Mittwoch, Warnemünde

Kathrin Passig

Die Urne, erkennt R., steht in einem Kabäuschen auf dem Vorderdeck des hölzernen Schiffs, das – in Größe, Konstruktion und durch das ausgesägte Loch in der offen stehenden Türe – an ein Klosett erinnert. Diesen Gedanken jetzt bloß nicht weiter verfolgen! Bald ist die richtige Stelle des Meeres erreicht, das für den Laien ja überall gleich aussieht. Sich vorsichtig an der Reling anklammernd, denn das Schiff stampft beträchtlich, kommen die Trauergäste aus dem Salon. Es ist sehr kalt. Erst jetzt fällt R. das Dekor der Urne auf, ein Notenschlüssel und mehrere Noten auf dunkelblauem Grund. Na, lange wird man es ja nicht sehen müssen. Schon greift der Bestatter, ein hochgewachsener, grundsolide gekleideter Herr, zur Schiffsglocke und läutet viermal. Vier Glasen habe die Schiffsglocke geschlagen, vermeldet er, und liest dann aus einer Mappe sorgfältig Namen und Geburtsdatum des Verstorbenen vor. Eine Sonne sei untergegangen, bei den Hinterbliebenen jedoch ein Leuchten in den Herzen zurückgeblieben. Man würde gerne einschreiten, aber da ist es – „die s-terblichen Überreste des Vers-torbenen“ – auch schon wieder vorbei. Die Urne schwimmt einen Moment und sinkt dann vorschriftsmäßig. Der Bestatter streut Rosenblätter aus einem Körbchen hinterher. Die Trauergäste sehen noch minutenlang ins Wasser, wohl um sicherzugehen, spottet R. insgeheim, dass das Ding nicht doch noch mal auftaucht. Zum anschließenden Essen ins Restaurant „Kettenkasten“ kommt er aber nicht mehr mit. Was da geredet wird, weiß man ja.

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