Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

der Besuch von guten Freunden hat auch seine schönen Seiten, man ist dann quasi kameradschaftlich gezwungen, gelegentlich die Wohnung zu verlassen, ja rauszugehen (in einem emphatischen Sinne) und das überwältigende kulturelle Angebot einer Weltmetropole, die Berlin unzweifelhaft geworden ist (was selbst in den tonangebenden Kreisen der New Yorker East Side nicht mehr bestritten wird), zu nutzen – ausschöpfen kann man es (das Angebot) natürlich nicht, dazu ist es einfach zu groß und komplex, egal; das kann einem bekennenden Stubenhocker wie mir ja nur gut tun, und gestern war ich also mit meinem Uralt-Kumpan Esau (ich habe ihn in Japan Ende der Siebziger kennengelernt, er war dort auch DAAD-Lektor), im Ephraim-Palais, er wollte unbedingt die Ausstellung „Die Schönheit der großen Stadt“ anschauen.

Innerlich musste ich ein wenig Grienen, fast schon Schmunzeln, Esau (das ist sein Spitzname aus Kindertagen, den hat er bekommen, weil ihm sein kleiner Bruder mal mit Vanillepudding das Erstgeburtsrecht abgekauft hat!) ist nämlich ein Berlin in echter Hassliebe verbundener Feuerkopf, der mit großartigen Tiraden über unser Spree-Athen herfallen kann und das auch regelmäßig tut: Er schickt mir aus Japan (er lebt in Sapporo, diesem Sehnsuchtsort der Menschheit) beispielsweise regelmäßig „Tagesspiegel“-Artikel per E-Mail, mit denen er höhnisch auf Berliner Malaisen hinweist, den Flughafenbau natürlich, aber auch Rohheit und Ruppigkeit im öffentlichen Nahverkehr prangert er gerne an; Berlin ist zu schmutzig, die Leute sind durchweg ordinär, ja sogar über die Hundescheiße kann er sich wortgewaltig mokieren; er echauffiert sich jedoch auch über Berlin als eine so verschnarchte Stadt, dass selbst Nichtigkeiten wie ein einfacher Handtaschenraub in Schöneberg noch zur Zeitungsmeldung geadelt werden: sogar im Verbrechen drittklassig, reine Provinz eben!

Und so schleppen wir uns also in den dritten Stock des Ephraim-Palais und werden belohnt: die schönen Gaertner-Gemälde! Der berühmte „Blick vom Dach der Friedrichswerderschen Kirche auf das Friedrichsforum“ (1835), „Unter den Linden mit Denkmal Friedrichs des Großen“ (1853), mit der Pointe, dass man das Reiterstandbild von hinten sieht, also praktisch in den Pferdearsch guckt! Da kann olle Gaertner froh sein, dass die Zensur nicht zugeschlagen hat. Auffällig ist auch, dass er regelmäßig neben dem Bürger und dem Stutzer, den Frauen und den Soldaten, den Pferden und Hunden auch immer einfache Arbeiter ins Bild schmuggelt, und steht da nicht, rechts unten, ein missmutiger Studiosus, der mit Abscheu die Parade betrachtet und heimlich freisinnige Gedanken hegt? Wenn er dann sein Examen abgelegt hat, wird er Reserveoffizier und seine Jugendträume verraten, so geht es zu in der Welt …

Dieses Interesse für die Handwerker und Arbeitsmänner fällt ja auch sofort bei Menzel auf, von „Kronprinz Friedrich besucht Pesne auf dem Malgerüst in Rheinsberg“ (1861) bis hin zu den regelrechten Bildern aus der Arbeitswelt, „Maurer auf dem Bau“, „Zwei Arbeiter in einem Rohbau“, geschweige dem „Eisenwalzwerk“ (1875), das dann, sozusagen, Beutekunst der DDR geworden ist. Diese Gemälde sind hier nicht zu sehen, ich assoziere sie nur herbei, und Esau ist ein bisschen beeindruckt, was ich alles weiß, und das war ja auch die Absicht. Aber ist Menzel nicht tatsächlich einer der größten Künstler des 19. Jahrhunderts?

Und sogar Gaertners Panorama „Vom Dache der Werderschen Kirche gesehen“ (1836) findet sich schließlich noch, im ersten Stock. Über die anderen Gemälde muss ich nicht viel sagen, ein paar sind interessant und bemerkenswert, das meiste aber, vor allem des 20. Jahrhunderts, ist dieses hingerotzte, hässliche Geschmiere, reine Attitüde, Präpotenz und schlechte Laune, verbunden mit ostentativer Verachtung von Handwerk und Technik und dies als „radikal kritisch“ verstehend, so langweilig! Immerhin lernen wir noch, dass der anmutige Titel der Ausstellung dem Buch „Die Schönheit der großen Stadt“ (1908) von August Endell entlehnt ist, und die brillanten Zitate daraus legen nahe, sich mal ein bisschen mit dem Mann zu beschäftigen.

Jetzt aber sind wir angefixt! Die paar schönen, die vielen schlechten Bilder dieser Ausstellung sollen so nicht das letzte Wort bzw. Bild haben, sie sehnen sich nach einem erlösenden Höhepunkt, und so eilen wir, nach einem kleinen Imbiss im Restaurant Ephraim’s (dieses süße Apostroph!) – Esaus Salat ist mit Maiskörnern aus der Dose gesprenkelt, ach, die Zone!, mein „Gurkentöpfchen“ ist immerhin sauer und ehrlich – gen Gemäldegalerie, und wie der Wüstenreisende vom Überfluss der Oase überwältigt wird, so stehen wir nun, die Tränen des Glücks kaum zurückhalten könnend, vor diesen Wunderwerken der Malerei. Die Stillleben! Vermeer! Undundund. Und wie eigentlich immer in der Gemäldegalerie ist es fast leer, jedenfalls erstaunlich wenig, viel zu wenig Besucher. Mir sollte das recht sein, aber ich verwundere, empöre mich doch ein bisschen, dass eine der schönsten Sammlungen der Welt so wenig Zuspruch findet. Hier, die Engländer, Reynolds und Raeburn!, „In meinem Elternhaus hingen keine Marlboroughs“ oder wie das heißt. Und selbst auf den eher langweiligen religiösen Schinken ist dann etwas zu entdecken, da unten links eine kleine Grasnarbe, mit Akelei!, und einer Fliege!, wie schön und überflüssig und betörend ist das!, da stören Maria und diese Hirten und Esel und Öchslein kaum noch. Es ist aber nicht nur die Artistik, diese ungeheuerliche Kunstfertigkeit der Maler und ihrer Gemälde, die einen fromm werden lässt, es ist auch das sichere Gefühl, dass eine Spezies, die solcher Schöpfungen fähig ist, nicht ganz schlecht sein kann und möglicherweise Gnade finden wird. Die Kunst, die Malerei und die Musik sind vielleicht doch die letzte Rettung.

Dies alles aber, mein lieber Siegfried, habe ich nur erlebt, weil Esau mich gezwungen hat, rauszugehen. Wer also behauptet, Besuche von alten Freunden hätten in der Regel keine positiven Nebeneffekte, täuscht sich.

Dein Kurt

Und um Dir zu beweisen, dass unsere raue Stadt auch ihre liebenswerten Seiten hat, gibt es obendrauf noch eine kleine (fast wahre) Geschichte mit dem Titel „Neulich in meiner Berliner Stammkneipe“: Komme ich also neulich in den Schluckspecht, läuft da so komische Musik. Setze ich mich zu Atze und Orje an den Tresen, klopfklopf, kleines Helles, „Schon in Arbeit“, grummelt der Zapper, Jamal, ein umgeschulter Taliban, hehe, ist nur ein Scherz. „Hey, Mister Taliban, tally me bananas“ ist jedoch ein Spruch, den er nicht so gerne hört. „Was läuft denn hier für komische Musik?“ „Das ist Debussy, Du Ignorant“, sacht Atze. „Du weißt doch nichma, wie Debussy mit Vornamen heißt“, sacht Orje. „Aber immer“, sacht Atze und blickt mich hilfesuchend an. Ich, nicht faul, schaue angestrengt auf die Tür zum Herrenklo, Atze schnallt es sofort und grölt freudig: „Wezeh!“ – wenn er „Klo“ gesagt hätte, wäre es mir ein Leichtes gewesen, das als nuschelige Form von „Claude“ zu verkaufen, aber so war nichts mehr zu machen. Doch auch wenn die Geschichte nicht gut ausgeht, so ist das relativ hohe kulturelle Niveau dieser Anekdote ein durchaus zu lobendes (Gerundium bzw. Gerundivum), und, jetzt mal ehrlich, welche andere Weltmetropole als Berlin kann mit einem Diskurs über Debussy aufwarten, in einer Absturzkneipe?! „Jamal, noch drei Helle.“

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