Über Pilze und Liebe

Kurt Scheel

Durch schöne Natur zu streifen ist für sich schon eine Art Schöpfungslob, die edelste Form jedoch, sich spazierender Weise in Wald und Flur zu ergetzen, ist das Pilzesammeln. Womit nicht erfolgsorientiertes Raffen und Rupfen gemeint ist, sondern das meditative, in sich und dem Sein ruhende, entspannt im Hier und Jetzt wesende Umherpirschen, das auf den ersten Blick fast zufällig-unschlüssig wirkt, als ginge jemand im Walde so für sich hin, und nichts zu suchen, das sei sein Sinn … Doch das Körbchen und das rote Taschenmesserchen sprechen eine andere Sprache: Hier beschreitet jemand den Weg des Pilzes, „kinoko do“, wie der Japanerer sagt, und dazu bedarf es einer bestimmten Haltung, braucht es Gnade und Grazie. Der Gentleman-Sammler mag sogar, ohne das Gesicht zu verlieren, einen großen Steinpilz übersehen, denn ihm ist der Weg das Ziel, er ist ein Liebhaber im Sinne Goethes: „Der Dilettant verhält sich zur Kunst, wie der Pfuscher zum Handwerk.“

Beim philosophischen, beim peripatetischen Pilzesammeln ist also nicht Größe oder Masse der Beute wichtig, sondern das mühelose, ja lustvolle Zusammentreffen von Sammler und Pilz, von zärtlich tastender Hand und bereitwillig dargebotenem Ständer- oder Schlauchpilz. „It’s not the size, it’s the technique“ gilt eben auch beim Pilzefangen (da Pilze nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen weder Pflanzen noch Tiere sind, wenn sie sich aber entscheiden müssten, eher den Tieren angehörten, möge man mir das „Pilzefangen“ nicht als stilistische Afferei ankreiden, sondern als eigenwillige, aber durchaus adäquate, ja schöne Formulierung würdigen).

Die allerersten freilebenden Pilze, an die ich mich erinnere, sind die handtellergroßen Wiesenchampignons, die der Bruder in den fünfziger Jahren auf den dörflichen Kuhweiden findet und der Mutter mit großer Geste überreicht, was ich als unzulässige Einschmeichelei verachte, nicht aber die Pilze, die in verquirltem Ei und Semmelbröseln gewendet und in der Pfanne, wie ein Schnitzel, gebraten werden.

Deutlich sehe ich die Maronen vor mir, die Pfifferlinge und Birkenpilze, die Fette Henne, den Parasol und, oh Graus, den Kahlen Krempling, der auch ins Körbchen wandert, ohne jedes Problembewusstsein, wenn ich mit den Eltern in den Wäldern der Harburger Berge in die Pilze gehe. Abends dann, in der Küche, sitzen wir am Tisch und putzen die Beute; mit Schinkenwürfeln, gehackten Zwiebeln und reichlich Petersilie werden sie in Butter gebraten, gesalzen, Vorsicht mit dem Pfeffer!, dazu gibt es Weißbrot und Bier, später wird der Vater ein bedenkliches Gesicht ziehen und belehrend verkünden, als sei es eine geheime Weisheit: Pilze liegen schwer im Magen!

Jetzt machen wir einen Sprung in die frühen siebziger Jahre: Dieser schlanke Jüngling in seiner hellbraunen Lederjacke, das bin ich. Und neben mir, dieses hübsche Mädchen, das ist Petra. Sie sieht nicht nur spitzenmäßig aus, sondern ist auch anschmiegsam und bildungswillig, eher der spirituelle Typ. Wenn ich ihr von Arno Schmidt, Walter Benjamin und Karl Marx erzähle, den ich im Original lese, hängt sie gebannt an meinen Lippen, und ihre Augen werden ganz feucht vor Innigkeit und Verlangen.

Apropos Arno Schmidt: Wir stehen hier mitten in Bargfeld auf dem Eichkamp, rechts ist Bangemanns Gasthof, vor uns Arnos Häuschen, wir aber gehen jetzt Richtung Räderloh und schlagen uns dann seitwärts in die Büsche. Was wir da aber an Maronen gefunden haben, du glaubst es nicht! An einer Stelle, ich erinnere mich genau, gab es mehr als sechzig fünfmarkstückgroße samtbraune Pilzköpfchen zu bewundern, auf einer Fläche von etwa dreißig Quadratmetern, unter einer riesigen Kiefer. Es war ein heißer Augusttag, die Luft stand still und das Herz wollte einem schier zerspringen vor Freude und Dankbarkeit. Denn siehe, die Schöpfung war gut (jedenfalls im Prinzip), und wir erkannten einander.

Auf dem Rückweg erstanden wir beim Herrscher der Fischteiche eine noch warme Räucherforelle und aßen sie aus der Hand, und um das Glück voll zu machen, briet uns im Gasthof Frau Bangemann dann, ohne viel Gegrummel, die Pilze zum Abendessen. Und es war pfeilgrad dieser gebenedeite Tag, dass ich den Eisvogel sah, ein Diadem mit bunt funkelnden Edelsteinen, Saphir, Opal und Smaragd, das ins Wasser stürzte, so schnell, ein Huschen nur, und erst als es wieder aufflog, ein Fischlein im Schnabel, da wusste ich’s und dachte das Wort „Eisvogel“, wie eine Beschwörung, wenn man den Namen der Geliebten ausspricht, voll Staunen und Bewunderung. Aber dass dies alles an ein und demselben Tag geschah, glaubst du mir nicht, obwohl ich es beschwöre, denn Pilzgeschichten und Anglerlatein, das weiß ja jeder, neigen zur Übertreibung.

Jetzt machen wir wieder einen Sprung und landen in den achtziger Jahren: Die Morchel, die Spitz- wie die Speisemorchel, ist die Trüffel des kleinen Mannes (da ist man gerne einmal der kleine Mann)! Morchella esculenta: angenehm aromatischer Geruch, ockergelber Hut, in der Form rundlich bis langgestreckt, mit wabenartigen Vertiefungen, dafür aber ein blass-ockerer Stiel, der zu allem Überfluss auch noch hohl ist. Doch wenn man sie dann leibhaftig sieht, auf freier Wildbahn, ist man wieder überrascht, wie niedlich sie ist. Die Morchel ist der allerniedlichste Pilz überhaupt! Sie wäre, würde man sie nicht so gerne essen, ein ideales Spielzeug für Bienenköniginnen.

Du musst sie am besten mit einem Pinsel säubern, nicht waschen!, vorsichtig in Butter braten; da sie kein Wasser ziehen, darfst du, bis sie gar sind, ein bisschen Wein angießen. Am liebsten esse ich sie als Sauce zu flachen Nudeln, Fettuccine vielleicht. Am Schluss noch etwas Sahne, damit die Pilzlein sich sanft und samtig an die Nudeln schmiegen. Schmeckt das nicht nach – Schokolade? Und fühlt es sich nicht auch an, als tanzten Umami-Elfen Ballett in deinem Mund?

Morcheln sehen zauberhaft aus und schmecken sagenhaft gut. Darüber hinaus bieten sie sich zu ungewöhnlichen Pilz-Zeiten dar, im Frühling nämlich. Dieser etwas füllig gewordene Mann mit relativ wenig Haupthaar, das bin ich. Neben mir, die aparte Rothaarige mit dem angestrengten Lächeln, das ist Elvira. Wir sind sehr verliebt und befinden uns in den Isarauen, etwas oberhalb von Ismaning. Links fließt ruhig die Isar, rechts lockt brünstig der Auwald. Es ist warm und feucht, fast schon schwül, „mushi-atsui“ sagt der Japaner dazu. Man könnte auf dumme Gedanken kommen, doch der Boden ist noch recht klamm. Wenn ich allerdings meinen Anorak (ein Goretex der ersten Generation!) als Unterlage nehme – da reißt mich ein Schrei aus meinen müßigen Spekulationen, und nun sehe ich, was die Geliebte entzückt hat: Fünf Morcheln lächeln uns an, ganz eng stehen sie beieinander, ein Trüpplein, das sich direkt auf diesen Trampelpfad verirrt hat und wohl nach dem Weg fragen wollte zum großen Morchel-Meeting. Daraus wird nun nichts mehr, sicher ruhen sie im Korb, und kein Wildschwein kann ihnen fürderhin Leids antun.

Wenn wir nach Hause kommen, müssen wir uns erst einmal hinlegen: Wie aufgeregt doch die Natur Ende April ist, mit welcher Lust sie sich im Frühling verschwendet, all das Gebalze und Geknospe, Befruchten und Begatten. Dann rauchen wir ein Zigarettchen und überlegen, wie wir die Morcheln zubereiten sollen. Als Risotto? Also eine gehackte Schalotte in Butter glasig werden lassen, Arborio-Reis hinzu, mit braver Würzl-Brühe aufgießen und rühren, rühren. Zum Schluss die gebratenen Morcheln dazugeben, Petersilie, Pfeffer, nachsalzen – warm, aber nicht heiß servieren. Noch ein bisschen Prosecco? Sie lächelt still und sieht mich recht vergnügt und freundlich an, und es ist alles, alles gut.

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