Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Heute, lieber Siegfried, habe ich einen treuen Kameraden verloren: Mein Ergometer ward in den Keller verbannt, zum alten Eisen geworfen, wie eine ausgepresste Zitrone, die man auspresst und dann fortwirft … Und das kam so. Schon seit Wochen ruckelte und rackelte die Kette immer mal wieder, und bald war auch dem Laien klar: Die ist wohl etwas ausgeleiert, die wird man wohl, wie einen geschwätzigen Essay, etwas kürzen müssen. Gesagt, getan! Um eine lange und auch gewissermaßen langweilige Geschichte kurz zu machen: Mit klebrig verschmierten Händen, einer heftig blutende Schnittwunde und einer Kette, die nun traurig und zerbrochen Trübsal blies, sprach ich, schwitzend, wütend, deprimiert, dem Ergometer das Urteil: Ab in den Keller! Und so geschah es auch. Doch vorher bestellte ich beim Lidl-Onlineshop ein neues Gerät (gegen Vorauskasse), denn ohne meinen zweitbesten Freund „Dr. Ergo“, wie ich ihn respektvoll nenne, mag ich nimmer sein; hier eine Erinnerung an dreißig Jahre gute Kameradschaft, ein Epitaph, quasi eine Remembrance.

Die alte Bundesrepublik! München! Und wer München sagt, meint Sport-Scheck! Dort erstand ich mein Ergometer, Mitte der neunzehnhundertachtziger Jahre, denn mein Arzt hatte eine angeborene Herzrhythmusinsuffizienz festgestellt, was mich sehr beruhigte, hatte ich doch als beinahe sicher angenommen, dass das immer häufiger auftretende Rumpeln und Pumpeln des armen Herzens vom elendiglichen Saufen und Rauchen komme – aber nein, angeboren! Damit war ich moralisch aus dem Schneider und quasi wegen erwiesener Unschuld freigesprochen (Freispruch erster Klasse!), und in meinem Überschwang erklärte ich mich gerne bereit, dem Ratschlag des Arztes, etwas für meine Gesundheit zu tun, wenigstens pro forma nachzukommen.

Ich saß also auf dem Ergometer, trat täglich eine halbe Stunde in die Pedale und las dabei den „Spiegel“, so war es auch nicht gar zu langweilig. Doch dann hatte ich eine brillante Eingebung: Wäre es nicht noch schöner, dabei fernzusehen? Quasi auf Krankenschein! Man konnte schlimme Sendungen glotzen, ohne sich schämen oder gar rechtfertigen zu müssen, denn es war ja Gesundheitsdienst am Volkskörper! Alles das aber fand statt in der Vor-Video-Zeit, als man auf das laufende und kärgliche Programm angewiesen war. Was ich da alles an Schrott gesehen haben muss, es ist gar nicht auszudenken!

Aber wie es so ist mit dem alten Adam: Zuerst täglich eine halbe Stunde, dann dreimal die Woche, schließlich, ich war in die Wittelsbacher Straße umgezogen, vierter Stock ohne Fahrstuhl, hatte ich den Gesundheitsquatsch nicht mehr nötig, das Treppensteigen war Training genug, und so stand das Gerät nun herum wie ein Spinnrad in der Diele eines aufgelassenen Bauernhofs, den Hamburger Architekten in Dithmarschen als Wochenendhaus halten: pittoresk, aber irgendwie sinnlos, ja verlogen.

Mit anderen Worten: Mein Ergometer und ich führten eine moderne Ehe, durchaus freundlich, aber doch etwas aneinander vorbei, und so hätte es weitergehen können, wenn nicht um 2010 herum, ich war jetzt in Berlin, das arme Herzerl noch maroder und poröser geworden wäre, und fürsorgliche Ärzte legten mir nahe, meine Beziehung zu Dr. Ergo neu zu beleben. Und seither sitze ich jeden Tag (FAST jeden Tag) eine ganze Stunde auf dem Ergometer, meinem braven Alois, wie ich ihn, den guten, alten Münchner, zärtlich nenne …

Aus und vorbei! Und nun steht er im Kellerloch (Dostojewski) und wartet auf die Sperrmüllabholung, erzählt dem übrigen Gerümpel von seinen Glanzzeiten, als er und ich über Tausende, Zehntausende von Kilometern vereint waren, es ist wie in „Der Tannenbaum“ von Hans Christian Andersen, wenn der entsorgte Tannenbaum von Weihnachten und Klumpe-Dumpe erzählt und die Ratten unsensibel fragen, ob er auch Speck- und Speiskammergeschichten kenne? So geht es zu in dieser Welt, im Ellenbogen-Kapitalismus, man macht und tut, bis einem das Blut unter den Nägeln sprützt (Mutter Kempowski), und wird keinen Dank haben. Dies aber soll uns eine Lehre sein!

Dein Kurt

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