Theckeliade (I)

Urs Theckel über: Lektor als Beruf (und Berufung)

Aufgezeichnet von Kurt Scheel

Ich habe ja noch den alten Riemenschneider gekannt, er war mein Mentor, mein Vor-Bild, hat mir quasi alles beigebracht. Ein homme de lettres, eine Persönlichkeit, ein HERR. Ein Gentleman, dessen Sottisen bei Autoren und Verlegern gefürchtet waren. Dass Sie mich nicht missverstehen, ich will hier nicht in Kulturpessimismus machen à la „Früher war alles besser“, durchaus nicht. Trotzdem: Selbst wenn es heute Lektoren vom Format eines Riemenschneiders gäbe, mit seinem Charisma, wäre es doch sehr fraglich, ob sie solch eine Rolle spielen könnten wie dieser große Causeur unter den Lektoren der Weimarer Republik und den ersten „guten“ Jahren der Nazidiktatur. Das mag man füglich bezweifeln. Machen wir uns nichts vor: Lektor zu sein, literarischer Lektor, das ist heute nichts Besonderes mehr; die Faszination, die einmal von diesem Beruf ausging, ist lange dahin. Heute ist das ein „Job“ im „Kulturbetrieb“, keine Berufung.

Was zeichnet einen Lektor aus? Sprachgefühl, ein untrügliches Sprachgefühl, eine Art absolutes Gehör für Wörter, Sätze, Rhythmen – wenn Sie wüssten, wie viele Autoren den Unterschied zwischen „Wörter“ und „Worte“ nicht kennen! Und Liebe zur Literatur, Hingabe, Demut. Ohne eine tiefe innere Bescheidenheit kann man kein großer Lektor werden – besser gesagt: Lektor wird man nicht, Lektor ist man.

Sprachempfinden und Demut also. Andererseits und dialektisch gesehen muss ein Lektor ein starkes Selbstbewusstsein haben, ein Ego, das über den Dingen steht: Wie soll er es sonst mit den Autoren, diesen Narzissten kat exochen, aushalten? Der beste Feind des Lektors ist der Autor, ein bon mot, an dem durchaus etwas daran ist. Das Verhältnis zwischen Autor und Lektor ähnelt einer guten Ehe: Man liebt sich, man hasst sich, wobei der Lektor mehr der gebende, der weibliche Teil (Obacht: der Teil/das Teil) ist, „weiblich“ im Sinne der Genderstudies, also als soziales Konstrukt.

Ob der Autor bzw. die Autorin die Kommaregeln beherrscht oder mit dem Konjunktiv umgehen kann, ob jemand dessen oder deren „barocken Einfallsreichtum“ zügelt und strukturiert, ob wacklige Sätze und halbgare Gedanken auf Vordermann und Vorderfrau gebracht werden und von wem – das Publikum will’s nicht wissen. Für die (wie stets betrogene) Öffentlichkeit ist der Autor/die Autorin der Schöpfer/die Schöpferin, und dass dahinter der Lektor steht, dass jener/jene den Ruhm und dieser die Arbeit, die Sprach-Arbeit leistet (dieser/jener) – das bleibt den Konsumenten verborgen. Und warum auch dem Publikum, diesem dummen, guten Schaf, die Illusionen rauben? Wenn es nach Verdienst ginge, sähe es anders aus, wäre da ein anderer Wind! Der Verdienst, das Verdienst: zwei Seiten einer Medaille, Prost!

Wir verkaufen schließlich keine Ölsardinen! Bücher sind AUCH Waren, natürlich! Aber sie sind nicht nur das. Da ist ein Mehrwert, eine unsichtbare Seele, und das werden die Krämer und Krauter nie kapieren. Geist, verstehen Sie, humanitas, Idealismus! Doch darüber höhnt man heute. Der alte Riemenschneider war ein Idealist, wie ich, als junger Mensch. Alles habe ich von ihm gelernt: redigieren, lektorieren, begutachten, Absagen schreiben, mit Herzenstakt, mit Dezenz, dass die Herren und Damen MöchtegernautorInnen nicht gekränkt sind, wenn sie ihr bemühtes Geschreibsel zurückbekommen.

Sentimentale Erinnerungen eines Unzeitgemäßen? Mitnichten. Thomas Mann beispielsweise. Was wäre er ohne den alten Riemenschneider gewesen? Riemenschneider war es doch, der damals für den Newcomer eingetreten ist, in der „Neuen Rundschau“. Natürlich war Thomas Mann eine genuine Begabung, das soll hier keineswegs bestritten werden, aber er hat eben, trotz seiner berüchtigten Eitelkeit, Ludwig von Ficker im Juni 1928 bei einem Treffen in Innsbruck gestanden: „Riemenschneider war mein standhafter Zinnsoldat“, und vor dem Hintergrund von Thomas Manns (und auch Hans Christian Andersens!) Inversion erübrigt sich jeder Kommentar.

Der alte Riemenschneider, Jahrgang 1901, war damals ja selber noch ein junger Mensch, noch nicht der grand ol’ man der deutschsprachigen Lektoren, einer von vielen: Allein bei Samuel Fischer gab es in den späten zwanziger Jahren drei Chef- und vierzehn „Allgemeinlektoren“, wie man damals sagte. Und jeder hatte einen eigenen Parkplatz auf dem Firmengelände! Eine Anekdote macht es vielleicht klarer: Eine etwas naive, hochbegabte und ansehnliche Jungautorin kommt nach Berlin, und um Karriere zu machen, schläft sie vorsichtshalber mit dem Verleger! – Verstehen Sie?! Der Verleger war damals der Grüßaugust, und ohne sexuelle Übergriffigkeit in irgendeiner Weise verharmlosen zu wollen, muss man doch feststellen, dass die „Besetzungscouch“, wenn überhaupt, im Büro eines Lektors stand!

Vorbei und vertan. Nach 1945 war die Bedeutung der Lektoren, die ja immer auf auctoritas, nicht auf kruder Macht beruht hatte, geschwunden. Das Herz der Literatur, das ist der Lektor – diese schlichte Selbstverständlichkeit galt nun nicht mehr, wie so vieles andere war sie in einer historischen Katastrophe ohnegleichen auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet, und nun stehen wir, wie Walter Benjamins Engel, praktisch auf den Trümmern unseres Ansehens und mit dem Arsch zur Wand. Schon in den fünfziger Jahren wusste jeder Friseur, geschweige jeder Rezensent (über den Goethe noch ironisch gesagt hatte: Schlagt ihn tot, den Hund): Das Herz der Literatur, das ist der Autor.

Wie auch immer und ohne alle Larmoyanz gesagt: Heutzutage ist der Lektor bestenfalls ein Diener, der erste Diener der Literatur vielleicht, der Kultur und des Geistigen – mehr aber nicht. Insofern, mögen Sie einwenden, habe sich doch nicht allzu viel verändert gegenüber den heroischen, den Riemenschneiderschen Zeiten? Ja und nein. Denn die Zeit ist aus den Fugen, die Wächter am Eingang zur Literatur, die wir Lektoren einmal waren, braucht es nicht mehr: Jeder Legastheniker, jede Legasthenikerin kann seinen/ihren eigenen Blog, sein/ihr eigenes „Internet-Portal“ betreiben (und sogar Präsident/Präsidentin der USA werden!). Wir sind „Dienstleister“, der Lektor 2.0, 3.0, ja 4.0 wird gebraucht, aber auf „untrügliches Sprachempfinden“ wird von der Generation „Fackju Göthe 2“, in ihrer Diktion, „geschissen, Allda“. Machen wir uns nichts vor: Der Lektor ist ein Auslaufmodell, der alte Riemenschneider ist 1991 gestorben, und ich, als sein letzter Meisterschüler, werde in diesem Jahr siebzig. Als deutscher, als europäischer Kulturträger, der kürzlich von der linksliberalen englischen Qualitätszeitung „The Guardian“ ganz richtig als „veteran cultural observer“ bezeichnet wurde, werde ich weiterhin furchtlos meine Stimme erheben und mich für die geistige Welt UND die Welt des Geistigen einsetzen, aber ob das eine Alternative für Deutschland werden kann?

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