Ein Besuch bei Herrn Henschel (Fortsetzung)

Kurt Scheel

Die Markise sollte nun zum Dingsymbol des weiteren Abends werden, insofern Herr Henschel mit ruhiger Selbstverständlichkeit die Fernbedienung ergriff und auch nicht mehr aus der Hand gab; als idealer Gastgeber dominierte er keineswegs das Gespräch, sondern lächelte nur fein, wenn von „Machinationen“ und dem „Normativen“ die Rede war, würzte die Debatten und Diskurse statt mit Besserwisserei mit Anekdoten und Fotoalben – Gott, wie jung Frau Passig damals war, als sie noch semiprofessionell Monopoly spielte und, ich hoffe nicht gar zu indiskret zu sein, sich mit 1000-Teile-Puzzles statt mit diesem Internetzeug beschäftigte. Und Max Goldt, so schlank! Und Herr Droste, so dünn! Und diese hübsche Braut mit dem Kirschenmund, ich komme jetzt nicht auf den Namen. Jedenfalls die ganze Truppe der klugen und, wie auf den Fotos gut zu erkennen ist, zumeist angeduhnten Boheme – Deutschland, ein Fest fürs Leben; die neunziger Jahre eben, als alles möglich schien, der Sozialismus zernichtet war, die bürgerliche Gesellschaft freiwillig den Löffel abgab und eine junge und trinkfeste Corona hochbegabter Kulturarbeiter kurz davor stand, die Herrschaft zu übernehmen, und Herr Henschel als Jungspund immer mittenmang! (Für Kenner: Es gibt da frühe Fotos, die dokumentieren, dass Herr Henschel ein genuiner und frühvollendeter Köpfchenanlehner ist.) Dass alles dann ganz anders kam, war, mit Luhmann zu sprechen, kontingent, aber umso bitterer.

Und als wollte er dies ironisch kommentieren, ließ Herr Henschel die Markise per Fernbedienung schrumpfen und dann wieder wachsen, und wieder schrumpfen; und wie der Nagel nach dem Hammer ruft, so schien auch uns, nun ruhiger geworden und (sehr guten) Matjes mit Pellkartoffeln essend, die Markise die Fernbedienung zu fordern, wieder und wieder wurde sie aus- und eingefahren, was hatte das zu bedeuten? Oder war die Markise nur ein listiger Hinweis auf die berühmte „Marquise, die um fünf Uhr ausging“, also auf André Bretons und Paul Valéries Überlegungen zum modernen Roman? Wollte Herr Henschel uns sagen, dass er durchaus kein naiver Verfechter autobiographischen Erzählens sei, sondern ein mit allen postmodernen Wassern gewaschener „poeta doctus“? Wenn man die eigenen Wünsche und Ambitionen so wie diese Markise per Fernbedienung verkleinern oder vergrößern könnte, schoss es mir durch den Kopf – welch absurder Gedanke, oder doch eine alte orientalische Weisheit?

Die Sonne ging unter, die Kutscherlampe (Bronze, kein Fitzelchen Plastik dabei!) an der Hauswand ging an; ging aus; ging an. Dies aber sei deshalb so, ward lächelnd erklärt, weil mit einem Sensor verbunden, einem Bewegungsmelder. Und wenn wir also ganz ruhig dasaßen und nur so vor uns hin schwadronierten (beispielsweise kritisierten wir das deutsche Literaturpreisverteilungssystem, es sei korrupt, auch unmäßig aufgebläht, und trotzdem kriegten ausgerechnet die Verdientesten und Talentiertesten so gut wie nie einen Preis oder gar ein Gaunerstipendium; Goethe-Institut!, lädt prinzipiell nur Idioten zu seinen lukrativen Weltreisen ein!), ging die Lampe aus. Dann musste man mit den Armen herumfuchteln, und schon ward Licht. Ruhig, ja besinnlich saßen wir da, aller Großstadtstress und -trubel fiel nun von uns ab, die Mädchen warfen unermüdlich Bällchen, und der Hund, dem man anmerkte, dass er die Schnauze eigentlich voll hatte, täuschte Begeisterung nur noch matt vor: Wie reizend alles, dachte ich versonnen, lachend und ein sanfter Geist des Ernstes doch ergossen um die ganze Form! In der Ferne ratterte ein Güterzug, Räder müssen rollen für den Sieg … Tempi passati, zum Glück!

Leise ploppte der Verschluss der Bierflasche; Frau Berit, ein Name wie ein Halbedelstein, rumorte es in meinem Kopf, oder wie eine seltene Erde, trank Weißwein, und ich schloss mich an, „wenn er denn schön lieblich ist“, was großes Gelächter hervorrief; Menschen, dachte ich gerührt, die herzlich über Deine flachen Scherze lachen, und die gute Luft! Ein Abend auf dem Lande, in Klein Bünstorf, war dies das Paradies? Das möge jeder für sich selbst beantworten – doch in diese idyllische, ja elegisch-euphorisch geladene Stimmung fiel der Name „Thomas Mann“, und damit waren die Karten neu gemischt. Der eigentlich so suave, ja gentile Herr Henschel ward bockig und rief permanent „Rebensaft!“, obwohl er zweifelsfrei ein Gerstensafttrinker ist. Doch als ich ihm vom (naturgemäß trockenen) Weine einschenken wollte, war es ihm auch nicht recht. Und selbst Herrn Rutschkys mit Verve und Brio vorgetragene Thomas-Mann-Apotheose fiel auf steinigen Boden. Wie Kleist seine Kantkrise, so durchlitten wir unsere Thomas-Mann-Krise; meine Peeperkorn-Performance, nicht selten der Höhepunkt festlicher Abende, wurde mit eisigem Schweigen quittiert. Nur gut, dass die Mädchen zu einer Vorführung luden, wundersam verkleidet, mit musikalischen Einspielungen von Reinhard Mey, in toto eine intrikate Mischung aus Slapstick, Prügelei und Artistik (Flickflack, Handstand, Doppel-Brücke quer), aber letztlich so charmant und auch so kurz, dass man sich herzlich an diesen zutraulichen, aber gleichzeitig selbständigen Kindern ergetzen konnte. Wenn ich mich richtig erinnere: In meiner Generation war man als Kind in der Regel entweder schüchtern oder frech, und mit Erwachsenen wollte man sowieso nichts zu tun haben. Hier also sah man, dass eine liberale Erziehung – an der langen Leine, aber sich nicht der Bagage ausliefernd – die schönsten Ergebnisse zeitigen kann. Bravo, Herr Henschel und Frau Berit!

Es war spät geworden, weit nach Mitternacht. In der Ferne rumpelte melodisch ein Güterzug; „s’ist Feierahmd“ summte ich leise vor mich hin, und dann, nach umfänglichen Verabschiedungen, begaben wir uns zur Ruhe. Das war ein bedeutsamer, ein zauberhafter Abend, dachte ich und fühlte mich geradezu orplid, fast ein Kunstgebild der echten Art. Wer achtet sein? Ich! Und darüber hinaus gilt: Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.

-> Teil 1

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