Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

um 6.16 Uhr ging es los, in schwärzester Dunkelheit. Aber ich hatte meine Hausaufgaben gemacht, wie die aktuelle Phrase lautet, und den Wetterbericht studiert: Um die 5 Grad, Sprühregen erst ab 10 Uhr, kaum Wind – eigentlich gutes Radelwetter! Und so ergriff ich die Gelegenheit, am letzten Tag des Jahres, so unglaublich es klingt, die Große, ja die GROSSE Wannseetour zu wagen. Es war eine glückhafte, eine geniale Entscheidung, das merkte ich schon in Halensee: Praktisch kein Verkehr, keine Menschen, nicht einmal Tiere! Nur das warme, gelbe Licht der Leuchtelampen, die so nett die Straßen erhellen. Ich bog aber am Brücke-Museum nicht in den Grunewald ab, sondern weiter, immer weiter die Clay- Allee runter, dann in die Argentinische, schließlich, wieder rechts, in die Matterhornstraße, gegen halb acht war ich an der Spinnerbrücke angelangt. Du aber fragst Dich, wieso ich durch die garstige Stadt, nicht durch den traulichen Wald gefahren war. Gute Frage! Aber die Antwort liegt auf der Hand! Es war ja, wie ich schon im ersten Satz betone, stockdunkel, als ich losfuhr, und im Wald, auf den schmalen, schlängeligen Wegen mit den vielen Pfützen und sonstigen Hindernissen – da war es klüger und sicherer, die beleuchteten Radwege zu nutzen. (Meinen überdeutlichen, eigentlich verwunderlichen Hinweis auf die Straßenbeleuchtung hast Du auch nicht verstanden! Du musst aufmerksamer lesen, lieber Siegfried, auch ein bisschen zwischen den Zeilen, und immer auf die Metaphorik achten! Denk an Tschechow: Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, geht es im dritten Akt los.)

Um acht Uhr war ich an der geheimen Badestelle, glatt und schier lag die Havel da, still, ganz still, nicht einmal der Wind wisperte oder raschelte gar; das ferne Krächzen einiger Vögel, Fischreiher? Ich sah sie nicht, obwohl die Wolken nicht so niedrig hingen. Und dann ging die Sonne auf, man konnte es nur erahnen, ein ganz leichter Hauch von dunklem Rosa puderte plötzlich die grauen Wolken über Gatow. Ich machte einen kleinen Inspektionsgang, die Buhnen am Schilfareal lugten keck aus dem Wasser; viele Bäumen waren vom Sturm mitgenommen, einige regelrecht zerbrochen, manche angeknackst; sehr viel ausgereutetes Gestrüpp, abgerissenen Äste. Auch MEINE Weide (Nummer 2336), an der nun das brave Raleigh lehnte, hatte etwas abbekommen, der Hauptstamm war nicht geborsten, hatte sich stark geneigt, lag nun mit der Spitze auf dem Boden auf. Lange würde Bruder Weidenbaum wohl nicht mehr unter uns Lebenden weilen, dachte ich melancholisch und machte mich daran, sein Nummernschild zu stehlen, wär‘ doch schade, wenn es in falsche Hände geriete. Aber keine Sorge, ein gnädiges Schicksal ließ mich nicht zum Übeltäter werden, ich kriegte das verdammte Schild ohne Werkzeug nicht ab, das Schweizer Offiziersmesser versagte schmählich. Nun gut, beim nächsten Mal komme ich mit einer Kombizange!

Die Rückfahrt im Morgenlicht durch den Grunewald war schön, ein Specht pochelte zag, ein bisschen wie „The Unanswered Question“ von Charles Ives (erinnerst Du Dich an „Central Park in the Dark“, wenn dann die Tür zum Jazzclub aufgeht und dieser wunderbare, intensive Jazzlärm herausflutet?), ein paar blaue Flecken am wolkigen Himmel, ansonsten gedämpftes Tageslicht, und immer noch keine, naja: kaum Menschen: Ein joggendes Damenduo grüßte mich sogar, geistesgegenwärtig respondierte ich. Um 9.40 Uhr war ich wieder in der Xantener, ziemlich zufrieden mit mir und der Schöpfung.

Dem Lustigkeits- und Saufzwang an Silvester aber werde ich mich entziehen, indem ich, jetzt erst recht!, vor Mitternacht zu Bett gehe, und die kleine Feier mit den lieben Freunden habe ich, wie letztes Jahr schon, auf den ersten Januar verlegt, das hat Stil. Und zu essen gibt es: selbstbereitete Ochsenschwanzbrühe, am besten aus der Tasse zu schlürfen; Ossobuco mit VIEL Gemüse und Nudeln; frische Ananas mit Vanillesahne. Und danach sehen wir uns zwei Folgen von „The Crown“ an, au net schlecht.

Dein Kurt

Als hätte Issa dieses Silvester-Haiku extra für mich geschrieben: Seht doch den Schluckspecht! / Nüchtern am letzten Tag / des Jahres: aus Trotz!

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