Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

und schon wieder eine Premiere, die erste Radtour des Jahres Richtung Tegel! Um 5.29 Uhr Abfahrt, und diesmal ging’s also gen Norden, die Leibnizstraße hoch bis zur Spree: Da lag sie, sanft beschienen von der, wem sonst?, Sonne, die eben etwas hüftsteif im Osten emporkroch, ruhig und spiegelglatt ruhte die Spree, als könnte sie kein Wässerchen trüben, aber das sagt man heute nicht mehr, vor allem nicht zu Flüssen, das ist fast so schlimm, als wenn sich ein Weißer das Gesicht schwarz anmalt („blackface“), um einen „Schwarzen“ darzustellen; die Spree aber dort, wo der Landwehrkanal und der Verbindungskanal sich in sie ergießen, am Drei-Flüsse-Eck (sozusagen), lag so friedlich da, dass die beiden Schwäne in der Mitte fast schon des Bukolischen zuviel waren – die Natur, tut mir leid, neigt zur Übertreibung, ich bemerke das nicht zum ersten Mal, weniger wäre mehr gewesen ist nun gerade nicht ihre Devise, aber egal!

Ich jedoch zog mir die blaue Joppe aus, die ich über dem rentnerbeigen Sweatjacket (Fruit of the Loom, aber die Geschichte habe ich Dir, glaube ich, schon mal erzählt) trug, auch das Wollmützchen nahm ich ab, denn ich schwitzte „wie Sau“, so sagt man im etwas ordinären Berlin, durch die Windstille war es, obwohl kaum über zehn Grad, angenehm, lau, jedenfalls für einen nach Luft schnappenden Seniorenradler. Der Weg an der Spree bis zum Schlosspark ist wirklich schön! Und, am Sonntag um diese Zeit, keine Menschen, nicht einmal Jogger oder Hundeausführer! Aber immerhin zwei Krähen oder Raben oder Dohlen, was weiß ich, wie diese Vögel heißen, sie stoßen besonders hässliche und laute Schreie aus, attackieren einen etwa fünf Meter über dem Fluss fliegenden Fischreiher, immer wieder, und sichtlich angepisst sucht der große Vogel das Weite. Enten, normale und diese kleenen, Mandarinenten?, aber sonst nischte los, tier- und vogelmäßig.

Doch kaum habe ich den Park verlassen und die Schrebergärten, offiziell „Kolonie Spreewiesen“, zur Linken erreicht, trumpft olle Frühling pflanzenmäßig auf, der Angeber: massenhaft Tulpen, merkwürdig violette, ja lilane Blumenbeete, Blumenkissen geradezu, Bäume mit ihren weißen Blüten, Apfel- und Pflaumenbäume, Zierkirschen, japanische Magnolien, Schneebällchen, Rhododendren im Frühstadium und, als unangefochtener Herrscher im protzenden Blühreich: FLIEDER! Weiß und violett und, tja, fliederfarben. Jedenfalls könnte man „King Flieder Rules!“ sagen, sollte man aber nicht. Wenn schon sollte man sagen: „King Lilac Rules!“ Oder wäre „Queen Lilac Rules!“ noch besser? „Lilac“ ist im Englischen eher weiblich, scheint mir, wir Deutschen aber sagen: DER Flieder (der Franzose, das nur nebenbei, sagt: DER Sonne – le soleil –, ist das nicht geradezu pervers?! Und wie der kleine Macron sich da bei Trump angebiedert hat, SEHR peinlich, aber was soll man von den Franzosen schon erwarten, das hat Churchill übrigens ähnlich gesehen).

Es ist jedenfalls eine Pracht mit diesem hemmungslosen Blühzeug, und getröstet verlasse ich den Flussweg, erklimme mit dem braven Raleigh die steile Treppe und überquere mit Unterstützung der Rohrdammbrücke die Spree, mich nun nördlich haltend, durch Siemensstadt hindurch, was mich an Joe Kaeser („ein Name, zwei Lügen“) denken lässt, als ehrlicher Josef Käser im Bayerischen Wald geboren und nun als charakterlose Witzfigur von selbsternannten Möchtegernsatirikern verhöhnt, was für ein Schicksal! Doch da stoße ich schon wieder auf ein Gewässer, es ist der Hohenzollernkanal, der immer noch so heißt, obwohl der Berliner „von Hohenzollern (den) Kanal voll“ hat, wie er in seiner unverblümten Weise seit hundert Jahren quengelt, aber dieser problematische Name scheint niemanden zu stören, mich auch nicht, also biege ich links ab, dann wieder rechts, über die Tegeler Brücke, und nun geht es auf die Heimfahrt. Dies ist einer der schönsten Radwege, immer am Hohenzollernkanal entlang, Wolfgang Herrndorf fällt mir ein, mit dem bin ich gerne ins Olympiastadion gegangen, Bundesliga, Hertha gegen den HSV, er war immer ein bisschen schüchtern, aber ein verdammt guter Schriftsteller, wie sich dann ja glücklicherweise doch noch herausstellte, Plötzensee, da hat er gerne gebadet, hier überquere ich wieder einige Wasserläufe, Beusselstraße, und eine halbe Stunde später erreiche ich, erschöpft, aber getröstet, die Xantener Straße, um 7.50 Uhr, hurra!

Dein Kurt

Du ahnst, dass Du so billig heute nicht davonkommst, Barthold Hinrich Brockes hat in seinem „Irdischen Vergnügen in Gott“ natürlich auch den Flieder besungen, nicht enden wollend, wie es so seine Art war, aber die Highlights will ich Dir nicht verhehlen. Dreißig Zeilen Anlauf braucht er, dann sieht er schließlich

Den weißen Fliederbaum in voller Blüte stehen.
Sein weißer Schimmer fiel so stark mir ins Gesicht,
Dass ich ein sonderbar Gewächse zu besehen,
Und auch, in seiner Zier, den Schöpfer zu erhöhen,
Mich nicht enthalten kunnt. Ich brach ein Blümchen ab,
Das mir zu folgender Betrachtung Anlass gab.
(Frömmelfrömmelfrömmel)
Ein Auge, das, wenns siehet, wirklich siehet,
Erblickt am Fliederbaum, der blühet,
Verschiednes, das ihn rührt und ihn vergnüget,
Es lässt das dunkle Grün der Blätter, da es sich,
So lieblich, als verwunderlich,
Zur weißen Blüte lieblich füget,
Mit schönen weißen Rosensträuchen
Von weitem recht natürlich sich vergleichen.
Wenn ich der Fliederblume Bau,
Und Bildung, in der Nähe, schau:
So find ich, dass auch sie, auf eine neue Weise,
Dem, der sie werden hieß, zum Preise,
Bewundernswert gebildet und formiert,
Bewundernswert gefärbet und geziert.
(Quasselquasselquassel)
Weil dieser Blumenbaum nun sehr gemein,
Und in dem Blumenreich
Derselben viele sein:
So wird so Blüt als Frucht, wie nütz und schön sie gleich,
Doch leider wenig nur geachtet
Und von den wenigsten betrachtet.
Mir aber kömmt er stets, als eine Zier,
Und sonderbarer Schmuck der Landschaft für.

(Mir auch!)

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