In memoriam Michael Rutschky

Hartmut Eggert

Wer den letzten Band der Aufzeichnungen Michaels gelesen hat, weiß, daß ich in seiner Wahrnehmung „Gustav mit der Hupe“ aus Kästners „Emil und die Detektive“ bin (und er annahm, ich sähe in ihm dementsprechend den „kleinen Dienstag“). Unser freundschaftliches Verhältnis war über die Jahre distanzierter geworden – was durchaus nicht ungewöhnlich ist.

Ich will hier an unsere gemeinsamen Anfänge erinnern, an Michaels erste Zeit in Berlin, beginnend 1968/69, nach den Studienjahren in Frankfurt und Göttingen. Sie war geprägt von unserer Zusamenarbeit in dem jungen Forschungsteam Eggert/Berg/ Rutschky. Michael war noch Student, das heißt ohne Studienabschluss, als ich ihn für das Schulforschungsprojekt gewann. (Die Geschichte, wie er dann noch schnell 1970 ein Magisterexamen gemacht hat, damit er die bewilligte Mitarbeiterstelle übernehmen konnte, wäre heute im System reglementierter Studiengängen nicht mehr möglich.)

Vor fünf Jahren habe ich Michael in einem längeren Geburtstagsbrief geschrieben, wie wichtig die Zusammenarbeit mit ihm für mein weiteres berufliches Leben und die intellektuelle Kontur geworden ist. Mit Michael (und Kathrin, die ich schon vor ihm kannte) kam die Psychoanalyse in den Horizont unserer Überlegungen zur Literaturrezeption. Dazu muß man sich vergegenwärtigen, daß bis Ende der sechziger Jahre in der deutschen Literaturwissenschaft psychoanalytische Ansätze verschüttet waren, gleichsam ins Exil getrieben. Das, worüber Michael dann 1978 im Fachbereich Germanistik der FU promovierte, hatte dort selbst keinen Platz in der akademischen Lehre. Sein wissenschaftlicher Berater war Gerhard Maetze, der als Psychoanalytiker außerhalb der Universitäten tätig war. Als Michaels Dissertation zur Einreichung fertig war, habe ich damals den Weg zu Wilhelm Emrich vorgebahnt, der dann die Arbeit als Gutachter in der Fakultät übernommen hat. (Emrich, der keinerlei Personengedächtnis hatte, wohl aber sich an alle gelesenen Texte erinnerte, hat sich später mal bei mir erkundigt: „Sie hatten da so einen Kleinen in Ihrem Umkreis, der eine kluge Arbeit über Freud und die Literatur geschrieben hat, was ist denn aus dem geworden?“ Da konnte ich ihn schon auf den „Erfahrungshunger“ verweisen und auf Michaels Weg in die Essayistik. Die gleiche Frage stellte mir Emrich auch nach Helmut Lethen, den er promoviert hatte und der im „Erfahrungshunger“ als „Germanist L.“ gleich zu Anfang auftaucht.)

Ich blieb beruflich im Felde der akademischen Wissenschaft und der praktischen Lehrertätigkeit, als 1977 mit dem Ende meines Vertrages als Assistenzprofessor das Team auseinanderflog. Die juristische Basis für unser Forschungsprojekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft als erstes „Mittelbau-Projekt“ überhaupt gefördert wurde, war hinfällig geworden. Michael ging auf Vermittlung von Hellmuth Becker, dem Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, zum „Merkur“ nach München; ich erprobte eine Weile auf der Schulfarm Insel Scharfenberg einige Ideen im Literaturunterricht, die ich in unserer gemeinsamen Forschungsarbeit entwickelt hatte. („Jetzt ergreift den Eggert wieder der pädagogische Furor“, sagte Michael manchmal, wenn die Gefahr bestand, dass wir unsere Rolle als Forscher der teilnehmenden Beobachtung überschritten, weil die Lehrer uns praktische Ratschläge für ihren Unterricht abverlangten.) Hans Christpoh Berg war schon 1974 auf eine Professur der Pädagogik nach Marburg gegangen.

In meinem Geburtstagsbrief zu seinem Siebzigsten hatte ich vermutet, dass zu der später zunehmenden Distanz auch die feinen Unterschieden zwischen Wissenschaft und Feuilleton beigetragen haben könnten, bekanntlich sind das ja die härtesten; da antwortete Michael auf der Rückseite eines Fotos seiner Person realtiv kurz und bündig in seiner winzigen gestochenen Tintenschrift: „Lieber Hartmut, ja die Subsysteme von Germanistik und Feuilleton sind sauber getrennt, und es gibt nur wenige Grenzgänger. Ich gehöre nicht dazu. Auch bei unserer gemeinsamen Arbeit in den siebziger Jahren habe ich viel gelernt. Es war halt eine elegante Art, durch die schreckliche Zeit zu kommen. Ich habe immer bedauert, dass es uns nicht gelungen ist, ‚literarische Sozialisation‘ zu einem Prunkstück des gemeinsamen Lebens zu machen. Das lag sicher nicht allein an Dir. Herzlich Michael“.

Wenn er meinte, ich hätte in ihm immer nur den kleinen Dienstag gesehen, dann irrte er. Ich war zwar der „Chef“ und fünf Jahre älter, also eher der große Bruder, den man besser auf Distanz hält. Aber wenn Werner Graf in dem von Michael aufgezeichneten Gespräch vom 26. Februar 1992 im Literaturhauscafé die Vermutung geäußert hat, dass der Leser sich immer mit Emil identifiziere „und von da aus die anderen gut erkenne“ – so kann ich nur sagen, Michael war der Emil.

(Gustav ist die Hauptfigur in einem anderen Familienroman: Mein Großvater hieß so, und Gustav ist mein zweiter Vorname.)

Advertisements