Theckeliade (IV)

Urs Theckel über: Urs Theckel (privat)

Aufgezeichnet von Kurt Scheel

Das Lesen von Texten, das Schreiben von Texten, das Bearbeiten von Texten: Dies sind die drei Säulen des Lektorenlebens. Aber ist das alles? Ist dies das ganze Leben? Mitnichten. Und damit sind wir beim Abwasch: Abwaschen ist wunderbar, man kann so schön träumen dabei, und man sieht, was man tut, und dass es sinnvoll ist. Schmierige, ungute Töpfe und Teller und Gläser, ein bisschen mit dem Schwamm gestreichelt, und schon erstrahlen sie in neuem Glanz! Eine nützliche Tätigkeit, unzweifelhaft, und wer kann das heutzutage schon von seiner Arbeit sagen? Oder kennen Sie jemanden, der wirklich etwas herstellt bzw. etwas Wirkliches herstellt? Produktive Arbeit (K. Marx), 20 Ellen Leinwand = 1 Rock … Bäcker beispielsweise, jemand arbeitet, auch mit den Händen, und am Ende gibt es ein Ding (Produkt, Ware), das kann man anfassen und gebrauchen (konsumieren). Oder ein Fahrrad, aber ich kenne keinen Fahrradbauer, nur einen Ingenieur, der statt der Kugellager den Luftdruck beforscht, weil weniger Reibung. Er ist Dozent an der Technischen Hochschule und hat einen Bastelkeller, in dem er alte Motorräder repariert. Und das ist noch der Realste bzw. Reellste unter meinen Bekannten! Die anderen sind Journalisten, Lektoren, Autoren, eine Bibliothekarin, eine Literaturagentin usw.: alles Leute, die Meinungen oder Sätze hin und her schieben, jedenfalls stellen sie nichts wirklich Nützliches her, Geträumtes und Gedachtes eben nur. Verglichen damit ist Abwaschen wunderbar, denn der Abwasch ist konkret (Hegel).

Und deswegen ist das Kochen auch so wichtig für jemanden, der im Beruf mit Texten und ähnlich luftigen, ja windigen Gebilden zu tun hat, eine erkennbar sinnvolle und sinnliche Sache. Die Lammkeule waschen, Talg und Sehnen entfernen; nach dem Anbraten kommt die Keule in eine Kasserolle, und zwar auf ein Gemüsebett aus Möhren, Zwiebeln, Lauch, Sellerie, Tomaten; würzen, Kräuter, Knoblauch, Fond, Rotwein. Der Clou: soviel geschälte Kartoffeln in die Kasserolle, dass sie gerade noch vom Sud bedeckt sind. Gut zwei Stunden zugedeckt in der Röhre bei 180 bis 200 Grad, die Kartoffeln schmecken fast delikater und aromatischer als das Fleisch! Eine Sauce! Kochen, essen, scheißen – konkreter geht es doch kaum!

Als Anker des Konkreten, der einen windigen Lektor am Boden hält, ist auch das Täschchen anzusehen. Es enthält als Grundausstattung ein kleines Schweizer Offiziersmesser, Schnur, ein Einwegfeuerzeug, eine Packung Tictac, ein Taschentuch, ein Adressbuch, einen Kugelschreiber (Lamy), zwei Faber-Bleistifte (6H), zwei Filzstifte (Schwan Stabilo point 88/46 schwarz, Schreibpapier, zwei Fotos der Katze, eine Brieftasche. Die Brieftasche enthält: Personalausweis, Führerschein, Versicherungskarte (Bayerische Beamtenkrankenkasse), Visitenkarten, Kamm (Horn natur), Heftpflaster in diversen Größen, 300 Euro Bargeld, KEINE Kreditkarte. Jetzt, wo ich nicht mehr rauche (das Herz, die Lunge!), ist das Täschchen nicht mehr unbedingt notwendig, aber ich halte es doch in Ehren als Zeichen dafür, dass der Mensch eine Heimat braucht, etwas, woran er sich festhalten kann. Und wenn ich einen Fahrradausflug mache (ein weiteres Mittel der Feier des Konkreten, mit Schweiß und Schnaufen und Anstrengung und Erschöpfung), dann kommt das Täschchen nicht selten in den Rucksack, der alten Zeiten wegen, als wir noch unzertrennlich waren. Das Fahrrad aber ist ein Raleigh urban und soll meine tiefe Verbundenheit mit dem Vereinigten Königreich dokumentieren, Brexit hin oder her.

Zum Schluss deshalb eine meiner liebsten Churchill-Anekdoten: Winstons Mutter Jenny war eine der Geliebten Eduards VII. gewesen, und dessen Hauptmätresse Alice Keppel hatte nach seinem Tod 1910 den schönen Einfall, Winstons Ehefrau Clementine zu fragen, ob sie nicht in die Fußtapfen ihrer Schwiegermutter steigen und die Geliebte des neuen Königs, Georgs V., werden wolle, denn nur so könne sie der politischen Karriere Winstons WIRKLICH von Nutzen sein. Clemmie lehnte höflich ab, was Alice Keppel zutiefst empörte, wie sie ihren Freundinnen brieflich mitteilte: Daran könne man sehen, dass Clementine ihren Ehemann nicht genug liebe und „positively selfish“ sei. Es lebe das Vereinigte Königreich, für seine Moral („finest hour“), aber ein bisschen auch für seine Amoral („swinging London“).

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