Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Ich und Günter Grass

Kürzlich, lieber Siegfried, in einer Ratesendung im Fernsehen, wurde ein „schnauzbärtiger deutscher Schriftsteller“ gesucht, und als Antwort kam: Adolf Hitler! Da kann ich nur den Kopf schütteln, mit solch einem ungebildeten Volk ließe sich nicht einmal mehr ein Nobelpreis für Physik oder Chemie oder meinetwegen Medizin ergattern, geschweige könnte man mit solchem Menschenmaterial den kleinsten Angriffskrieg durchführen! Gefragt war natürlich nach dem allzu früh verstorbenen Günter Grass: „Die Vorzüge der Windhühner“, vor allem aber „Die Blechtrommel“ sind lebendiger Bestandteil unserer Volkskultur geworden. Kennst Du übrigens seine drei Wappentiere?

Mich und „Günner“, wie ich ihn heimlich nannte, verbindet eine gut zwanzigjährige persönliche Beziehung, was aber in der Grass-Forschung totgeschwiegen wird. Unser letztes großes Treffen fand 1999 statt, er hatte gerade den Nobelpreis bekommen. Es war auf der silbernen Hochzeit der Mantheys, in so einem Nordseekaff, den Namen habe ich vergessen, und Frau Manthey änderte noch schnell die Sitzordnung des Galadiners (etwa zwanzig Personen), plazierte „mein“ Fräulein Richter anstelle von Marie-Louise Scherer neben Grass, und diese neben mich, ich saß nun zwischen Frau Scherer und Ute Grass, praktisch Hahn im Korb, wunderbar! Frau Manthey aber hatte Angst, dass die Scherer den Günner zu stark beflirten würde, deshalb.

Wir sitzen also da, und Günner pflaumt mich vom anderen Ende der Tafel lauthals an, dass er „den Merkur nicht schätze“, was mich wenig überraschte, denn der Merkur, unter uns, schätzte ihn nun auch schon lange nicht mehr; ich hatte mich sogar in einer Glosse über seine politisierende Großspurigkeit, sein Praeceptor-Germaniae-Getue verbunden mit literarischer Mittelmäßigkeit („Ein weites Feld“!), lustig gemacht. Ich glaube, ich habe gar nichts zu seinem Pöbeln gesagt, aber es ließ mich auch ziemlich kalt, und Ute war es so peinlich, dass ich mich wie ein moralischer Sieger fühlte. Zur Entschädigung war sie besondern nett zu mir, wir tauschten uns über die besten Kartoffelsuppenrezepte aus, es war ganz reizend, und ich merkte, wie erleichtert sie war, endlich einmal nicht über Literatur und Politik und diesen Grass-Wichtigtuerkram sprechen zu müssen, sondern über etwas Reelles, und Kartoffelsuppenrezepte gehören wohl zum Reellsten überhaupt. Und als wir dann noch herausbekamen, dass wir beide auf Inseln aufgewachsen waren, sie auf Hiddensee, ich auf Altenwerder, war des Frohlockens kein Ende, fast schauten wir uns verliebt an. Aber auch zwischen Frau Scherer und mir, deren Texte ich ehrlich bewunderte, was ich ihr brühwarm und wortreich mitteilte, fing es an zu knistern (Autorinnen LIEBEN es, wenn man ihnen glaubwürdig zu verstehen gibt, dass man nicht nur ihren schönen Leib, sondern besonders ihre schöne Seele in Gestalt eines Romans oder Gedichts bewundert), wir hatten mittlerweile auch gut getrunken, es war wie im Traum: Fast alle schönen Frauen des Abends hätten mir zufallen können, wenn nicht der Günner weiter gepöbelt und gepoltert hätte, über Gott und die Welt, er war auch schon ziemlich hinüber, und das arme Fräulein Richter neben ihm musste es erleiden. Praktisch eine Sternstunde der deutschen Literatur, unvergesslich. Die Jugend aber interessiert es nicht, sie chattet lieber im Internet …

Kennengelernt hatten wir uns 1978 in Hiroshima, Grass auf Lesereise für „Der Butt“, es gab auch eine Veranstaltung an der Uni, und ich als deutscher Lektor musste da den Grüßaugust und Verbindungsoffizier geben, was mir, Du ahnst es, gut gelang. Und nun sitzen wir in diesem Restaurant mit der roten Riesenkrabbe, zum Abschlussdiner, ich bescheiden in der Menge, und da winkt mich Grass zu sich heran, zu den Ehrenplätzen, und sagt, mein Statement zum „Butt“ habe ihm gefallen, sogar dieser eine kritische Einwand sei gar nicht dumm gewesen: Mit dreißig Jahren schon stand ich auf dem Höhepunkt eines unverdienten Ruhms, mir war ganz schwindlig vor Gebumfiedeltsein, oder war es der Sake? Knie neben Knie, Arsch neben Arsch, so saßen wir zusammen, Günner und ich, Stühle gab es damals in japanischen Restaurants ja kaum, zum Glück.

Unvergesslich auch sein Cordanzug, schon damals, „der Mann in Senf“ begann ich ihn zu nennen, mit einer gewissen Zärtlichkeit. Er war nicht nur ein eminenter Zeit-Zeuge („Mein Jahrhundert“), sondern auch ein großer Zeug-Zeiger (Schüttelreim!), jedenfalls in Bezug auf senffarbene Cordsakkos. Ein lustiger Pfeifendeckel und ein pfiffiger Teufelfecker, wortverliebt und von geradezu barocker Sprachgewalt. Oh seine Sprachgewalt! Überbordend! Alle Borde gerieten in Aufruhr, wenn Grass kam. Denn sie hassen es, wenn’s gar zu überbordend wird, die steindummen Borde …

Du merkst: Bei aller Kritik, trotz unserer Entfremdung, noch immer vibriert eine emotionale Intensität in meinen Worten, es war eben eine Hass-Liebe avant la lettre für diesen homme de lettres, wie bei Kain und Abel, Romeo und Julia – erledigt. Er war aber auch ein homme à femmes, ein, vulgo, großer Stecher vor dem Herrn. Bastarde und Kebsweiber sonder Zahl! Wenn der „Blechtrommler“, wie manche Spötter ihn nannten, seinen riesigen Schlegel hervorholte und dann loslegte, erst langsam, quälend langsam, dann schneller, immer schneller werdend – da brach er so manche Augen der stolzesten Fraun, oh ja! Er war eben Kaschube, und die sind berühmt für ihre geheimen Sexualpraktiken, manchmal am Rande des Erlaubten, zumeist aber weit, sehr weit über diesen Rand hinausgehend! Ich nenne hier nur „die kaschubische Peitsche“, „Danziger Gold“ und „Krambambuli bizarr“. Wie es im Volkslied heißt: Die allerschärfsten Buben / Gestern wie heut: Kaschuben!

Die Wappentiere des Günter Grass aber, um den Bogen zur Anfangsfrage zu schlagen, sind: der Tiger, der Bär, der Hund (ein Schnauzer, genau genommen). Und warum, fragst Du etwas blöde. Nun, ein schnauz-bär-tiger Schriftsteller hat doch gar keine andere Wahl, hahaha!

Dein Kurt

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