Ein Nachtrag zur „Biber-Kontroverse“ oder Warum der Vorwurf der „Biber-Lüge“ schon aus teleologischen Gründen unhaltbar ist

Kurt Scheel

Mehrfach bin ich in den letzten Monaten bezichtigt worden, in den auf (sehr) große Resonanz stoßenden Berichten über meine Radausflüge wenn nicht schlicht zu lügen, so doch schamlos zu übertreiben. Es wurden in Sonderheit meine Begegnungen mit einem Biber („Bibermänn“) entwertet, indem man mir (sehr herablassend) erklärte, dass es sich dabei „höchstwahrscheinlich“ bzw. „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ (so wörtlich!) um einen Fischotter oder sogar eine (!) Nutria gehandelt habe. Dass meine Beschreibungen hingegen bis in die Details hinein zwingend auf einen Biber verweisen, mag der geneigte Leser, die geneigte Leserin überprüfen, wenn er oder sie die (auch stilistisch) eindrucksvollen und in (zumeist) gendergerechter Sprache formulierten Beiträge im „Schema“ nachliest (Brief an Kohlhammer, 28. Juli 2017; 8. September 2017; 19. Oktober 2017) und sich selber ein Urteil bildet, vor dem mir nicht bange ist! Wer hier über- oder untertreibt bzw. sich ungefragt einmischt und den Brunnen vergiftet, aus dem eine schöne und erbauliche Naturbetrachtung quillt, das wird sich dann erweisen!

Aber neben einer physisch-physikalischen Wahrheit gibt es eben auch eine physiko-theologische, und für die ist Barthold Hinrich Brockes wohl der beste, glaubwürdigste Gewährsmann und Zeuge. Da trifft es sich gut, dass er sich zu dem sog. Biber-Problem bereits im 18. Jahrhundert (!), also lange vor meiner Biber-Epiphanie, dezidiert geäußert hat. Brockes, einen Kupferstich wohlgefällig betrachtend und, wie eigentlich immer, durchaus zum Dichten aufgelegt, kommt hier nach nur fünf einleitenden Zeilen beinahe holterdipolter zur Sache:

Die beyden Bieber sind so lebhaft in ihrer Handlung vorgestellt;
Man glaubt, man hör und seh sie nagen. Doch laßt uns nicht die Kunst allein,
Laßt uns das Urbild, die Natur, zum Ruhm des Schöpfers, hier betrachten,
Und wie sie diese Tiere fast mit einem weisen Geist, verein’!
Der fast den Thiergeist übertrifft, der unserm sich fast naht, beachten,
Der Bieber Geist in Canada, daß nicht die Fluth ihr Nest verschwemme,
Haut große Balken, schleppt sie fort, verbindet sie, verfertigt Dämme,
Und leitet Ströme von sich ab. Ist dieses nicht Bewundernswerth,
Daß die Natur so plumpe Thiere so sonderbare Künste lehrt,
Und wird derselbe Quell und Herr, auch hierin, nicht mit Recht verehrt?

Auslegung
Erstens: Man soll die Natur als „das Urbild“ begreifen (Spinoza!).
Zweitens: Biber- und Menschengeist sind kaum zu unterscheiden (das dreifache „fast“!), was bedeutet, dass nicht nur der Mensch göttliche Züge, sondern Gott auch biberhafte Züge trägt („nach seinem Bilde schuf er ihn“).
Drittens: Biber sind selber, „fast“ wie die Menschen, „shaker“ und „mover“, wie man in Kanada sagt, nämlich Holzfäller, Balkenschlepper, Dammbauer und, in ihrer Eigenschaft als Flussumleiter, sogar Landschaftsarchitekten!
Viertens: Biber sind plump UND geschickt, und solch eine merkwürdige Konstellation kann sich eigentlich nur ein „Gott“ ausdenken, den wir (via Natur!) deshalb mit Recht verehren.

Fazit
Die Biberähnlichkeit „Gottes“ kann laut Brockes (unreiner Reim!) kaum strittig sein – aber dann wäre es doch völlig sinnlos, wenn „Gott“ (qua Natur!) mich, seinen geringsten und treuesten Knecht, durch DIE Nutria bzw. DEN Fischotter in die Irre führen wollte! Indem ich unverdrossen und gegen allerlei Anfechtung, gegen den Hohn der Spötter und Speier seit Jahren der Natur ihre eigene Melodie vorspiele (Karl Marx!), nur schöner, als Schöpfungslob nämlich, ist der Biber sichtbarlich gebenedeit und, sozusagen, neben dem Menschen zum Schlüsseltier der Schöpfung emporgestiegen! q. e. d.

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