Ein Besuch bei Herrn Henschel

Kurt Scheel

Von Berlin nach Bad Bevensen? Das ist ganz einfach: Man fährt auf die Autobahn nach Hamburg, und da stock ich schon bzw. das Auto, denn wir geraten in einen Stau. Wir schreiben Samstag, den 18. Juli 2015, 10.25 Uhr, Herr Rutschky, ein Hund namens Quattro oder Quarto und meine Wenigkeit, Kurt Scheel, im folgenden „der Verfasser“ genannt. Ein aufgegebener Kleinwagen auf dem Standstreifen, dessen Besitzer gestikulierend auf uns zukommt. Erschrocken blicke ich in die andere Richtung, aber der unglückliche Adidas-Träger ruft mit hartem Ostakzent „Chönnen chelfen, chönnen chelfen?“. Dass diese Russen kein H sprechen können, zu komisch! Sie haben ja auch „Gitler“ statt „Hitler“ gesagt, wie es eigentlich richtig gewesen wäre. Schwamm drüber, das sind olle Kamellen. Bedauernd schütteln wir den Kopf, aber als wir dann mitkriegen, dass es ein armer Ungar ist, der um Hilfe heischt, denken wir an Piroschka, Marika Rökk und die alte deutsch-ungarische Waffenbrüderschaft, und Herr Rutschky schaut im Atlas nach, um dem Ungarn die richtige Feldpostnummer bzw. den genauen Streckenabschnitt zu nennen, auf dass er den ADAC, die gelben Engel der Land- und auch Schnellstraße, alarmiere; denn ein Handy hat er selbstredend, der depravierte Exinsasse der lustigsten Baracke des Sozialismus – ein Hirten- und Räubervolk eben, aber sehr musikalisch und gastfreundlich. Wir tauschen die Telefonnummern, und dann heißt es Abschied nehmen: So long, alter Madjare, fahre wohl (wie Thomas Mann, siehe „Joseph und seine Brüder“, zweifellos schmunzelnd hinzugefügt hätte).

Nach gut einer Stunde setzt sich die Blechlawine (!) wieder in Bewegung, doch da wir die Zeit zu einer kritischen Bilanz der Gegenwart genutzt haben, sind wir keineswegs erschöpft oder wütend, sondern eher heiter und souverän gestimmt; interessant war auch, die Weggenossen in ihrem Pinkelverhalten zu studieren: zuerst ein junger Mann, der schamhaft den Seitenstreifen entlangschnürte, um einen geschützten Platz zu finden; dann ältere Herren, die dreist und bräsig quasi an der Leitplanke ihr Wasser abschlugen; schließlich leckere proletarische Mädchen, die kichernd in Hotpants dem Brückenpfeiler zustrebten und in die charakteristische Hockstellung gingen – ich bin zwar eigentlich Sitzpinkler, aber unter solchen Umständen wäre ich doch froh gewesen, dass Gott mich als Mann geschaffen hat. Womit ich nicht sagen will, dass Männer besser sind als Frauen, bewahre!

Drei Stunden später, nun auf der Bundesstraße 191, queren wir die Elbe. Die Elbe! Mit ihrem Wasser bin ich, geborener Hamburger!, ja getauft, eigentlich gehört sie mir. Und schön ist sie! Das Elbe-Urstromtal, einzigartig in der Welt! Weltkulturerbe! Man wird mir nachsehen, dass ich gerührt bin, die Tränen dann aber herunterschlucke: Wer nicht hart gegen sich selbst ist, kann nicht hart gegen andere sein, das ist meine Devise, und daran halte ich mich. Dannenberg, Hohenziethen oder wie das heißt, schließlich Bad Bevensen. Ein merkwürdiges Kaff, das aber so eine Spaßbahn für Touristen besitzt: keine Sehenswürdigkeiten haben, aber sich wie ein Touristenneppdorf aufführen, scheint die Maxime des Ortes zu sein, und es funktioniert offensichtlich; in der Bahn, auf der sich ein Blaulicht dreht und permanentes Gebimmel den Fun-Faktor unterstreicht, sitzen zwanzig fidele Rentner und glotzen frech in die Gegend, während wir, vornehm, so tun, als gebe es sie gar nicht. Es ist aber kein arrogantes Schneiden, sondern ein humanes Hinwegsehen über einen fatalen Menschen, wenn er sich gerade eingestrullt hat.

Nun kommt die Bewährungsprobe: das Henschel-Anwesen zu finden, ohne dass die gutnachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Herrn Rutschky und mir ernsthaft Schaden nehmen. Ein Wort zu Herrn Rutschky: Er ist ein guter, ein herzensguter Lapp, durchaus! Aber: Er leidet sporadisch unter schlimmen Wutanfällen, eine Zeitlang war er unter dem Kampfnamen „der Pöbler von Kreuzberg“ berüchtigt. Und, was soll ich sagen, sanft wie ein Nerzmantel oder besser Samtkissen steckt er die Irrfahrten im vermaledeiten B. Bevensen weg, lächelt sogar ein wenig, wenn er wieder umkehren muss, ja grient spitzbübisch, als wir zum dritten Mal am Penny-Markt entlangkommen. Schließlich, nachdem ich einen verdächtig aussehenden Herumsteher befragt habe, der aber einwandfrei und fast eloquent den Weg beschreibt, finden wir die Klein Bünstorfer Straße; von dort soll dann mit Leichtigkeit eine Straße zu erreichen sein, die „Klein Bünstorf“ heißt (also ohne „Straße“), Herr Henschel wohnt demzufolge in der Straße „Klein Bünstorf“, die ihr Genre nicht zu nennen wagt, und zwar in dem Haus Nummer 50. Das ist so eine Neubausiedlung, bessere Ein- oder Zweifamilienhäuser mit relativ großem Garten, und da die Häuser vor zwanzig Jahren gebaut wurden, ist alles proper und grün – ideal, um Kinder aufzuziehen! Und leise! Auch sehr gute Luft!

Herr Henschel begrüßt uns, freundlich, aber nicht überfreundlich, genau richtig! Er nimmt mir den Koffer – es ist ein Samsonite-Bordcase der alten Schule, ich kann diese Rollkoffer nicht ausstehen; sage mir, wie du rollst, und ich sage dir, wer du bist – ab, gibt ihn dann, souveräner Paterfamilias, an den Sohn weiter, der alle Fußballweltmeisterschaften auswendig kann (leider ist er Bayern-München-Fan), und dann beginnt die Schlossbesichtigung. Drei Stockwerke, ungefähr sechs Badezimmer, mehrere Neben- und Kinderküchen (?), und alles Vollholz, praktisch kein einziges Furnier! Der Eigentümer und Erbauer hat nur die besten Materialien verwandt, Kupferrohre, Chinaporzellan, auch viel Haus- und Gartenschmuck in Gestalt von muschelartigen Gebilden (kein einziges Rad hängt an der Hauswand, das will vermerkt sein), manche Wände sind mit Feldsteinen in unregelmäßigen Linien geschmückt, es ist eine Pracht. Leider mussten die Hausbesitzer dann wegziehen, die Frau brauchte aus Gesundheitsgründen Ostseeluft, aber dem een sien Ostseeluft ist dem annern (Henschels) sien Glückstreffer: praktisch mietfrei wohnen, und die Einrichtung haben sie so gut wie umsonst gekriegt. Ich gönne es dem tapferen Autor, der sich ja viele Jahre durchbeißen musste (siehe die Martin-Schlosser-Romane), bis dann der große Erfolg kam; er hat es verdient, und als ich versonnen aus dem „Ring des Polykrates“ zitiere, kriegt er das gar nicht mit, um so besser!

Gott, sind das süße Mädchen, so Zehnjährige, die auch noch beide Alma heißen, eine gehört Herrn Henschel, die andere ist die Freundin, und sie kabolzen wie der Hund Quarto und vor allem mit diesem über den Rasen, dass es eine Freude ist. Eine Energie haben diese drei Welpen, sind wir alten Männer (Herr Henschel, man vergisst das leicht, ist auch schon über fünfzig) uns einig und brechen einer Bouteille Schaumwein den Hals, nun der Ankunft der Herrin des Hauses harrend, die dann auch erscheint und uns freundlich, ja herzlich begrüßt. So ein nettes Paar, denke ich unwillkürlich, und zauberhafte Kinder! Sollte die traditionelle Ehe doch kein Irrweg der Evolution sein? Aber bevor ich fragen kann, ob in ihrer Beziehung alles roger sei oder es ob nur so aussähe, auf der Oberfläche, vergattert uns Herr Henschel zu einem „Spaziergang“ – dass es dann ein Gewaltmarsch durch Feld und Wald, an Elbe-Seiten-Kanal und Ilmenau entlang, durch Klein Bünstorfer Heide (von wem ist „Heideschulmeister Uwe Carstens“?) und endlose Wälder wurde, gab der Sache erst den richtigen Pfiff: Man fährt ja nicht ins Jrüne, um dann nur auf der Terrasse (mit einer riesigen Markise vom Feinsten, mindestens zwanzig Quadratmeter, und natürlich Fernbedienung, sogar Seitenmarkisen, zum Teil durchsichtig!, schätzungsweise zwanzigtausend Euro!) zu sitzen und (sehr empfehlenswertes) Dithmarscher Bier zu trinken. (Ende des ersten Teils)

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