Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

Du hast mir letztens gesagt, solltest Du, nur mal angenommen, als Tier wiedergeboren werden, so wärest Du gerne eine Meise oder ein Hai, jedoch, da seist Du Dir völlig sicher, keineswegs eine Blau- oder Schwarzhäubchenmeise und mitnichten ein Zwerglaternen- oder gar Riesenmaulhai – es sei Dir selber ein Rätsel, wieso Du Dir ausgerechnet die Inkarnation in einer KOHLmeise oder einem HAMMERhai wünschtest, aber es sei ein ganz starkes Bauchgefühl, eine geradezu mystische Gewissheit. Meinetwegen. Ich jedenfalls wäre im Falle einer tierischen Wiedergeburt gerne ein Biber oder eine Ente, und das kann ich sogar begründen, mit sehr guten Argumenten, da braucht es keines „Bauchgefühls“ und keines übersinnlich-feinstofflichen Brimboriums! Zum einen sehen Biber und Ente sehr gut aus, noch im hohen Alter, und beide, das ist das Wichtigste, sind im Wasser und auf dem Land zu Hause, das Entchen sogar noch in der Luft, praktisch Mehrzweckgeräte! (Und für mich, das nur nebenbei, der ich mein Lebtag zur Miete gewohnt habe, ist Bruder Biber als Haus- bzw. Immobilienbesitzer von besonderem Reiz.)

Da es aber natürlich auch denkbar ist, dass ich als Pflanze wiedergeboren werde, habe ich mich nach langem Grübeln für die Pfingstrose entschieden. Die Begründung dafür überlasse ich Barthold Hinrich Brockes, der es fast schöner gesagt hat, als ich es jemals könnte. Im Übrigen, darauf darf ich vielleicht noch hinweisen, bevor ich das erstaunlich kurze Gedicht „Die Päonien“ zitiere (das sich ausnahmsweise am Ende nicht bei Gott einschleimt und sich überschwenglich für all das Schöne der Schöpfung bedankt) – im Übrigen findet sich hier die gleiche Denkfigur wie schon in Brockes’ Fliedergedicht, nämlich dass die weite Verbreitung des Flieders, seine Gewöhnlichkeit, ihn in den Augen vieler Betrachter entwerte, was ihm als falsch, geradezu als Ungerechtigkeit erscheint: „Mir aber kömmt er stets, als eine Zier, / Und sonderbarer Schmuck der Landschaft für.“ Der Hamburger Patrizier und Ratsherr Brockes spricht sich also gegen Dünkeltum und Verächtlichmachung aus, nur weil etwas keine Rarität sei – vivat!, alter Hanseat.

Seht, wie der laue Junius so manche Bluhmen-Art gebiehret!
Seht, wie der Garten, unter andern, auch mit Päonien sich zieret,
Die durch der Farben Gluth, beträchtlich seyn.
Man siehet sie mit Lust, auf einem dunkeln,
Nicht gar zu hohen, Busche, funkeln,
Und, eben durch dieß dunkle Grün
Noch mehr erhöht, die Augen auf sich ziehn.
Es ist, so viel ich weiß, im Bluhmen-Reich,
An Größ’, ihr keine Blume gleich.
Es scheint, als wolle die Natur
Uns, durch der Farben Glanz und Pracht, nicht nur
Das Aug’ erfreuen und ergetzen;
Durch die ansehnliche Figur
Zugleich uns in Bewundrung setzen.
Allein,
Weil diese Bluhme mir gemein,
und auch der Bauren Garten schmücket;
So wird, trotz ihrer Größ’ und ihrer Farben Schein,
Sie doch von wenigen nur angeblicket.
Es scheint, als ob die Achtlosigkeit,
So ihr von Menschen wiederfähret,
Ihr so empfindlich sey, daß sie nur kurze Zeit,
Darum, bey uns zu blühn begehret.
Daher, wenn sie kaum ausgeblüht,
Zur Probe, daß sie uns nicht lang ergetzen werde,
Man, unter ihrem Busch, oft auf der Erde
Schon abgefallne Blätter sieht;
Als wollte sie dadurch, in überführnden Lehren,
Uns ihre kurze Daur erklären.
Es scheint, als ob sie uns noch mehr, als sich, beklagte,
Und daß sie dieß, in ihrer Sprache, sagte:
Schau, lieber Mensch, noch einmal nach mit her!
Denn morgen siehst du mich nicht mehr.
Vermuthlich welkt schon morgen unser Prangen;
Vielleicht bist Du, nebst uns, selbst morgen schon, vergangen.

Ich kenne kein schöneres, zärtlicheres Memento mori, und wer die Pfingstrose verehrt, muss eigentlich den Tod nicht fürchten.

Advertisements