„Dichten“ mit Rutschkys

Michael Schröter

Um 1970 bildeten „Arbeitskreise“ ein Zentrum unseres Lebens. Wir trafen uns ‒ zuerst als Studenten, dann im mehr oder weniger holprigen Übergang zur Geldverdien-Existenz ‒ mit anderen einmal die Woche, um Freud und in der Folge weitere Autoren des sozialwissenschaftlichen Kanons zu lesen, zum Beispiel Claude Levi-Strauss. Und wir trafen uns, um zu „dichten“. Wir: das waren Katharina und Michael Rutschky, denen ich mich in enger Freundschaft angeschlossen hatte. Unsere Freud-Lektüre hat mein berufliches Leben bis heute bestimmt. Aber auch unser „Dichten“ zu dritt hat mich verändert.

Es begann damit, dass wir „Köstliche Leiche“ spielten: „cadavre exquis“, das surrealistische Schreib-Experiment, bei dem jeder in eine festgelegte Satzstruktur, ohne den Beitrag der Vorgänger zu kennen, ein grammatisch passendes Wort einfüllt, oft mit witzig-abstrusem Ergebnis. Die Idee kam natürlich von Rutschky, dem Belesenen. Dann entwickelten wir eine Form, die längere Prosatexte ermöglichte. Zwei Dinge waren essenziell: Jeder von uns sagte reihum einen Satz, der ‒ auf einem Wunderblock vorformuliert ‒ auf Tonband aufgenommen wurde. Der Text aber war gehalten durch vorgegebene Ausgangs-, Zwischen- und Zielsätze, die wir irgendwelchen Quellen entnahmen. Eine Kombination also von freier Assoziation und strengem formalen Rahmen. Nach diesem Schema entstanden, in wachsender Komplexität, eine ganze Reihe von Stücken.

Der Höhepunkt des Unternehmens war ein „Roman“ in zwölf Kapiteln, für den die Struktur der vorgegebenen Sätze weiter ausgebaut wurde. Pro Kapitel mussten jetzt in festem Abstand sieben Sätze aus Zitaten angesteuert werden, die jeweils zwölf Sätze umfassten, und zwar im ersten Kapitel der erste, im zweiten der zweite Satz usw. Die Zitate stammten aus einer griechischen Mythologie, aus Vischers „Auch Einer“, der „Kleinen Spracherziehung“ von Rahn/Pfleide¬rer, dem „Hessischen Landboten“, der Autobiographie von Henry Ford und einer Spiegel-Rezension über ein Buch zur Verkehrspolitik. Darüber hinaus wurden bei den meisten Kapiteln bestimmte Formate vorgegeben. Im unten abgedruckten Kapitel zum Beispiel kommentiert der Ich-Erzähler Auszüge aus dem Manuskript eines Freundes für seine Nichten; in einem anderen lauschen zwei Mädchen einem Gespräch im Nebenzimmer, das sie so verballhornt, wie sie es verstehen, reproduzieren; das Schlusskapitel, das im Wilden Westen spielt, enthält englische Gedichte.

Als wir einen unserer Texte beim S. Fischer Verlag für den Almanach 86 (1972) einreichten, wo er auch gedruckt wurde, erfanden wir Autoren-Pseudonyme: Katharina wählte den Mädchennamen ihrer Mutter, „Gertrud Klaissle“, Michael benannte sich nach seiner Geburtsstadt „Spangenberg“, ich nach der „Suchlandstraße“, in der ich damals wohnte, verbunden mit dem Vornamen meines Vaters (inclusive der schicken Initiale eines zweiten Vornamens, den ich im Gegensatz zu ihm nicht habe).

In diesem Abdruck, an sich ein Erfolg, lag bereits das Ende unseres Schreibprojekts beschlossen: Aus einem Gesellschaftsspiel war literarischer Ernst geworden. Bei dem Roman dachten wir, oder dachte zumindest Rutschky zumindest am Ende, durchaus an eine Veröffentlichung. Er hat deshalb das Ganze für die Reinschrift, deren Fotokopie ich mir habe binden lassen, redigiert und einen Vorspruch hinzugefügt, in dem er unser Verfahren beschrieb. Da wir uns bewusst waren, dass der Text eine Zumutung für Leser war, wurde ihm als Epilog ein Gespräch der Autoren mit „Herrn M.“ alias Peter Krumme beigegeben, das tatsächlich stattgefunden hat und in dem wir unsere Absichten erläuterten. Was Rutschky dann konkret für eine Veröffentlichung getan hat, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls kam sie nicht zustande. Damit war entschieden, dass das aufwendige Unternehmen (im Epilog ist von dreimal zweitausend Stunden die Rede) dem Ernst des Lebens, dem wir uns jetzt alle zuwenden mussten, zu weichen hatte.

Für mich aber, dem es mit der Literatur nie so ernst gewesen war, ist ein unverlierbarer Gewinn geblieben. Ich kann nicht „dichten“. Aber durch den festen Rahmen sowohl der Form wie der Geselligkeit wurde es mir möglich, freie, nicht durch ein sachliches Thema determinierte Sätze finden. Ich erinnere mich noch an den Moment, als mir ein Satz in den Stift floss, der etwas aussprach, von dem ich nie geahnt hätte, dass es in mir lag. Er war, freudianisch gesprochen, direkt aus dem Vorbewussten aufgestiegen. Ich habe durch unser „Dichten“, mit einem Wort, das Schreiben gelernt, das nur gelingen kann, wenn man dem eigenen Assoziieren kontrolliert die Zügel schießen lässt.

Ich gebe hier das Titelblatt unseres „Romans“ als Faksimile wieder, danach eine Abschrift des zweiten Kapitels, in dem jener Satz vorkommt, der mich beim Schreiben von hinten ansprang. Die auftretenden Personen sind:
– Heinrich Giller: Sozialist, der Ich-Erzähler;
– Kasimir/Casimiro: ein verstorbener venezianischer Buchbinder, den Heinrich zur Niederschrift seiner Autobiographie angeregt hat;
– Heinrichs zwei Nichten, später als Roswitha und Theodora identifiziert, Töchter seines sehr jung verstorbenen Bruders;
– Hans Dollinger: wird im Text eingeführt (sein Name wurde uns durch die Buch-Rezension im Spiegel aufgezwungen).

Um das Produktionsprinzip zu verdeutlichen, habe ich die vorgegebenen Sätze fett gedruckt. Manches an dem Text erklärt sich dadurch, dass es beim Schreiben untergründige Konflikte um den Gang der Geschichte oder der Gedanken gab, die sich durch das erklärte Verbot, einander zu widersprechen, nicht eliminieren ließen. Zur Verteidigung der abschließenden redaktionellen Durchsicht, die eigentlich dem Geist unseres Unternehmens widersprach, beschloss Rutschky seinen Vorspruch mit dem Zitat: „Manchem Freund der rauhen Sitten mag dieser Fortschritt wie eine Verweichlichung vorkommen, doch sei ihm versichert, daß genug anmutig Barbarisches erhalten ist, das der Betrachtung wert bleibt!“


Zweites Kapitel

Heinrich erfüllt eine Freundespflicht – mit Vorbehalten. Kasimirs Ursprung; sein Ödipuskomplex. Erste Antworten auf die Organisationsfrage. Die Fußwanderung nach Verona. Erste Liebe. Was man in London lernen kann. Berufswechsel. Die Folgen für Kasimirs Klassenbewußtsein. Er schließt eine Freundschaft fürs Leben. Gemeinsame Bildungsfortschritte. Heinrich hat den bösen Blick. Ausbruchsversuche aus dem restringierten Code. Erster Auftritt von Hans Dollinger. Zwei nymphomanische Schwestern stiften Verwirrung.

Im Murmeln der Quelle, im Plätschern des Bachs, im Rauschen von Busch und Hain flüstern die Stimmen dieser göttlichen Mädchen, aber auch im Schweigen des Waldes, der Bergeshöhen und einsamer Inseln glaubten die Griechen sie zu erlauschen. Auch ich höre Stimmen. Sie kommen von weit her. Nie konnte ich ihre Urheberinnen ausmachen. Von meiner Mutter Seite her bin ich Grieche. Mein Ururgroßvater soll ein Enkel des großen Casanova gewesen sein. Meine Mutter hat mir oft von ihren akustischen Halluzinationen erzählt. Meine Stimmen haben mich zum Schreiben aufgefordert. Als Halbgrieche muß ich dem Befehl unserer Halbgötter folgen. Meine Mutter hat mich schon bei meiner Geburt ihrem besonderen Schutz empfohlen.

Teure Mädchen, wenn Ihr dies lest, laßt Euch nicht verwirren vom Aberglauben, der doch nur einen volkstümlichen Deckmantel abgab für die Aufklärungsabsichten des wackeren Mannes! Bedenkt, er ist des Schreibens ungewohnt und bedarf einiger unbeholfener Gedanken und Sätze zu Beginn, um sich in Fluß zu bringen. Und Ihr wißt vielleicht, daß von der Mythologie, und insbesondere der griechischen, zur Aufklärung ein grader Weg führt. Leider hatte mein Freund nicht nur eine Neigung zum Aberglauben, sondern auch zur Schönfärberei, ja sogar zur Lüge. So kann ich beispielsweise in dem Versuch, eine dunkle Verbindung zu Eurem Urahn Casanova – nicht gedacht soll seiner werden! – zu konstruieren, nur den Ausfluß seines Wunsches erkennen, eine blutsmäßige Nähe zu Euch herzustellen, die er in seinen letzten Lebenstagen so sehr zu lieben gelernt hat.

Ich bin das Volk. Schon meine Spielkameraden haben mich anerkannt. Ich war immer Klassensprecher. Jetzt spreche ich für die zahlreichste Klasse. Das hört keiner gern. Deshalb wird dieses Werk wohl nie die Öffentlichkeit erblicken. Statt des Herzens entscheidet dort die Aristokratie über Recht und Unrecht. In meinem Herzen und in meinem Werk verlangen die Stimmen der geknechteten Vorväter Gehör. Sie fordern wenigstens für ihre Enkel den Zucker im Kaffee. Außerdem soll jeder Haus und Hof, Weib und Kind, Gut und Geld sein eigen nennen dürfen.

Ihr bemerkt hier die Neigung unseres wackren Toten – die Ihr gewiß auch selbst im Umgang mit ihm festgestellt habt -, den Mund etwas zu voll zu nehmen und bei seiner zarten Konstitution einen Brustton anzuschlagen, der mit seinen Bronchien, wie ihm sein Arzt immer wieder versicherte, nicht in Einklang zu bringen war. Sein Kokettieren mit der Bescheidenheit mag ein Übriges dazu getan haben. Ich kann freilich nicht verhehlen, daß ich selbst es war, der den tödlichen Tropfen dem vollen Faß hinzufügte, indem ich den teuren Casimiro dazu veranlasste, sich auf diese Seiten gewissermaßen auszubluten. Allerdings war ihm die schriftliche Mitteilung seines Lebens von Anfang desselben an ein Herzensbedürfnis, wie er mir gestand, als er ohne zu zögern die Feder ergriff, und ich nicht allzusehr drängen mußte, was mich verblüffte. Der Größte von allen zu sein, war sein höchstes Ziel; doch es für andere zu sein, das stete Begehren seines einfältigen Herzens.

Ich weiß mich aber auch als Nachfolger aller großen realistisch-proletarischen Dichter des Erdballs. Wir sorgen für die geistige Seite des großen Emanzipationsprozesses des Proletariats. Mein kleinbürgerliches Bewußtsein habe ich ein für allemal vor dem Café ‚Zum schlafenden Phönizier‘ in den Kanal geschmissen. Von dort hört es der Klassenfeind klagen und hält das für Poesie. Aber die Kanäle geben nichts mehr zurück, mein falsches Bewußtsein so wenig wie die von den Schergen der Herrschenden gemeuchelten Kämpfer!

Laßt uns hoffen, Mädchen, daß wenigstens die Stimme dieses vom Pflichtbewußtsein aufgezehrten Kämpfers seinem nassen Grabe – sein Leichnam wurde an unserer Lieblingsstätte am Ende des Lido dem Wasser anvertraut – entrissen bleibt, wozu ich, um seine pessimistischen Zukunftsaussichten zu widerlegen, das Meinige nach Kräften beitragen will. Ihr fragt Euch gewiß, weshalb ich Euch mit solchen Enthüllungen belästige? Nun: damit wir uns nicht mit einem Bild der Vollkommenheit belasten, das von seinen Gegnern zu zeichnen der Klassenfeind liebt. Gewisse Punkte behaltet vorläufig für Euch, denn wir planen, mit diesen Erinnerungen eine revolutionäre Buchreihe zu eröffnen.

Als Kind mußte ich hungern. Als Erwachsener mußte ich dürsten. Unsereiner hat erst im Grab keine unerfüllten Wünsche mehr. Ich lernte nicht lesen noch schreiben, nur zu den falschen Göttern beten. Von den großen Stilisten der Vergangenheit wende ich mich verachtungsvoll ab. Als Autoritäten erkenne ich nur die großen Lehrmeister des Volkes an, wie Boccaccio und Shakespeare. Ja, Shakespeare! Beim Studium seiner Werke lernte ich lesen. Mein ideologisch ungefestigter Kunde Heinrich Giller brachte es mir unter großem Zeitaufwand bei. Ich sollte das verschlossene Buch meines Lebens entziffern lernen.

Bevor ich zum Widerstand gegen unseres Freundes Mißdeutung meiner Position im Klassenkampf schreite, will ich nicht versäumen darauf hinzuweisen, daß ich im Gegensatz zu ihm der Meinung bin, gerade wir Revolutionäre könnten es uns nicht leisten, auf den Sensibilisierungseffekt unserer großen Formalisten zu verzichten. Daß er von solcher Einsicht weit entfernt sein mußte, ist nur zu verständlich; aber die Einfühlung in unsere Protagonisten darf uns nicht davon abhalten, ihre Schranken zu erkennen.

Woher komme ich also? Meine Wiege stand im schönen Bozen. Mein Vater war dort im Straßenreinigungsgewerbe tätig. Bei uns ging die Not ein und aus. Bald mußte er seinen schönen braunen Cordanzug versetzen. In Unterkleidung durfte er aber seinen Beruf nicht mehr ausüben, denn die Stadt hielt auf ihren Ruf als Touristik-Zentrum. Meine Mutter suchte uns mit Heimarbeit durchzubringen. Über dem Nähen von Schürzen und dem Umranden von Knopflöchern erblindete sie schier. Oft habe ich ihr das Blut von den Fingern abgeküßt. Mit dieser liebevollen Aufmerksamkeit brachte ich meinen Vater fast zur Verzweiflung. Aus der Heimat meiner Mutter kannte er die Sage vom König Ödipus, und er hatte wüste Träume. Manchmal mußte ich vor seinen Nachstellungen in die Berge fliehen. In meinem fadenscheinigen Habit fror ich dort abscheulich.

Sollte Euch, teure Mädchen, in Eurer klösterlichen Einsamkeit das Erbarmen mit unserem dahingegangenen Freund übermächtigen, so möchte ich Euch sagen, daß meines Erachtens in puncto Kindheit sein Stilisierungswille ins Extreme, ja Ungebührliche abgeglitten ist. Um dies an einigen Beispielen zu erläutern: zwar ist brauner Cordsamt der Inbegriff proletarischer Ärmlichkeit, doch trug damals, wie ich aus eigenen Recherchen weiß, im schönen Bozen die Straßenreinigung als Uniform gerade Unterwäsche, die freilich frisch gewaschen sein mußte. Auch war der Bildungsstand der Gastarbeiterschaft so niedrig, daß man die Kenntnis der griechischen Mythologie bei der Mutter unseres Freundes für unwahrscheinlich halten muß; vermutlich hat er spätere Bildungsgüter den Motiven seines Vaters untergeschoben. Auch daß mein Freund im Gebirge fror, bezweifle ich, hatte er doch von Vaterseite – der Vater stammte aus dem Baltikum – eine überaus reiche Körperbehaarung geerbt. Und noch ein weiteres: das Märchenmotiv von den blutenden Fingern (Schneewittchen!) liegt allzu deutlich auf der Hand, als daß man es für bare Münze nehmen dürfte. – Doch Ihr habt recht, Ihr Süßen, wenn Ihr meint, ich quatsche dauernd dazwischen; nach einer letzten Bemerkung will ich vorerst schweigen: nehmt Euch Manches, doch nicht Alles zu Herzen und versucht, Eure Eindrücke gemeinsam zu verarbeiten und produktiv anzuwenden!

In den Wäldern hörte ich auch die Stimmen derer, die meine Mutter nach alter Sitte ‚Nymphen‘ nannte. Sie erschlossen mir den Zauber der Natur. Sie schienen mir den Weg eines Klassensprechers zu weisen. Sie rufen das Proletariat auf, sich mit ihnen, das heißt der Natur zu versöhnen. Sie wollen die Menschheit zum Kampf gegen die Ausbeutung bewegen, gegen die Ausbeutung des Menschen wie der Mutter Erde. Insbesondere bemühen sie sich, das Bohren und Graben in der Erde als unzüchtig zu verhindern. Aus diesem Geist schuf ich unter der Jugend Bozens den ersten Jungarbeiter-Waldlauf-Verein.

Schon wieder wird – „Leider!“ werdet Ihr hinzufügen – ein Interludium unumgänglich: muß ich doch Euer Augenmerk auf die Feinheit der in diesem Absatz enthaltenen und aus solch einfachem Munde überraschenden Symboldeutung lenken, die uns beweist, daß die letzten Ergebnisse unserer Wissenschaft nur ein Wiederauffinden des Allerersten bedeuten. Das aber muß Euch brennend interessieren; denn wenn ich Eure atmosphärischen Botschaften richtig entschlüssle, beschäftigt Ihr Euch gerade damit. Solltet Ihr während des Spitzenklöppelns einmal in die Versuchung geraten, aus der Kultur in die Natur zurückkehren zu wollen, so bedenkt das Ende Eurer nymphomanischen Mutter! In diesem Moment freilich fällt mir ein, daß dieses Ende des Schreckens vor Euch bisher im Dunklen gelassen wurde, und ich will deshalb von meiner unvorsichtigen Äußerung möglichst schnell ablenken, indem ich ohne weitere Umschweife wieder unserem Freund Kasimir das Wort erteile.

Bei einem unserer Ausflüge trafen wir in der Tiefe des Waldes auf einen etwa zwölfjährigen Jungen, der versunken dem Gesang der Vögel lauschte. Erst vor kurzem wurde ich über seine Identität aufgeklärt. Er war der Bruder meines Freundes Giller, ein wahrer kleiner Romeo. Damals hätte mein Leben eine Wende nehmen können, aber ich ließ den kleinen Jungen ziehen. Meine Mutter suchte mich in meinen Entschlüssen zu festigen. Sie sprach vom Auswandern und von der Freiheit der Meere.

Sehnsüchtig habe ich auf diese Stelle gewartet, aber ich habe mich nicht getraut, sie als einzige zum Gegenstand meines Kommentars zu machen. Denkt nur, wie leicht aus Eurem Vater ein zweiter Franz von Assisi hätte werden können, wäre nicht die Nymphe Martha dazwischen getreten! Ach, mein armer kleiner Bruder, der mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen redete, Euer Schicksal und mein Schicksal, Grund unserer ewigen Trennung!

Zu dieser Zeit entstand eine große Arbeitslosigkeit in Bozen. Als Minderjähriger hatte ich sowieso keinen Anspruch auf einen vollgültigen Arbeitsplatz. Hungrig und sehnsüchtig trieb ich mich in den Straßen und Sträßchen meiner Heimatstadt herum. Schließlich überschritt ich die Grenze zum noch ärmeren Italien. Bei einem Meister in Verona erlernte ich das Buchbinderhandwerk. Auch hatte ich damals meine erste Liebschaft, mit einer kleinen Julia. Die Arbeit erhielt mich körperlich am Leben und korrumpierte mich geistig. Jeden Abend ging ich in die Trattoria zu meinen Saufkumpanen.

Casimiro Carvaggio hat stets behauptet, daß der Fußweg nach Verona zum bedeutendsten zählte, was er in seinem Leben erfahren hatte; doch ich finde in seiner Schrift keinen weiteren Hinweis auf diese Reise! Während aus dem Naturkind Kasimir ein Zyniker wurde, erlag Euer Vater seinem Schicksal beim Genuß vergifteter Bratwurst, die Eure Mutter, die waldgewohnte Nymphe, nicht zuzubereiten verstand. – Ihr dürft diese grausliche Geschichte nicht allzu ernst nehmen; seit Eurer Geburt bereite ich mich in meinem Herzen auf den Zeitpunkt vor, da ich Euch die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit über Eure Herkunft und das Schicksal Eures Erzeugers aufdecken werde, die ich allein kenne. Daß ich sie Euch nicht schon hier, an einer verhältnismäßig unwichtigen Stelle unseres Textes mitteile, erklärt sich aus meiner Furcht, sie könnte Euch inzwischen nicht mehr so richtig interessieren.

Einmal kam ich aus der Trattoria in die ärmliche Kammer meiner Freundin. Auf dem Tisch stand eine brennende Erdöllampe. Als erstes blies ich sie aus. „Steht es so schlimm draussen?“ fragte Julia und runzelte die Stirn. Ich konnte diese Veränderung ihres Gesichts freilich nur ertasten. In diesem Augenblick explodierte die erste Bombe. Veronas Anarchistenkreise hatten mich zur Arbeitssuche in dieser Stadt gereizt. Die Bombe war uns aber von rechtsextremistischen agents provocateurs untergejubelt worden. Einer meiner späteren Auftraggeber, ein Verleger, hatte seine Hände im Spiel.

Ich muß gestehen, daß ich es war, der diese Bombe deponiert hatte, um das Rendezvous von Kasimir und Julia auffliegen zu lassen, war mir doch dieser reizende blonde Tiroler mit seinen Gamslederhosen und dem kleinen Hut aufgefallen. Freilich verlor ich nach diesem Anschlag seine Spuren ebenso, wie sich die Spuren meiner anarchistischen Neigungen im Dunkel der Vergangenheit verlieren. Dabei hatte ich doch meine Bombenlegerausbildung in London erhalten, wo mir auch der Zugang zu den höchsten Kreisen offenstand! Das sachgerechte Verpacken delikater Sendungen habe ich gleichfalls in London anhand der Verschnürung von Zeitbomben gelernt, und zwar bei einem in einschlägigen Kreisen wohlbekannten Professor. Übrigens konnte ich kurz nach dem Tode meines Freundes Julia ausfindig machen und ich werde sie Euch mit der nächsten Extrapost zuschicken.

An diesem Abend kamen Julia und ich nicht zu unserem eigentlichen Geschäft. Ich gab meiner Freundin deshalb den Laufpass. Sie eilte damit zum Stadtkommandanten. Ich wollte mich einer Verfolgung nicht aussetzen und wandte mich nach Venedig. Vorher hatte ich die Geschäftslage des Buchbinderhandwerks dort gründlich studiert. Leider mußte ich mein ganzes Werkzeug in Verona zurücklassen. Bettelarm wie ich war, mußte ich mir einen neuen Beruf suchen und erwarb mir schnell unter den Damen den Ruf eines kompetenten Liebesboten.

Julia ist wirklich eine Bombe; und seit unser Freund sie verlassen hatte, steigerte sie ihren Leibesumfang noch beträchtlich. Ich muß sie aber Eurer Aufsicht empfehlen, denn ihre Moral ist so haltlos wie ihre Körperfülle. In dieser weichen Fülle hätte unser sich selbst verzehrender Freund gewiß Ruhe, Geborgenheit und Nahrung gefunden; und ich muß es deshalb heute tief beklagen, daß er durch meine Schuld um dieses Lebenselixier gebracht wurde. Doch brauche ich mir für seinen Verzicht auf Unmittelbarkeit nicht allein die Schuld zu geben; jede Stufe seines Lebens war mit einer Distanzierungsleistung gegenüber der früheren verknüpft: er kommt vom Buch des Lebens aufs Buchbindergewerbe, von der Liebe auf die Arbeit eines Liebesboten.

Bald übte ich meinen Beruf nur noch aus Gründen der Tarnung aus. Jeden Morgen mußte ich mir mit einer Feile an den Händen Schrunden und Löcher beibringen. Freilich machte mir diese Art des Broterwerbs schwere politische Depressionen. Anderseits verschaffte sie mir nützliche Einblicke in die Geheimnisse der höheren Stände. Das blühende Geschäft erlaubte mir bald die Indienstnahme einer eigenen Gondel. Der faulige Geruch umgab mich als eine charakteristische Aura.

Diese Aura hielt mich anfänglich davon ab, Kasimir in meine Bibliothek aufzunehmen und ihm das Schreiben beizubringen, was doch, weil er ein schlechtes Gedächtnis hatte, für unsere politische Organisation von unermeßlicher Bedeutung war. Denn er konnte wegen dieses Mangels seine Informationen für die Bewegung nicht recht fruchtbar machen: oft geschah es, daß er mit leuchtenden Augen zu mir kam, den Mund öffnete, um, was er eben gehört, herauszusprudeln, und was dann kam, war nur ein warmer Luftstrom. Um diesen Verlust der persönlichen und kollektiven Biographie zu rechtfertigen, hatten wir uns den Spruch eingeprägt: ‚Was Du ererbt von Deinen Vätern, verwirf es, um es zu besitzen!‘ Ich erinnere mich des faszinierenden Anblicks, den diese Identität am Nullpunkt besonders sonntags bot.

Bei Groß- und Kleinbürgern machte mich meine Tätigkeit unentbehrlich und achtenswert. Bei meinen Genossen mußte ich mich als Geheimagent legitimieren. Gleichzeitig durfte ich auch meinen Lebensunterhalt nicht aufs Spiel setzen. Jährlich am St. Martinstag erhöhte ich meine Preise geringfügig. Langsam wurde ich zum Geheimagenten meiner Unzufriedenheit mit mir selbst. In einer dunklen Nacht entging ich nur knapp einem Selbstmordanschlag.

In dieser Zeit war unser Freund auf dem Grund des tiefsten Wellentals in seinem abwechslungsreichen Leben angelangt: die Verinnerlichung der gesellschaftlichen Schizophrenie brachte ihn fast ums Leben. Ich, der ich sein Leben zwar nicht aus der Ferne, aber doch von ihm unbemerkt verfolgte, faßte an diesem Punkt den Plan zu diesem Werk, das ihm, wenn es ihn schon nicht mit der authentischen Erinnerung ausstatten konnte, ihm doch wenigstens als Erfindung derselben einen ähnlichen Dienst leisten sollte.

Wie bei allen Kleinbürgern jener Zeit machte auch bei mir der moralische und ideologische Zerfall rasende Fortschritte. Nur die kleine Führungsgruppe des Proletariats betrachtete ihn erwartungsvoll mit großen Augen. Und die große Klasse selbst? Sie wartete und schwieg und war sich ihrer Kraft nicht bewußt. Sie stellte sie nur an schönen Sommertagen auf dem Lido spielerisch zur Schau. Bei einer solchen Gelegenheit lernte ich den Bruder des kleinen ornithologischen Romeo aus Bozen kennen. Er war gerade in eine Schlägerei verwickelt. Befremdlich wirkten an ihm die akzentfreie Aussprache und seine randlose Brille. Seine Wunden leckend entdeckte ich die eigentliche Tragik des Klassenverrats. Wie konnte ein Mensch, in Batist geboren, ein Leben in Cordanzügen aushalten? Nach dem Spiel las er aus populären Aufklärungsbroschüren Kernsätze vor. Einer lautete: ‚Du sollst den schlechten Ruf Deiner Klassengenossen nicht unnötig verbessern!‘ Das war meine erste inhaltliche Begegnung mit der Welt des Buchstabens.

Es hat mich viel Mühe gekostet, meinen Eintritt in sein Leben richtig zu inszenieren; ich hatte mich psychisch und physisch so verkleidet, daß ich die Fragen, die ich ihm aufgeben wollte, durch meine Erscheinung ihm in den Mund legte. Trotz dieser Vorgaben verstand ich anfangs von seinen Äußerungen so gut wie nichts, was auch daran liegen mochte, daß sein roter Bart die schmalen Lippen fast gänzlich verdeckte. Indem er über mich nachdachte, wandte er den Blick vom Chaos in seinem eigenen Innern ab und genas. – Aber ich will Euch mit solchem Abhub der Identitätsphilosophie nicht länger von Euren reizenden kleinen Forschungen abhalten. Doch wenn Ihr versucht, durch eigenes kluges Kombinieren auf den Grund der Geschichte zu kommen, so denkt daran, daß die Grenzen von Anstand und Sitte gewahrt bleiben müssen, weil sonst die Auszahlung Eures Erbes gefährdet ist. Von unserem Freund mögt Ihr lernen, daß der Mensch der Menschen bedarf; von mir nehmt überdies die Belehrung an, daß Liebesbeziehungen nicht ins Uferlose auswuchern dürfen.

Ein schlechter Leumund wurde mehr und mehr zur Grundqualifikation für den revolutionären Kämpfer. Meine geheime Tätigkeit erlaubte mir jedoch keinerlei öffentlichen Leumund. Genauer gesagt: ich hatte nicht einen einheitlichen, sondern zwanzig. Einen nach dem anderen mußte ich unter den größten Anstrengungen von mir werfen. Heinrich Giller zeigte mir die Abweisung divergenter Rollenerwartungen als Regelverhalten meiner eigenen Lebenspraxis auf. Nach Ablegung aller Rollen konnte ich meine Traumexistenz verwirklichen: als soziales Nichts. Den kleinbürgerlichen Charakterpanzer sollte mehr und mehr die Verbundenheit mit den Massen ersetzen. In ihnen löste ich mich langsam auf. So fand ich, indem ich es preisgab, mein wahres Ich.

Hier seht Ihr, welche kluge Strategie Euer Onkel anwandte, um unseren guten Carvaggio von seinen nutzlosen Träumereien abzubringen. Solltet Ihr mich einmal, wie es mein größter Wunsch ist, in Venedig besuchen, so will ich mich bemühen, meine Trainingsmethoden so zu modifizieren, daß ich auch Euch bis zu einem gewissen Punkt bringen kann. Mein allumfassender pädagogischer Eros macht, wie Ihr schon an dieser Sendung merkt und dann noch spürbarer erfahren werdet, vor nichts und niemandem halt. Und gerade Ihr, die Eure Mutter aus den Früchten des Waldes und der Wiesen zusammenkochte, reizt mich entsetzlich. Schon Kasimir sah ohne seine falschen Leumünder reizend aus – aber in welchem Glanz werdet erst Ihr erstrahlen, wenn Ihr Euch von allen Vorurteilen freigemacht habt!

Heinrich brachte mir eine Menge Fremdwörter bei. Er lebte Tag für Tag und Nacht für Nacht politisch, ökonomisch und erotisch von der Hand in den Mund. Wie war er nur zu seiner großen Bibliothek gekommen? Ich begann alte Kalender und weggeworfene Notizblöcke zu sammeln. Der von Heinrich in mir erweckte Bildungshunger wurde dadurch allerdings nicht gestillt. Und die Adresse seines Stammantiquariats wollte er mir nicht verraten.

Diese letzte Bemerkung droht mich in ein schiefes Licht zu setzen; es drängt mich deshalb, zur Korrektur anzumerken, daß es mir damals nur darum ging, dem des Leserausches Ungewohnten die Nüchternheit des Handelnden zu bewahren. Übrigens war seine Gier nach der Bücherwelt am größten, als er noch nicht zu lesen verstand. Einmal traf ich ihn, wie er auf einer Bücherpyramide saß und seine Blicke haltlos über die Kanäle schweifen ließ.

Beim Lesenlernen zog ich mir eine Netzhautablösung zu. Auf dem geraden Weg der Zeilen schwankte ich hin und her. Durch den Verlust meiner Extraeinnahmen auf mein Buchbinderhandwerk zurückgeworfen, konnte ich mir den Luxus eines Fixierlineals nicht mehr leisten. Wie der revolutionäre Intellektuelle muß auch der Handwerker hinten und vorn knappsen. Ein Überschuß ist ihm unerreichbar. Daraus erklärt sich die tiefe Verwandtschaft beider miteinander. Nach Abschluß dieses Werks plane ich eine Theorie des Künstlers als Kleingewerbetreibendem.

Diesen letzten Plan zu verwirklichen, ist ihm nicht mehr vergönnt gewesen; es steht allerdings auch zu befürchten, daß er mit seiner Wendung von den Realien hin zur Theorie seine Kompetenz erheblich überschritten hätte. In gewisser Weise hätte er dadurch aber auch den Stand der Theorie exemplifizieren können, die nur noch als Dilettantismus möglich ist. – Der Geldmangel hielt uns nicht davon ab, gelegentlich in volltrunkenem Zustand, unter Wahrung unserer Volksverbundenheit die Geheimpolizei an der Nase herumzuführen. Wir pflegten einander Schilder um den Hals zu hängen, auf denen unser sozialer Standort vermerkt war, um damit der Geheimpolizei zu suggerieren, die Intellektuellen und die Handwerker stellten ihren eigentlichen Gegner dar.

Wenigen Intellektuellen wird es gelingen, in den Schoß des Volkes zurückzukehren. Dafür liefert mir mein Bekanntenkreis Tag für Tag neues Anschauungsmaterial. Sie wohnen in den Vorstädten und können sich in die Seele der Massen nicht einfühlen. Auch Heinrich wird oft durch eine unerklärliche Scheu von Verbrüderungen zurückgehalten. Schon der tägliche Weg mit dem kleinen Motorboot zum Rialto, der Stätte der Agitation, isoliert ihn vom Gros der Gondelfahrer. Der trotzige Verzicht des Kurzsichtigen auf ein Augenglas, gleich nachdem wir uns kennengelernt hatten, tat ein übriges.

Er verschweigt, daß die brennende Schärfe meines Blicks überall, wo er seine Haut traf, kleine rote Flecken hervorrief. Solche Leiden erzeuge ich noch heute bei manchen Leuten, wenn ich in Stimmung bin; ‒ und ich möchte Euch bitten, mir in Athen ein homöopathisches Rezept zu besorgen, das  diesem Problem endgültig abhilft. Ich muß auf lange Sicht einen dritten Weg finden, einen, der sowohl die Scylla der mangelnden Sehschärfe, als auch die Charybdis des sengenden Blicks vermeidet.

Oft mußte Heinrich in meiner Privatgondel ans äußerste Ende des Lido in die Einsamkeit fliehen. Dort gab er sich hemmungslos seinen Anfällen von Hypochondrie hin. Er verfiel in eine leichenähnliche Starre und lauschte auf das Pochen seines Pulses. Diese maßlose Übertreibung der Introspektion hat meines Erachtens kaum noch Zukunft. Auch wenn er sich mit mir zu einem Paar verband, fand er die Ruhe des Revolutionärs nicht in seinem Herzen. In solchen Situationen pflegte ich dann meinen Arm begütigend um den im Rhythmus seines Herzschlags Zitternden zu legen. Heinrich vergalt mir mein Zartgefühl mit einem Fremdwörterbuch.

Ich glaubte nämlich, neue Stufen der Individuation verlangten neue Terminologien; und nachdem ich bisher unsystematisch dieser Strategie gefolgt war, hielt ich nun den Zeitpunkt für gekommen, zu dem ich das Ziel mit einem Schlag erreichen konnte. Kasimir ging dazu über, mir Introspektion abzugewöhnen, mir Zirkumspektion beizubringen, um mir dadurch den nötigen Kontakt mit den Massen zu ermöglichen. Ich werde ihm den Rest meines Lebens dafür dankbar sein, daß er mich davor bewahrt hat, die Brennweite meines Blicks auf mein Inneres einzustellen – welches gewiß nicht mit roten Flecken davongekommen wäre ‒, indem er mir die Möglichkeit eröffnete, das Feuer meines Blicks dadurch zu sänftigen, daß ich es diffundierend der gesamten Umwelt zukommen ließ.

Ich suchte Heinrich zu einer Modifikation seiner Lebensgewohnheiten zu bewegen. Zum Beispiel muß der Revolutionär auch gelegentlich bis in den Tag hinein im Bett liegen bleiben können. Dabei soll er sich gegen den Klimawechsel abhärten. Auch darf er den Manifestationen seiner Körperlichkeit keine unnötige Aufmerksamkeit schenken. Mit dieser Maxime soll freilich die Berechtigung der notwendigen Aufmerksamkeit nicht bezweifelt werden. Ich brachte ihm das Barfußgehen bei. Auch erhöhte ich die Quote seiner Interaktionen mit anderen Bezugspersonen als mir. Zur Kontrolle stellte ich ein kleines Interaktions-Häufigkeits-Schema auf.

Ihr seht, liebe Nichten, daß der systematische Geist in diesem jüngsten seiner Jünger schnell Einfluß gewann. Das komplexe Trainingsprogramm, das Kasimir für mich entwickelte, mag auch erklären, weshalb ich mich zeitweise um das Grab Eures Vaters und um Euch, seine teuerste Hinterlassenschaft, nicht recht kümmern konnte. Doch mag Euch mit dieser vorübergehenden Vernachlässigung die Tatsache versöhnen, daß die methodisch angestrebte Erhöhung meiner Kommunikationsfrequenz es mir schließlich ermöglicht hat, in dieser direkten Form mit Euch Kontakt aufzunehmen und den Wunsch auszusprechen, Euch endlich einmal zu sehen. Daß mein vom Licht der Aufklärung beseelter Blick Eure Physis beschädigt, braucht Ihr ja nach allem Vorhergehenden nicht mehr zu befürchten.

Ich begründete alle meine Maßnahmen mit der herannahenden Zukunft. Diese würde im Inneren Venedigs immer mehr Menschen zusammenführen. Ob man deshalb wohl eines Tages die Kanäle zuschütten wird? Sein ganzes Studium hatte Heinrich keine Antwort auf eine solche Frage geben können. Er fühlte sich jetzt als ein Tänzer auf dem Vulkan. Ich beschloß, daß wir uns gemeinsam auf das Studium der Futurologie werfen sollten. Das aber war Heinrich in der Zwischenzeit wirklich zu akademisch geworden. Ihn verlangte es mehr nach ausschweifenden Diskussionen mit den Massen auf dem Markusplatz. Die Geheimpolizei sah das gar nicht gern und dachte bei sich: Sicherlich wird man künftig dem Massenverkehr mehr Bedeutung zumessen müssen, besonders in den Ballungszentren. Heinrich zitterte oft vor Angst. Nach unseren desensibilisierenden Übungen konnte er das nicht für ein bedenkliches Zeichen halten. Er mußte es als einen Regreß in seinen alten Adam werten.

Auch die Angst vor der Geheimpolizei sollte Euch von einem Besuch Eures Onkels nicht abhalten; ist doch ein alter Mitarbeiter meines dahingegangenen Freundes jetzt Chefspion, so daß ich über die Bewegungen der venezianischen Politik immer im voraus informiert bin. Überhaupt solltet Ihr Euch durch das unvorteilhafte Bild, das auf diesen Blättern von Venedig im allgemeinen und von meiner Person im besonderen gezeichnet wird, nicht irritieren lassen; und es sollte Euch wie mir eine Überlegung wert sein, warum gerade in diesen Zeilen Kasimir mit solcher Ausführlichkeit und Ausschließlichkeit die dunkleren Züge meines Charakters betrachtet! Ich selbst darf freilich über diese nicht den Mantel des Vergessens zu breiten versuchen; nehmt deshalb diese Passage auch als ein Porträt dessen, der Euch im klaren Bewußtsein seiner Fehler sehnsüchtig erwartet. Es ist zum Beispiel merkwürdig, daß ich, der ich im Unterschied zu  meinem frühverstorbenen Bruder einen starken Hang zur Keuschheit und Askese hatte, inzwischen ein wohlgeformtes Dékolleté zu schätzen weiß und mich nächtelang in Phantasien darüber ergehe, wie Ihr in Euren zarten griechischen Gewändern die Treppen meines Hauses herauf- und herabsteigt! Das allein ist die Zukunft, an der mir noch liegt; Casimiro habe ich dies geheime Fundament meiner neuerwachten Neigung zu den Massen nie eingestehen können. Mit der Entwicklung eines erotischen Revisionismus ging auch die eines politischen einher; und daraus erklärt sich meine Wohleingeweihtheit in die Machenschaften des Dogen und seiner Räte.

Nach einigen Monaten versuchte ich, einen Verbindungsmann in die Geheimpolizei einzuschleusen. Er hieß Hans Dollinger und war ein junger elsässischer Kunstmaler aus alter Familie. Leider verstand er sich nicht gut aufs Geheimfach und wurde nach zwei Stunden enttarnt. Ich mußte ihn in meiner Werkstatt als Leimsieder verwenden. Gemeinsam bestrichen wir Papierbahnen mit Leim, klebten sie einander auf Bauch und Rücken, beschrieben sie mit flammenden Parolen und betätigten uns als Agitations-Sandwichmänner.

 Eure Bekanntschaft mit Hans werde ich erneuern können; er gilt inzwischen als einer der elegantesten Abwehroffiziere der Signoria, und dies ist er geworden, ohne daß er seine revolutionäre Vergangenheit um einen Deut verleugnen mußte. Der elegische Blick seiner Augen, Zeuge einer unheilbaren Identitätsdiffusion, vertieft den Reiz seiner Erscheinung ins Unauslotbare. So nimmt es nicht Wunder, daß er außerdem jeden Abend im ersten Operettentheater der Stadt auf der Bühne den jugendlichen Liebhaber gibt und beim Abschluß der Vorstellung mit gebrochenen Herzen überschüttet wird.

In unserer Tätigkeit unterbrach uns der Besuch von Heinrichs zwei Nichten. Sie gingen uns beim Einwickeln unserer Persönlichkeiten zur Hand. Bald erkannten wir uns selbst nicht wieder. Hans hätte für sein Leben gern den Leimtopf verlassen und die beiden auf die Leinwand gebannt. Das Schwanken zwischen Pflicht und Neigung brachte auch mein Werk erheblich ins Stocken. Auf Dauer hätten wir diese beiden nymphomanischen Schwestern keineswegs beherbergen können. Übrigens gingen sie ihrem Onkel absichtlich aus dem Weg. Desto klebriger hafteten sie an uns.

Dies ist eine der dunkelsten Stellen in den Aufzeichnungen Kasimirs, über deren Erhellung ich Stunde um Stunde in fruchtlosem Bemühen verbracht habe. Seine immer schon virulente Neigung zum gepflegten Nonsens kommt hier aufs Störendste zum Tragen. Es fällt mir wirklich äußerst schwer, Euren Umgang mit dem hier so seltsam dargestellten Duo zu imaginieren. Obwohl ich vermuten muß, daß Kasimir diesen Teil seiner Erinnerungen im Fieberwahn niedergeschrieben hat, gestehe ich ein, daß die Vorstellung, zwei nymphomanische Nichten von derartiger Attraktivität und Freizügigkeit zu besitzen, mich zweifeln läßt, ob es die Wirklichkeit ist, an die man sich immer halten soll. Über den Realitätsgehalt und die Realisierbarkeit der hier angedeuteten Szenen werde ich mich zu vergewissern versuchen, wenn ich Euch bei mir begrüßt habe und Euch vorschlagen werde, diese alten Quartettspiele mit leicht veränderter Besetzung wieder aufzunehmen.

An einem Sonntag versuchte ich die Bekanntschaft der beiden Mädchen mit der Partei zu vermitteln. Ihre flüchtig-wolkige Existenzweise machte sie als unsere Spitzel bei der Geheimpolizei brauchbar. Heinrich durfte von dieser Verwendung seiner Nichten nichts erfahren. Sie spezialisierten sich auf das nächtliche Aushorchen der Karabinieri. Die vernehmliche Stille der Nacht und der öde Rialto sind noch heute ihre ideale Arbeitsstätte.

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