Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

den Rucksack hatte ich gestern Abend schon gepackt, neben den üblichen Madeleines und dem Mineralwasser waren diesmal außerdem dabei zwei Handtücher, ein Paar Fashy-Badeschuhe, eine Badehose (die grün-grünkarierte) und der wasserdichte Brustbeutel – und wenn Du nun überrascht fragst, wozu das denn?, so lautet die Antwort: um zu baden natürlich! Eigentlich hätte Dich die Erwähnung von BADEschuhen und BADEhose stutzig machen können, spätestens der WASSERDICHTE Brustbeutel, mit ein bisschen detektivischem Geschick und einer vielleicht doch etwas aufmerksameren Lektüre wärst Du dann von alleine darauf gekommen – des Rätsels Lösung lautet also: festliches Anbaden!

Um 4.47 Uhr ging’s los, an der israelischen Botschaft sagte einer der beiden Polizisten quasi grund- und ansatzlos „Morgen!“ zu mir, der andere echote „Moinmoin“, ich kriegte gerade noch rechtzeitig ein „Guten Morgen!“ raus, dann liefen mir vor Rührung tatsächlich einige Tränen, so etwas hatte ich hier noch nie erlebt, und der Polizist hatte einen Schnauzbart getragen, war stark übergewichtig gewesen, plötzlich war er für mich die Inkarnation der alten Bundesrepublik, kein Verbrecher und kein Bürger musste vor ihm Angst haben, er schnaufte ja schon, wenn er sich nicht bewegte, alles so ungeheuer friedlich, ich musste an Onkel Björk in den „Kalle Blomquist“-Filmen denken und bekam große Sehnsucht nach den Zeiten, als die deutschen Polizisten wie bewaffnete Klomänner aussahen und wir uns genau darüber lustig machten. Im Grunewald dann großes Geraschel, vier Schwarzkittel, Jungtiere, brechen rechts ins Gebüsch aus und dann in fröhlichem Trab davon.

Um Punkt sechs erreiche ich die geheime Badestelle: Pustekuchen!, von geheim kann ja wohl gar keine Rede mehr sein, denn es steht dort geradezu frech ein kleines gelbes Zelt, und daneben liegen, als wollten sie mich verhöhnen, zwei Plastikkanus in einer fast undefinierbaren, aber teuflisch wirkenden Farbe, doch bevor der Pegidamann in mir erwacht und ich schimpfen und toben kann (Erscht nähm se uns unsre Fraun wech, un dann unsre gehähme Badestell!), muss ich schmunzeln, denn mir fällt ein, dass die Menschen in Kanus ja Kanuten heißen, und ein weiblicher Kanute wäre nach neuestem Brauch eine Kanuta (wie Muslima), und damit hätte man endlich ein Reimwort für Hanuta, eins meiner Lieblingsakronyme (HAselNUssTAfel), ich habe solch eine „Schnitte“ niemals in meinem Leben gekostet, aber das Wort weht mich so unglaublich fifties an, und die Fünfziger, machen wir uns nichts vor, lieber Siegfried, sind meine/unsere formativen Jahre! Und ist es nicht schöner, ich werde sprachschöpferisch und reimstrategisch tätig, als dass ich die armen (Wild)Camper mit menschenverachtenden Rentnerflüchen belege?

Schmunzelnd also schiebe ich mein gutes Raleigh ins Buhnenareal, und es ist zum Glück von Ausländern, Asylanten und anderen emphatisch Unbefugten unbesetzt, ich kann also wieder entspannen und gewohnt liberal meine Badehose und die lieben Fashies (nicht zu verwechseln mit den bösen Faschos!) anziehen, im wasserdichten Brustbeutel sind mein Führerschein (in der DDR hieß das Fahrerlaubnis, mit dem Führer wollte man ums Verrecken nichts zu tun haben, eigentlich süß) und ein Zwanzig-Euro-Schein, für den Notfall, das wird nun sinnreich mit einem Geheimknoten (Palstek bzw. Rundtörn) an der Badehosenkordel „verankert“, wie man im Seemannsdeutsch sagt, und dann hinein ins Vajnüjen!

Es ist gar nicht kalt! Warm ist es auch nicht, aber durchaus okeh, und so spaddle und sprotzle ich zur lieben Wasserskiboje, umrunde sie in gebührendem Abstand (es gibt Wassertrolle, die sich speziell an Bojen zusammenrotten und mit dem arglosen Schwimmer gerne Schabernack treiben, wahrscheinlich nur ein alter Aberglaube, aber man darf gelegentlich durchaus die Traditionen ehren; Niels Bohr hat übrigens auf die höhnische Frage Max Plancks, warum ein Hufeisen sein Urlaubshäuschen ziere, Bohr glaube doch wohl nicht an solchen Quatsch, geantwortet: Es hilft auch, wenn man nicht daran glaubt!), dann zurück, die Sonne ist nun schon über die Baumkronen gestiegen, zwei horizontal sehr scharf gezogene, unverwehte weiße Kondensstreifen werden von einem dritten fast im rechten Winkel gekreuzt, es sieht auf dem hellblauen Himmel aus, als wolle jemand, der viel größer ist als Du und ich, Tic-Tac-Toe spielen, links der Grunewaldturm, gemächlich gründelnde Schwäne, zwei niedrig fliegende Fischreiher, und der (von mir nur ausnahmsweise geduldete, es gibt keinen Rechtsanspruch!) Kanute bzw. die Kanuta lässt sich nicht blicken, so soll es sein: Wenn man die Fremden, die Eindringlinge nicht sieht, sind sie gar nicht so schlimm.

Auf der Rückfahrt, die ich um 6.56 Uhr antrete, denke ich ein bisschen an die Gedenkfeier für Michael Rutschky, am letzten Samstag, haargenau dem Samstag vor Trinitatis also, fand sie nun endlich statt, im Restaurant Auster, das ist an der Rückseite des Hauses der Kulturen der Welt (klingt soo zone!), direkt an der Spree. Gut vor 19 Uhr war ich da, als Mitgastgeber hatte ich pünktlich zu sein, Mariam und Jörg Lau, die „Universalerben“ (UE), hatten das alles geplant und organisiert, und gut hatten sie es gemacht (wie auch schon die Seebestattung). Sonne, warm, fast zu warm, alles rodscher. Ich machte mit den beiden UE die Honneurs, was mir die Lizenz gab, jeden Neuankömmling ohne weiteres anzuquatschen, meine angeborene Schüchternheit stand mir diesmal also nicht im Wege wie sonst – wenn ich daran denke, wie diese meine Schüchternheit, die ja auch durchaus etwas Sympathisches hat, menschlich-charakterlich, mir schon geschadet hat, karrieremäßig, es ist gar nicht auszudenken! Die Frechen, die Dreisten, die sich genüsslich und brutal in den Vordergrund drängen, die haben Erfolg, die kommen voran! Aber wir Scheuen und Schüchternen sind in unserer Ellbogen- und Ich-auch!-Gesellschaft immer die Gelackmeierten, ist doch wahr, das wird man doch noch sagen dürfen!

Es kommen etwa achtzig Leute zu der Feier, ein Drittel kenne ich mit Namen, ein Drittel kenne ich, aber der verdammte Name will mir just nicht einfallen, ein Drittel kenne ich überhaupt nicht, da frage ich einfach nach. Aber dieses mittlere Drittel! Besonders herzlich schüttle ich dann die Hand, wie schöön, dass Sie gekommen sind, als könnte die Herzlichkeit der Begrüßung von meiner Schussligkeit ablenken, und Gott ist mit mir: Nur ein einziges Mal nenne ich einen Namen, der nichts, aber auch gar nichts mit dem begeistert Begrüßten zu tun hat, doch der überhört es lächelnd und ohne mich zu korrigieren, oder hat er es wirklich nicht gehört? Dann gehen wir ins Restaurant, schön eingedeckte Tische, auf dem Buffet dampfen und brodeln die Tiegel und Töpfe. Nun dauert es leider eine halbe Stunde, bis die Getränke kommen, das ist etwas lange, gibt mir aber die Gelegenheit, umherzuwandern und als amtierender Nebenwitwer die Schüchternen, die Unsicheren, die Mauerblümchen ins Gespräch zu ziehen, sie zu fragen, in welcher Beziehung sie zu Michael Rutschky standen und so. Ich kann dann immer nebenbei einflechten, dass ich wohl sein ältester Freund – seit fast fünfzig Jahren! – bin bzw. war, und dann nicke ich versonnen mit dem Kopf: eine lange Zeit, ohja.

Oft werde ich gefragt, ob es kein Programm gebe, dann lächle ich wissend und sage, dass Michael das dezidiert nicht gewünscht habe, er habe alles genauestens verfügt, schriftlich, auch seine Seebestattung (ja, in der Ostsee, zwei Strich Steuerbord vor Warnemünde) und wer daran teilnehmen solle, schließlich habe er sogar die Zeitungen für die Trauer- und die Freundschaftsanzeige selber ausgewählt, ohja. Ob solche Anzeigen teuer seien? Ohja! Viel teurer, als gedacht, aber ich hätte damit nur wenig zu tun gehabt, das hätten die Laus, die UE, sage ich schmunzelnd, alles gemacht, und gut hätten sie es gemacht! Und dann erzähle ich, zur Auflockerung, dass Michael, neben seinen vielen anderen Talenten – besonders in den Bereichen Denken, Wissen, Besserwissen, Schreiben, Zeitschriftenmachen, Talentefördern, Themenerfinden, Fotografieren, Filmen, Klamottenkaufen, Hundeerziehen –, auch ein begnadeter Schüttelreimer gewesen ist, so habe er beispielsweise die US-Wahl ohne zu zögern kritisch-poetisch kommentiert: Den Himmel ziert ein Segelflieger, / mit Trump ist jetzt ein Flegel Sieger, aber dann mache ich mich sicherheitshalber aus dem Staub, und nun summt es und brummt es auch hübsch in unserer Versammlung, niemand sieht unglücklich und alleingelassen aus, die Gäste unterhalten sich, kein Schatten von Angestrengtheit liegt über uns, und jetzt kommen (endlich!) auch die Biere und die (stillen) Mineralwasser und Bruder Zweigelt, die ersten Gierhälse gehen zum Buffet, aber alles doch sehr dezent, kein Gedrängel, ohnein.

Ich erwähne les intimes gegenüber, dass der dritte Band der Tagebücher im Frühjahr erscheinen wird (ja, bei Berenberg), dass Michael das Material für die erste Hälfte des Manuskriptes noch selber ausgewählt und redigiert hat, und falls ich es nicht schaffe, hat er gesagt, musst Du es dann fertigmachen. Dem kleinen Kreis (siehe Proust) verrate ich sogar, dass ich nach Michaels Tod beim Lesen der Tagebücher 1996 bis 2015 schockiert war, entsetzt, traurig, ich hatte keine Ahnung, wie finster ihm zumute, wie depressiv er war. Das hatte ich so nicht mitbekommen, das hatte niemand aus dem engeren Freundeskreis gewusst. Michael war mit sich und der Welt zerfallen, und er ist offenbar auch mit dem Altern noch schlechter fertig geworden als wir anderen, hat das aber gut zu kaschieren gewusst.

Wütend war ich auch, gekränkt, dass er mir und anderen Freunden gegenüber in den Tagebuchaufzeichnungen häufig unwohlwollend, dieses Wort habe ich mir dann ausgedacht, entgegentritt. Es gibt doch diese dumpfe Lebensweisheit: Mach es wie die Sonnenuhr, / zähl die heitren Stunden nur – Michael verfolgte in den Tagebüchern das Gegenteil, nur das Finstere, Schlimme, Verzweifelte, Missglückte wird notiert. Die schönen Stunden – wie oft haben wir zusammen gelacht, ich war ja schließlich dabei, habe es ja selbst erlebt! – finden fast nie Erwähnung. Die Kränkung, die seine tendenziell missgünstige Kommentierung auch von Freundschaften auslöst, ist groß – wird sie dadurch ein wenig relativiert und also erträglicher, wenn man beim Lesen der Tagebücher feststellt, dass Michael mit sich noch unnachsichtiger umgeht, man kann sagen gnadenlos? Sicher sind seine Tagebücher eine psychologische Fundgrube und eine eindrucksvolle Selbstentblößung, vielleicht sind sie sogar, wie Michael offenbar glaubte, sein wichtigstes Werk, aber für jemanden, der ihn geschätzt und bewundert hat, ist es keine heitere Lektüre; für jemanden, der ihn geliebt hat, ist es eine herzzerreißende Lektüre – bleibt zu hoffen, dass der Rest der Menschheit das anders und entspannter sieht. Es ist schon fast Mitternacht, ein Dutzend Unentwegter steht noch vor der Auster beisammen, als ich mich verabschiede, müde, ausgesabbelt, aber auch irgendwie zufrieden, es war eine unpeinliche, wehmütig-heitere Zusammenkunft, hätte sie Michael gefallen?

Das denkele ich bei der Rückfahrt durch den Grunewald so vor mich hin, und wenn es mir dann noch gelänge, freue ich mich, das alles zierlich in Worte zu fassen unter der (unsichtbaren) Überschrift „Anbaden und Trauerarbeit“, könnte es sein, dass es vielleicht schon gloriosere Essays übers Anbaden und möglicherweise ergreifendere über Trauerarbeit gegeben hat, aber vielleicht keinen, der Trauerarbeit CUM Anbaden so kongenial verknüpft, doch da bin ich bereits in der Trabener Straße, es hat sich ausgedenkelt, jetzt muss ich auf den Autoverkehr achten, eine Viertelstunde später bin ich in der Xantener und schiebe das brave Raleigh in den sicheren Kellerverschlag, es ist 8.05 Uhr, ich bin erschöpft und ein bisschen stolz, dass ich dieses Jahr schon im Mai so überaus erfolgreich angebadet habe.

Dein Kurt

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