Theckeliade (V)

Urs Theckel über: Unverhofftes Wiedersehen (und alte Fotos)

Aufgezeichnet von Kurt Scheel

Sie sind ein junger Mensch, und deshalb glauben Sie, dass wir Alten nicht nur alt sind (wer wollte das bestreiten?), sondern irgendwie immer alt waren, aber genau das ist falsch! (Als wir jung waren, haben wir es auch geglaubt, das ist ganz normal.) Auch wir rüstigen Rentner waren einmal jung und yang, hinter den Weibern, wie man im letzten Jahrhundert ganz unverblümt sagte, „her“, kussfest und gefühlsecht, empfindsame Empatiker und krasse Krokodile. Ich erzähle Ihnen eine kleine Geschichte, aus der man fast eine klassische Novelle, unerhörtes Ereignis usw., machen könnte, zu Ihrem Nutz und Frommen!

Es war auf der Gedenkfeier für Michael Rutschky, ausgerechnet am letzten Samstag vor Trinitatis, ich machte die Honneurs als ältester (und, wenn Sie mich fragen, bester) Freund des Verblichenen, da kommt eine mir unbekannte Dame auf mich zu, ich nenne verbindlich lächelnd meinen Namen: Urs Theckel, sie sagt: Ich bin Petra Köhler – und in dieser Sekunde erkenne ich sie, hinter dem von Falten interessant gezeichneten und immer noch hübschen Gesicht erkenne ich meine erste Geliebte, mit der ich sieben Jahre zusammen war, die allererste Liebe meines Lebens. Mitte der Siebziger haben wir uns getrennt, es war keine richtig üble Trennung, aber eine, wie es sich gehört, sehr schmerzhafte, für mich jedenfalls, denn die Frau wollte sie, nicht der Mann, so ist das ja wohl häufig. – Die Trennung von meiner zweiten Liebsten, nach zwanzig Jahren, war auch kein Honigschlecken, aber doch nicht so schmerzhaft, nicht solch eine Lebenskatastrophe wie die erste, und mehr Frauen habe ich, genau betrachtet, eigentlich nicht mit ganzer Seele, ganzem Leib geliebt. (Die vielen, vielleicht allzu vielen Frauen, die dem widersprechen könnten, sollen hier unberücksichtigt bleiben.)

Mehr als vierzig Jahre ist das her! Seitdem hatten wir keinen Kontakt, nichts, am Anfang überrollte mich eine Woge von Groll, wenn ich an Petra dachte, denn meine Liebe war so tief und rein gewesen, die allererste eben; sie war ein bisschen ein Biest, ein Jahr älter als ich (und Mädchen sind bekanntlich in dem Alter sowieso reifer – „weiter“ – als die Jungs) und, im Unterschied zu mir, in Liebesdingen erfahren, sie war sogar schon verlobt! Er war Ingenieur, wollte nach Kanada auswandern, um dort sein, wie ich vermutete, Glück zu machen, aber schlimmer noch war: er fuhr einen offenen Alfa Romeo, Giulietta Spider (ich fuhr eine Zündapp KS 50 Super, bei Rückenwind also fast 70 Stundenkilometer!). Sie genoss es, sich von einem verliebten Gymnasiasten anhimmeln zu lassen, siebzehn war ich, romantisch-idealistisch in der schlimmsten Weise. Oft besuchte ich sie in ihrer Mittagspause, sie arbeitete in einem Büro, eine fünfzig Zentimeter lange Baccara-Rose von durchaus übertriebenem Rot unverhohlen tragend und der höhnischen Kommentare des Straßenpöbels darob nicht achtend („Muss Liebe schön sein!“). Im Vergleich zu dem etwas kleingewachsenen, dafür aber mit beiden stämmigen Beinen sicher auf dem Boden der Tatsachen stehenden Ingenieur, den ich nur spöttisch „der Inschenör“ nannte, war ich für sie ein süßes kleines Gegenprogramm, und eben unsterblich verliebt, das haben die Mädels so gern!

Und dann heirateten die Verlobten, 1968, und fuhren wie geplant nach Kanada, auf einem Frachtschiff, ich durfte sie an den Landungsbrücken in Hamburg verabschieden, der Inschenör blickte genervt, ein bisschen geschmeichelt auch auf den liebeskranken Studenten, der ich mittlerweile war, Ende der Geschichte. Eben nicht! Denn die gute Petra schrieb mir weiter beharrlich Briefe, informativ-freundschaftliche zuerst, dann zärtliche (der Inschenör erwies sich offenbar als noch stockig-spießiger denn erwartet), ich konterte, nicht faul, mit Shakespeare und dem achtzehnten Sonett, deutschen Barockgedichten („Wie Er wolle geküsset seyn“) usw., 1970 kam sie wundersamer Weise nach Hamburg zurück, die Scheidung war bereits vollzogen, nun gingen wir beide, ein ausgewiesenes, fast heroisches Liebespaar, nach München, es war wie in einem Roman, einem Schund- und Bestsellerroman beinahe (Johann Mario Simmel?!), ich studierte, sie arbeitete in einem Verlag. Dann gingen wir nach Berlin, sie arbeitete in einem Verlag, ich machte mein Staatsexamen, und dann, 1975, trennten wir uns. Warum? Weil das Leben eben kein Roman ist, und im realen Leben fand sie aus durchaus nachvollziehbaren Gründen mittlerweile einige meiner Freunde liebenswerter und erfolgversprechender als mich, und einen davon heiratete sie schließlich, warum nicht, wenn man sich verbessern kann? (Auch ihre zweite Ehe dauerte nicht sehr lange, sie war ein bisschen ein Biest.) Jedenfalls verhielt sie sich vernünftig und realitätstüchtig, während ich unvernünftig stur, ein bisschen sehr infantil auch, unsere schon längst zerbrochenen Liebesgeschichte als MEINE Geschichte nicht aufgeben wollte, als sei sie ein Schönes Gespräch und ich der Joseph aus Thomas Manns Roman, und ich wusste, in einen schöneren, heroischeren, romantischeren Lebensroman würde ich nie mehr hineinkommen (und so war es dann ja auch).

Kleine Zusatzanekdote: Ich war nach der Trennung Hiwi an der Uni Bielefeld, und eines Nachts, krank von Liebeskummer und trunken von Wein, fuhr ich mit meinem Käfer nach Hamburg, wo ich sie bei ihren Eltern wusste. Gegen fünf Uhr in der Früh kam ich an, wurde nach stürmischem Klingeln eingelassen, Petra mit ihrem neuen Liebhaber verweigerte ein Gespräch, ich verließ final gedemütigt die Walstatt; später ist mir dann eingefallen, dass ich die berühmte Schlussszene aus „The Graduate“ nachzustellen versucht hatte, aber im Unterschied zu Dustin Hoffman war ich so etwas von grandios auf die Schnauze gefallen, und diese meine absurde Aktion habe ich mir (das heißt vor allem ihr) nie verziehen. Auf der langen Liste der schlimmsten Peinlichkeiten meines Lebens ist das immer noch die Number one, unangefochten. Seitdem, wie gesagt, keinerlei Kontakt; ich dachte auch nicht öfter als ein-, zweimal pro Jahr an sie, ohne große Emotionen, vielleicht wünschte ich gelegentlich, dass sie dermaleinst das – nicht mehr, nicht weniger – bekommen würde, was sie sich nach meinem Dafürhalten redlich verdient hatte.

Zurück zur Eingangsszene! „Petra Köhler“ (Name geändert) steht vor mir, sie ist etwas kleiner, als ich sie in Erinnerung habe, Anfang siebzig, aber immer noch attraktiv, ein Mädchen, keine Matrone, sie hat sich gut gehalten und sagt nun mit freundlicher, sanfter Stimme, sie habe in den letzten Tagen alte Fotos von uns zusammengesucht, sie aber zu dieser Trauerfeier „natürlich“ nicht mitgebracht, vielleicht könnten wir sie uns später einmal gemeinsam ansehen? Ich blicke etwas blöd und vage, und sie sagt manierensicher, sie wolle mich nun nicht länger aufhalten, ich hätte ja als Gastgeber meine Pflichten zu erfüllen, und geht, Ende der Geschichte.

Sie schauen ungläubig? Das sei ausgedachter Quatsch, so etwas könne man sich doch nicht einmal im Traume ausdenken, und dieses absurde Detail mit dem Anschauen alter Fotos sei ja wohl das „unerhörte Ereignis“, aber es sei eben zu albern und habe mich, Urs Theckel, schließlich auch als Lügengeschichtenerzähler verraten. Vielleicht haben Sie recht – aber wäre eine solche Idee, ein solches Detail nicht auch irgendwie rührend? Und ticken Mädels in all ihrer Unschuld nicht häufig gerade so? Wäre das nicht sogar die Pointe meiner kleinen – wenn erfundenen, dann doch gut erfundenen – Geschichte über Liebe und Leid? Sie reißen dir das Herz aus dem Leib, aber sie verzeihen es dir auch, selbst nach vierzig Jahren, und sagen versöhnlich Schwamm drüber, wir gucken jetzt alte Fotos an! Ist das wirklich ganz unvorstellbar? Denken Sie mal darüber nach, und lassen Sie es sich eine Lehre sein!

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