Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

To Pingsten, ach wie scheun, / wenn de Natur so greun, lieber Siegfried, da macht man einen Ausflug: De Vadder geiht voran, / een witte Maibüx an – ich aber war in meine normalen Radelklamotten gewandet, als ich um 5.17 Uhr aufs Raleigh stieg, und es war auch nicht Pfingsten, sondern Pfingstmontag, doch sonst war es praktisch genau so, wie es im Lied von Hein Köllisch heißt, und das wurde in meiner Kindheit gerne beim Spaziergang im Maien von meinem Vater zitiert (ich nicht in weißer, sondern in blauer Bleyle-Hose, die ich hasste). Jetzt also die Paulsborner hoch und auf dem bekannten Weg gen Lieper Bucht. Obwohl die Sonne schon aufgegangen ist, stört mich kaum Autoverkehr, eine tapfere Joggerin, nur ein Polizist an der israelischen Botschaft, ein unschlüssiger Radler am Jagdschloss Grunewald, aber ungefährdet kann ich die roten Ampeln missachten und komme tatsächlich ohne einen einzigen Stopp nach eineinviertel Stunden an der geheime Badestelle an. Vor drei Jahren schaffte ich diese Strecke unter einer Stunde, letztes Jahr brauchte ich an guten Tagen genau eine Stunde, nun also dies: wenig erbaulich für einen braven Mann, der fast jeden Tag aufs Ergometer steigt – er wird trotzdem älter und schwächer und miserabliger.

Aber die Havel bleibt ewigjung und schön! Ein einsamer Schwan bei der Wasserskiboje gründelnd – korrigiere: Schwanflotille auf zehn Uhr, sich schnell von links nähernd, vier, nein sieben Stück sind es! Und Richtung Schwanenwerder noch einmal drei oder vier, eifrig mit den Flügeln schlagende, tut mir leid, Schwäne, viermal das Wort Schwan (hiermit: fünfmal!) in einem Satz, das ist fast des Guten zuviel. Und so esse ich die eigentlich zur Tierfütterung mitgebrachten Madeleines lieber selber, um nicht noch einmal das Sch-Wort gebrauchen zu müssen. Erstaunlicherweise gibt es für diesen großen weißen Wasservogel keine Synonyme (Lohengrinfähre?), im Unterschied zu Erdtrabant und Lagunenstadt für Mond und Venedig, ja selbst Boris Becker hat es als „der Leimener“ zu Weltruhm gebracht! Nicht einmal einen Eigennamen kann mein lieber Schwan sich leisten, anders als der Storch (Adebar) oder der Bär (Meister Petz), Äsop hat ihm keine Fabel gewidmet, und selbst bei La Fontaine kommt er fast gar nicht vor – der Schwan ist als sprachliches Phänomen erstaunlich blass geblieben, bloß gut, dass Tschaikowski und Hans Christian Andersen und Baudelaire und Rilke ihm im Reiche der Kunst ein Plätzchen gesichert haben. Mit der Popularität von Fuchs und Wolf, von Aar, Dachs und Biber kann er es jedenfalls nicht aufnehmen!

Da passt es fast zu gut in meinen Bericht, dass sich während der Hinfahrt mitten auf dem Schwarzen Weg plötzlich etwas bewegte, ich stutzte, ich staunte: unverkennbar Meister Lampe! Etwa zwanzig Meter vor mir hoppelte er geradezu aufreizend gemächlich zehn Hoppel, blieb stehen, blickte sich um, zwinkerte er mir zu?!, wieder zehn Hoppel, dann schlug er sich rechts in die Büsche. Dies aber ist der erste Hase, den ich im Grunewald je gesehen habe! Und bevor Du mir nun erklärst, dass es „höchstwahrscheinlich“ (so wörtlich) kein Hase, sondern ein dickes Kaninchen war, teile ich Dir mit, dass sowohl die schiere Größe als auch ALLE anderen Merkmale auf Lepus europaeus hindeuten, also die Löffel, die Seher, der Äser, die Läufe, die Pfoten und last but not least: die Blume! An der Blume aber sollst Du ihn erkennen, weiß der Waidmann und Nimrod.

Als ich mein Fläschlein (stilles) Mineralwasser ausgetrunken, die Reifen frisch aufgepumpt und einen letzten dankbaren Blick auf den Fluss und den sanftblauen Himmel geworfen habe, also zur Abfahrt bereit bin, sehe ich einen Vogel von der Größe einer dicken Taube in der Baumkrone direkt über mir Platz nehmen, ganz oben sitzt er, ich kann ihn gut erkennen, und nun ruft er: Kuckuck. Vorsichtshalber traue ich nicht meinen Ohren, aber schon wieder: Kuckuck. Da zähle ich eins und eins zusammen, und mir wird klar: Das ist ein – Kuckuck! Noch nie aber habe ich einen Kuckuck gesehen, in meinem ganzen Leben nicht! Als ich ein Kind war, wurde uns sogar weisgemacht, man könne Kuckucke gar nicht sehen, dass sei ja der Trick dieser Täuscher und Trüger, quasi unsichtbar zu sein. Und nun sehe und höre ich ihn! Es klingt aber so, als komme der Kuckuck-Ruf gar nicht aus dem Vogelkörper, sondern als werde er auf einer Blockflöte geblasen, geheimnisvoll und ein bisschen unnatürlich klingt es. Und dann, noch einmal Kuck (ohne das uck), und mitten im Ruf unterbrechend flattert er ein bisschen schwerfällig davon. Ich aber bin ernst und ergriffen, als hätte ich etwas Zaubrisches, Magisches erlebt, praktisch wie vom Kuckuck gerührt.

Auf der Rückfahrt betrachte ich die blühenden Ebereschen und Traubenkirschen mit Wohlgefallen, auch die vielen im Sonnenschein umhertaumelnden Insekten, von denen ein fürwitziger Winzling mir ins rechte Auge fliegt, selber schuld, aber ich bin doch eher nachdenklich und gesammelt und frage mich, was das alles zu bedeuten hat, das kann doch kein schlichter Zufall sein? Ein Narr, wer das Schicksal für Zufall hält, sagt Fred Astaire in „The Gay Divorcee“, und ich glaube ihm: Den ganzen Hinweg habe ich bewältigt, ohne ein einziges Mal anzuhalten, und das ist noch nie vorher geschehen; außerdem habe ich heute den ersten Grunewald-Hasen und den allerersten Kuckuck meines Lebens gesehen! Die Wahrscheinlichkeit, dass diese drei Ereignisse so zusammentreffen, ist eins zu 149 Millionen! Jetzt nicht übertreiben, ist deshalb die Devise, siehe „Von dem Fischer und syner Fru“, und so beschließe ich, auf der Rückfahrt auf keinen Fall mein Glück weiterhin zu versuchen, aber es herrscht praktisch grüne Welle, sollte ich auch jetzt ohne Stopp durchkommen?! Und Schummeln habe ich mir strengstens in meinen Briefen an Dich untersagt, Du kennst mich: Die lautere Wahrheit sei’s Panier! Endlich, an der Westfälischen Straße, zwingt mich eine rote Ampel zum Anhalten, gerade noch gut gegangen! Um 8.05 Uhr bin ich wieder in der Xantener, nun in einer irgendwie pfingstlichen Stimmung, als sei eine besondere Kraft über mir ausgegossen worden.

Dein Kurt

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