit ebendies zu verschleiern versucht. Wir hören, was Tony ihr während der Sitzungen erzählt, und wir sehen, was sich tatsächlich ereignet: Der Widerspruch zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was gezeigt wird, ist komisch. Wir müssen lachen, und es ist wohl dieses Gelächter, dass es uns ertragen lässt, Stunden für Stunden, über Jahre hinweg, mit einer fremden Familie zu verbringen, die noch tausendmal schlimmer ist als deine Familie, und die war, machen wir uns nichts vor, für dich schon schlimm genug.

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