Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

heute will ich Dir von meinem Ausflug nach Hermsdorf berichten. Die Anfahrt bis Bahnhof Friedrichstraße lasse ich aus, Du als alter Berliner, dieser großen Stadt zwischen Tradition und Moderne in einer Art Hassliebe verbunden, über Meere und Kontinente hinweg, kennst Dich aus, für Dich ist das doch, auf gut Berlinerisch, kalter Kaffee, praktisch Muckefuck. Friedrichstraße also, Bahnsteig 12 – ich folge der Masse der sich mechanisch, bewusstlos fast vorwärts drängenden Menschen, stumpfe, sinnlose Gesichter, sie erinnern mich an die Schreckensbilder aus „Metropolis“, und dann bin ich auch schon im Zug nach Oranienburg. Hui, wie die S-Bahn durch die Tunnels erst, dann durch eine sich nach dem Frühling sehnende Landschaft saust, der Himmel ist zartblau, und erst die Stationsnamen! Es ist zum Piepen: Humboldthain, Gesundbrunnen, Wilhelmsruh, Waidmannslust, als sei man hier zur Kur!

Nach einer anstrengenden, aber interessanten Fahrt von 25 Minuten verlasse ich erschöpft, aber zufrieden das praktische Nahverkehrsmittel (apropos: Der Superwitz der Berliner im Frühjahr 1945 lautete: Solange man die S-Bahn nehmen muss, um zur Front zu fahren, ist alles in Ordnung. Gefährlich wird’s erst, wenn man mit der U-Bahn hinkommt). Dies also ist Hermsdorf. Habe ich es mir ganz anders vorgestellt? Um die Wahrheit zu sagen: Ich habe es mir überhaupt nicht vorgestellt, bislang spielte Hermsdorf so gut wie keine Rolle in meinem Leben. Der Bahnhofsvorplatz jedenfalls sieht aus, als habe man da einen Pippi-Langstrumpf-Film gedreht, fünfziger Jahre, irgendwie klein und kuschelig, schwedisch (im guten Sinne), ich würde mich nicht wundern, wenn da gleich Onkel Björk um die Ecke kommt, dieser Polizist aus „Kalle Blomquist“, der dann überraschenderweise auch in Filmen von Ingmar Bergman auftaucht und Sigge Fürst heißt. Es kommt aber niemand, schade.

Also erfreue ich mich statt dessen am Ungeschick der Provinz: Das Bestattungsunternehmen Otto Berg, in Familienbesitz seit 1872, hat die beiden Ts in Otto deutlich als Kreuze designed, als diskreten Hinweis auf Christi Tod (und Auferstehung!), es sieht so scheiße und auch wieder rührend aus, das kann sich nur der Chef höchstpersönlich ausgedacht haben, und es gab damals erregte Debatten im Familienrat, ob das nicht eine für diese Branche gar zu flotte, fast schon frivole Werbung sei, der olle Berg musste schließlich ein Machtwort sprechen …

Und gleich daneben lockt die etwas verkommene Lokalität „Arno’s Biergarten“, die auf ihrer sehr überschaubaren Speisekarte fast nur „Art“ bietet: „Schnitzel Wiener Art“, was normalerweise bedeutet, dass das Schnitzel nicht aus Kalb-, sondern aus Schweinefleisch besteht. Aber „Schnitzel Zigeuner Art“, also nicht aus Zigeunerfleisch, aber woraus dann? Und noch geheimnisvoller: „Matjes Hamburger Art“, was wäre ein Heringsersatz? Wahrscheinlicher ist wohl, dass der Chefkoch von „Arno’s Biergarten“ das „Art“ eher im volkstümlichen Sinne benutzt, wie in „Art und Weise“: Wie der Hamburger eben so seinen dämlichen Matjes serviert, zwei doppelte Filets rauf aufn Teller, bisschen Kartoffelpampe dazu, saure Gurke, fertich! Der insgesamt prekäre Eindruck wird durch den Untertitel der Kneipe quasi zementiert, „DEUTSCHE KÜCHE“ steht da in solch großen Großbuchstaben, dass man fast ein Ausrufezeichen vermisst. Es sieht wie ein letztes Ultimatum an die Dschihadisten aus, oder wie die Vorbereitung zu einem kleinen Angriffskrieg.

Der Bahnhofsvorplatz hat übrigens einen richtigen Namen, Max-Beckmann-Platz, und wenn der gebürtige Hermsdorfer und dann, viel später, weltberühmte Maler ganz zufällig einmal dem Tennisspieler Boris Becker begegnet wäre, hätte ich in einem Artikel darüber ungestraft schreiben können, „sagte der Hermsdorfer zum Leimener“, wäre das nicht schön gewesen?! Aber leider verstarb der finstere Expressionist schon 1950, da war Bobele noch gar nicht geboren. Wieder eine dieser verpassten Gelegenheiten der deutschen Geschichte, es ist zum Haareausraufen!

Jetzt betrat auch, fast prunkvoll, der Schriftsteller Gerhard Henschel den Max-Beckmann-Platz, nun konnte es nur noch Minuten dauern, bis Herr Denkler erscheinen würde, also Professor Horst Denkler, bei dem wir beide, wenn auch in unterschiedlichen Jahrzehnten, Literaturwissenschaft studiert hatten, und da kam er auch schon mit einem schmucken Auto angeflitzt. Wir fuhren nun in die unverfälschte Natur und machten einen langen Spaziergang am Tegeler Fließ entlang, einer Seen- und Moorlandschaft mit abgestorbenen Bäumen, Schilf und allen Schikanen, geradezu urwaldartig, manchmal quietschte die schwarze Erde vor Feuchtigkeit und vielleicht auch Wonne, was mich an längst vergangene Zeiten denken ließ: tempi passati! Eine lockere Unterhaltung dreier Gentlemen, peripatetisch (kein H!), entspannt, viel Gelächter. Herr Denkler ist Anfang 80, fit, immer noch der kluge, angenehme, freundliche Mann, als den ich ihn in Erinnerung hatte, ist ja schon länger als 40 Jahre her, seit ich ihn zuletzt sah. Damals war ich Tutor, organisierte eine Exkursion nach Bargfeld, wir wohnten bei Bangemann, tagsüber Arno-Schmidterei, abends dann großes Tanzvergnügen der Samtgemeinde, und wir Berliner FU-Studenten mittenmang! Meine (scherzhafte) Frage, ob sich für die nächste Konferenz des „Bargfelder Boten“ nicht „Arno’s Biergarten“ in Hermsdorf anböte, ja aufdränge, wurde mit beifälligem Gelächter quittiert. Es war wohl die geschichtsträchtigste, den Bogen zwischen Damals und Heute am elegantesten schlagende Äußerung insgesamt, aber auch Herr Denkler und Herr Henschel trugen nach ihren Möglichkeiten zum intellektuellen Gelingen des Nachmittags bei, das will ich doch festhalten.

In Lübars nahmen wir schließlich im alten Dorfkrug, der tatsächlich „Der alte Dorfkrug“ heißt, Platz und kurz darauf auch ein Kaltgetränk ein, der stolze Emeritus ließ sich nicht davon abbringen, uns, seine entlaufenen, aber treuen Studenten, einzuladen. Herr Denkler erklärte uns nun die geschichtliche Dimension der Örtlichkeit: In der Besatzungszeit nämlich, als Berlin der Leuchtturm des Westens war, die Insel der Freiheit in einem Meer der Unfreiheit, da war auch Lübars weltberühmt, der Garten der Hoffnung, ein richtiges Dorf inmitten der Großstadt, mit Obst und Gemüse, Federvieh und Schweinespeck! Heute werden dort keine Kohlrabi mehr gezüchtet, sondern Pferde, und der Quadratmeterpreis für Bauland hat etwa das Niveau von Manhattan, wie uns „le prof“ kämpferisch-jakobinisch, immer noch, zuflüsterte. Mit dem Bus ging’s schließlich zurück, und in Waidmannslust bestiegen Herr Henschel und ich die S-Bahn. So näherte sich ein schöner, ereignisreicher Tag seinem Ende. Ich aber freute mich schon, wie ich Dir alles haarklein berichten würde, denn der Mensch ist ein zoon politikon, ein geselliges Wesen, das sich mitteilen will, dies ist der Beweis.

Dein Kurt

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