Theckeliade (II)

Urs Theckel über: Geld (und Geist)

Aufgezeichnet von Kurt Scheel

Geld. Ein gutes Thema, durchaus. Indes: ein weites, ein zu weites Feld, mit Fontane zu sprechen. Ich möchte das Thema daher einfrieden auf den Aspekt, dessen ich kundig bin: Geld und Geist. Gegensätze, so scheint es auf den ersten Blick, gibt es größere Gegensätze? Den von Geist und Macht vielleicht? Keineswegs, hat doch schon Machiavell in „Il principe“ gezeigt, dass der geistige Mensch – der Künstler, der Intellektuelle – dem Machtmenschen ein Partner im ursprünglichen, im besten Sinne sein kann, „pars“ eben, Teil von seinem Teil, Blut von seinem Blute. Und war nicht auch, Thomas Mann hat es unvergleichlich erfasst und gestaltet, A. Hitler unser „Bruder“ insofern, als das Unbedingte, das Drängende, das Aufs-Ganze-Gehen seiner Politik – die insgesamt, wie wir alle wissen, verheerend und verhängnisvoll war, daran sollte auch die AfD nicht deuteln! – ein Pendant zum inneren Gesetz wahren Künstlertums darstellte? Eine Frage nur, die freilich in diesem zutiefst gespaltenen Deutschland den Anwürfen politisch korrekter Meinungsmacher kaum wird entgehen können, shitstorm 2.0, wie es in deren deplorablem Jargon heißt.

Geist und Macht sind also, recht eigentlich besehen, Brüder, in Deutschland häufig genug feindliche, mit Ausnahme des allzu früh verstorbenen Richard von Weizsäcker, vielleicht auch noch von Gauck. Anders, ganz anders bei den Franzosen! Giscard! Mitterrand! Ja selbst der kleine Macron wirkt wie ein Intellektueller! Ist nicht die Grande Nation insgesamt eine grandiose Synthese von Macht und Geist, Rhetorik, Pathos, clarté? Fehlt es in den Hunderten von Büchern unseres wortgewaltigen Helmut Schmidt, dieses allzu früh verstorbenen schneidigen Hanseaten, letztlich nicht doch an esprit, an je ne sais quoi?

Geld, zurück zum Geld. Man hat es, aber man spricht nicht darüber. Der Geist, der Intellekt, ist ein Sprecher (manche sagen: ein Schwätzer): Sprich, damit ich dich sehe! Der Geist hat notorisch kein Geld, vorsichtshalber verachtet er es (Pfeffersack, Koofmich, Philister, Banause, Spekulant) – das Geld aber verachtet nicht immer und unbedingt den Geist! Der Geist ist rein, die alles verzehrende Flamme, sich selbst genug – vom Status her praktisch: Gott. Das Geld aber ist nur ein Mittel (Medium), es ist schmutzig, auch wenn es – angeblich! – nicht stinkt (non olet); der Schatzbildner und Geldsack als analer Charakter, siehe S. Freud und K. Marx – erledigt. Während der Geistige aus dem Kot des Lebens, vor allem des eigenen!, Gold macht – das Gold von Poesie und Musik, von Kunst und Kultur, Wissenschaft und Linguistik –, baut der Kapitalist und Plutokrat mit dem Gold nur Scheiße: Regenwälder und Feuchtbiotope werden zernichtet, von Waffenhandel, sexueller Übergriffigkeit und Steuerflucht ganz zu schweigen.

Geld ist materiell, Geist ist ätherisch; Geld ist plebejisch, Geist ist adlig. Der geistige Mensch ist der vornehme Mensch. Geld ist nicht vornehm. Deshalb nützt es dem geistigen Menschen kaum, wenn er mit seiner Geistigkeit, was selten genug vorkommt, Geld verdient. Die Existenz des Privatgelehrten mit Villa und Bibliothek mag ihre Würde haben, aber ein Professor für Germanistik, verbeamtet, staatlich alimentiert, der stumpfen Lehramtskandidaten mit dem Erhabenen und Baudelaires ennui kommt – ich bitte Sie! Das ist doch makaber! Und selbst der Schriftsteller, der anerkannte Autor, der ausnahmsweise sein bisschen Geld nicht mit Rundfunkfeatures verdient, mit Zeitungskritiken, Lesungen und Vorträgen bei den Evangelischen Akademien in Bad Boll oder Loccum, sondern tatsächlich mit seinen Büchern das Leben finanziert, muss sich logischerweise fragen, was er falsch gemacht hat, wenn so viele ungeistige Menschen (plebs) plötzlich seine Werke kaufen. Der pfiffige Daniel Kehlmann soll zu dem Vorwurf, ein Bestsellerautor zu sein, gesagt haben: Die Leute kaufen das Buch nur, sie lesen es ja nicht! Trotzdem: Der letzte deutsche Schriftsteller, bei dem ökonomischer Erfolg, öffentliches Ansehen und geistiger Rang sich nicht ins Gehege kamen, war Thomas Mann.

Und was ist mit den bildenden Künstlern, den Kunst-Millionären, die für so ein hingeschmiertes Bild, eine hingebastelte Installation Hunderttausende, ja Millionen einsacken? Die Liga der Kunstscharlatane, von Jeff Koons bis Jonathan Meese? Da muss man sich erstens ernsthaft fragen, ob der Künstler überhaupt zu den Geistigen zu zählen ist, und zweitens, warum er so aussieht: wie ein Zuhälter (Lüpertz!) oder ein Kosovo-Albaner (Hrdlicka), oder warum sie immer diese komischen Kopfbedeckungen tragen (Hundertwasser, Beuys)? Achten Sie einmal darauf: An ihren bizarren Hüten kann man sie erkennen, die Päpste und Ajatollahs, die Religionshäuptlinge überhaupt, aber eben auch das Künstlergschwerl.

Eine traurige Bilanz: Geld und Geist, das passt einfach nicht zusammen. Der geistige Mensch verdient ALS geistiger Mensch in der Regel wenig, und auch das, neben allem anderen, macht ihn so wütend auf Gott und die Welt. Und wenn er mit seiner Geistigkeit Geld verdient, als Professor, Lektor, „Essayist“, dann ist das erkennbar unvornehm. Wenn er aber damit viel Geld verdient, als Künstler oder Bestsellerautor, dann spricht das gegen sein Werk. Geld, mit anderen Worten, kommt unproblematisch zum Geiste nur über einen Mäzen, einen Wohltäter, sei es Machiavellis Fürst, seien es preisverleihende Institutionen, sei es, letztlich, der liebe, dumme Vater Staat. Es ist wahr, ein bisschen wirkt dieses Verlangen, lebenslang alimentiert zu werden, infantil. Und manchmal wundert sich sogar der liebe, dumme Staat, dass wir Geistigen, wenn er uns nicht dankbar und demütig beschenkt, ihm große Scherereien androhen, beispielsweise wenn ein Theateretat nicht erhöht wird, „Kultur-Auschwitz“ heißt es dann in den Feuilletons.

Fazit: Unser altböser Feind ist der Markt. Wir hassen ihn, wenn er uns ausspuckt, wir verachten ihn, wenn er uns annimmt. Dem Feudalen, dem Renaissancefürstenartigen, der auctoritas gilt unsere Sehnsucht. Die Deutsche Demokratische Republik, machen wir uns nichts vor, hatte zweifellos ihre Schwächen und Fehler: Bananenmangel, Schandmauer, Erzgebirgespielzeug. Aber die Wahrheit bleibt doch: Sie war ein Staat, in dem der geistige Mensch anerkannt wurde, in seinem Rang. Das zeigte sie, im negativen Fall, durch Bespitzelung und Verfolgung, im positiven durch Privilegien, Reisepass und Ananas. Die DDR fehlt uns geistigen Menschen, ein Stückweit.

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