Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

am Dienstag war’s, Markttag, und ich auf dem Weg in die Nestorstraße, nicht mit dem braven Raleigh unterwegs, sondern mit dem Schnurzelrad, das nicht des Nachts im Kellerverlies geborgen wird, sondern als Alltags- und Gang-und-Gäbe-Rad auf der Straße angepflockt ist des Glaubens, dass es seiner Gewöhnlichkeit wegen schon kein Diebsgesindel anlocken wird – ich biege also in die Nestorstraße ein, und da verheddere ich mich, verheddert es sich, ich weiß nicht wie, und ganz, ganz langsam kippe ich um, legt sich das Rad auf die Seite, die rechte, und ich mich mit ihm, und die rechte Hand will sich abstützen, und ich sehe, wie an der Ampel ein Schüler, vierzehnjährig etwa, kein Biodeutscher, sondern so eine aparte berlinisch-nordafrikanische Mischung und recht hübsch, losläuft auf mich zu, um zu helfen, als ich vom Boden mich aufrapple, mühsam, aber eilig, als könnte ich, wieder stehend, den Umfall gleichsam ungeschehen machen, da ist er schon angelangt, ich aber sage fast überhastet „Danke“ und lächle ein Nichts-passiert-Lächeln und winke huldreich ab, er schaut erleichtert und geht auch weiter. Ich aber bin gerührt ob solcher Hilfsbereitschaft und beschließe, fürderhin jeglichem, auch dem allerkleinsten Rassismus abzuschwören.

Da liegt das Rad. Ich stehe daneben. Die Hose ist staubig. Aber zum Glück ist nichts geschehen, noch einmal Glück gehabt. Doch wie ist es geschehen? Da sehe ich, dass sich die Sohle meines rechten Schuhs gelöst hat, vorne und hinten, nur in der Mitte ist sie schwächlich noch mit dem Schaft (ja, so heißt das) verbunden, es sind übrigens richtige Lederschuhe, keine Edelschuhe, aber so zweihundert Euro haben sie doch wohl gekostet und mir bislang auch treue Dienste geleistet. Ich muss lachen, wenn ich das jemandem erzähle! Ein Fahrradunfall, weil sich die Schuhsohle mit der Pedale, Quatsch: dem Pedal verheddert und dies zu einem Sturz geführt hat, freilich und glücklicher Weise auf die Bürgersteigseite hin, nicht auf die Straßenseite, da hätte mich ein Auto erwischen können! Es wird mir gleich noch einmal blümerant, und ich muss wieder lachen über mein Glück, oder ist es reine Hysterie?, ein Sturz ist es ja eigentlich auch gar nicht gewesen, sondern mehr so ein langsames, nachgerade lächerliches, weil zeitlupenartiges Umkippen, keine Dramatik, kein Flug durch die Luft, kein faschistischer Autofahrer, der dem Radler die Vorfahrt rücksichtslos raubt. Stattdessen: selbstverschuldetes Umplumpsen, wie ein Seelöwe („Strandmeister“) beim Liebesspiel, was weniger Mitleid denn beifälliges bzw. hämisches Gelächter hervorrufen wird. Typisch für mich, sehr typisch für die schadenfrohen Deutschen und ihre sog. „Lachkultur“! („Schadenfreude“ ist ein urdeutsches Wort, und das ist kein Zufall!)

Kein Blut, den Staub klopfe ich ab, nehme das Rad und hatsche ein bisschen schwerfällig, des beschädigten rechten Schuhs wegen, zu Puten-Paul, kaufe das obligatorische Kikok-Hähnchen, bei Jury dann Gemüsen sonder Zahl, auch Spargel noch einmal, denn die Spargelzeit geht nun dem Ende entgegen (unter uns: mir reicht es auch so langsam), auf dem Heimweg schiebe ich das Rad nicht mehr, sondern setze mich schon wieder drauf, die rechte Hand ist ein bisschen klamm, aber es geht, um 9 Uhr bin ich zu Hause. Nun wird geschnibbelt und geschält, das Hähnchen mit frischer Ananas gefüllt, auch ein Rucola-Pesto, von dem ich glaube, ich hätte es erfunden, wird bereitet: Rucola (ohne die Stengel) mit Hühnerfond angießen, mit dem Zauberstab pürieren, gehackte Pistazien und frisch geriebenen Parmesan hinzugeben, mit Olivenöl in flüssig-cremige Konsistenz bringen, angeröstete Sonnenblumenkerne dazu, mit Salz und Zucker und Zitronensaft würzen, etwelchen Kräutern (ich nehme Thymian) und noch einmal, kurz, durchmixen, fertig und fein, mit leichter Bitternis im Abgang.

Dann setze ich mich, etwas erschöpft, in den Lesesessel, weiter mit „Joseph und seine Brüder“. Zum dritten Mal lese ich den Schinken nun, und kann mich kaum einkriegen vor Begeisterung, Bewunderung, es ist ja auch so ungeheuer komisch! Wenn ich nicht lache, leise vor mich, so eine Art Gickern, dann schmunzle ich wenigstens lautlos, manchmal weine ich auch ein bisschen, die Gespräche zwischen Pharao und Joseph sind so großartig-komisch und weise zugleich, dass man bewundern oder verzweifeln möchte ob solcher Meisterschaft, solcher Eleganz und Lässigkeit, als hätte der Autor selber die meiste Zeit gegickert und geschmunzelt beim Schreiben, was er aber sicher nicht hat! Arbeit, Arbeit, Arbeit, und Mühe und Verzweiflung, ohja!, jahrzehntelanger Frondienst, fast so lang wie Jaakobs Fron beim bösen Laban – aber das alles kann mir ja scheißegal sein, der Artist muss es eben so vorlügen, als sei es ganz leicht, anstrengungslos fast entstanden, das Publikum glaubt es, und wenn es das nicht ganz glaubt und lieber am Heldenmythos des Künstlertums festhalten will, um so besser für den Artisten! Und siehe, das alles weiß der Autor dieses Riesenromans, und damit spielt er, so fein und zart, so lieblich gar, wie Pharao sagen würde, dass des Jauchzens und Entzückens kein Ende sein mag.

Nur das rechte Handgelenk tut jetzt ein bisschen weh. Und, bei Licht betrachtet, auch die rechte Schulter. Naja, gestaucht eben, zweifellos nicht angeknackst, gar gebrochen, das kann man ausschließen. Aber solche Verstauchungen können sehr schmerzhaft sein! Langwierig auch. Als ich aber nachts nicht richtig schlafen kann, mir beim Wälzen immer Schulter oder Arm oder Hand Alarmsignal geben, fällt mir ein, dass normale Menschen, ich vergesse das immer wieder, solchem Ungemach mit Schmerztabletten begegnen, und ich habe ja noch eine Packung IBU-ratiopharm 400 herumliegen, und so schlafe ich dann doch noch bis fast 5 Uhr!

Warum erzähle ich Dir das? Gegenfrage: Darf ich denn nicht auch einmal ein bisschen herumjammern? Muss ich mir denn immer nur die Hiobspost fremder Menschen anhören? Sie sind krank, sie sterben gar, das geht mir mittlerweile wirklich auf die Nerven! Um ausnahmsweise einmal auf mich zurückzukommen: In den nächsten Tagen ist es mit der Schulter kaum besser geworden, und das ist nicht nur schlecht für mich, sondern auch für Dich und vielleicht sogar die Menschheit, jedenfalls sehr viel mehr Menschen, geistig hochstehende Menschen, als Du denkst! Ich werde nämlich erst einmal keine Radausflüge unternehmen können, und bevor Du Dein obstinates, wegwerfendes „So what?“ murmelst, erinnere ich Dich daran, dass ich Dir demzufolge auch nicht die schönen Briefe und Berichte über solche Touren schreiben kann, kein Bibermänn und keine geheime Badestelle (schwimmen ist momentan ebenfalls nicht drin, der rechte Arm hängt herunter, als sei ich der flügellahme Pinguin in der Batman-Verfilmung mit Danny DeVito), kein spinozistisches oder gar brockeshaftes Schöpfungslob mehr, auch die auserwählten Leser des „Schemas“ werden darauf erst einmal verzichten müssen, vielleicht wird es ihnen eine Lehre sein, in Zukunft dann mit mehr Aufmerksamkeit und ein bisschen guten Willen, jedenfalls nicht missgünstig und durchaus unwohlwollend wie gewisse Tagebuchschreiber, diese praktisch selbstgebastelten, handgefertigten Kleinodien zu schätzen, wär’ ja immerhin möglich, und dann hätte mein (kleines) Unglück immerhin einen gewissen Sinn gehabt!

Dein Kurt

Natürlich werde ich jetzt nicht, um das Schlimmste zu verhüten, die Merseburger Zaubersprüche murmeln (bên zi bêne, bluot zi bluoda, / lid zi geliden, sôse gelîmida sîn), das wäre Aberglauben, Abgötterei und dem Herrn ein Greuel; aber als einem bekennenden Hamburger Jung, der fast perfekt Plattdütsch spricht (wusstest Du, dass „Streichholz“ auf Platt EBEN NICHT „Striekholt“ heißt, wie allzu viele Möchtegernhanseaten sagen, sondern „Rietsteeken“?!) wird man mir nachsehen, wenn ich, es kann ja nicht schaden, kurz aus dem beliebten Volkslied „Der Jung mit ’n Tüdelband“ zitiere:

„Wenn he blots nich mit de Been in ’n Tüdel kümmt,
un dor liggt he ok lang op de Nees,
un he rasselt mit ’n Dassel op ’n Kantsteen,
un he bitt sick ganz gehörig op de Tung,
as he opsteit, seggt he: Hett nich weeh doon,
ischa ’n Klacks för ’n Hamborger Jung.“
Dein Wort, Hamborger Jung, in Gottes Ohr!

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