Theckeliade (III)

Urs Theckel über: Polizeigewalt (und Empörungsbereitschaft)

Aufgezeichnet von Kurt Scheel

Ich bin Patriot, durchaus. Aber bin ich es immer gewesen? Mitnichten. Als etwas verspäteter Achtundsechziger, 1948 geboren, changierte ich in jenen formativen Jahren politisch zwischen linksradikal und linksliberal, dabei immer brav die SPD wählend. Das Misstrauen gegen den deutschen Staat, die Adenauerrepublik, blieb erhalten, ja verstärkte sich sogar, als Willy Brandt Außenminister und dann, 1969, Kanzler wurde; im Nachhinein bin ich mir unverständlich. So will ich hier im Sinne Max Webers „mit Leidenschaft und Habermas“, wenn mir dieses kleine Wortspiel erlaubt sei, zwei Vorfälle aus meinem an Vorfällen so reichen Leben erzählen, Anekdoten nur, dem Leser aber vielleicht doch zu Nutz und Frommen, der Jugend zur Mahnung und einen Einblick gewährend in jene Zeit, da die Bundesrepublik sich grundlegend zu wandeln begann, zu unserem Projekt wurde.

Göttingen, 18. Mai 1969, etwa vier Uhr morgens. Urs Theckel erwacht, er weiß nicht, wo er ist. Er liegt auf einer Pritsche, ihm ist schlecht. Als ein älterer Mann auf der Nebenpritsche plötzlich „Mein Herz, mein Herz“ stöhnt, ergreift den sturzbetrunkenen, desorientierten Theckel Panik, er schreit laut um Hilfe. Die Tür öffnet sich, ein Polizist, vielleicht vierzig Jahre alt, kommt herein. Theckel steht auf und will die Situation erklären, bringt aber kein Wort hervor, weil eine Faust in seinem Gesicht explodiert. Er rappelt sich auf, und wieder fliegt die Faust, diesmal ganz langsam, direkt auf ihn zu. Verdutzt sitzt er auf der Pritsche, will etwas sagen, bekommt einen Schlag in den Magen, das tut jetzt richtig weh. Der Polizist ist offenbar verärgert, denn er fesselt Theckels Beine mit Handschellen an die einbetonierte Pritsche. So sitzt er da, er würde gerne liegen, dann ließe auch sicher das Nasenbluten nach, aber die Fußfessel macht das unmöglich. Alles ist still und friedlich, der Zellennachbar hat in der ganzen Zeit keinen Mucks getan, Theckel, der Märtyrer, der sich für seinen Nächsten peinigen lässt … Gegen sechs Uhr wird er dann entlassen, muss 8,37 DM für Haft- und Transportkosten bezahlen. Der Polizist, der ihn verprügelt hat, reagiert unwirsch auf Theckels Hinweis, der Schlag in den Magen sei unnötig gewesen: Wenn er noch einmal behaupte, er sei hier geschlagen worden, gebe es eine Anzeige wegen falscher Anschuldigung.

München, Frühjahr 1971. Er hat sich exmatrikuliert, die Wohnung ist gekündigt, der R4 mit Hausrat vollgepackt – Theckel zieht es nach Berlin, an die FU, ans linke OSI! Er klingelt beim Vermieter, der im Vorderhaus wohnt, der soll die Wohnung „abnehmen“, die Schlüssel bekommen und die Kaution bar zurückzahlen, 650 Mark. Neun Uhr, die verabredete Zeit. Theckel klingelt noch einmal, klopft. Nichts. Der Herr Vermieter ist übrigens ein unguter Typ, Ende dreißig, weißer Mercedes, mit einer verdächtigen Blondine zusammenlebend, ohne Beruf, von der Ausbeutung seiner Mieter sich mästend. Theckel schwant Übles. Er wirft die Schlüssel und einen Zettel mit seiner Kontonummer in den Briefkasten, um baldige Überweisung bittend. Sechs Wochen später, Theckel erreicht endlich den Vermieter am Telefon: Die Kaution werde einbehalten, wegen der Schäden in der Wohnung. Welcher Schäden? Die Kloschüssel sei beschädigt, habe einen Sprung. Im Übrigen möge sich Theckel fürderhin gleich an den Anwalt wenden. Ein Münchner Freund, Jurist, rät Theckel von einem Prozess ab: Münchner Amtsrichter hielten es eher mit den Hausbesitzern als den Mietern, und studentische Wohngemeinschaften hätten hier sowieso einen schlechten Ruf. Theckel folgt dem Rat und unternimmt nichts.

Das war ein Fehler, wie sich bald herausstellte, denn selbst wenn ich den Prozess verloren hätte, wäre das Gefühl der Ohnmacht nicht so lähmend gewesen, hätten mich die Wutanfälle über die Perfidie der Klassenjustiz, wie ich meine Feigheit nannte, nicht über Jahre verfolgen können: Aus pragmatischen Überlegungen den Schwanz einziehen, vor der bloßen Drohung einer Niederlage zurückweichen, das ist doch sehr schmählich, bis heute quält es mich. Lange haben mich Rachepläne umgetrieben, ein Rollkommando losschicken, darf ruhig einen Tausender kosten, und den betrügerischen Vermieter verprügeln lassen; seine Wohnungstür mit Scheiße beschmieren, seinen Mercedes beschädigen, und er müsste dann erfahren, dass es Theckel war, und ihn nicht zur Rechenschaft ziehen können.

Zwei eigentlich läppische Geschichten, und ich rege mich immer noch auf. Wenn so ein bisschen gefühlter „Übermut der Ämter“ mich, einen Edellektor und „veteran cultural observer“, über Jahrzehnte ärgert, was sollen dann die weniger Begünstigten sagen, die wahrlich Erniedrigten und Beleidigten? Die täglich gequält und gedemütigt werden, vom Leben, vom Chef, von den Ämtern, selbst den Ausländern und Asylanten geht es besser, das wird man doch wohl noch sagen dürfen! Wenn ich also meine persönlichen Erfahrungen bedenke, meine Hass- und Wutbereitschaft als durchschnittlich, jedenfalls nicht als pathologisch ansehe und diese auf die Gesellschaft hochrechne, dann muss es ein sehr, sehr großes Reservoir davon geben. Auch in der lieben, braven Bundesrepublik, die jetzt zu großen Teilen uns gehört, den Guten, den Liberalen. Die hassverzerrten Gesichter des Pegida- und AfD-Gschwerls haben eine Ahnung von der Dimension gegeben, aber das Problem ist leider noch größer: Es gibt eine weit verbreitete latente Wut, die nicht mehr Gerechtigkeit und Teilhabe fordert, sondern Zerstörung will, am liebsten der ANDEREN, aber, wenn es gar nicht anders geht, durchaus zur Selbstzerstörung bereit ist.

Das betrifft, meine lieben jungen Freunde, sogar Sie und mich. Die Empörungsbereitschaft ist gewachsen, ebenso wie die Neigung, Differenzen zu betonen. Wenn unsere beiden großen Parteien tatsächlich glauben, es trennten sie Welten, weshalb sie keine Regierungskoalition eingehen könnten, dann ist die Vernunft und damit auch die liberale, das heißt prinzipiell kompromisslerische Demokratie gefährdet. Die Kampagne der SPD-Linken für Neuwahlen (und Selbstzerstörung) soll bereits fertig sein: „Unser Ziel: Die SPD unter zwanzig Prozent! Wir schaffen das: Mit Stegner und den Jusos!“ Ich bin Verfassungspatriot im Sinne Riemenschneiders und Habermas’, vor allem aber im Sinne Richard Rortys, „Achievung Our Country“, und auch wegen dieser beiden Vorfälle in meiner Jugend, die ich Ihnen zur Mahnung erzählt habe, weiß ich schmerzhaft genau, wie schnell das Vertrauen in die Institutionen zerbrechen kann. Wenn Justiz oder Polizei einem ein Unrecht antun (man muss es nur glauben), dann ist das ein Schock, denn der Staat ist mittlerweile eben UNSER Staat geworden, fürsorglich und liberal, wie es sein soll. Verglichen damit ist der Unterschied zwischen einer eher sozialdemokratischen oder christdemokratischen Perspektive auf die Politik marginal. Der Weg von einem Rechtsstaat zu einem das Recht verhöhnenden Regime hingegen – wie damals das der DDR oder heute Russlands oder der Türkei – ist erstaunlich kurz, Polen und Ungarn sind sichtbarlich bereits fleißig dabei, den Rechtsstaat zu schleifen. Das ist die Gefahr, das müssen wir bekämpfen, mit unseren geistigen Waffen natürlich, mit Leitartikeln und Feuilletons, mit Installationen und szenischen Lesungen, sogar mit politischem Tanztheater, wenn es gar nicht anders geht! Sehen Sie sich „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ an, da können Sie erleben, wie schnell Sie selber zum Wutbürger mutieren.

Advertisements