Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

vielleicht erinnerst Du Dich, ich besitze einige Sweatjackets von Fruit of the Loom, die habe ich damals für die Rehaklinik angeschafft, nachdem ich das neue Kniegelenk bekommen hatte; es war das Modell „Oxford“, wurde nach Maß für mich hergestellt, in den USA, ich habe also glücklicherweise kein Kniegelenk von der Stange, im Unterschied zu meinen Klamotten. Die Rehazeit war übrigens die allerschlimmste Zeit in meinem Leben, zwei Wochen mit zumeist völlig inakzeptablen Menschen. Die Klinik in Gatow, schön über der Havel gelegen, war im Umbau begriffen, aus den Decken hingen Kabel heraus, Schmutz und Schutt und Staub überall, Gehämmer. Das Schlimmste war aber ein Patient im Stockwerk unter mir, der praktisch Tag und Nacht stöhnte, manchmal leise, oft laut, gelegentlich schreiend. Als ich mich bei einer Schwester danach erkundigte, es war nicht einmal versuchsweise eine Beschwerde, blitzte ich grandios ab, als hätte ich einen schwerverwundeten Kriegshelden beleidigt: Der Mann sei sehr krank, wohl auch dement, jedenfalls sei seine Familie froh, sich einmal vierzehn Tage von ihm erholen zu können. Gesehen habe ich ihn nie, an „Anwendungen“ konnte er nicht teilnehmen, also blieb er in seinem Zimmer eingesperrt, und da schrie und tobte er nun herum. So tiefen, klaren Hass, der reinen Verzweiflung entsprungen, habe ich selten in meinem Leben gespürt, und ich bin doch ein erprobter Hasser!

Meine Rehagenossen waren größtenteils auch keine Augen- oder Nasenweide, viel Berliner Subproletariat, ein Drittel Klienten mit Migrationshintergrund, die kaum Deutsch sprachen; statt Trainingsklamotten trug man gerne Kunstfaserhosen, die den Schweißgeruch gut speichern, an den Übungen nahmen sie nicht oder nur zum Schein teil, was erstaunlicherweise auf die anderen Rehaisten sehr abtörnend wirkt. Und wenn ich mir sagte, dass dies alles kein ethnisches oder kulturelles Problem sei, sondern NUR ein soziales, so nützte es mir nichts, meine Abscheu blieb groß, und dafür hasste ich dann mich selbst um so mehr: Ich, der ich doch mein Lebtag so gerne ein Freund der Erniedrigten und Beleidigten sein wollte, reagierte nun also in geradezu menschenverachtender Weise auf diesen Abschaum, zwar nur in Gedanken, aber immerhinque.

Doch zurück zu Fruit of the Loom. Diese Jacken kosten etwa 20 Euro, sind aus 80 Prozent Baumwolle, haltbar, man kann sie mit 60 Grad waschen, kannze nix saren, quasi ein Glückskauf. Bei zwei der drei Jacken ist nun der Reißverschluss kaputt, ansonsten alles prima. Da ich aber bekanntlich nichts wegwerfen kann, das „im Prinzip“ noch verwendungsfähig ist, muss ich das Zeug nun also auftragen. So nutze ich diese Jacken als eine Art Hausjoppe, und damit ich sie verschließen kann, trage ich sie mit einem Ledergürtel etwas oberhalb der Hüften. Wenn ich aber in den Spiegel schaue, wen sehe ich? Tolstoi! Jedenfalls wenn ich einen langen Bart hätte und noch bescheuerter aussähe, fanatischer, irrer, eben wie der alte Tolstoi. Soweit bin ich leider noch nicht, bislang ähnele ich eher einem stinknormalen Muschik, ich könnte also sehr gut in „Anatewka“ mitspielen, nicht die Hauptrolle, aber eine (gute) Sprechrolle, meinetwegen auch mit Gesang („Kalinka“), diesen Hocketanz („Krakowiak“?) müsste ich leider auslassen, siehe oben: Mit einem künstlichen Kniegelenk, selbst mit einem edlen „Oxford“, geht das nicht, Allda!

Und ich kann ja auch ein bisschen Russisch: Kto tam? (Wer da?). Oder: Potschtámt (Postamt). Oder. Schtepsél (Stöpsel). Überhaupt die Sch-Wörter: Schpinát, Schtatíw, Schtraf – herrlich! Noch schöner nur die H-Wörter, der Russ’ kann’s ja nit aussprechen, sagt „Gerzog“ statt „Herzog“, und den Fjurer nannte er demzufolge „Ghitler“, was aus dem Deutschen Gruß „Gheil Ghitler!“ gemacht hätte, man kann fast verstehen, dass Hitler dies als persönliche Beleidigung krumm nahm und als Vergeltungsmaßnahme das „Unternehmen Barbarossa“ ins Auge fasste. Zum Schluss dieser Erinnerung an die deutsch-russische Schicksalsgemeinschaft ein ganzer Satz: Fjurer Ghitler nix Knopka an Rjuksak, nix Wympel auf Ziferblat (Der Führer Adolf Hitler hat keinen Knopf am Rucksack, auch keinem Wimpel auf seinem Zifferblatt).

Jetzt, auf meine alten Tage, lese ich nicht nur unentwegt die Russen (Tschechow ist mein absoluter Liebling), sondern sehe sogar wie einer aus, ist das nicht merkwürdig? Oder vielleicht ein Zeichen?! Dass die alte deutsch-russische Hassliebe nun in mir, Kurt (Dieter) Scheel, ihr Ende, ihren versöhnenden und krönenden Abschluss fände für und für? Dass der Unwürdigste, der „Dümmling“ des Märchens, der von den großen Brüdern Verhöhnte in seinem lächerlichen Pseudo-Russen-Kittel der Erlöser oder zumindest dessen Werkzeug sei? Der die Krim zu einer Schutzzone der Uno macht, Putin und Schröder ihr unheilvolles Tun vorhält, auf dass sie reuig in Tränen ausbrechen und versprechen, sich zu bessern – all das und noch viel Verrückteres geht mir durch den Kopf, wenn ich mich solcherart gewandet und gegürtet im Spiegel betrachte. Törichte Gedanken, Hoffart gar? Ich weiß es nit.

„Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen“, diese Devise des „Hamburger Abendblattes“ hat mich von Kindheit an geprägt, aus mir einen Weltbürger und Global Player ex ovo gemacht, der für den verhockten Provinzialismus der (selbsternannten) Pegida-Pinsel und AfD-Afterredner nur Verachtung empfinden kann. Deutschland ist EIGENTLICH weltoffen, das darf man nicht vergessen! Haben wir nicht sogar einmal einen österreichischen Migranten zu unserem Regierungschef gemacht? Willkommenskultur vom Feinsten! Wer sich ernsthaft integrieren will, der hat hier alle Chancen, von den Hugenotten über die Kohlenpott-Polen bis zu den (angeblich) „Vertriebenen“ aus Schlesien und Ostpreußen! Das wird heutzutage gerne verschwiegen, da ist dann statt von Fontane und Szymaniak von „Autobahnen“ und „Raubkunst“ die Rede, aber das ist nur die halbe Wahrheit!

Dein Kurt

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