Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Schade, dass Du das nicht miterleben konntest, lieber Siegfried, es war ein Triumph! Sie fraßen mir geradezu aus der Hand! Fünfzig meist ältere Herrschaften füllten den Großen Lesesaal des Berliner Literaturhauses in der Fasanenstraße fast bis zum letzten Platz, des ältesten und renommiertesten Literaturhauses der (alten) Bundesrepublik, das praktisch unser alter Freund Jörg Drews zusammen mit Herbert Wiesner gegründet hat, damals. Und immer noch strömen die Massen zu den Veranstaltungen, in denen irgendwelche Schriftsteller aus ihren Werken lesen – aber die Kenner wollen natürlich die graue Eminenz sehen, den (unbewegten) Beweger: den Moderator. „Moderation: Kurt Scheel“ verkündete das überlebensgroße Plakat in winziger Schrift, aber die plietschen Berliner ließen sich davon nicht täuschen, und so gab es nach meiner viertelstündigen (manche sagen: zwanzigminütigen, aber egal) Vorstellung des Autors – seriös, auch ein wenig gschpaßig, Du kennst das, kenntnisreiche Information mit kleinen Witzen garniert, gute alte Scheel-Schule – sitting ovations. Ich wehrte erschrocken tuend ab und wies auf den „eigentlichen“ Star des Abends hin, Michael Rutschky, musste mir aber innerlich doch das Lachen verbeißen: Das würde ihm eine Lehre sein, dem Herrn Essayisten, der mich in „Mitgeschrieben“, seinem Tagebuch der Jahre 1981 bis 1984, mehrfach als Trunkenbold und Plaudertasche vorgeführt hatte, in aller Freundschaft und nur der Wahrheit verpflichtet, klaro, aber ein bisschen vielleicht auch aus eigennützigen Motiven: nämlich um den Absatz seines Büchleins zu fördern und ordentlich Schotter einzufahren! Kapitalismus eben, in neoliberaler Ausprägung.

Das hatte ich meinem alten Freund einigermaßen verziehen, freilich nicht die Verhunzung eines meiner besten, erprobtesten Witze: Ich hatte einmal eine Nudelbeilage, das italisierende Kochgerede („al dente“) persiflierend, „Birkle al dentle“ genannt, und hier im Buch, auf Seite 90, wurde mir statt dessen das verderbte Zitat „Birkle als (!) dentle“ in den Mund gelegt, völlig unverständlich, unkomisch, praktisch Rufschädigung! Ich bin dann nicht juristisch dagegen vorgegangen, aber hatte doch auf eine Revanche gehofft, und hier war sie! Mit einem Kurt (Dieter) Scheel sollte man sich besser nicht anlegen, und wenn doch, sollte man sich (vorher) warm anziehen, dachte ich zufrieden schmunzelnd im Applause badend.

Doch äußerlich ließ ich mir nichts anmerken, hielt mich an den (ungeschriebenen!) TAF-Codex („The Author First“) und tat bescheiden, fast ein wenig unbeholfen, „süüß“ schienen die Damen, einige höchstwahrscheinlich unter siebzig, zu denken, machte die Lady mit dem Rollator mir nicht sogar verliebte Augen? Aber ich konnte es vom Podium aus nicht genau erkennen, die Jupiterlampen blendeten mich, so muss es dem Führer beim Reichsparteitag (in Nürnberg) gegangen sein, rauschte es mir unwillkürlich durch den Kopf, 1938, also vor dem verhängnisvollen Krieg, als noch alles „in Butter“ war (später war dann alles „in Kanonen“, hahaha).

Nach der Veranstaltung saßen wir zum Ausdieseln noch im Restaurant des Literaturhauses beisammen, der Autor Rutschky, sein Verleger Berenberg, der Moderator (moi) und Fräulein Richter, nun auch schon über siebzig, aber wie eine rüstige Sechzigjährige wirkend. Der Verleger, gebürtiger bzw. geborener Hamburger, wie man an der Waterkant sagt, zahlte trotzdem klaglos die Zeche, ich ärgerte mich, hatte ich doch nur zwei (kleine!) Pils getrunken, aber egal, und so kam ein schöner Abend zu einem würdigen Abschluss. Früher, zu Zeiten des alten Rowohlt, wäre man dann wohl noch gemeinsam in den Puff gegangen – tempi passati!

Ich begleitete, ja beglitt das Fräulein Richter elegant und gentlemanlike per pedes nach Hause, die Mommsenstraße entlang, am „Marjellchen“ vorbei (Schlesien bleibt deutsch, und Königsberg sowieso!), es war kühl, aber nicht unflott, gefällige Konversation und heiteres Gelächter scholl durch die Charlottenburger Nacht, ich bin eben ein in der Wolle gefärbter Causeur und homme à femmes, Du kennst mich. Auch äußerlich machte ich bella figura, im dunkelgrauen, fast ins Schwarze oszillierenden Sakko (Atwardson, die P&C-Hausmarke) und dem neuen Walbusch-Hemd, sattblau mit gaanz feinen Streifen, KEINEN Schlips, soviel Unangepasstheit muss sein bei einem „veteran cultural observer“, wie mich unlängst die hervorragende englische Tageszeitung „The Guardian“ bezeichnet hat, natürlich lange schwarze Strümpfe („Es darf nicht blitzen!“, hat mir meine Mutter beigebracht, ja eingebleut).

Zufrieden, aber etwas melancholisch, wie eigentlich immer nach meinen größten Triumphen, ließ ich den Abend in meinem Kopf noch einmal Revue passieren: Glück, Glanz, Ruhm – ich habe davon reichlich, ja im Übermaß genossen, wenn es einem Füllhorn gleich über mir ausgeschüttet wurde, aber hat es mich besser, weiser, glücklicher gemacht? Dreimal ja! Und dennoch! Das Schwarzbrot des Lebens, das, worauf es letztlich ankommt, das Nahrhafte, Echte, Solide, das ist doch etwas anderes, lieber Siegfried: Freundschaft heißt’s! Liebe vergeht, Freundschaft besteht, oh ja. Wie es Cole Porter in dem Musical „Anything Goes“ (Buch P. G. Wodehouse!) 1934 so unübertroffen ausgedrückt hat, naturgemäß auf Englisch:

If you ever loose your mind, I’ll be kind.
And if you ever loose your shirt, I’ll be hurt.
If you’re ever in a mill and get sawed in half, I won’t laugh.
It’s friendship, friendship, just a perfect blendship.
When other friendships are up the crick, ours will still be slick.
Ah loddle doddle woof woof woof, hep hep hep, chop chop chop, dig dig dig.
Good evening friends.

Dein Kurt

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