Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

heute, am 18. April 2018, fand die erste offizielle Radtour des Jahres statt! Gewidmet aber hatte ich sie meinen Eltern Kurt August Hermann Scheel und Kreszentia Scheel, geborene Stangl, Du wirst schon noch sehen warum. Um 5.25 Uhr bestieg ich also mein braves Raleigh, und, hastdunichtgesehen, wutschte ich die Paulsborner hoch, die bekannte Strecke zum Grunewald, am Jagdschloss in denselben hinein, und eine Stunde später stund ich, dicht bei Lindwerder, an meiner „geheimen Badesstelle“, das Rad vorschriftsmäßig geparkt an der Weide 2336. S-piegel-glatt lag der Fluss da, windstill war’s, fast schon stromförmig breit ist hier die Havel, und die aufgehende Sonne beleuchtete die Häuser am gegenüberliegenden Gatower Ufer, die vor Freude geradezu butterüberglänzt (hätte Herr Rutschky gesagt) gülden zurückschienen; milchigblau der Himmel, im linken Drittel von poetisch verwehten Kondensstreifen zart aquarelliert.

Beim Inspektionsgang entdeckte ich bei den Buhnen am Schilfgürtel ein Kinderschlauchboot, etwa badewannengroß, mit zwei Paddeln darin, das sah nicht so aus, als sei es angeschwemmt worden; und noch befremdlicher, verwunderlicher ein Kajak hinter dem Maschendrahtzaun zwischen dem Ufer und der Chaussee, das musste da jemand absichtlich deponiert haben, anscheinend (oder scheinbar?, Frl. Richter wird den Unterschied nie kapieren) ohne Verlustängste. In tiefe Gedanken versunken über solche Rätsel kehrte ich zur Badestelle zurück, zwei, drei Enteriche stießen ihre misstönenden Lockrufe aus, ein Fischreiher, immerhin, flog niedrig von links nach rechts, sonst war nichts los. Aber was ist das? In dreißig Meter Entfernung, da im Wasser!? Es ist Bibermänn, eindeutig, er blickt geradezu bohrend zu mir herüber, ich ächze vor Überraschung, dann rufe ich „Bibermänn“!, zart zuerst, dann laut, ja dröhnend wie eine Arp-Schnitger-Orgel im Hamburgischen: „Bibermänn“! Winke auch mit den Händen, den Armen, dem ganzen Körper, hauche mit flehentlicher Stimme: „Bibermänn“! Er aber taucht, zwanzig Sekunden, dann bewegt er sich vom Ufer fort, wird klein und kleiner (langsam Abblenden).

Ich hatte in den letzten Wochen einige Male die Geschichte von Bibermänn und mir und wie wir uns kennenlernten erzählt, es ist eine meiner allerbesten Geschichten, jeder liebt sie, aber zwei GANZSCHLAUE hatten trocken entgegnet, dass es sich wohl kaum um einen Biber, sondern um einen Fischotter bzw. eine Nutria gehandelt hätte. Nun sehen sich die Biester in der Tat verteufelt ähnlich, jedenfalls im Wasser, aber die Aura ist doch erheblich anders: Du renommierst mit Marilyn Monroe, und in Wirklichkeit ist es Veronica Ferres! Der Biber als Spezies ist außerdem Burgherr und also uralter Adel, mit riesigen Verdiensten auch um die Kopfbedeckungsherstellung (Kastorhut!, Biberpelzmütze) und, nebenbei, das einzige Lebewesen, über das man ernsthaft und lobend sagen kann, es denke mit dem Schwanz (über Menschen, männliche Menschen, darf man das nicht sagen, sonst gibt’s Schimpfe), die (ja: die) Nutria hingegen hat schon vom Namen her die Anmutung von billig und Rudi’s Resterampe, Perlon gab ich für Seide, egal. Ich konnte die beiden leichtsinnigen Möchtegern-Pointenkiller jedoch mit dem Hinweis darauf, dass ich die Fickgeräusche, Quatsch: Kau- und Naggeräusche von Bibermänn beim Abholzen der Weidenzweige gehört hätte, in die Schranken weisen, außerdem, und das klingt wie ausgedacht, ja frech gelogen, sind ausgerechnet an der Weide 2336 Biber-Kauspuren zu entdecken, auf der dem Fluss zugewandten Seite, und DIE Nutria macht so etwas nicht, guck doch selber bei Wikipedia nach!

Im übrigen verweise ich Dich auf meine Briefe vom 28. Juli und vom 8. September 2017 (Rubrik hier/dort), in denen die Ur-Geschichte sehr schön und rührend und wahrheitsgetreu erzählt ist. Es war aber 6.39 Uhr, als ich heute Bibermänn erblickte, falls also eine US-amerikanische Drohne über Lindwerder uns zu diesem Zeitpunkt ausgespäht haben sollte, könnte man das Filmmaterial (?) als Überraschungszeugen in letzter Sekunde, wenn ich schon fast als Lügner und Betrüger („Die Biber-Lüge – es war nur eine Wasserratte!“) verurteilt bin, dem Gericht vorlegen! Freispruch für mich, Schimpf und Schande über die beiden „Nutria-Schlauberger“ (ich nenne keine Namen, könnte es aber und werde es mir auch vorbehalten, also Vorsicht, Frau A, Obacht, Herr K!). Nebenbei: Fast so gut wie die Bibermänn-Story ist die Geschichte vom Fuchs als Handtuchräuber, die findest Du im „Schema“ unter dem Datum vom 19. Juli 2017 (hier/dort).

Tiermäßig kann ich ansonsten nur von Vögeln und ihrem Getobe berichten, laut und fordernd eher denn sehnend zwitschern und schnalzen und gurren und geckern sie, am auffälligsten aber waren die Spechte, die dreißig, vierzig Mal ihr nur Zehntelsekunden andauerndes Pochpochpochpochpochpochpochpochpochpoch maschinengewehrhaft schnell hören ließen und praktisch die gesamte Radtour rhythmisch synkopierten, einmal hämmerte es in einem Baum, an dem ich gerade entlangfuhr, da bekam ich einen Schreck, so laut war das. Um 8.20 Uhr zu Hause in der Xantener Straße, erschöpft und erhoben, stolz und dankbar, dass ich so etwas Schönes erleben durfte.

Sonnenaufgang an der Havel, sagen nun die Spötter und Speier, die halsstarrigen Apologeten der Nutria-These, ach, wie süß!, heile Welt, Gartenlaube, wie kitschig ist das denn, Herr Scheel?! Wo aber bleibt die wahre, die schmutzige Realität?! Warum gibt es beispielsweise soviel Leid in der Welt? Wird hier, in diesen selbsternannten „Havel-Idyllen“ das Negative nicht schamhaft verschwiegen, namentlich das „Dritte Reich“ wissentlich verdrängt? Darauf entgegne ich: Ihr wollt kein Schöpfungslob, sondern einen politischen Schluss, finstere Geschichte, Nazigreuel? Könnt Ihr haben, und deshalb also medias in res, in den Quellgrund des Bösen, Nazideutschland am 18. April 1940: An diesem Tag vor, Moment: 78 Jahren haben meine Eltern geheiratet, aber das ist, Hitler und seinen Schergen zum Trotz, kein Wegschauen und Mitmachen, sondern ein Akt des Widerstands gewesen und wird in der Familientradition füglich als Beweis des (stillen) Antifaschismus gedeutet. Wie das?, fragt der kritische Kritiker, ungläubig, höhnisch fast, und ich antworte mit klarer, fester Stimme: Ganz einfach, und wenn Sie, mein lieber Herr Kritikaster, meine liebe Frau Kritikasterin, historisch nicht so ungebildet wären, wüssten Sie, dass der 20. April „Führers Geburtstag“ war, ein hoher Festtag des Dritten Reiches (vulgo der Naziverbrecher, aber das durfte man damals natürlich nicht laut sagen, am besten nicht einmal leise), da war alles mit Hakenkreuzfahnen und Lametta geschmückt, die Rathäuser und die Standesämter, und man kriegte bei der (standesamtlichen) Eheschließung auch eine Prachtausgabe von „Mein Kampf“ geschenkt – meine braven, von Natur aus sozialdemokratischen Eltern aber mieden bewusst und fast heroisch dieses Nazi-Spektakel und heirateten eben zwei Tage zuvor. Nur wenige Wochen nach diesem Ereignis wurde Winston Churchill britischer Premierminister, und damit war das Großdeutsche Reich (letztlich) dem Untergang geweiht, fünf Jahre später war Hitler tot und Großadmiral Dönitz musste schmachvoll und bedingungslos kapitulieren. q. e. d.

Dein Kurt

Apropos Dönitz, der immerhin als „Reichspräsident“ der Nachfolger Hitlers war, hier ein Schmähgedicht mit Schüttelreimglanzlichtern:

Das Oberkommando der Wehrmacht
Hielt niemals auf dem Meer Wacht.
Das überließ man Admiral Dönitz,
er starb 1980 in genau hundert Kilometern Entfernung – Zufall? – von Grömitz …

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