Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

am 20. Januar hatte ich meine Lieben – Ulrike, Igor, Michael, als Ehrengast Frau Passig – zum Essen und Gucken eingeladen: Es gab Kürbiscremesuppe, Kalbsragout mit Mangold und Kartoffeln, Obstkompott mit Vanillesahne, und zum Gucken „Liane, das Mädchen aus dem Urwald“, eine Fortsetzung meines kleinen Bildungsprogramms „Zur Frühgeschichte der Bundesrepublik“, das mit „Der Förster vom Silberwald“ begonnen hatte. In gewisser Weise ist „Liane“ heutzutage noch ekliger als der „Förster“, aber wir hatten uns doch gut amüsiert (Lianes erstes richtiges, also deutsches Wort, nicht dieses Negerkauderwelsch, ist „Seife“! Und fällt Dir auf, dass hier die deutsche Obsession mit dem Wald sich sogar im Titel austobt, „Silberwald“ und „Urwald“!?). Nur Herr Rutschky wirkte etwas mitgenommen, was er aber nicht nur dem Film anlastete, er habe Rückenschmerzen, und deshalb beendeten wir schon gegen Mitternacht diesen wieder einmal wunderbaren Abend.

Am Montag, dem 22., gingen wir dann ganz normal ins Kino, mit Herrn Brück, „Darkest Hour“, dieser Churchill-Film, am 26. Januar „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ im International, da muss man ja zwei Treppen bewältigen, und zu meiner Verwunderung, meinem Schrecken kam Herr Rutschky nur mit Mühe hoch. Danach fuhren wir dann wie immer nach Wilmersdorf ins Xantener Eck, wo wir die obligatorischen zwei kleinen Biere tranken, den Film bekakelten und von der schönen kroatischen Kellnerin mit kostenlosen Erdnüssen als Stammgäste ausgezeichnet wurden.

Am Samstag rief er mich morgens an, es falle ihm schwer, Quarto auszuführen, er fühle sich so schlapp, habe auch Schmerzen, also ging ich am Sonntag zu ihm, mit einer Doppelportion Kartoffelsuppe im Einweckglase (alle meine Suppen lobte er immer über den grünen Klee und nannte sie „Manna“). Das wurde nun zur Regel, jeden zweiten Tag fuhr ich in die Wartenburgstraße, mit frischem Süppchen, Herr Rutschky begrüßte mich erfreut an der Wohnungstür, der Hund Quarto geradezu frenetisch, denn er wusste, dass er mich nun eine ganze Stunde lang an der Leine durch den Park am Gleisdreieck ziehen konnte.

Ab dem 6. Februar kam ich täglich, die Schmerzen wurden schlimmer, wir ignorierten das weitgehend und setzten unser endloses Gespräch über Gott und die Welt fort, ich las gerade Flauberts „Salammbo“, dazu müsse ich unbedingt Jüngers „Marmorklippen“ parallel lesen!, was ich auch brav tat; immer öfter sprachen wir jetzt über das Sterben. Der Krebs (im Endstadium) war im November 2016 diagnostiziert worden, die Therapien hatten ihm ein ziemlich gutes Jahr 2017 verschafft. Kam nun das Ende? Was wird aus Quarto? Das war seine größte Sorge. Und was wird aus dem Tagebuchprojekt? Berenberg hatte gesagt, er wolle einen dritten Band, 1993 bis 2017, herausbringen. Etwa die Hälfte des Manuskriptes liege vor, er bräuchte noch ein Vierteljahr, um das abzuschließen, „Sonst musst du das mit Berenberg fertigmachen, es muss ja nichts neu geschrieben werden, man braucht eigentlich nur einen guten Herausgeber.“

Für Quarto war endlich eine temporäre Pflegefamilie gefunden worden, die guten Beppler-Spahls wollten ihn nehmen, und so fuhren wir am 19. Februar mit dem Taxi ins Urban-Krankenhaus, bei der Aufnahme fiel mir wieder auf, wie zivilisiert es heutzutage in diesen Institutionen zugeht, dann verließ ich Herrn Rutschky, der nun in seinem todschicken Pyjama (schwarz, mit sehr feinen silbernen Streifen, Seide!) im achter Stock lag, mit grandiosem Blick über sein geliebtes Berlin.

Bluttransfusionen, Chemotherapie, neuer Schmerzmittelcocktail, der gut anschlug: „Hast du Schmerzen?“ „Kaum.“ Es gab schon einen Entlassungstermin! Dann Entzündung am Arm, beim „Port“ für die Infusionen, Fieber, aufgedunsenes Gesicht. Es fiel mir leicht, ihn im Krankenhaus zu besuchen, denn wir sprachen einfach weiter, wie seit zehn, zwanzig, ja vierzig Jahren. Er las „Krieg und Frieden“, ich „Ein schlichtes Herz“, da gab es eine Menge zu erzählen. Viele, so viele Freunde besuchten ihn! Ich brachte neue Pyjamas, er hasste diese Krankenhaushemden, wenn die in amerikanischen Filmen von Stars getragen werden, Eastwood beispielsweise, dann gibt es immer eine Szene, wo sie den Flur entlanggehen und man ihren nackten Hintern sieht, als sollte der Obermacho rituell gedemütigt werden. Ich blieb etwa neunzig Minuten, Spielfilmlänge, wir schrappelten, wie Kathrin das genannt hatte, der ältere arabische Herr im Zweibettzimmer sagte fast ununterbrochen „Allahu akbar“ oder „Omeingott“, aber so leise, dass er uns nicht störte.

Oft lag Michael mit geschlossenen Augen da, aber hörte alles, verstand alles. Einmal sagte er, nach einer halben Stunde: „Ich bin erschöpft, du musst jetzt gehen, Kurt.“ Da wurde mir kalt ums Herz. Es war nun Anfang März, er atmete schwer, hatte auch dieses Sauerstoffding in der Nase, das Wasser blubberte, „Wie ein Gebirgsbach“, wollte ich sagen, um ihn zu erheitern, aber er schlief wohl zu tief. Wenn ich kam, ihn ansprach oder berührte, riss er die Augen auf und sagte laut „Ja?!“, aber ich war mir nicht sicher, ob er mich erkannte. So saß ich meistens stumm am Bett, ein halbes Stündchen, eigentlich kein Krankenbesuch, sondern eher eine Andacht; schade, dass man nicht beten kann, dachte ich so vor mich hin, verwarf den Gedanken aber sofort. Als ich ihn am 7. März verließ, gab er mir die Hand, da musste ich weinen, denn Michael war sein Lebtag der strengste Verächter des Händeschüttelns gewesen.

Als ich am 8. März in den achten Stock kam, sagte mir die Ärztin, man habe ihn in der Nacht auf die Intensivstation verlegen müssen, akute Lebensgefahr. „Ach, wäre er doch gestorben“, mag ich gedacht haben. Da lag er nun, mit einer Sauerstoffmaske, und sagte etwas zu mir. „Ich habe das nicht verstanden“, erklärte ich langsam und deutlich, wie einem Kind, und wieder sagte er etwas. Ich fragte die Schwester am Bett, aber sie hatte auch nichts verstanden.
Als ich ging und ihn an der Hand berührte, sprach er laut und deutlich, trotz der Maske: „Und ich bin immer noch nicht tot“, in einem so vorwurfsvollen Ton, dass mir ganz anders wurde. Zwei oder drei Tage später hatte man ihn in ein künstliches Koma versetzt, intubiert, sechs oder sieben Infusionen. Wir Freunde machten uns Sorgen, ich konferierte mit den Laus, würde man Michael nicht sterben lassen? Es gab ja keine Patientenverfügung! Wir fragten einen Mediziner von der „Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben“ um Rat, und er half uns sofort, rief im Krankenhaus an, sprach mit den Ärzten, und nun sagte man uns auch zu, an weitere lebenserhaltende Maßnahmen sei nicht gedacht.

Am Freitagnachmittag besuchte ich ihn noch einmal, künstliches Koma, natürlich keine Reaktion, frisch rasiert, er hat sicher keine Schmerzen, sagte der nette Assistenzarzt. Am Samstag, dem 17. März 2018, rief mich um 20 Uhr eine Ärztin an, man rechne nun bald mit dem Tod von Herrn Rutschky, ich sagte, dass ich dabei nicht zusehen wolle, das könne sie verstehen, antwortete sie. Am Sonntag rief ich um 7 Uhr auf der Intensivstation an und erfuhr, dass Michael um halb zehn gestorben war.

Dein Kurt

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